Humanismus

Frage: Wie steht der Islam zum Humanismus?

Gülen: Die Liebe ist heute eines der meist erörterten und dringlichsten Themen. In unserem Glauben entspricht die Liebe einer Rose. Sie ist ein Raum des Herzens, der niemals austrocknet. Vor allem anderen gilt: Gott hat das Universum wie ein Spitzenmuster auf dem Webstuhl der Liebe gewoben.

Die Liebe ist die zauberhafteste und liebreizendste Musik im Herzen des Seins. Sie ist das stärkste Bindeglied zwischen den Menschen in Familie, Gesellschaft und Nation. Die universelle Liebe manifestiert sich überall im Kosmos, indem sie jedem einzelnen Teilchen Hilfe leistet und Unterstützung bietet.Dies ist so wahr, dass die Liebe der dominanteste Faktor im Geist des Seins ist. Als Mitglieder des universellen Chors tragen nahezu alle Geschöpfe das magische Lied, das sie von Gott mit der Melodie der Liebe empfangen haben, auf eigene Art und Weise vor. Der Transfer der Liebe von der Schöpfung auf den Menschen und von einer Kreatur zur anderen findet unbewusst statt; denn der Wille und das Wollen Gottes lenken all jene Geschöpfe, die über keinen Willen verfügen. Von dieser Perspektive aus betrachtet nehmen die Menschen jedoch ganz bewusst an der Symphonie der Liebe im Universum teil. In ihrem wahren Wesen entwickeln sie die Liebe, und sie suchen nach Wegen, sie auf menschliche Art und Weise zu zeigen. Ohne die Liebe im Geist zu vernachlässigen und um der Liebe in seinem wahren Wesen willen sollte jeder Mensch seinen Mitmenschen Hilfe und Unterstützung anbieten. Jeder Mensch sollte das allgemeine Gleichgewicht, das in seinem Geist verankert wurde, schützen - schon aus Respekt vor der Liebe, die im Geist des Seins als Naturgesetz verankert wurde.Der Humanismus ist eine Manifestation der Liebe, die heutzutage in aller Munde ist. Ganz unterschiedliche Leute schmücken sich mit diesem Begriff. Bestimmte Kreise jedoch verbreiten eine abstrakte und unausgewogene Interpretation des Humanismus, indem sie den Menschen falsche Vorstellungen vom Islam vermitteln und Ängste schüren. Ich denke, es ist schwierig, Mitgefühl mit Menschen zu haben, die Anarchie und Terror verbreiten. Es fällt mir schwer, das abnorme Verhalten von Menschen, die Unschuldige ermorden, mit dem Begriff Humanismus in Einklang zu bringen; und erst recht das Vorgehen gewisser Gruppen, die vermeintliche religiöse Autoritäten an ihre Spitze stellen, Verbrechen begehen und - ohne auch nur einen Blick auf die Tränen der Menschen zu werfen - am Rand stehen und warten, was passiert.Wenn wir uns die strahlenden alten Moscheen und Minarette näher anschauen, werden wir feststellen, dass sie mit winzigen Scharten versehen sind. Diese Nischen sollten den Vögeln ermöglichen, Nester zu bauen. Sie künden von der tiefen Liebe unserer Vorfahren für die Schöpfung. Unsere Geschichte ist voll von solchen und ähnlichen durch und durch menschlichen Akten zum Schutz von Tier und Mensch.Im Gefüge der universellen Prinzipien des Islam sind die Bewertung und die Idee der Liebe sehr ausgewogen. Unterdrückern und Aggressoren jedoch wird diese Liebe verwehrt; denn zum Einen machen Liebe und Barmherzigkeit sie nur noch aggressiver, und zum Anderen ermutigen sie sie, die Rechte ihrer Mitmenschen zu verletzen. Aus diesem Grunde sollte Menschen, die die universelle Liebe bedrohen, keine Barmherzigkeit entgegengebracht werden. Einem Unterdrücker mit Barmherzigkeit zu begegnen, ist ein höchst unbarmherziger Akt gegenüber den Unterdrückten. Der Prophet sagte: „Hilf deinem Bruder, egal ob er ein Unterdrücker oder ein Opfer ist. Einem Unterdrücker darfst du helfen, wenn er von seiner Unterdrückung (anderer Menschen) ablässt. Einem Tyrannen eine Gnade zu erweisen, ist also legitim, sofern er nicht länger ungerecht handelt.

Camci, S. und Dr. K. Unal; Tolerance and Atmosphere of Dialogue in Fethullah Gülen's Writings and Sayings; Izmir1999, S. 218-222

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