Spott mit einer Umfrage treiben

Wie soll man eine Rangliste öffentlicher Intellektueller erstellen, ohne die Öffentlichkeit zu befragen? Und was macht man, wenn die eigenen Überzeugungen und die eigenen Kenntnisse und Urteile über die betreffenden Intellektuellen nicht mit denen der Öffentlichkeit übereinstimmen? Soll man das Resultat einer allgemeinen Umfrage - einen Gewinner, den man bis dato selbst nicht einmal gekannt hat - tatsächlich auf der Titelseite präsentieren? Soll man wirklich zugeben, dass man bestimmte aufstrebende führende Intellektuelle gar nicht auf der Rechnung hatte, und Dossiers zu Persönlichkeiten vorbereiten, die mehr Stimmen auf sich vereinen konnten als die üblichen Verdächtigen - Dossiers, mit denen man sich selbst und seiner Leserschaft ermöglicht, sich ein Bild zu machen?

Diese Fragen stellen sich den Herausgebern der amerikanischen Zeitschrift Foreign Policy und der britischen Zeitschrift Prospect, denn in ihrer Umfrage zu den führenden Intellektuellen der Welt wurde der - ihnen - bis dahin fast gänzlich unbekannte türkische Gelehrte Fethullah Gülen auf Rang 1 gewählt.

Sollen sich die Macher der beiden Zeitschriften nun freuen über die große Anzahl von Stimmen, die abgegeben wurden, oder müssen sie sich fragen, ob Gülen zu Recht so viele Stimmen sammeln konnte. Wenn wir einem Artikel der Zeitschrift The Guardian Glauben schenken, entschied sich Foreign Policy für die erste und Prospect für die zweite Option. Jedenfalls wurde der Herausgeber von Prospect mit den Worten zitiert, Gülens Anhänger hätten „ihren Spott mit der Umfrage getrieben“.

Es ist schon bezeichnend, dass David Goohart, der Herausgeber von Prospect, eine Parallele zog zwischen Gülens Sieg und dem Konflikt, der in der Türkei „zwischen dem säkularen nationalistischen Establishment und den islamischen Reformern der AKP (der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) ausgefochten wird“. Eine sehr oberflächlich erstellte Analyse dieses säkularen nationalistischen Establishments im Vorfeld des Wahlsiegs der AKP vom 22. Juli war bereits zu genau dem gleichen Ergebnis gekommen: Auch damals hieß es in der Prospect: Die Öffentlichkeit hat ihren Spott mit der Wahl getrieben! Es ist schon sehr bedauerlich, dass Goohart sich hier in einem anderen, jedoch ganz ähnlichen Kontext erneut auf die Seite jener antidemokratischen türkischen Kräfte schlägt, die öffentliche Abstimmungen generell mit großer Skepsis betrachten.

Die Herausgeber zeigten sich überrascht von der massiven Unterstützung, die Gülen zuteil wurde. Diese Überraschung sollte aber, so denke ich jedenfalls, nicht auf ihren Mangel an Wissen über Gülen und andere zurückzuführen sein. Denn letzten Endes haben sie die Liste der 100 Kandidaten ja selbst zusammengestellt. Nein, diese Überraschung entspringt - ich traue mich kaum, es zu sagen - wohl eher ihrem eurozentrischen Weltbild. „Irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, dass Prospect ein Bild von Fethullah Gülen auf dem Cover druckt und den liberalen Muslim zum führenden öffentlichen Intellektuellen der Welt erklärt. Ich denke, Prospect wird nichts anderes übrig bleiben, als zu einem traditionelleren und prunkloseren Weg der Bewertung ihrer Umfrage zurückzukehren“, schrieb Andrew Keen in einem Blog des Independent. [Meines Wissens ist er der selbsternannte ‚führende zeitgenössische Kritiker des Internets‘ und schreibt gelegentlich Artikel für den Independent.]

Ach, wie bekannt sich doch all das anhört!

Hallen in solchen Worten nicht die elitistischen, säkularistischen und nationalistischen Stimmen des türkischen Establishments wider, die behaupten, die Demokratie sei für die Türkei ein unerschwinglicher Luxus?

Ein paar Worte noch zu den über 500.000 Stimmen, die Gülen erhielt.

Für all diejenigen, die meinen, diese Umfrage sei missbraucht worden: Gülen hat es bereits 1994 geschafft, über 100.000 Teilnehmer an seinen Konferenzen zu mobilisieren. Bei allem gebührendem Respekt vor den Akademikern auf der Liste - wer von ihnen wäre wohl in der Lage, heute auch nur 1.000 um sich zu scharen? Und hier geht es doch um die Wahl von öffentlichen Intellektuellen, oder etwa nicht?

Den Herausgebern der beiden Zeitschriften möchte ich Folgendes empfehlen: Bitte veröffentlichen Sie nicht nur die Resultate, sondern auch die geografische Verteilung der Stimmen, die jeder der Kandidaten auf sich vereinen konnte. Dann werden Sie erkennen, dass Gülens Popularität nicht allein auf die Türkei beschränkt ist. Nicht einmal einen Monat ist es her, dass seine Anhänger Teilnehmer aus 110 Ländern zu einer Olympiade der türkischen Sprache in die Türkei eingeladen haben. Fragen Sie einmal in ihrer IT-Abteilung nach: Dort werden die IP-Adressen der Computer gespeichert, von denen aus Stimmen abgegeben wurden. Man wird Ihnen versichern, dass ein Missbrauch der Umfrage technisch gar nicht machbar ist.

Und noch eine Empfehlung für alle Anhänger von Gülen: Schämen Sie sich! Hätten Sie nicht noch mehr Stimmen abgeben können? Diese geringe Anzahl sagt alles über Ihre mangelnden Computer-Kenntnisse und Ihr fehlendes Internet-Medien-Bewusstsein… obwohl doch selbst die Herausgeber der Foreign Policy Sie als „in der Regel gut ausgebildete, aufwärts strebende Muslime“ beschreiben. Sie sollten doch wissen, dass Sie die volle Verantwortung dafür tragen, dass andere eine positive Meinung von Ihnen bekommen!

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