Wer großes Vertrauen in den Koran besitzt, braucht vor dem Dialog keine Angst zu haben

Auf der Titelseite der Zeitschrift ,Aksiyon' wurde die Rückkehr des Messias thematisiert. Man fragte sich: „Warum wird so etwas veröffentlicht in der ,Aksiyon' veröffentlicht? Oder: „Warum ist es nicht unser Prophet [Muhammad], der letzte der Propheten, der zurückkehrt, sondern der Prophet Jesus?" Im Fernsehen wurden einige Diskussionen ausgestrahlt, die erörterten, warum dieses Thema hier aufgeworfen wurde und was an ihm eigentlich so interessant ist. Unter den Religiösen gibt es unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Einige sagen, dass es im Koran dazu keine klaren Aussagen gibt. Was denken Sie? Wird der Prophet Jesus zurückkehren?

Auf das zweite Kommen Jesu wird in Anspielungen hingewiesen. Über die Art und Weise dieser Rückkehr wird nichts gesagt. Auch andere Religionen beschäftigen sich mit ihr seit ewigen Zeiten. Auch die Juden haben gewartet. Sie haben auf den Propheten Jesus gewartet; nämlich auf jemanden, der seine Funktion erfüllen würde; auf jemanden, der kommen und alle Menschen mit seiner Gnade und Barmherzigkeit umschließen würde. Als der Messias dann jedoch erschien, sagten sie: „Nein, du bist das nicht.

Auch auf unseren Meister haben die Menschen gewartet. Dies sagt der Koran klipp und klar. Doch als dieser Prophet [Muhammad] dann da war, hat man auch ihn verleugnet: „Du bist es nicht. Wir haben auf jemand anderen gewartet." In jeder Religion existiert also die Erwartung, dass am Ende der Zeit jemand kommt; so auch in der Imamiya. Dort wartet man auf einen verfluchten Imam. Auch die Schiiten warten auf einen Imam, der am Ende der Zeit kommen wird. Sie erwarten, dass jemand kommen wird, der die Rechnungen in der schiitischen Welt begleichen wird, der sie leiten und aus dem Gayyas [einem Brunnen der Hölle] hinaus führen wird. Heute hegt man die gleichen Erwartungen auch im Christentum. Deshalb treten an verschiedenen Orten immer wieder Leute auf, die behaupten, der Messias zu sein. Ich denke, dass sich auch einige Hintermänner der Attentäter als Messias sehen. Jedenfalls soll das Denken der Menschen in diese Richtung gelenkt werden.

Im Islam, im Koran, wird dieses Thema nicht gesondert erwähnt. Einige bedeutende Gelehrte, allen voran ein Mann namens Allame Keshmiri, der in Indien aufgewachsen ist, behaupten jedoch, dass vier Verse auf das zweite Kommen des Messias am Ende der Zeit hinweisen. Er hat Hunderte Hadithe zu diesem Thema zusammengestellt. Knapp über 40 davon sind echt, d.h., laut Aussage von Hadithexperten verlässlich. Knapp zehn von ihnen gelten als hazen [schön]. Wie auch immer, 100 Hadithe beschäftigen sich mit dem zweiten Kommen des Messias; vier von ihnen sind vage, sie deuten es lediglich an.

Um welche Verse handelt es sich?

4:159, 43:61, 3:46 und 19:33.

Vertrauen Sie Keshmiri?

Er ist eine Autorität auf diesem Gebiet. Das Thema basiert jedoch auf dem Hadith, und in der Türkei gibt es einige Leute, die den Hadith nicht anerkennen und behaupten: „Allein der Koran zählt." Sie sind kritisch eingestellt; aber von gestern bis heute haben es alle unsere Quellen, die Anhänger Muhammads und seine Gefährten wie auch die Gemeinschaft der Gläubigen (Ahl as-Sunna wa-l-Dschama'a) gesagt. Die Rückkehr [des Propheten Jesus] wird im Koran und im Hadith angesprochen; nur die Art und Weise dieser Rückkehr ist unklar. Wie wird er kommen? Wird er lebendigen Leibes vom Himmel herabkommen und seine Aufgaben und Funktionen erfüllen oder in Form einer Seele oder einer Sinneswahrnehmung? Welcher Geist prägt die Botschaft, die der Messias gepredigt hat? Mitleid, Gnade, Güte, Frieden schaffen zwischen den Menschen und sie umarmen. Ich frage mich, ob es auch am Ende der Zeit so laufen wird. Wird es so etwas wohl zwischen Christen und Muslimen geben?

Bediuzzaman [Said Nursi, einer der bedeutendsten islamischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts] hält beides für möglich. Er sagt, wenn die offenkundige Religion [Din al-mubin], der Islam, sich an unterschiedlichen Orten der Welt neu zum Ausdruck bringen muss, werde der Messias für diesen wichtigen Zweck selbst dann zurückkehren, wenn er sich am anderen Ende des Universums befände. Andererseits interpretiert er ihn [Jesus] als spirituelle Persönlichkeit. „Er wird als spirituelle Persönlichkeit zurückkommen", sagte er. Niemand hat das Recht, dies zu bezweifeln. Wenn Jesus als spirituelle Persönlichkeit zurückkäme, hieße das wohl, dass ein Geist, ein Gefühl wie ein Sturm über die Menschen kommen wird. Möglicherweise würden in diesem Fall jedoch auch Leitfiguren erscheinen, die als Führer einer solchen Bewegung aufträten.

Niemand kann hingehen und sagen: „Ich bin der Messias." Denn der Messias ist gekommen und gegangen. Er hat uns als Prophet verlassen. Wer es wagt zu sagen: „Ich bin der Messias", begeht Kufr. Denn niemand, der kein Prophet ist, darf sich als Prophet ausgeben. Umgekehrt wäre es allerdings auch als Kufr zu bezeichnen, wenn der tatsächliche Messias sagen würde: „Ich bin kein Prophet." Diese Dinge sind gefährlich. Ein Prophet kann nicht einfach behaupten: „Ich bin kein Prophet", und jemand, der kein Prophet ist darf nicht behaupten: „Ich bin ein Prophet." Viele Menschen tun jedoch genau das. Einige von ihnen werden in Gefängnissen unter Drogen gesetzt und gezwungen, es zu behaupten. Das ist heute keine Seltenheit, es passiert in vielen Teilen der Welt. Es gab z.B. auch einen Fall in Kappadokien. Wenn jemand bei guter Gesundheit ins Gefängnis geworfen wird und bei Verlassen angibt, der Messias zu sein, muss der Fall untersucht werden. Auch die Neurologie sollte sich dann seiner annehmen.

Verzeihen Sie meine Unkenntnis. Geschah das im Kappadokien des 20. Jahrhunderts.

Ja, aber lassen Sie mich an diesem Punkt enden. All diese schlimmen Dinge, von denen man sich niemals hätte träumen lassen, dass sie Wirklichkeit werden könnten, ereigneten sich im 20. Jahrhundert.

Dass der Messias als spirituelle Persönlichkeit zurückkehrt, halte ich nicht für so abwegig. Es könnte schon sein, dass die Seele in dieser Weise zurückkehrt.

Um des Dialogs und der Toleranz willen geht man zu verschiedenen Kirchen und sagt: „Lasst uns Lesungen zusammen abhalten." An manchen Orten heißt es auch: „Besuch doch bitte im Gegenzug unsere Bibelklasse." Das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn man an den eigenen Werten zweifelt und wenn der eigene Glaube an den Koran leicht zu erschüttern ist, dann wird dieser Glaube, der ohnehin schon kurz davor ist, auseinander zu fallen, kollabieren. Also lässt man es besser bleiben. Wenn man aber einen starken Glauben besitzt, von dem man weiß, dass er von niemandem erschüttert werden kann, dann sollte man keine Berührungsängste haben. Dann sollte man sich mit spirituellen Führern treffen. Ein bedeutender Mann, ein großer Denker, ein Architekt des Denkens, sagte einmal zu Beginn des [vergangenen] Jahrhunderts: „Man sollte mit Christen nicht über Dinge diskutieren, die zu Streit führen." Wenn wir in Begriffen von Übereinstimmung und Versöhnung denken, dann sollten solche Dinge ausgespart werden. Zahlreiche Menschen, die sich um Dialoggespräche bemühen, handeln nach dieser Devise. Mit vielen Leuten kann man sich in einem Rahmen, den ich als christlich-muslimisch bezeichnen würde, unterhalten. Diese [Leute] sagen: „Ich glaube an den Propheten Jesus; er ist ein Prophet. Aber der Prophet Muhammad ist der letzte Prophet Gottes. Und der Koran ist eine heilige Schrift." Ich kann mich nicht an irgendeinen Muslim erinnern, der zum Christentum konvertiert wäre; dagegen fallen mir viele [Christen] ein, die zum Islam konvertiert sind.

In der Zeitschrift ,Aksiyon' ist ein Bild vom Messias zu sehen. Warum ausgerechnet dieses Bild den Messias darstellen soll, wissen wir nicht. Es kursieren etliche Bilder. Auf Darstellungen in Afrika hat er gekräuseltes Haar. In westlichen Filmen ist er blond und hat blaue Augen. Im Nahen Osten sieht er aus wie ein typischer Bewohner jener Region. Und tatsächlich stammt er ja auch von dort. Er wurde in Nazareth geboren. Seine Name lautete Jesus von Nazareth. Jeder denkt, er ähnelte seinem eigenen Volk. So viele Darstellungen des Messias sind in Umlauf. Hier [in Amerika] hängen zwischen Weihnachten und Ostern Bildnisse von ihm an den Straßen. Es gibt also ganz unterschiedliche Arten von Bildern. Eines davon wurde in dieser Zeitschrift veröffentlicht. Vielleicht dachten sie sich: „Vielleicht kann dieses Bild die Herzen von Menschen erweichen, von denen wir uns mehr Toleranz wünschen." Meiner Meinung nach war das unnötig. Der Koran und die unverfälschte Sunna bestätigen den Messias in seiner Position. In einer Zeit, in der der Materialismus immer weiter um sich griff, war er ein Prophet, der zu einem bestimmten Stamm gesandt wurde. Er kam mit einem Gefühl, mit einem Geist. Denn er war ein Mensch, der seine Meinung in allen Bereichen zum Ausdruck brachte. Er kam ohne Vater zur Welt. Er wurde von einer so reinen Frau wie Maria geboren. Er sagte: „Auf den Geist kommt es an." Er sagte: „Kämpft nicht gegeneinander." In der Bibel z.B. prangert er die Pharisäer als Heuchler an. Er rief ihnen zu: „Lasst Gott eure Leben nehmen. Ihr dürft nicht so handeln." Er kam, um zu verändern, um Korrekturen vorzunehmen, um das Materielle aufzubrechen. Darauf weist der Koran vielleicht hin. Der Koran berichtet auf seine Weise über den Messias und die Thora auf ihre. Das Wesen der Thora orientiert sich an ihrer Gemeinschaft. Und der Charakter ihrer Gemeinschaft orientiert sich an der Thora. Beide [Koran und Thora] haben also eine unterschiedliche Sichtweise, was im letzten Vers der Sure Al-Fath sehr schön zum Ausdruck gebracht wird.

Es mag sein, dass es die Freunde in jener Zeitschrift ein bisschen zu weit getrieben haben. Mich hat das ein wenig gestört; aber auch einige Leute, die nach Ausreden suchen. Und selbst einige Angehörige der Religionen Abrahams [Judentum, Christentum, Islam] waren verstimmt. Unser Meister [der Prophet Muhammad] hatte sehr großen Respekt vor dem Propheten Abraham. „Von den Propheten, die vor mir kamen, ähnele ich dem Messias und Abraham", sagte er. Der Prophet Abraham war auch das Vorbild des Propheten Moses, des Propheten David, des Propheten Salomo, des Messias, des Propheten Zacharias und des Propheten Jesaja. Wenn unser Meister stolz ist, mit einem Propheten in Verbindung gebracht zu werden, dann sollten wir meiner Meinung nach vor diesem Propheten Respekt bezeugen. Heute versuchen Menschen, eine Plattform unter dem Namen eines Propheten aufzubauen und ein Konzept der Einheit zu erarbeiten. Daraus den Schluss abzuleiten, dies führe dazu, dass man sich für die eigene Religion entschuldigt und dafür anderen Religionen einen höheren Wert beimisst, halte ich für sehr grausam.

In Hinblick auf die Themen Dialog und Toleranz habe ich Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen gemacht. Einige von ihnen waren verunsichert und haben sich gefragt: „Tue ich hier etwas Gutes oder Schlechtes?" Aber als Erster hat sich unser Meister den Christen gegenüber anständig verhalten. Dann war der Kalif Umar bei der Eroberung Palästinas freundlich sowohl zu Christen als auch zu Juden. Saladin Ayyubi behandelte sie ordentlich, und als Mehmet der Eroberer, Istanbul einnahm, sagten die Orthodoxen und die Armenier, nachdem sie die Toleranz und Nachsicht der Muslime schätzen gelernt hatten: „Wir wurden von der Barbarei des Westens befreit!"

Bei diesem Thema haben wir Vorreiter. Bediuzzaman schrieb einen Brief an den Vatikan und einen weiteren an die Orthodoxe Kirche. Man antwortete ihm auch und schickte ihm Glückwunschkarten zum Bayram [den religiösen Festtagen der Muslime]. Dies sind die Wege, auf denen man Toleranz schaffen kann.

Lassen Sie mich von einer Begebenheit erzählen, die sich zwischen einem Dekan einer katholischen Fakultät und einem Freund von mir, einem Mitglied der Fakultät zugetragen hat. Mein Freund erzählte mir: „Der Dekan forderte mich einmal auf: ,Ich werde heute nicht unterrichten. Du wirst den Unterricht für mich leiten.' Ich fragte ihn: ,Ich werde den Unterricht leiten, aber was soll ich den Studenten erzählen?' ,Sprich mit ihnen über die Fatiha [die Eröffnungssure des Koran]. Diese Sure haben wir mit euch gemeinsam.' Ich ging also in die Klasse und sprach mit den Christen über die Fatiha. Man brachte mir keinerlei negative Reaktionen entgegen. Im Gegenteil, man lobte mich. Eines Tages suchte ich den Dekan erneut auf. Er war in seinem Zimmer. In seiner Hand hielt er einen Koran und las. ,Was tun Sie da?', fragte ich ihn. ,Ich lese den Koran. Aber ich nicht so, wie du es tust, wenn du das Alte Testament liest, um Informationen zu sammeln; ich lese den Koran, weil er das Buch Gottes ist und ich mir so einige gute Taten verdienen kann.'" (Da wurde er sentimental, und Tränen treten ihm in die Augen.)

Wenn man in der geistigen Elite einer solchen Sanftheit begegnet, dann ist das für mich ein Gewinn. Man sollte nicht immer nur errechnen, wie viele Menschen zum Islam konvertiert sind. Diejenigen, die den Islam in gewissem Maße akzeptieren, sollten ebenfalls gezählt werden. Diejenigen, die sagen: „Der Koran könnte das Wort Gottes sein", sollten ebenso ins Gewicht fallen wie diejenigen, die sagen: „Der Prophet Muhammad könnte ein Prophet gewesen sein." Diese Dinge sind sehr wichtig. Nach dieser Generation wird es weitere Generationen geben. Wenn man heute nicht die Gräben schließt, wird man morgen nicht mehr in der Lage sein, das Wort zu ergreifen und seine richtigen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Bis zum heutigen Tag gibt es diese Gräben, und deshalb auch immer eine Distanz zwischen uns. Wir haben darauf gewartet, dass sie zu uns kommen, aber dem war nicht so. Der Meister [Bediuzzaman] sagte: „In gewisser Hinsicht ist es respektlos und beschämend, Juden und Christen als Kafir [Ungläubige] zu bezeichnen, und sogar einen Kafir als Kafir zu bezeichnen." Sein Urteil ist so wohl überlegt und ausgewogen. Jene Menschen sind die Menschen des Buches. Wenn es um sie geht, spricht der Koran von den ,Menschen des Buches'! An dieser Stelle führt Bediuzzaman eine Interpretation ins Feld, an die vorher noch niemand gedacht hatte: „Menschen der Schule! Ihr seid gebildet. Lasst uns unter einem einzigen Wort vereinen: Gott!" So interpretiert er den entsprechenden Vers. Tausende von Menschen wissen das. In so einem Rahmen entfaltet sich Toleranz. In so einem Rahmen lässt sich jede Plattform verwirklichen. In so einem Rahmen werden all unsere Berühmtheiten anerkannt: In so einem Rahmen spricht man über Muhyiddin-i Ibn Arabi und auch über Mevlana Celaleddin-i Rumi.

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