Interview mit Prof. Dr. Helen Rose Ebaugh über die Gülen-Bewegung

Prof. Dr. Helen Rose Ebaugh, eine der renommiertesten US-Soziologen sprach im Zuge der Erscheinung ihres Buches „Die Gülen-Bewegung“ zu ZAMAN. In ihrem nach fünfjähriger Recherche erschienenen Buch analysiert Ebaugh die Gülen-Bewegung.

Ebaugh, Professorin an der University of Houston in den USA, lernte die Bewegung fast zeitgleich mit den Angriffen vom 11. September 2001 kennen. Ebaugh: „In diesen Tagen suchten meine Augen Muslime, die den Terror missbilligen.“ Zwei Tage nach den Anschlägen habe sie in der Washington Post eine ganzseitige Anzeige von Fethullah Gülen gesehen, der den Terror tadelte. Daraufhin habe Prof. Ebaugh sich entschieden, die Bewegung genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Erste, was ihr auffiel: „die Bildungsaktivitäten und der interreligiöse Dialog. Denn nach den Anschlägen vom 11. September erschienen mir diese Aktivitäten als ein ‚Gegengift‘ gegen die im Westen zu wachsen drohende Islamophobie. Die Gülen-Bewegung fordert diese heraus.“ Ebaugh recherchiert seit Längerem über Gruppen aus allen Religionen, die im sozialen Dienst interreligiös zusammenarbeiten. Kurz nach den Anschlägen auf die US-Twin Towers habe sie muslimische Studenten kennengelernt, die an ihren Universitäten den Master anstreben. 2006 entschied sie sich schließlich, die Gülen-Bewegung fünf Jahre lang genauer unter die Lupe zu nehmen. Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, recherchierte sie in der Türkei, in Brüssel, Aserbaidschan, Frankreich, Holland sowie Australien und sprach mit Hunderten von Freiwilligen der Bewegung. Ihr Fazit: „In einer Zeit und Welt, in der der Islam mit Zurückgebliebenheit und fehlender Bildung identifiziert wird, hat Fethullah Gülen gezeigt, dass Muslime den Islam leben und gleichzeitig gebildet, modern, der Wissenschaft zugeneigt sein können. ZAMAN sprach mit der US-Soziologin über ihr neues Buch mit weiteren Studienergebnissen.

Wie war Ihr Blick auf den Islam vor dem 11. September?

Vor den Angriffen lehrte ich Religionssoziologie. Während der Angriffe befand ich mich gerade in einer Vorlesung. Ich sagte zu meinen Studierenden: „Seht euch diese Angriffe gut an, denn die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie einmal war. Macht euch auch bewusst, dass manche von nun an die Muslime beschuldigen werden. Doch dieser Angriff repräsentiert nicht alle Muslime.“

Zu Beginn liefert Ihr Buch eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Türkei. Welche Dynamik war Ihrer Meinung nach Auslöser der Gülen-Bewegung?

Es war ein Reifungsprozess nötig, damit die Bewegung beginnen konnte. Dieser bestand darin, dass Strömungen wie Marxismus oder Feminismus in der Türkei ankamen und die Jugend faszinierten. Das Gefühl der Gefahr, die von diesen Strömungen ausging, hat Gülen in Bewegung gesetzt. Auch das Volk machte sich Sorgen um seine Jugend. Es wartete auf etwas Neues und Anderes. Offen gesagt, waren die 60er Jahre der richtige Zeitpunkt für die Entstehung der Gülen-Bewegung.

Haben Sie Fethullah Gülen persönlich kennengelernt?

Ich hatte einige Male die Gelegenheit dazu. Habe jedoch keine angenommen. Ich bin eine Soziologin und möchte die Fakten mittels wissenschaftlicher Methoden untersuchen. Diesem Prinzip bleibe ich treu. Ich möchte nicht in eine Lage kommen, in der ich nicht das sagen kann, was ich sehe. Hätte ich Gülen kennengelernt, hätte man gesagt: „Sie schreibt das, was er sagt.“ Daher sind mir Distanz und Sachlichkeit äußerst wichtig. Mein Buch ist deswegen auch in einem akademisch orientierten Verlag erschienen.

Und haben Sie Gülen je zugehört oder eines seiner Bücher gelesen?

Eher nicht, da das meiste auf Türkisch vorliegt. Auch seine Bücher habe ich nicht wirklich gelesen, denn ich befasse mich eher mit dem, was seine Ideen im Leben der Menschen bewirken.

Sie beschreiben in diesem Buch auch die Finanzquellen der Bewegung. Ihre Ergebnisse zeigen, dass vom Arbeiter bis zum Geschäftsmann jeder etwas beiträgt.

Was ist Ihrer Meinung nach der Motor, der die Menschen dieser Bewegung zum Geben motiviert?

Neben den Almosen oder der sozialen Abgabe zakat sind türkische Werte wie Gastfreundschaft oder Nachbarschaftshilfe in die islamischen Werte eingegangen. Weiters sind auch Gespräche ein wichtiger Faktor. Denn die Menschen finden sich in einem Netzwerk wieder, in dem geteilt wird. So entwickelt sich bei jedem das Bedürfnis zu helfen. Durch diese Gespräche empfinden die Menschen weiters ein Gefühl der Zugehörigkeit und Freundschaft, man ist gemeinsam auf dem Weg. Teil dieser Bewegung zu sein, hat für sie den Wert einer Belohnung.

Wir lesen in Ihrem Buch, dass Sie mal mit einer Arbeitergruppe in Bursa, mal mit Geschäftsleuten sprachen. Gibt es eine Geschichte, die Sie im Zuge dieser Gespräche gehört, jedoch nicht in Ihrem Buch erwähnt haben?

Die Geschichten der Arbeiter haben mich sehr berührt. Zum Beispiel verliert einer seine Arbeit und kann die Bewegung finanziell nicht mehr unterstützen. Daraufhin entschließt er sich, freiwillig in einer der Schulen zu arbeiten, ganz nach dem Motto: „Wenn ich schon nicht finanziell helfen kann, dann gebe ich eben von meiner Zeit.“ Ein Arzt, der im Sema-Krankenhaus arbeitet, spendet 40 Prozent seines Jahreseinkommens und sagt: „Gäbe es diese Einrichtungen nicht, wäre ich heute kein Arzt.“ Er ist verheiratet, hat vier Kinder und ist sichtlich sehr glücklich.

Es wird klar, dass Sie sehr viel Zeit mit den Freiwilligen der Bildungseinrichtungen verbracht haben, die das Rückgrat der Gülen-Bewegung bilden. Was sind Ihrer Meinung nach ihre Charaktereigenschaften?

Ein Gefühl der Verschriebenheit. Diese Menschen haben sich dem Glauben und den Werten der Bewegung verschrieben und sind bereit, sich selbst aufzugeben auf dem Weg zu diesen Zielen.

Welche Rolle haben die Frauen in der Gülen-Bewegung?

Das ist ein sehr komplexes Thema, das gesondert behandelt werden muss. Es gibt Frauen auf wichtigen Posten, aber es ist nicht ausreichend viele. Die Gründe dafür sind einerseits kulturelle Werte und andererseits die Tatsache, dass viele Frauen der englischen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. In den Ländern, die ich besucht habe, gab es noch bis vor ein paar Jahren weniger Frauen auf in den ersten Reihen. Doch die Zeiten ändern sich, und in manchen europäischen Ländern sind die Frauen heute sehr aktiv. Ich denke, das wird auch so weitergehen.

Sie haben auch Schulen in vielen Ländern besucht. Was ist Ihnen am meisten aufgefallen?

Obwohl die meisten Schulen in Ortschaften liegen, in denen eher Minderheiten leben, schicken auch wohlhabende Bürger, die sich die Schulgebühren leisten können, ihre Kinder in diese Bildungseinrichtungen. Ich habe selbst erlebt, wie hochrangige Bürokraten des aserbeidschanischen Präsidialamtes Schlange stehen, um ihre Kinder in diese Schulen einschreiben zu können. Denn diese Schulen bieten eine sehr gute Bildung. Ich glaube daran, dass Schüler, die im Osten und Südosten der Türkei diese Schulen besuchen, der PKK nicht beitreten werden.

Menschen, die die Bewegung unterstützen, nennen sie die „Freiwilligen-Bewegung“. Wie würden Sie sie beschreiben?

Ich nenne sie eine zivile Bewegung. Sie leistet einen Beitrag zur Gesellschaft und streben kein bestimmtes politisches Ziel an. Sie versuchen lediglich eine Welt zu schaffen, in der die Menschen besser leben können. Ich mag den Namen hizmet (dt.: „Dienst“). Herr Gülen verwendet ihn auch oft. Dies ist eine Bewegung, in der Menschen anderen Menschen dienen.

Leistet sie einen Beitrag zum Weltfrieden?

Klar, einen großen sogar. Besonders die Journalisten- und Autorenstiftung bietet Plattformen, auf denen der Dialog ermöglicht wird. Diese Türken gründen in den Ländern, in die sie gehen, zunächst Dialogeinrichtungen, welche wiederum zur Friedensentwicklung beitragen.

Sie betonen in Ihrem Buch insbesondere die Transparenz innerhalb der Bewegung. Was sind Ihre Ergebnisse diesbezüglich?

Ich habe im Zuge meiner Recherchen in der Türkei mit jenen Geschäftstreibenden gesprochen, die der Bewegung finanziellen Beistand leisten. Sie haben mich bis zuletzt äußerst offen begrüßt und haben ihre Buchhaltung ohne zu zögern hergezeigt. Die Menschen schauen immer mit einer gewissen Skepsis auf die Gülen-Bewegung. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass sie sehr groß, mächtig und reich ist. Es ist von viel Geld die Rede, doch sollten sie deshalb gleich eine geheime Agenda haben? Ich habe nie diese Erwartungshaltung gehabt und stattdessen dem geglaubt, was ich sah.

Sind Ihnen nach fünfjähriger Recherche noch Fragezeichen bezüglich der Gülen-Bewegung geblieben?

Es sind keinerlei Fragen geblieben. Wenn wir bedenken, dass jeder zehn Prozent seines Einkommens spendet und wenn wir mit Tausenden von Menschen rechnen, kommt ein großer Betrag heraus. Gleichzeitig sind die Einrichtungen von der Art, dass sie sich selbst unterstützen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptfaktor für die weltweite Akzeptanz dieser „Freiwilligen-Bewegung“?

Sie werden wegen der guten Sachen und ihrer Gutmütigkeit akzeptiert. Jeder Mensch will, dass junge Menschen ausgebildet werden. Dies ist ein universeller Bedarf und betont die Basiswerte von allen.

Wie bewertet es der Westen, dass die Bewegung so sehr wächst?

Ich denke nicht, dass es Probleme geben wird, solange sie sauber bleibt. Solange sie sich nicht an terroristischen Aktivitäten beteiligt, verrückte Sachen macht oder Fehler begeht, die andere gegen sie benutzen können, wird sie sowohl im Westen als auch auf der ganzen Welt stets positiv wahrgenommen werden.

Kann die Gülen-Bewegung mit ihrer Betonung auf Toleranz und Dialog eine Alternative bei der Suche nach Frieden auf der Welt darstellen?

Amerika hat bis zu den Anschlägen vom 11. September den Islam nicht gekannt. Danach schon, doch dann waren die Muslime gleich Terroristen. Diese Einstellung ist eine Tatsache. Diese Bewegung hat ein großes Potential, die Islamophobie herauszufordern. Ich denke nicht, dass es in Houston Menschen gibt, die gegen die Gülen-Bewegung sind. Wir alle brauchen Engagement für Bildung, Kultur und interreligiösen Dialog. Auch im Abbau von Vorurteilen, denke ich, hat die Bewegung ein großes Potential. Der Kontakt, einander kennenlernen und verstehen, sind für den Abbau von Vorurteilen sehr wichtig. Das ist genau das, was die Gülen-Bewegung tut. Ich gehe zu ihnen nach Hause, sie besuchen wiederum mich. So werden vorhandene Vorurteile abgebaut.

Was sind die Argumente und Ängste der Gegner der Gülen-Bewegung? Und wie sehen Sie diese?

Ich nehme die Sorgen ernst. In gewisser Weise haben sie recht, und ich verstehe sie. Aber das Problem liegt darin, dass ich sage: „Bringt mir Belege, die eure Ängste und Argumente belegen.“ – doch das können sie nicht. Daher liegen die Gründe ihrer Kritik in ihrer Angst und Ideologie. Die Angst, die mich am meisten überrascht, ist die Sorge, dass die Bewegung die Regierung einnehmen wolle und hierfür auf das Militär, auf die Rechtsprechung und die Regierung Einfluss nehmen wolle. Wenn ich diesbezüglich Namen und Belege verlange, heißt es immer: „Das weiß doch jeder.“ Das sind Menschen, die Teil einer Gruppe sind, die genauso denken, wie sie selbst. Die Hälfte der Kritiker kennt niemanden von der Gülen-Bewegung und hat keine Informationen aus erster Hand.

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