Hurriya (Freiheit)

Die Verwirklichung eines jeden rechtmäßigen Wunsches, die Tatsache, keinem Druck und keinen Beschränkungen ausgesetzt zu sein und sich nicht unterwürfig zeigen zu müssen, das Recht zu wählen, gewählt zu werden und bestimmte grundlegende Rechte im politischen Leben zu genießen - all dies kann dem Freiheitsbegriff zugeordnet werden, einem Konzept, das in der jüngeren Geschichte von Denken und Recht so kontrovers diskutiert wurde wie kaum ein anderes. Die grundlegenden Freiheiten des Menschen, die von den persönlichen Rechten bis zu den politischen und den gesellschaftlichen reichen - Glaubensfreiheit, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, die Freiheit, eine Familie zu haben, zu arbeiten und Eigentum zu besitzen, das Recht, eine Vereinigung zu bilden, zu wählen und gewählt zu werden, usw. -, sollen an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Allerdings sei darauf verwiesen, dass sie stets zu den wichtigsten Themen in der Geschichte der Menschheit gezählt wurden.

Die Freiheit (Hurriya) ist eines der wertvollsten Geschenke Gottes an uns Menschen. Sie ist die elementarste und lebendigste Dimension unseres Lebens, weil sie die wichtigste menschliche Instanz umspannt - nämlich unseren freien Willen, die maßgebliche Stütze unseres Gewissens. Dieses große Geschenk wurde in der islamischen Literatur definiert als die Durchsetzung und Wahrnehmung der grundlegenden Rechte durch das Individuum. Um sich aber dieser persönlichen Freiheit in vollem Umfang bewusst werden zu können, muss man - zumindest bis zu einem gewissen Grad - auch ihr Gegenteil kennen. Und dieses Gegenteil liegt darin, dass wir in der Wahrnehmung unserer persönlichen Rechte von anderen Menschen abhängig sind, was einer Form der Freiheitsberaubung gleichkommt. Gott, der Allmächtige, ist es, der uns Menschen diese Rechte schenkt; daher darf niemand sie eintauschen oder verkaufen oder anderen übertragen. Diejenigen, die dies dennoch tun, begehen damit eine Sünde und büßen durch diesen Akt ein Stück von ihrer Menschlichkeit ein. Gott wird sie dafür zur Rechenschaft ziehen. In ihrem Verhalten manifestiert sich vor allem Geringschätzung gegenüber den menschlichen Werten. Wer sich so geringschätzig zeigt, kann sich seines Daseins kaum bewusst sein; und wer sich seines Daseins nicht bewusst ist, hat keinen Bezug zur Wahrheit und keinen Zugang zur Liebe zu Gott und zum Dienst an Ihm. Um es ganz deutlich zu sagen: Weder kann behauptet werden, dass Menschen, die Gott - der ja die Wahrheit und die Quelle aller Menschenrechte ist - nicht kennen, in dem Sinne frei sind, dass sie sich ihrer menschlichen Rechte bewusst wären, noch trifft es zu, dass Menschen, die es nicht schaffen, sich von der Knechtung durch andere Menschen oder Dinge zu befreien, im wahren Sinne des Wortes frei sind.

Was bis zu diesem Punkt gesagt wurde, stellt jedoch lediglich eine kurze Einführung dar, die zu jener Form der Freiheit überleiten soll, die einer der smaragdgründen Hügel des Herzens ist.

Die Freiheit, die im islamischen Sufismus wurzelt, ist eine der bedeutendsten Früchte der Enthaltsamkeit (Riyada). Sie manifestiert sich darin, dass sich ein Mensch nichts und niemand anderem als Gott unterwirft oder beugt und dadurch zum Ausdruck bringt, dass sein Herz ein geschliffener Spiegel ist, der die Manifestationen Gottes auffängt und reflektiert. Wer diese Station auf dem Weg zu Gott über Enthaltsamkeit und mit Gottes Hilfe erreicht hat, löst sich innerlich von allen Dingen und Lebewesen außer Gott. Mit Gefühlen, in denen die Freiheit pulsiert, und einem Herzen, das freudig im Takt seiner Sehnsucht nach Freiheit schlägt, durchbricht er die Barrieren seiner Individualität, verfolgt allein dieses eine Ziel und webt - wie der respektierte erhabene Harith[1] es in seiner Philosophie auszudrücken pflegte - das Tuch seines Denkens mit den Fäden des Jenseits.

Wahre Freiheit erlangt man nur dadurch, dass man sein Herz von irdischen Sorgen und Ängsten reinigt, um sich Gott mit dem ganzen Wesen zuzuwenden. Um diese Realität in Worte zu fassen, sagen die Sufimeister:

Kind, streife die Fesseln der Knechtschaft ab, und sei frei!
Wie lange noch willst du dich von Gold und Silber unterjochen lassen?

Und auch Dschunayd al-Baghdadis[2] Antwort auf die Frage, was genau denn unter Freiheit zu verstehen sei, bezieht sich auf die Essenz der Freiheit: "Den Geschmack der Freiheit kannst du schmecken, wenn du dich von allen Bindungen außer dem Dienst an Gott befreist." Wenn die Freiheit in direkt proportionalem Verhältnis zur aufrichtigen Hingabe und zum Dienst an Gott, dem Allmächtigen, steht - und das ist zweifellos der Fall -, dann können Menschen, die ein fremdbestimmtes Leben führen, nicht wirklich frei genannt werden. Die folgenden Verse eines anonymen Autors drücken es so aus:

Wenn du die Trommel der Ehre schlagen möchtest, begib dich hinter das Rad der Sterne;
Denn dieser Kreis voller Ringe ist die Trommel der Demütigung.

Nur wer wahre Freiheit erlangt, kann ein vollkommener Diener Gottes werden. Der Gradmesser wahrer Freiheit eines Menschen ist sein Dienst an Gott. Wer sich diesem Dienst nicht verpflichtet, kann weder frei sein noch menschliche Werte in ihrer ganzen Reichweite und Bedeutung repräsentieren. Einem solchen Menschen wird es nie gelingen, den Fängen seines Körpers und seiner Sinne zu entkommen. Er wird nie mit einem ,reinen Herzen' bis zum Horizont des spirituellen Lebens vordringen und auch nie die Tiefe ermessen können, die in der Essenz des menschlichen Seins verborgen liegt.

Menschen, die ihr Leben in der Gefangenschaft irdischer Erwägungen verbringen, begegnen den Segnungen, die ihnen zuteil werden, mit wachsendem Hochmut. Anstatt Gott dankbar zu sein, schreiben sie sämtliche Leistungen, die Gott ihnen zu wirken ermöglicht, sich selbst zu; und wenn sie einmal scheitern, dann sind sie tief enttäuscht und zittern vor Angst, dass ihnen die Privilegien, die sie genießen dürfen, wieder entzogen werden. Solch unglückselige Menschen wissen nicht, was Freiheit bedeutet, und seien sie auch Könige in der Welt.

Solange sich das Herz an Ziele aller Art, geliebte Menschen und Sehnsüchte klammert, wird es nicht in den Genuss von Freiheit kommen. Wie soll denn ein Mensch auch frei sein, wenn er permanent darüber nachsinnen muss, wie er das, was er von anderen erwartet, auch tatsächlich erhalten und anschließend zurückzahlen kann? Wie soll jemand frei sein, der den größten Teil seiner Lebensenergie an Menschen verschwendet, von denen er sich eine Befriedigung seiner irdischen Interessen und körperlichen Vergnügungen verspricht? Es ist eine große ins Verderben führende Versuchung, sich dem Strudel rein auf die Welt ausgerichteter Betrachtungen zu überlassen und sich mit einem Herzen, das wertlosen, flüchtigen Objekten nachhängt, ganz auf irdische Ziele zu konzentrieren. Aber welch großer Gunstbeweis liegt demgegenüber darin, dass Gott das Herz mancher Menschen für viele Äußerungsformen der kurzlebigen Welt versiegelt, die das fleischliche Selbst betören. Wenn Gott die Verbindung des Herzens zur Welt durchtrennt, dann ist das ein außerordentlicher Segen. Denn diese Verbindung ist eine Form der Knechtschaft, und die Durchtrennung der Verbindung ist eine Brücke, die zu wahrer Freiheit führt.


[1] Abu Abdullah Harith al-Muhasibi (gest. 858) war einer der führenden Sufis seiner Zeit. Seine Autorität in den grundlegenden Wissenschaften ebenso wie in sekundären Wissenschaftszweigen wurde von allen Theologen anerkannt. Neben vielen anderen Werken verfasste er eines über die Grundprinzipien des Sufismus mit dem Titel Ri'aya li-Huquq'illah (Die Befolgung der Rechte Gottes). Harith al-Muhasibi galt als ein Mann von erhabenem Geist und nobler Gesinnung. [Anm. des Übers.]

[2] Dschunayd al-Baghdadi (gest. 910) war einer der berühmtesten frühen Sufis. Er genoss großen Respekt und wurde auch als der Prinz derjenigen, die Gott kennen, bezeichnet. [Anm. des Übers.]

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