Sehnsucht nach Liebe

Fast scheint es, als hätten wir vergessen, uns wie Menschen zu benehmen. Schon seit sehr langer Zeit werden wir unserem einzigartigen Rang in der Schöpfung nicht mehr gerecht. Trotz all unserer Qualitäten, um die uns die Engel beneiden, tun wir Dinge, die sogar den Satan in Verlegenheit bringen. Wir lassen uns von Groll, Hass und Zorn überwältigen und verfolgen unsere Mitmenschen mit Rachegelüsten. Aus unseren Herzen ist jede Liebenswürdigkeit gewichen, ein Dunstschleier aus Abscheu trübt unsere Gefühle, und seit so vielen Jahren schon finden unsere Wahrnehmungen keinen Zugang mehr zur magischen Aura der Liebe. Unablässig produziert unser Denken neues Übel. Die Zerstörung unserer Umwelt, die rücksichtslose Einverleibung all dessen, was uns gefällt, und die Unterdrückung von allem, was anders ist als wir selbst - all das ist uns fast zur Routine geworden. So viele von uns handeln rein intuitiv und lassen dabei jede Vernunft außer Acht. Wer nicht unserer Meinung ist, wird übertönt und zum Schweigen gebracht - das ist vielleicht die hervorstechendste Charaktereigenschaft des Menschen von heute. Starrköpfig streben wir vorwärts auf unserem Weg, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, dass es für verschiedene Probleme auch andere Lösungen geben könnte als die von uns favorisierte. Deshalb verlieren wir in vielen Fällen selbst dann die Orientierung, wenn es doch eigentlich in unserer Hand läge, Positives zu bewirken. Die Herzen der Menschen zu gewinnen, indem man sich ihnen in aufrichtiger Zuneigung nähert, ist eine Tradition, die längst in Vergessenheit geraten ist.

Wenn wir mit Gedanken und Menschen konfrontiert werden, die unsere Selbstsucht nicht hinnehmen wollen, so verlieren wir schnell die Fassung. Wir werden wütend und sind gereizt, und wenn es in unserer Macht steht, dann zerschmettern wir diese Menschen. Anderenfalls zögern wir nicht, sie zu diffamieren und ihre Würde mit Füßen zu treten. Dazu bedienen wir uns der geballten Kraft der Medien und sämtlicher anderer Quellen, die uns zur Verfügung stehen mögen. So richten wir mehr Schaden an, als selbst der Tod es könnte.

In Anbetracht all dieser furchtbaren Fakten hallt die Welt der Gegenwart vornehmlich vom höhnischen Gelächter der Tyrannen und von den Schmerzensschreien der Verfolgten wider. Es gibt so viele Länder, die seit Jahrzehnten unterdrückt werden, so viele Völker, die schikaniert und betrogen werden. Man entfremdet sie ihrer eigenen Werte, indem man ihren Verstand betäubt und ihre Gefühle und Leidenschaften erstickt. Damit bewirkt man, dass sie einander als Feinde betrachten. In solchen Gesellschaften münden unterschiedliche Denk- und Sichtweisen stets in Streit und Konflikt. Kämpfe sind dort an der Tagesordnung, und die Menschen verachten einander. Die eine Seite kratzt der anderen die Augen aus oder bringt sie gar um. Die andere Seite antwortet damit, dass sie Selbstmordattentäter in Menschenmengen dirigiert oder mit Sprengstoff beladene Autos explodieren lässt. Überall herrscht Gewalt, grausamer noch als die schlimmste Barbarei.

Bei vielen Menschen von heute sucht man vergeblich nach einer Seele. Ihr Gewissen wirkt wie gelähmt, und ihr freier Wille verfolgt anmaßende Pläne. Ihr Verstand, der doch als ein Observatorium zur Gotteserkenntnis erschaffen wurde, hat vor ihren vergifteten Gelüsten kapituliert. Die Welt ihrer Gefühle, diese ursprünglich reinste Quelle der Liebe, ist zu einem Abgrund aus Verrat und Bedrängnis verkommen. Ihr Herz, das ihnen eigentlich ermöglichen könnte, die Wahrheit zu schauen, hat sich in einen pechschwarzen Tunnel der Ohnmacht verwandelt. Und so widersetzen sich all ihre menschlichen Systeme dem Sinn ihrer Existenz und befinden sich in einem Zustand der Verwahrlosung.

Natürlich ist es wahr, dass die Welt schon viele Male in ihrer Geschichte Zeugin ähnlich unerfreulicher Entwicklungen wurde. Doch das Ausmaß der Zerstörung und Verwüstung ist heute dramatischer und erschreckender denn je, wofür zum Teil die Globalisierung und die gewaltigen technologischen Errungenschaften verantwortlich sind.

Täglich werden wir von Fernsehen, Internet und Printmedien mit neuen grauenhaften Szenen terrorisiert, und nicht selten bleibt uns keine Wahl, als den Blick abzuwenden. Aber selbst wenn wir Augen und Ohren verschließen - was in unsere Gedankenwelt eindringt, können wir nicht kontrollieren. Es zerreißt uns die Brust und hinterlässt Wunden in Herz und Geist, die nie wieder verheilen. Manchmal fühlen wir uns von all dem Übel wie erschlagen, und das Blut und die Tränen der Opfer verfolgen uns. In diesen Momenten erfüllt uns die Tatsache, dass das Leben so vieler Menschen zerstört wird, mit tiefer Verzweiflung. Allenthalben präsentiert sich die Welt wie im Herbst: Die Menschen ähneln trockenen Blättern, die von den Bäumen fallen. Mehmed Akif Ersoy (1873-1936), Staatsdichter der Türkei und Verfasser der türkischen Nationalhymne, sagte einmal: „Verfallene Städte, verwüstete Häuser, Gemeinschaften ohne Führung / Zerstörte Brücken, aufgegebene Wasserwege, Straßen ohne Reisende / Mitleid erregende Gläubige, die andere Gläubige im Namen eines ‚gerechten Krieges‘ töten / Verlassene Residenzen, menschenleere Dörfer, eingestürzte Dächer / Tage ohne jeden Schweiß, Abende ohne Ideen für die Zukunft.“ Der Schmerz, der unsere Brust erfüllt, bricht sich in Wehklagen Bahn; unfähig zu handeln, stöhnen wir voller Entsetzen.

Alles und jeder wartet auf unsere helfende Hand. Wir aber haben in den meisten Fällen nichts zu geben außer Gleichgültigkeit und Desinteresse, und so verstärken wir die herrschende Verzweiflung noch. Emotionslos ergeben wir uns unserer Trägheit und lassen die Schreie der Bedürftigen unerwidert verhallen. Diejenigen, die mit ihnen sympathisieren, haben entweder nicht die Macht oder aber nicht die Mittel, um ihnen zu helfen. Diese ganze Gewalt Tag für Tag mit ansehen zu müssen, bedeutet nichts anderes, als den Tod mit jedem neuen Vorfall am eigenen Leibe zu spüren. Wie erstarrt kleiden die Betroffenen ihr Leid in die Worte von Suzi (einem berühmten türkischen Gelehrten des 16. Jahrhunderts aus Prizren im heutigen Kosovo): „Kein Regen fällt, keine Tulpen blühen / Wird es wohl immer so sein wie jetzt? / Dies ist alles, was der Stadt aus dem Ozean der Gnade zufließt / Erbärmlich wehen die Winde.“

Von Trauer erschüttert, bleibt uns keine andere Wahl als zu sagen: „Die Völker werden einander noch zerfleischen. Die Massen werden sich bekämpfen, und niemand wird seine Nächsten wirklich lieben. Niemand wird sich um andere kümmern, und niemand wird den Unterdrückten die Hand reichen. Niemand wird Mitleid mit den Opfern empfinden, und niemand wird mit offenen Armen auf seine Mitmenschen zugehen. Niemand wird mehr Sicherheit finden, und lauter Verrückte, an deren Denken, Reden und Handeln Blut klebt, werden über das Schicksal der Welt entscheiden. Eine neue Ära der Tyrannen wird anbrechen…“

So kann es nicht weitergehen. Denn sonst wird die Menschheit untergehen, und mit ihr die menschlichen Werte.

Warum also zögerst du noch? Vereinigen wir uns nun, an diesem überaus kritischen Wendepunkt der Geschichte, und vernehmen wir gemeinsam die Stimme Gottes, die in den Worten von Mewlana Dschalal ad-Din Rumi, Yunus und anderen widerhallt! Treten wir ein für die Liebe und für Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit! Zeigen wir doch der ganzen Welt, welch großes Privileg es ist, ein Mensch zu sein, mit allem, was dazu gehört! Lasst uns dem Hass und den Rachegelüsten, die das Antlitz unseres Planeten verfinstert haben, Liebe und Dialog entgegensetzen. Lasst uns die Pforten unseres Gewissens öffnen und zusammen die unendlich große Gnade Gottes willkommen heißen! Seien wir nicht länger wie Wassertropfen, die sich allein ihren Weg suchen und deren unabwendbares Los es ist, zu vertrocknen und zu entschwinden. Lasst uns stattdessen in Wasserfällen aufgehen und eins werden mit dem Ozean! Wir alle sind Menschen. Unser aller Gene stimmen mit denen des Propheten Adam überein, und unser aller Essenz liegt in der Wahrheit Ahmads (des Propheten Muhammad). Vereinigen wir uns also, bereiten wir den Missständen ein Ende! Verkünden wir doch der ganzen Welt, dass wir Gottes Stellvertreter auf Erden sind und den Himmeln entgegen streben! Sorgen wir dafür, dass die Engel die Bedeutung der Menschheit wieder wertschätzen! Kommt, und lasst uns alles dafür tun, dass unsere Gassen wieder zu sicheren Prachtstraßen werden. Wenden wir uns Gott zu - Hand in Hand und mit Herzen, die im Gleichklang schlagen!

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