Toleranz

Als muslimische Gemeinschaft verbindet uns eine starke Sehnsucht nach Erneuerung und Wiederaufblühen. Wenn uns kein stürmischer Wind entgegen bläst, könnten die kommenden Jahre tatsächlich die Jahre unseres Wiederaufblühens werden. Allerdings gehen die Meinungen in der Frage, welche Strategien denn zu dieser Erneuerung und diesem Wiederaufblühen führen sollen, auseinander. Es hat sich als schwierig erwiesen, Einigkeit darüber zu erzielen, welche Strategien angesichts der Neuerungen im intellektuellen und kulturellen Leben der letzten Jahrhunderte gutzuheißen und welche abzulehnen sind.

Auch hat man sich nicht auf eine bestimmte Strategie verständigen können, die der Gesellschaft neues Leben einhauchen soll. Die Existenz extremer Empfindlichkeiten, die uns beim Brückenbau zwischen Vergangenheit und Zukunft begegnen, erfüllt uns mit Hoffnung, deutet aber gleichzeitig darauf hin, dass uns turbulente Zeiten bevorstehen.

Unterwegs in die Zukunft ist die Toleranz unsere sicherste Zuflucht und unser Bollwerk - gegen Probleme, die Spaltung und Zwietracht heraufbeschwören, und gegen Konflikte, die das Streben nach gegenseitigem Einvernehmen zwangsläufig mit sich bringt und die an jeder Ecke auf uns warten.

Wir sollten so tolerant sein, dass wir in der Lage sind, unsere Augen vor den Fehlern anderer zu verschließen, abweichende Meinungen zu akzeptieren und alles zu verzeihen, was verzeihlich ist. Selbst für den Fall, dass unsere unveräußerlichen Rechte verletzt werden, sollten wir den menschlichen Werten auch weiterhin Respekt zollen und versuchen, für Gerechtigkeit zu werben. Selbst wenn wir mit anstößigen Gedanken oder völlig undurchdachten Ideen konfrontiert werden, die wir auf keinen Fall teilen, sollten wir behutsam wie ein Prophet sein und Nachsicht üben, ohne jemals die Geduld zu verlieren. Diese Nachsicht wird im Koran als freundliche Worte bezeichnet, die die Herzen der Menschen berühren. Sie entspringt einem sanften Herzen, einer maßvollen Überzeugung und einem bedachten Vorgehen. In jedem Fall sollten wir so aufgeschlossen sein, dass wir von entgegengesetzten Vorstellungen profitieren - insofern, als sie unser Herz, unseren Geist und unser Gewissen in Aufmerksamkeit und Konzentration schulen, auch wenn diese Vorstellungen selbst uns weder direkt noch indirekt irgendetwas lehren.

Die Toleranz - ein Begriff, der oft an Stelle der Worte Respekt, Barmherzigkeit, Freigebigkeit oder Nachsicht verwendet wird - ist das wichtigste Element moralischer Systeme, eine Quelle der spirituellen Disziplin und eine heilige Tugend vollkommener Menschen.

Unter der Lupe der Toleranz erhalten die Vorzüge der Gläubigen neue Tiefen und dehnen sich unendlich weit aus. Fehler und Irrtümer hingegen werden unter ihr irrelevant und schrumpfen so lange, bis sie schließlich so klein sind, dass sie in einen Fingerhut passen. Jede Aktivität Gottes, der jenseits von Zeit und Raum steht, passiert das Prisma der Toleranz, bevor sie uns und die gesamte Schöpfung umarmt. Diese Umarmung ist so universell, dass sich eine Frau ohne jeden Anstand, die einem durstigen Hund zu trinken gab und dann an das ,Tor der Barmherzigkeit' klopfte, in einem Korridor wiederfand, der zur Keuschheit und in die Himmel führte. Ein Trunkenbold, der von der Liebe zu Gott und Seinem Gesandten ergriffen wurde, schüttelte plötzlich alle Trunkenheit ab und wurde zu einem Gefährten des Propheten. Und ein Mörder wurde durch einen winzigen Gunstbeweis Gottes von seiner Grauen erregenden Psychose befreit und strebte nach einem sehr hohen Rang - einem Rang, der seine natürlichen Fähigkeiten weit überragte und den er letztendlich dann auch erreichte.

Wir alle möchten durch diese Lupe betrachtet werden und hoffen darauf, dass uns der Wind von Vergebung und Verzeihung unablässig umschmeichelt. Wir alle möchten unsere Vergangenheit und Gegenwart der schmelzenden, transformierenden und reinigenden Atmosphäre der Toleranz und der Nachsicht anvertrauen, wir alle möchten sicher und ohne Sorgen in die Zukunft schreiten. Niemandem von uns ist daran gelegen, dass auf Grund unserer Gegenwart unsere Vergangenheit kritisiert und unsere Zukunft verdunkelt wird. Wir alle sehnen uns unser ganzes Leben lang nach Liebe und Respekt. Wir alle wünschen uns Toleranz, Vergebung und den Geschmack von Freiheit und Herzlichkeit. Wir erwarten Nachsicht - von unseren Eltern, obwohl wir zuhause störrisch sind; von unseren Lehrern, obwohl wir uns in der Schule danebenbenehmen; von unseren unschuldigen Opfern, denen wir Unrecht antun und die wir schikanieren; vom Richter und vom Staatsanwalt vor Gericht, von unserem Vorgesetzten in der Armee, vom Polizeibeamten und vom Obersten Richter am Höchsten Tribunal.

Wichtig jedoch ist vor allem, dass wir uns das, was wir erwarten, auch tatsächlich verdienen. Jemand, der nicht vergibt, darf nicht erwarten, dass ihm selbst vergeben wird. Jedem schlägt genau so viel Respektlosigkeit entgegen, wie er selbst respektlos gewesen ist. Jemand, der nicht liebt, ist es nicht wert, selbst geliebt zu werden. Wer nicht die ganze Menschheit mit Toleranz und Vergebung umarmt, verdient es auch nicht, diese selbst gewährt zu bekommen. Wer andere beschimpft, darf von ihnen keinen Respekt erwarten. Wer andere verflucht, wird selbst verflucht, und wer andere schlägt, selbst geschlagen werden. Wenn wahre Muslime koranische Prinzipien wie die folgenden achten, wenn sie ihrem Weg treu bleiben und tief in ihrem Herzen sogar tolerieren können, beleidigt zu werden, dann werden andere auftauchen und die Gerechtigkeit Gottes über jene bringen, die uns beleidigen.

Und diejenigen, die nichts Falsches bezeugen, und die, wenn sie unterwegs leeres Gerede hören, mit Würde (daran) vorbeigehen. (25:72)

Und wenn ihr verzeiht und Nachsicht übt und vergebt, dann ist Allah vergebend, barmherzig. (64:14)

In Ländern, in denen Korruption, Intoleranz und Erbarmungslosigkeit ganz oben auf der Tagesordnung stehen, wird man keiner Gedankenfreiheit, keiner politischen Kritik und keinem Ideenaustausch auf der Basis von Gleichberechtigung und fairen Gesprächen begegnen. Dort macht es keinen Sinn, von den Resultaten von Logik und Inspiration zu sprechen. Meiner Meinung nach ist das der wahre Grund dafür, dass in all den Jahren trotz aller schönen Reden kaum Fortschritte erzielt wurden.

In all den Jahren sind mir unzählige Fälle von unmoralischem Verhalten untergekommen; meine Prinzipien verbieten mir, diese Fälle offen anzusprechen. Und doch haben die Täter ihre Ration Toleranz erhalten. Andererseits wird nach wie vor versucht, unschuldige Menschen als rückständige Fanatiker zu bezeichnen, die theokratische Regime unterstützen. Fundamentalismus lautet eines der Schlagwörter, mit dem sie oft verleumdet werden. Dem Islam wirft man vor, er gehöre nicht mehr in die Zeit. Leider müssen wir oft mit ansehen, dass Menschen, die nichts anderes tun, als ihre religiösen Gefühle auszudrücken, als Reaktionäre, Fanatiker und Fundamentalisten gebrandmarkt werden. Bedauerlicherweise unterscheiden viele nicht zwischen wahrem religiösem Eifer und blindem Fanatismus.

In Gesellschaften, in denen die Individuen einander nicht respektieren, oder in Ländern, in denen der Geist der Nachsicht noch nicht fest verwurzelt ist, ist es nicht möglich, Themen wie allgemein gültige Werte oder das kollektive Gewissen anzusprechen. In diesen Ländern verschlingen sich entsprechende Ideen im Netz der Konflikte gegenseitig. Dort verpufft die Arbeit der Denker ergebnislos, und dort kann es keine Gedankenoder Glaubensfreiheit geben. In diesen Ländern stützt sich die Staatsmacht nicht auf ein wirklich gerechtes System, selbst wenn es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. An Orten, an denen keine Toleranz herrscht, sucht man vergebens nach wirklich ausgezeichneten Medien, gelehrten Gedanken oder fruchtbaren kulturellen Aktivitäten. Schaut man sich die Dinge, die dort diese Namen tragen, genauer an, entdeckt man nichts als nutzlose und einseitige Bemühungen, deren Aufgabe allein darin besteht, bestimmte Gedanken und Einstellungen populär zu machen. Sich von ihnen irgendwelche frischen, konstruktiven und viel versprechenden Impulse zu erwarten, hat keinerlei Aussicht auf Erfolg.

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