Futuwwa (Jugend und Ritterlichkeit)

Futuwwa (Jugend und Ritterlichkeit) ist ein Begriff, der ver-schiedene Tugenden wie Großzügigkeit, Freigebigkeit, Anspruchs-losigkeit, Keuschheit, Vertrauenswürdigkeit, Treue, Barmherzigkeit, Wissen, Bescheidenheit und Frömmigkeit in sich vereint; futuwwa bezeichnet eine der Stationen, die der Reisende auf dem Weg zu Gott passiert, und eine Dimension der Heiligkeit.

Futuwwa ist außerdem durch praktizierende Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Friedfertigkeit gekennzeichnet. Sie ist eine unentbehrliche Dimension guten Verhaltens und guten Charakters und ein bedeutender Aspekt der Menschlichkeit.

Der Begriff ,futuwwa' leitet sich von fata' (junger Mann) ab und wurde mit der Zeit ein Symbol der Rebellion gegen alles Böse und für den Dienst an Gott. Folgende Koranverse bringen dies schön zum Ausdruck:

Sie waren junge Männer, die an ihren Herrn glaubten, und Wir ließen ihnen zunehmend Rechtleitung zukommen. Und Wir stärkten ihre Herzen, als sie aufstanden und sagten: „Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Nie werden wir einen (anderen) Gott außer Ihm anrufen; sonst würden wir ja etwas Unsinniges aussprechen.[1]

Der Vers Sie sagten: „Wir hörten einen jungen Mann von ihnen reden; Abraham heißt er."[2] weist uns auf die Stellung und den Einfluss von jemandem hin, der in seiner Gemeinde vollkommene futuwwa erlangt hatte, von jemandem, dessen Ziel es war, die ganze Menschheit zur Wahrheit zu führen. Andere junge Männer, z.B. diejenigen, die in den beiden Koranversen Und mit ihm kamen zwei junge Männer ins Gefängnis.[3] und ...er sagte zu seinen Dienern: „Steckt ihre Ware in ihre Satteltaschen."[4] erwähnt werden, waren gewöhnliche Männer, die sich nicht durch diese Ritterlichkeit auszeichneten.

Schon seit der Frühzeit des Islam wurde viel über Ritterlichkeit geschrieben. So existieren unterschiedlichste Ansichten über die Inhalte dieses Begriffs. Futuwwa kann bedeuten,

1) die Armen nicht zu verachten und sich nicht vom Reichtum und von den Reichen blenden zu lassen;
2) jedermann fair gegenüber zu treten, ohne solche Fairness auch von anderen zu erwarten;
3) ein Leben lang darum zu ringen, die fleischlichen Gelüste unter Kontrolle zu halten;
4) ständig auf andere Rücksicht zu nehmen und für sie da zu sein;
5) Götzen und alles, was vergöttert wird, zu zerstören, sich gegen jede Art von Falschheit zu wenden und sich so für Gott, den Allmächtigen, aufzuopfern;
6) alles, was an Bösem geschieht, auf sich zu nehmen, aber aufzuschreien, sobald die Rechte Gottes verletzt werden;
7) ein ganzes Leben lang Reue selbst für die kleinste Sünde zu empfinden, die Sünden anderer - wie groß sie auch sein mögen - aber zu übersehen;
8) sich selbst als armen niedrigen Diener einzuschätzen, andere aber für heilig zu halten;
9) anderen vorbehaltlos zu begegnen und auch zu jenen Menschen Beziehungen zu pflegen, die selbst anderen gegenüber Ressentiments haben, sowie freundlich zu jenen zu sein, die andere verletzen;
10) jedem anderen im Dienst an Gott und den Menschen voraus zu sein, andere aber den Lohn dafür einstreichen lassen.

All diese Beschreibungsansätze werden in den vier Tugenden, die Haydar Karrar - Ali, der vierte Kalif und Cousin des Propheten - verkündete, zusammengefasst:

Futuwwa heißt,

1) auch dann zu vergeben, wenn es möglich ist zu bestrafen;
2) auch dann Gnade walten zu lassen und sich freundlich und umgänglich zu geben, wenn man wütend ist;
3) selbst einem schlimmen Feind Gutes zu wünschen und Gutes zu tun;
4) dem Wohlergehen und Glück anderer selbst dann stets Aufmerksamkeit zu schenken, wenn man selbst bedürftig ist.

Ali, der vierte Kalif, verbrachte sein Leben als einer der vorbildlichsten Repräsentanten der Ritterlichkeit. Nachdem er während des Morgengebets in der Moschee von Ibn Muldscham niedergestochen worden war, fragten ihn seine Kinder, die sahen, dass ihr Vater wohl sterben würde, was sie seiner Meinung nach mit dem Attentäter machen sollten. Ali befahl ihnen nicht, ihn zur Vergeltung zu töten.[5] Zuvor hatte er während eines Gefechts einmal einen Feind zu Boden gerissen und wollte ihn gerade töten. Genau in dem Moment aber spuckte der Feind Ali ins Gesicht. Daraufhin ließ Ali ihn zu seiner Überraschung laufen. Durch sein Spucken hatte er Ali so wütend gemacht, dass dieser plötzlich befürchtete, sein Motiv für die Tötung des Mannes würde durch seinen Zorn beeinträchtigt und beschmutzt werden; so ließ er also von ihm ab.[6] Bei anderer Gelegenheit war Ali aufrichtig betrübt, als er hörte, einer der Gefährten des Propheten, mit dem er sich nicht gut stand, sei getötet worden.[7] Da er immer auch dann zuerst an andere dachte, wenn er selbst bedürftig war, trug er für gewöhnlich im Winter Sommerkleidung und litt unter der Kälte.[8] Man sagt, es werde nie wieder einen jungen Mann mit der Ritter-lichkeit Alis geben und auch sein Schwert werde für immer seines-gleichen suchen.[9]

Ali lebte ständig in der Gesellschaft des Propheten und wurde von ihm erzogen. Er führte ein vollkommenes, ehrenhaftes und reines Leben ohne irgendeinen Makel. Er verkörperte die Antwort Gottes auf die Frage Mose, was genau denn unter futuwwa zu verstehen sei: Es bedeutet ...dass du in der Lage bist, Mir dein Selbst so rein und makellos zurückzugeben, wie du es dir von Mir genommen hast.

Ein Mann, der fata' (jung und ritterlich) genannt werden darf, ist daran zu erkennen, dass sein Geist, der mit dem Potenzial erschaffen wurde, die Einheit Gottes und den Islam akzeptieren zu können, voll und ganz von der Einheit Gottes überzeugt ist und ihn dazu drängt, so zu leben, wie es diese Überzeugung verlangt. Weiterhin muss ein solcher Mann, ohne dass er sich von den körperlichen Gelüsten seines Fleisches steuern ließe, ein reines, spirituelles Leben führen und sich zum Ziel setzen, Gott in all seinen Handlungen, Gedanken und Gefühlen zu gefallen. Jemand, dem es nicht gelingt, den Versuchungen seines fleischlichen Selbst, dem Teufel, seinen Trieben, der Liebe zur Welt oder dem Festhalten am weltlichen Leben zu entrinnen, kann unmöglich den Gipfel der Ritterlichkeit erklimmen.

„Die Futuwwa ist ein Schatz, den man heben kann, indem man weit über ,die höchsten Berge der Welt' hinaus klettert.
Was lässt sich also über diejenigen sagen, die schon auf ebener Straße dieses Schatzes überdrüssig werden?"


[1] 18:13-14
[2] 21:60
[3] 12:36
[4] 12:62
[5] Ibn Athir, Usd al-Gaba, 4.118
[6] Schamsaddin Sivasi, Manaqib Dschiiharyar Guzin, S. 258
[7] Haythami, Madschma' az-Zawa'id, 9.150
[8] Haythami, Madschma' az-Zawa'id, 9.122
[9] Ali al-Qari, Asrar al-Marfu'a"

 

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