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Warum haben manche türkische Kritiker die Bewegung als eine Sekte bezeichnet?

Geschrieben von Muhammed Çetin am . Veröffentlicht in Fragen und Antworten zur Gülen-Bewegung

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Fethullah Gülen

Die Türkei ist ein laizistischer Staat, dessen Gewissens- und Versammlungsfreiheit zu einer Zeit definiert wurden, als Religionsgemeinschaften und religiöse Orden offiziell gar nicht existierten (weil sie nicht der Kontrolle des Staates unterlagen). In den Anfängen der türkischen Republik wurden dann eine Reihe von neuen Gesetzen erlassen, die die religiösen Orden (die Tariqas), die Glaubensgemeinschaften (muslimische, christliche und jüdische) und die Praktizierung der Religion in der Öffentlichkeit einschränkten. Nichtsdestotrotz überlebten die Glaubensgemeinschaften und die religiösen Orden nicht nur, sondern konnten sich auch erneuern und haben mittlerweile wieder an Bedeutung gewonnen. Die moderne Institutionalisierung und Organisation der Türkei hat an Boden verloren, während die auf der Religion basierende Geschwisterlichkeit und Solidarität, die ja eine grundlegende Form der sozialen Organisation darstellt, überdauert hat. Diese Grundform der Organisation - nach Bottom-up-Prinzip, zivil, vom Glauben inspiriert - ist ein unverzichtbares soziales Kapital für die Modernisierung des Landes. Ihr Erfolg wird aber von der protektionistischen Elite mit Argwohn betrachtet und als potenzielle oder tatsächliche Gefahr für die Grundlagen des Staates beschrieben.

Die Tatsache, dass die türkische Verfassung dem Laizismus verpflichtet ist, impliziert, dass Menschen für die Zugehörigkeit und Unterstützung religiöser Orden oder Sekten verfolgt werden können (und in der Tat mussten schon viele Menschen diese Erfahrung machen). Da es keine Ethik-Charta gibt, die von allen Akteuren in der türkischen Politik akzeptiert wird, ist ein moralisches Vakuum entstanden. Weite Teile der Politik sind zu einem „Raum für dunkle Machenschaften und für Doppelzüngigkeit [und] zu einem Quell der Korruption verkommen“.[1] Politik in der Türkei beruht leider häufig auf Protektionsbeziehungen (wie man sie euphemistisch nennt), um derentwillen Konzepte wie Religion und säkulare Demokratie missbraucht werden. Die Begriffe Sekte und Kult etwa werden wahllos von laizistischen Kritikern ins Feld geführt, um Glaubensgruppen oder -gemeinschaften zu verunglimpfen.

In diesem sozio-politischen Kontext ist der Vorwurf, die eigentlich unpolitische Hizmet-Bewegung sei eine rückwärtsgewandte und daher subversive Sekte, ein gängiges Mittel, um die Bewegung und die Dienste ihrer Mitwirkenden zu delegitimisieren. Vorwürfe dieser Art wurden mehrfach erhoben, doch nach türkischem Recht konnten der Bewegung weder Verstöße gegen das Vereinsrecht noch rechtswidriges Handeln oder eine Verschwörung nachgewiesen werden. Ideologisch motivierte Staatsanwälte und die hinter ihnen stehenden protektionistischen Gruppen haben Gülen und diverse Mitwirkende in der Bewegung mehrfach verklagt, aber nicht ein einziges Mal haben sie auch nur eine Verurteilung gegen eine Person aus der Bewegung erwirken können.

Auch Fethullah Gülens Werke waren wiederholt Gegenstand von Untersuchungen, mit dem immer gleichen Resultat: Die Behörden fanden keinerlei Hinweise darauf, dass er die Interessen einer religiösen Sekte unterstützt, die Gründung einer Religionsgemeinschaft vorangetrieben, die Religion zu politischen oder persönlichen Zwecken missbraucht oder sich einer Verletzung der Grundprinzipien des Staates und seiner Ordnung schuldig gemacht hätte. Fethullah Gülen interpretiert in seinen Arbeiten den Koran und die Sunna, gibt religiöse und moralische Ratschläge und ermuntert die Menschen, gute und ordnungsliebende Bürger zu sein.

[1] M. H. Yavuz & Esposito, J. L. [Hrsgs.]; Turkish Islam and the Secular State: The Gülen Movement; Syracuse 2003, xxii

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