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Sehen die Mitwirkenden in Fethullah Gülen eine Art charismatischen Führer?

Geschrieben von Muhammed Çetin am . Veröffentlicht in Fragen und Antworten zur Gülen-Bewegung

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Fethullah Gülen

Charismatisierung ist ein Prozess, der in Sekten und Kulten zu beobachten ist und darauf abzielt, den Führer der Gruppe in den Rang eines besonderen Wesens zu erheben, in den Augen der Sektenmitglieder sogar in den eines Überwesens. Im Zuge dessen werden Mythen über die Kindheit dieses Führers konstruiert, Orte, die er besucht hat, verherrlicht, Gegenstände, die er benutzt und berührt hat, für heilig erklärt etc. Es wird das Bild eines höheren Wesens gezeichnet, das bereit ist, sich auf die Ebene der gewöhnlichen Menschen herabzulassen. Die Charismatisierung durch seine Anhänger enthebt den Führer jeder Verantwortung, lässt ihn unberechenbar werden und gestattet ihm, seine Autorität willkürlich auszuüben und zu missbrauchen. Ausgestattet mit dieser Macht und befreit von allen Regeln und Traditionen kann er seinen Anhängern fortan diktieren, wie sie ihr Leben zu gestalten haben: wen sie heiraten, ob sie Kinder bekommen dürfen, welche Arbeit sie tun, wo sie leben (unter Umständen sogar, ob sie überhaupt weiterleben) und so weiter bis hin zu den banalsten Details des Alltags. Diese Autorität gilt uneingeschränkt, und obendrein kann er seine Entscheidungen und Befehle ganz nach Lust und Laune von einem Augenblick auf den anderen ändern.

Im krassen Gegensatz zu dieser Art von Charismatisierung steht es für die Mitwirkenden in der Hizmet-Bewegung gar nicht zur Debatte, Fethullah Gülen eine solch uneingeschränkte und willkürliche Autorität zuzugestehen. Jeder, der ihn kennt und in Kontakt mit ihm steht, schätzt und respektiert Gülens Wissen, seine Askese, Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Expertise in religiösen, spirituellen und intellektuellen Dingen. Doch ist diese Hochachtung nicht mit einer sakralen Verehrung oder Charismatisierung seiner Person verbunden. Die gängige Beschreibung Gülens als Oberhaupt der Bewegung - eine Darstellung, die er selbst weder jemals akzeptiert noch gutgeheißen hat - hat nicht dazu geführt, dass er oder irgendwelche anderen Personen als autoritäre Persönlichkeiten aufgebaut worden wären. Die Bewegung war und ist der gemeinschaftlichen Überlegung, Beratung und Beschlussfassung verpflichtet, was ein Abgleiten in Herdenmentalität oder ‚Gruppendenken‘ verhindert.

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