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Eine Gegenüberstellung von Islam und Demokratie

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Ausgewählte Artikel von M. Fethullah Gülen

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Heutzutage ist es schon schwierig genug, über die Religion und insbesondere über den Islam zu schreiben oder zu sprechen. Noch schwieriger ist es jedoch, den Islam mit modernen politischen Systemen zu vergleichen. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass die Religion, die sich im Wesentlichen mit den nicht veränderbaren Seiten des menschlichen Lebens befasst und die Gegenstand der Erfahrung, der Empfindung und des Erlebens ist, in der modernen Kultur mit empirischen Methoden durchleuchtet wird. Anthropologie, Religionswissenschaft, Psychologie und Psychoanalyse analysieren die Religion auf diese Art und Weise. Andererseits halten aber auch viele Menschen, die sich als religiöse Menschen bezeichnen, die Religion für einen Gegenstand der Philosophie bzw. für ein ganz und gar mystisches Phänomen. Im Falle des Islam kommt insofern ein weitere Schwierigkeit hinzu, als dass der Islam sowohl von einigen Muslimen als auch von herrschenden politischen Mächten der modernen Welt als eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ideologie betrachtet wird.

Der Islam ist weder ein mystisches Phänomen noch eine Philosophie oder eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ideologie. Er ist vor allem eine Religion, die auf einer Offenbarung beruht. Sein Stifter ist Gott, der auch die Grundprinzipien dieser Religion definiert hat, und sein Prophet ist Muhammad, der von Gott mit der Aufgabe betraut wurde, die Religion zu verkünden. Ziel dieser Religion ist es in erster Linie, dem Menschen ein glückliches ewiges Leben im Jenseits zu ermöglichen. Darüber hinaus dient der Islam der Sicherung des Friedens, der Ausgeglichenheit und der Gerechtigkeit in dieser Welt. Der Mensch ist nicht allein Gehirn, Gedächtnis, Intellekt, Seele, Herz oder Körper. All diese Dimensionen, die zusammen den Menschen ausmachen, wollen befriedigt werden. Gleichzeitig ist der Mensch ein soziales Wesen, das sowohl mit seinen Mitmenschen in einer von Gerechtigkeit, Solidarität und Hilfeleistung geprägten Atmosphäre zusammen leben sollte, und ein Wesen, dass in eine bestimmte natürliche Umgebung hineingeboren wurde.

Wenn wir das Thema aus einer anderen Perspektive betrachten, stellen wir fest, dass das Leben des Menschen auch Dimensionen hat, die völlig außerhalb des freien Willens des Menschen stehen, und dass er einigen Gesetzen unterworfen ist, die er nicht beeinflussen kann. Auch seine natürliche Umgebung, sein Ökosystem, hat ihre besonderen Gesetze, denen sich der Mensch anzupassen hat, egal ob er diese verändern kann oder nicht. Weitere Punkte entziehen sich außerdem dem freien Willen des Menschen: Zeitpunkt und Ort von Geburt und Tod, Beschaffenheit und Wesensart der Familie, Ethnie, Farbe, Körper und von allem die Frage, ob er überhaupt jemals zur Welt kommt. Die Grundbedürfnisse des Menschen, die Art und Weise, wie diese Grundbedürfnisse gestillt werden, und die Sicherstellung der Funktionen des menschlichen Körpers sind ebenfalls nicht vom Willen des Menschen steuerbar. All diese Faktoren, die das menschliche Leben wie eine Hülle umgeben und ihm einen Rahmen geben, verleihen dem Menschen unveränderliche Dimensionen und Prinzipien.

Der Mensch kommt zur Welt, ohne etwas vom Leben zu wissen und seine Umwelt zu kennen. Er muss alles von Grund auf lernen. Tiere aber scheinen schon vor ihrer Geburt in einer anderen Welt geschult worden zu sein. Sie brauchen sich ihre Fähigkeiten nicht erst anzueignen. Auch das Lernen fällt ihnen leichter. Der neugeborene Mensch hingegen ist vollkommen hilflos und auf fremde Hilfe angewiesen. Allein für das Erlernen des aufrechten Ganges benötigt er etwa ein Jahr. Erst viel später, nach der Pubertät, kann er vielleicht entscheiden, was für ihn vorteilhaft und was schädlich ist. Um das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen kennen zu lernen, braucht er noch viel länger. Bis zu seinem Lebensende lernt er niemals aus. Das Wesen des Menschen besteht in erster Linie aus einem Verstand und unzähligen zum Teil sehr komplexen Gefühlen, die ihn mit seiner Umwelt verbinden. Besondere Schwierigkeiten bereitet ihm seine Existenz im Spannungsfeld zwischen Zukunft und Vergangenheit. Einerseits schleppt er die Leiden der Vergangenheit mit sich herum, andererseits plagen ihn Zukunftsängste. Außerdem ist er zwangsläufig mit Fragen konfrontiert, die sein Dasein auf Erden provoziert: „Wer bin ich, wer oder was hat mich in die Welt geschickt, wer bietet mir auf meiner Reise durch diese Welt Orientierung, was verlangen Leben und Tod von mir?"

Die Wünsche, Ziele und Bedürfnisse des Menschen sind unendlich groß. Er begnügt sich nicht mit einer Blume, und gibt sich auch nicht mit einem Garten zufrieden. Nein, er träumt vielmehr vom Paradies. Sich mit Freunden zu treffen, reicht ihm nicht aus. Stattdessen sehnt er sich danach, entfernte Verwandte und sogar verstorbene Menschen zu sehen, die ihm einmal nahe standen. Seine Sehnsüchte reichen bis in die Ewigkeit.

Manchmal ist er nicht in der Lage das nahe Liegende zu erkennen, gelegentlich aber sprengen seine Vorstellungskraft, seine Gedanken und sein Wissen die Mauern der physischen Welt und dringen bis in die Welten des Jenseits vor. Manchmal ist der Mensch so bedeutungslos wie ein winziger Punkt, dann wieder geht er mit seinen Gefühlen über diese Welt hinaus oder er verstaut die Welt sogar wie einen winzigen Punkt in seinem Herzen.

Im Mittelpunkt aller Diskussionen um Religion, Demokratie andere politische Systeme oder Philosophien sollte der Mensch stehen. Denn nur diese Herangehensweise erlaubt eine präzise und verlässliche Bewertung und Analyse der jeweiligen Diskussionsgegenst.de. Wenn man z.B. die Religion und insbesondere den Islam mit einem demokratischen oder einem anderen politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen System vergleicht, wird man recht schnell erkennen, dass dieser Vergleich hinkt. Denn während sich die Religion ganzheitlich mit Wesen und Leben des Menschen beschäftigt und dabei alle oben genannten Dimensionen mit berücksichtigt, befassen sich politische, soziale und wirtschaftliche Systeme und Ideologien nur mit bestimmten Teilbereichen des gesellschaftlichen Lebens. Darüber hinaus sind sie auf das Diesseits beschränkt und ziehen ein Leben nach dem Tode meistens nicht in Betracht.

Die hier angesprochenen Dimensionen des menschlichen Lebens, mit denen sich die Religion auseinander setzt, sind an keine Zeiten gebunden, sondern allgemein gültig. Sie besaßen für die ersten Menschen die gleiche Bedeutung und Gültigkeit wie für uns heute. Auch in der Zukunft werden sie sich nicht verändern. Weltliche Systeme hingegen sind einem ständigen Wandel unterworfen, sie entwickeln sich zum Positiven wie zum Negativen und passen sich dabei den Bedingungen des diesseitigen Lebens an. Ein Urteil über sie ist immer relativ.

Der Glaube an einen Gott, das Jenseits, Propheten, Offenbarungsschriften, Engel und die Vorherbestimmung unterliegt keinem Wandel. Dies gilt auch für das Gebet zu Gott und für die universellen ethischen Werte, die bereits von den Gesellschaften der ersten Menschen anerkannt und akzeptiert wurden. Wenn wir also die Religion und insbesondere den Islam mit der Demokratie vergleichen, dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren, dass Demokratie keine messbare Größe ist und in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich verstanden wird. Die Religion hingegen hält verschiedene Regeln und Werte für das menschliche Leben bereit. Ein Vergleich zwischen der Demokratie als politisches und gesellschaftliches System und dem Islam muss sich also auf die Lehren Islam für das weltliche Leben beschränken.

Der Hauptausgangspunkt, das Hauptziel und die unveränderlichen Prinzipien des Islam, die von diesem Hauptausgangspunkt und Hauptziel bestimmt werden, spielen auch für die Bestimmung der Prinzipien für die veränderlichen Seiten des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle. In diesem Sinne spricht sich der Islam nicht explizit für eine bestimmte Regierungsform aus. Er fordert die Menschen nicht dazu auf, Staaten nach einem bestimmten Modell zu gestalten. Stattdessen gibt er Grundprinzipien vor, die den Staatsgebilden der Menschen einen gewissen Spielraum lassen. Staatsstruktur und Regierungsform sind den äußeren Rahmenbedingungen anzupassen, ohne dass die Grundprinzipien verletzt werden. Wenn wir Islam und Demokratie einander gegenüberstellen, sollten wir daher diese Grundprinzipien untersuchen und sie mit den Werten der heutigen modernen und freiheitlichen Demokratien vergleichen.

Obwohl demokratische Strukturen kein gänzlich neues Phänomen sind, feierten sie erst mit der Französischen Revolution ihren Durchbruch. Statt dem Monarchen stellte nun das Volk die Regierung. Dem Individuum wurde ein höherer Wert als der Gesellschaft zugebilligt. Jedem Individuum sollte die Freiheit gewährt werden, sein Leben selbst zu gestalten. Natürlich lebten die Menschen damals wie heute in Gemeinschaften zusammen, daher durften die Grundfreiheiten des Menschen dem gesellschaftlichen Leben keinen Schaden zufügen. Entscheidendes Kriterium für eine demokratische Gesellschaft war und ist jedoch, dass sie nach Wohlstand und Glück der einzelnen Individuen strebt.

Der Islam kennt keine Diskriminierung hinsichtlich Rasse, Hautfarbe, Aussehen oder Herkunftsland. Alle Menschen sind hinsichtlich ihres Menschseins und vor dem Gesetz so gleich wie die Kammzacken, wie es ein Hadith auf den Punkt bringt. Auch der Hadith Ihr alle stammt von Adam ab, Adam jedoch aus der Erde. O Diener Gottes, seid Brüder! unterstreicht dieses Gleichheitsprinzip. Dem Islam zufolge sind auch der Besitz von Eigentum und Macht, die Abstammung von einer bestimmten Familie oder eine frühere Geburt nicht mit dem Anspruch verknüpft, über andere gebieten zu dürfen. Der Islam betont, dass das Recht absolute Priorität besitzt. Gerechtigkeit und Gesetz sind im Islam grundlegende Dinge. Jedes Individuum hat demnach bestimmte Rechte, die der Gesellschaft nicht geopfert werden dürfen. Glaube, Vernunft (Recht auf eine gesunde Seele und einen gesunden Geist), Leben, Eigentum und Familie stehen unter besonderem Schutz. Diese Grundprinzipien bilden die Quelle für die Glaubensfreiheit, die freie Praktizierung des Glaubens, das Recht auf Meinungsbildung, auf Privateigentum, auf Eheschlieõng und auf Nachwuchs. Daneben basieren auch Individualität, Intimität und Unantastbarkeit des Lebens auf diesen Grundprinzipien. Im Islam gilt das Prinzip der Individualität von Schuld. Kein Mensch darf für Verstöße gegen Recht und Gesetz durch andere verantwortlich gemacht werden. Außerdem darf ein Mensch erst dann für schuldig befunden werden, wenn seine Schuld zweifelsfrei bewiesen wurde.

Eine wichtige Rolle für den Vergleich zwischen Islam und Demokratie spielt daneben auch die Vorherbestimmung. Ganz im Gegensatz zu jeder Art von Fatalismus und zur fatalistischen (deterministischen) ‚Geschichtlichkeit' der westlichen Geschichtsphilosophien des vorigen Jahrhunderts betrachtet der Islam den Menschen als den Motor der Geschichte. Jeder einzelne Mensch beeinflusst durch seinen freien Willen und sein Verhalten sowohl seine Umwelt im Diesseits als auch sein zukünftiges Leben im Jenseits. Vom Menschen geschaffene Gesellschaften entscheiden letztlich durch ihren Glauben, ihre Weltanschauung und vor allem durch ihre Lebensweise über ihr Schicksal, ihren Aufstieg oder ihren Fall. Der Koranvers Gewiss, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie (die Leute) nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist. (13:11) weist uns darauf hin, dass die Gesellschaften ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Wie ihr seid, so werdet ihr regiert., heißt es in einem Hadith. Die hier beschriebenen Grundprinzipien des Islam sind also zwar nicht mit den demokratischen Prinzipien identisch, stehen aber andererseits auch nicht im Widerspruch zu diesen. Die Prinzipien, die in diesen Aussagen (in dem besagten Koranvers und in dem Hadith) zum Ausdruck kommen, und die Grundprinzipien der Demokratie, der‚ Selbstregierung des Volkes', führen also zum gleichen Ziel.

Die Tatsache, dass der Islam den freien Willen des Menschen für seine eigene Zukunft und die seiner Gesellschaften in den Vordergrund stellt, macht es erforderlich, dass die Regierungsverantwortung dem Volk übertragen wird. Bei der Vermittlung seiner Prinzipien wendet sich der Koran an das ganze Volk: O ihr Menschen, o ihr, die ihr glaubt! Die Pflichten, die der moderne Staat seinen Bürgern auferlegt, korrespondieren im Grunde mit jenen Pflichten, die der Islam den Muslimen auferlegt. Entsprechend ihrer Bedeutung werden die islamischen Pflichten als ‚kollektive Pflichten', ‚kollektive Erfordernisse' oder als ‚kollektive Sunna' bezeichnet. Die Bevölkerung von Staaten kommt diesen Pflichten nach, indem sie die notwendigen Institutionen gründet und so nach dem Prinzip der Arbeitsteilung verfährt. Die Gesamtheit der von den Menschen gegründeten Institutionen bildet dann das Staatsgefüge. Der Islam tritt für einen Staat ein, der auf einem ‚gesellschaftlichen Abkommen' basiert. Eine solche Staatsform sieht freie Wahlen der Bürger zur Entscheidung über die Zusammensetzung des Regierungsapparates vor. Sie verlangt von den an der Regierung beteiligten Parteien, dass sie sich immer wieder zu beratenden Gesprächen zusammenfinden. Das Volk kontrolliert in diesem Staatsmodell die Regierung.

Die Beziehungen zwischen den Menschen sollten dem Islam zufolge nicht auf ‚Stärke', sondern auf ‚Recht' aufbauen.

Ziel des gesellschaftlichen Systems ist dem Islam zufolge, dass Mensch und Gesellschaft tugendhaft sind und dadurch das Wohlgefallen Gottes erlangen. Das Prinzip gegenseitiger Unterstützung und der Solidarität ersetzt im Islam das Prinzip des Konflikts. Als Band zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten akzeptiert der Islam den Glauben sowie gemeinsame Gefühle und Werte, nicht aber Rassismus oder aggressiven Nationalismus. Ziel der gesellschaftlichen Ordnung ist das Hervorbringen reifer und aufgeklärter Menschen, was dadurch erreicht werden soll, dass die Seele des Menschen geschult wird.

Die Gesellschaft soll Barrieren gegen die Angriffe von Gelüsten errichten und die Seele dazu anregen, sich den erhabenen Dingen zu widmen und die Menschen zufrieden zu stellen. Auf diese Weise soll sie die Menschen zur Vervollkommnung ermutigen und sie zu echten menschlichen Wesen machen. Recht verlangt nach Einheit an Stelle von Uneinigkeit und Streit. Tugenden fördern Solidarität. Das Prinzip gegenseitiger Unterstützung bedeutet, dass man sich gegenseitig Hilfe leistet. Der Glaube und gemeinsame Gefühle und Werte sorgen für Brüderlichkeit und Zusammenhalt an Stelle von Feindseligkeit. Wenn die Seele zur Vollkommenheit angespornt wird und der Mensch in seinem ganzen Wesen heranreift, führt das sowohl in dieser als auch der nächsten Welt zu Glückseligkeit.

Die Demokratie ist ein System, das Zeit braucht, das sich entwickelt und entwickeln muss. Bis zum heutigen Tage folgt die Demokratie verschiedenen Entwicklungen und wird dies auch in Zukunft tun. Sie wird zu einem gerechten System heranreifen, das noch mehr auf Menschlichkeit, Recht und Wahrheit beruht. Die Demokratie sollte also alle Seiten des Menschen berücksichtigen. Sie sollte die Bedürfnisse des Menschen achten, ohne die spirituelle und geistige Ebene des menschlichen Entwicklungsprozesses zu vernachlässigen. Die Demokratie sollte ihren Horizont erweitern. Sie sollte das Leben des Menschen nach dem Tode in Betracht ziehen und nicht vergessen, dass der Mensch ein Geschöpf mit Bedürfnissen ist, die nicht mit seinem Tod enden. Wenn sie dies schafft, wird sie in ein Stadium der Reife eintreten, in dem die ganze Menschheit glücklicher sein wird als heute. Islamische Prinzipien von Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz können ihr dabei helfen.

Auf der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend

So wie jede Morgendämmerung, jeder Sonnenaufgang und jeder Frühling für einen Neubeginn und für neue Hoffnung steht, tut dies auch jedes neue Jahrhundert und jedes neue Jahrtausend. Die Menschheit hat in den Rädern der Zeit, über die wir keine Kontrolle haben, immer nach einem neuen Lebensfunken, einem Hauch, so frisch wie der Wind der Dämmerung, gesucht. Immer wieder hat sie gehofft und sich danach gesehnt, dass es genau so einfach wäre, aus der Dunkelheit ins Licht zu treten, wie eine Türschwelle zu überschreiten.

Wir können nur darüber spekulieren, wann die ersten Männer und Frauen auf der Erde erschienen. Sie betraten jedenfalls eine Welt, die sich in Bezug auf die Göttliche Kunst, die sie dokumentiert, auf ihre ontologische Bedeutung und auf ihren Wert, den sie vor allem ihrem höchsten Bewohner, dem Menschen, verdankt, mit dem Himmel vergleichen lässt. Legen wir den von uns heute verwendeten Kalender zu Grunde, befinden wir uns an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nach Christi Geburt (Friede sei mit ihm). Da Zeit jedoch relativ schnell vergeht und voran schreitet, gibt es auf der Welt auch verschiedene Zeitmaße. Der heute maßgeblichen Zeitrechnung zufolge steht die Menschheit an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend. Nach dem jüdischen Kalender befinden wir uns jedoch schon in der zweiten Hälfte des 8. Jahrtausends. Legen wir den hinduistischen Zeitrahmen zu Grunde, leben wir im Kali-Yuga-Zeitalter und laut dem islamischen Kalender nähern wir uns dem Ende der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends.

Wir sollten nicht vergessen, dass das von uns angewandte Maß der Zeit, das Jahrhundert, ebenfalls relativ ist. Während wir nämlich der festen Überzeugung sind, dass ein Jahrhundert 100 Jahre umfasst, lohnt es sich, einmal über die Idee eines 75 Jahre dauernden Jahrhunderts nachzudenken, denn dies entspricht der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen. Demnach hätten wir also schon das vierte Jahrtausend nach der Geburt Jesu und das dritte Jahrtausend nach der Hidschra, die ja den Beginn des islamischen Kalenders markiert. Dieses Thema bringe ich deshalb zur Sprache, weil die bevorstehende Jahrtausendwende auf Grund der schrecklichen Prophezeiungen insbesondere im Westen zum Teil starkes spirituelles Unbehagen hervorruft.

Die Menschen leben stets in Hoffnung, sie sind quasi Kinder der Hoffnung. In dem Augenblick jedoch, in dem sie ihre Hoffnung verlieren, büßen sie auch ihr ‚Lebensfeuer' ein, wobei es keine Rolle spielt, ob ihre physische Existenz bestehen bleibt oder nicht. Die Hoffnung eines Menschen ist direkt proportional zu seinem Glauben. Bezogen auf ein ganzes Jahr nimmt der Winter nur ein Viertel in Anspruch. Auch die Phasen, die ein Individuum oder das gesellschaftliche Leben durchläuft und die dem düsteren Winter ähneln, sind kurz. Die Räder der Göttlichen Handlungen rotieren um eine so umfassende Weisheit und um so barmherzige Zwecke, dass der Wechsel von Tag und Nacht Hoffnung bringt, die Seele wieder aufblühen lässt und jedes Jahr die Erwartung eines Frühlings und Sommers zu uns trägt. Unglückselige Phasen dauern dagegen nicht lange an. Im persönlichen wie auch im Leben eines Staates werden sie schnell von Freude abgelöst.

Der hier angesprochene Wechsel der ‚Tage Gottes', der auf Göttlicher Weisheit basiert, birgt für die, die über Glauben, Einsicht und Auffassungsgabe verfügen, weder Grund zur Furcht noch Anlass zu Pessimismus. Für all diejenigen, die ein besorgtes Herz, innere Wahrnehmung und die Fähigkeit zu hören besitzen, stellt er vielmehr eine Quelle für kontinuierliche Reflexion, Gedenken und Dankbarkeit dar. So wie sich der Tag im Herzen der Nacht entwickelt und der Winter den Schoß versorgt, aus dem der Frühling wächst, so wird durch diesen Wechsel auch unser Leben gereinigt, so reift es und so trägt es die Früchte, die von ihm erwartet werden.

Diese unsere Sichtweise ist weder persönlich noch subjektiv, sondern eine objektive Tatsache der menschlichen Geschichte. Das heißt aber nicht, dass wir den Winter bzw. Ereignisse, die sich dem Winter zuordnen lassen und von Trauer, Krankheit und Unglück begleitet sind, willkommen heißen. Es mag zwar richtig sein, dass Krankheit in bestimmten Fällen die Abwehrkraft des Körpers stärkt, sein Immunsystem kräftigt und medizinischen Fortschritt erbringt, im Allgemeinen ist sie jedoch nachteilig und schädlich. Das Gleiche gilt auch für Unglücke im Himmel und auf Erden. Aus der theologischen Sichtweise heraus resultieren diese aus unseren Sünden und aus Unterdrückung, die ausreichen, um Himmel und Erde zu erschüttern, und aus Handlungen, die mit einem Verbot belegt und von Gesetz und Ethik (religiös oder säkular) verabscheut werden. Auch wenn diese Unglücke unter gewissen Umständen dazu in der Lage sind, Menschen auf ihre Fehler und Versäumnisse aufmerksam zu machen, auch wenn sie Entwicklungen im Bereich der Geologie, der Architektur, der Technik und mit diesen Bereichen zusammenhängenden Sicherheitsfragen vorantreiben mögen, auch wenn es sein kann, dass sie die Gläubigen selbst in den Rang von Märtyrern erheben, verursachen sie doch vor allem Zerstörung und schaden der Menschheit.

Im Koran lesen wir: Wenn nicht Allah den einen Menschen durch den anderen aufhalten würde, wahrlich, so wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Allahs Name so häufig genannt wird, zerstört. (22:40) Mit anderen Worten, Gott wäre in diesem Fall so wenig geachtet, dass Männer und Frauen, die niemanden über sich anerkennen möchten und nicht glauben, dass ihre Taten im Jenseits beurteilt werden, vollkommen vom Weg abkommen würden und die Macht hätten, dabei die Erde für menschliches Leben unbewohnbar zu machen. Es gibt ein Wort Gottes, in dem es heißt: Ihr haltet etwas für schlecht, obwohl es gut für euch ist; etwas anderes haltet ihr für gut, obwohl es euch schadet. Kriege zum Beispiel sind durchaus zulässig. Obwohl sie, solange sie auf bestimmten Prinzipien beruhen und das Ziel verfolgen, eine zu Grunde liegende Situation zu verbessern, durchaus positive Aspekte haben können, sollte sie aber niemand in Anspruch nehmen, denn sie richten viel Schaden an; sie hinterlassen zerstörte Häuser, Familien, Witwen und Waisen.

Die Realitäten des Lebens dürfen jedoch weder vernachlässigt, noch sollten sie ignoriert werden. Die Menschen sind die Spiegel der Namen und Attribute Gottes und unterscheiden sich somit vom Rest der Schöpfung. Sie haben die Ehre, die Verantwortung dafür zu tragen, dass die Erde im Namen Gottes erblüht. Solange sie nicht hinter allem, was ihnen ihr Schöpfer - im Guten oder im Schlechten - schickt, Seine Weisheit und Seine Absichten erkennen können, gelingt es ihnen auch nicht, Verzweiflung und Pessimismus zu entfliehen. In der existenzialistischen Literatur liest man, dass das Leben der Menschen zu einem bedeutungslosen Prozess verkommt. Das Sein wird zu einer irrelevanten Nichtigkeit, dummes Zeug wird zum einzigen Kriterium; Selbstmord wird zu einem verdienstvollen Akt und der Tod wird zur einzig unvermeidlichen Realität.

Die elementare Natur des Menschen

Nachdem wir bislang einleitend die Bereiche behandelt haben, die die Basis unseres Themas bilden, kommen wir nun zu unseren Betrachtungen bezüglich des dritten Jahrtausends.

Die Geschichte der Menschheit begann mit zwei Figuren, die die Essenz der Menschheit in sich vereinigten und sich gegenseitig ergänzten. Während dieser Zeit der Urmutter, des Urvaters und der Familien, die von diesen abstammen, lebten die Menschen ein beschauliches Leben. Sie waren eine Gemeinschaft, in der alle die gleichen Ziele verfolgten und Umwelt und Leben miteinander teilten. Von diesem Tag an blieb die Essenz der Menschheit unverändert und sie wird es auch immer bleiben. Die Realitäten, die unser Leben bestimmen, unsere physische Struktur, die Hauptcharakteristika, die Grundbedürfnisse, die Orte und Zeiten von Geburt und Tod, die Auswahl der Eltern und angeborene physische Eigenschaften sind in ihrem Wesen genauso unverändert geblieben wie die Umwelt, die uns umgibt. Alle diese Eigenschaften und Bedingungen erfordern einige grundlegende und entscheidende konstante Realitäten und Werte. Die Entwicklung und Veränderung der sekundären Realitäten des Lebens sollte auf diesen primären Realitäten und Werten basieren, damit das Leben weiterhin ein weltliches Paradies im Schatten des Himmels bleibt.

Wir haben oberhalb bereits einige Themen angesprochen, die unerfreulich und unbequem sind. Analog dazu gibt es menschliche Charakterzüge, die auf den ersten Blick schlecht zu sein scheinen, wie z.B. Hass, Neid, Feindseligkeit, der Wunsch andere zu dominieren, Gier, Zorn und Egoismus. Auch sind dem Menschen andere angeborene Triebe und Bedürfnisse eigen, die seinen Fortbestand auf dieser Welt gewährleisten. Hierzu gehören das Bedürfnis zu essen und zu trinken sowie die Triebe Lust und Zorn. Alle menschlichen Triebe, Bedürfnisse und Lüste sollten in Richtung der beständigen Werte, die die fundamentalen Aspekte der Menschlichkeit ansprechen, gelenkt und geschult werden. Dann können das Bedürfnis zu essen und das Verlangen, dass mit Lust und Zorn einher geht, gezähmt und in Instrumente des absoluten oder relativen Guten verwandelt werden. Auch Egoismus und Hass können gleichermaßen in Quellen von guten Eigenschaften und Frömmigkeit umgeformt werden. Neid und Rivalität lassen sich so in einen Wettstreit um wohltätige und gute Taten umfunktionieren. Aus dem Gefühl von Feindseligkeit kann Feindseligkeit gegenüber dem Satan, dem größten Feind der Menschheit, und gegenüber dem Gefühl von Feindseligkeit und Hass an sich entstehen. Gier und Zorn lassen sich als Kraft nutzen, die uns dazu anspornt, unermüdlich Gutes zu tun. Egoismus kann auf die fehlerhaften Aspekte des Egos (Nafs) hinweisen und dadurch dazu beitragen, die Seele zu schulen und zu reinigen.

Wie man sieht, lassen sich alle negativen Gefühle in Quellen des Guten verwandeln, wenn man sich nur bemüht und sie angemessen erzieht. Man kann die angestrebte Ebene des ‚Besten der Schöpfung' erreichen, indem man den Weg der Transformation eines potenziellen Menschen zu einem wirklichen und vollkommenen Menschen beschreitet. So ist es möglich, zum besten Symbol, Modell und persönlichen Repräsentanten der Schöpfung und des Seins zu werden.

Trotz dieser Umstände folgen die Realitäten des menschlichen Lebens diesen Richtlinien nicht immer. Oftmals überwältigen die angesprochenen negativen Gefühle und Eigenschaften die Menschen und unterwerfen sie sich ihrer Herrschaft in einem Maße, dass selbst die Religionen, die die Menschen eigentlich zu Frömmigkeit und Güte anleiten, genauso missbraucht werden wie die Gefühle und Eigenschaften, die eigentlich Quellen des beispiellos Guten sind. Das menschliche Leben ist sowohl auf privater Ebene, als auch auf der Ebene der Menschheit als Ganzes das Produkt interner persönlicher Kämpfe, bzw. deren äußerer Manifestationen. Diese Strömungen machen die persönliche Welt des Individuums, die Gesellschaft und die Geschichte zu einem Schauplatz von Gefecht, Streit, Krieg, Unterdrückung und Tyrannei, wobei die Menschen die Folgen zumeist selbst zu tragen haben.

Immerfort ernten Männer und Frauen die Früchte ihrer Handlungen. In der ersten Phase ihrer Geschichte lebte die Menschheit glücklich als eine einzige Gesellschaft, deren Mitglieder Freud und Leid miteinander teilten. Später jedoch unterwarfen sie sich auf Grund ihres Neids, ihrer Gier und dadurch, dass sie die Rechte und das Eigentum anderer begehrten, dem rostigen Joch der Ketten und der Unterdrückung. Die Konsequenz war der Brudermord von Kain an Abel. Die Menschheit begab sich nun auf den Pfad der Zwietracht; und obwohl die Jahrtausende eines nach dem anderen wie Tage, Jahreszeiten und Jahre ins Land gingen, sind wir diesem ‚Kreislauf' weiterhin verhaftet.

Das zweite Jahrtausend

Das zweite Jahrtausend begann mit den Kreuzzügen und dem Eindringen der Mongolen in die islamische Welt, die damals so etwas wie das Herz der Welt und der Geschichte war. Trotz der Kriege und Zerstörungen und trotz der Verbrechen, die mitunter im Namen der Religion oder zur Erlangung einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Vorherrschaft begangen wurden, wurde dieses zweite Jahrtausend Zeuge des Gipfels der östlichen Zivilisationen, die sich auf Spiritualität und metaphysische, universelle und ewige Werte stützten und des Erfolgs der westlichen Zivilisationen, die sich auf die physischen Wissenschaften verließen. Es kam zu bedeutenden geographischen Entdeckungen und zu vielen wissenschaftlichen Neuerungen.

Westliche und östliche Zivilisationen existierten jedoch getrennt voneinander. Zu dieser Spaltung, die es niemals hätte geben dürfen, kam es, weil der Osten Intellekt und Wissenschaft keine Aufmerksamkeit schenkte, sich der Westen aber aus Spiritualität und Metaphysik zurückzog und ewige unabänderliche Werte nicht weiter verfocht. Daraus resultierten in den letzten Jahrhunderten kaum fassbare, schreckliche Katastrophen. Durch die wachsende Arroganz und den Egoismus der Menschen, die sich beide aus seinen Errungenschaften speisen, musste die Menschheit weltweiten Kolonialismus, bestialische Massaker, Revolutionen, die das Leben von Millionen von Menschen forderten, unvorstellbar blutige und zerstörerische Kriege, Rassendiskriminierung, ungeheure soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten und eiserne Vorhänge, die von Regierungen errichtet wurden, deren Ideologie und Philosophie die Essenz, die Freiheit, den Verdienst und die Ehre der Menschheit zu leugnen versuchten, über sich ergehen lasse. Aus diesem Grunde und teilweise wegen einiger Prophezeiungen der Bibel fürchten die Menschen im Westen, dass die Welt erneut in einer Flut von Blut, Eiter und Zerstörung ertrinken könnte. Sie sind pessimistisch und fürchten sich vor dem neuen Jahrtausend.

Unsere Erwartungen an das neue Jahrtausend

Moderne Kommunikations- und Transportmittel haben die Welt in ein großes globales Dorf verwandelt. Diejenigen, die davon ausgehen, dass sich irgendwelche Veränderungen ausschließlich auf ein bestimmtes Land beschränken und sich nicht weiter ausbreiten, verkennen die herrschenden Realitäten. Unsere heutige Zeit ist geprägt von interaktiven Beziehungen. Nationen und Menschen sind mehr als je zuvor aufeinander angewiesen und voneinander abhängig, was wechselseitige Beziehungen enger werden lässt.

Dieses Netzwerk von Beziehungen, dass die Phase brutaler Kolonialisierung überwindet und auf der Grundlage gemeinsamer Interessen basiert, bietet den Schwächeren einige Vorteile. Darüber hinaus wächst, infolge der Fortschritte im Bereich der Technologie, besonders der digitalen elektronischen Technologie, der Erwerb und Austausch von Informationen beständig. Daher tritt der Mensch in den Vordergrund; demokratische Regierungen, die die persönlichen Rechte achten, werden zwangsläufig an die Stelle von repressiven Systemen treten.

Da jedes Individuum anderen Individuen gegenüber wie eine eigene Spezies ist, dürfen individuelle Rechte nicht zu Gunsten der Gesellschaft geopfert werden. Soziale Rechte müssen sich nach persönlichen Rechten richten. Aus diesem Grund rückten die fundamentalen Menschenrechte und Freiheiten, die man in den Offenbarungsreligionen findet, in den Blickpunkt des Westens, der kriegsmüde geworden war. Diese werden auch in Zukunft in jeder Beziehung Priorität genießen. An der Spitze dieser Rechte steht das Recht zu leben, das von Gott gewährt wurde und nur von ihm wieder genommen werden kann. Um hervorzuheben, welche Wichtigkeit diesem Recht im Islam zukommt, lautet ein koranisches Prinzip wie folgt: ...wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten." (5:32)

Andere Rechte sind das Recht auf Freiheit der Religion, des Glaubens, der Gedanken und der Rede, das Recht auf eigenen Besitz, die Unverletztlichkeit des eigenen Hauses, das Recht zu heiraten und Kinder zu haben, das Recht auf Kommunikation und Reisefreiheit sowie das Recht auf, bzw. die Freiheit der Erziehung. Die Prinzipien der islamischen Rechtsprechung basieren auf diesen und anderen Rechten, die auch von den modernen Rechtssystemen alle grundsätzlich akzeptiert werden. Hier zu nennen sind ferner der Schutz des Lebens, der Religion, des Eigentums, der Nachkommenschaft und des Denkens. Dazu kommen die Gleichheit der Menschen, die darauf basiert, dass wir alle menschliche Wesen sind, und die Zurückweisung aller Diskriminierungen auf Grund von Rasse, Hautfarbe oder Sprache. All diese Rechte sollten und werden im neuen Jahrtausend unverzichtbar werden.

Ich glaube und hoffe, dass die Welt des neuen Jahrtausends - entgegen der Befürchtungen einiger Menschen - ein glücklicherer, gerechterer und barmherzigerer Ort sein wird. Islam, Christentum und Judentum stammen alle von der gleichen Wurzel ab, haben nahezu gleiche Grundlagen und erhalten aus der gleichen Quelle Nahrung. Obwohl sie jahrhundertelang als Rivalen aufgetreten sind, machen die übereinstimmenden Punkte zwischen ihnen und ihre gemeinsame Verantwortung, eine glückliche Welt für alle Geschöpfe Gottes zu errichten, einen Dialog zwischen den Religionen erforderlich. Dieser Dialog findet bereits statt und hat sich inzwischen auch auf die Religionen Asiens und die anderer Regionen ausgedehnt. Die Resultate werden positiv ausfallen.

Wie schon oberhalb angedeutet, wird sich dieser Dialog als ein notwendiger Prozess entwickeln; die Anhänger aller Religionen werden Wege finden, einander näher zu kommen sich gegenseitige Hilfestellung zu leisten.

Frühere Generationen wurden Zeuge eines erbitterten Kampfes, den es nie wieder geben soll: Wissenschaft gegen Religion. Dieser Konflikt ermöglichte den Aufstieg des Atheismus und des Materialismus, die das Christentum mehr als alle anderen Religionen beeinflussten. Wissenschaft und Religion können einander jedoch gar nicht widersprechen, denn beide verfolgen das eine Ziel, die Natur und den Menschen, die jeweils eine Komposition der Manifestationen von Gottes Attributen Wille und Macht sind, zu verstehen. Die Quelle der Religion liegt im Göttlichen Attribut der Sprache, das im Laufe der menschlichen Geschichte als Schriften Gottes (zu denen Koran, Evangelien, Torah u.a. zu rechnen sind) manifestiert wurde. Dank der Bemühungen von christlichen und muslimischen Theologen und Wissenschaftlern gibt es Anzeichen dafür, dass der Jahrhunderte währende Streit zwischen Wissenschaft und Religion beigelegt werden oder zumindest dessen Absurdität eingeräumt werden kann.

Das Ende dieses Konflikts und ein neuer Erziehungsstil, der religiöse und wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander verbindet, werden zusammen mit Moralität und Spiritualität für die Aufklärung der Menschen sorgen. Deren Herz wird durch religiöse Wissenschaften und Spiritualität, ihr Verstand durch die positiven Wissenschaften erleuchtet. Sie werden sich in allen Arten von menschlichen Verdiensten und Werten auszeichnen und die ökonomischen und politischen Verhältnisse ihrer Zeit genau kennen. Unsere Welt wird vor ihrem Ableben noch einen wunderbaren ‚Frühling' erleben. Dieser Frühling wird Zeuge davon werden, dass die Kluft zwischen Reich und Arm schmaler wird; er wird beobachten können, dass die Reichen dieser Welt auf gerechte Weise mit Arbeit und Kapital zu ihrem Wohlergehen beitragen; er wird zuschauen können, wie die auf Rasse, Hautfarbe, Sprache und Weltsicht basierenden Diskriminierungen verschwinden und die Grundrechte und -freiheiten des Menschen geschützt werden. Individuen werden in den Vordergrund treten und lernen, ihr Potenzial zu nutzen. Sie werden sich mit den Flügeln der Liebe, des Wissens und des Glaubens auf den Weg zum ‚erhabensten Menschen' machen.

In diesem neuen Frühling, in den Wissenschaft und technologischer Fortschritt mit einfließen, werden die Menschen verstehen, dass die heutige Stufe von Wissenschaft und Technologie der Phase ähnelt, in der ein Kind zu krabbeln beginnt. Die Menschheit wird Reisen in den Weltraum organisieren, die so normal werden wie heutzutage Reisen in andere Länder. Reisende auf dem Weg zu Gott, die sich aufopfern und keine Zeit für Feindseligkeiten haben, werden die Inspirationen ihrer Seelen in andere Welten tragen. Der Frühling wird auf den Grundmauern von Liebe, Barmherzigkeit, Dialog, Akzeptanz anderer, gegenseitigem Respekt, Gerechtigkeit und Rechten aufbauen. Dann wird die Menschheit auch ihre wahre Essenz erkennen. Frömmigkeit und Güte, Rechtschaffenheit und Tugend werden Hauptbestandteil dieser Welt sein. Was auch geschieht, früher oder später wird die Welt dies alles verwirklichen. Niemand kann das verhindern.

Wir beten und bitten den unendlich Barmherzigen Einen, unsere Hoffnungen und Erwartungen nicht zu enttäuschen.

Die Notwendigkeit interreligiösen Dialogs

Die Gefahren von Kriegen und Konflikten, die Wasser- und Luftverschmutzung, weltweite Hungersnöte, die Zersetzung der moralischen Werte usw. sind Probleme, die die Menschen heute beschäftigen und in Sorge versetzen. Im Zuge der Diskussion um diese existenziellen Probleme rücken auch andere Themen in den Vordergrund: Der Friede, die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, Ökologie, Gerechtigkeit, Toleranz und Dialog sind hier nur einige Beispiele. Obwohl bereits viel versprechende Maßnahmen zur Beseitigung der Probleme eingeleitet wurden, ist zu beobachten, dass diejenigen, die sich in verantwortlichen Positionen befinden, dazu neigen, die Natur immer effektiver zu beherrschen und zu kontrollieren, und auf tödliche Waffen vertrauen. Gleichzeitig tragen die Medien und insbesondere auch das Internet zu einem sich immer weiter beschleunigenden Werteverfall bei.

An der Wurzel des Problems stoßen wir auf die materialistische Geisteshaltung, die den Einfluss der Religion auf das gesellschaftliche Leben stark begrenzt. Auf der einen Seite resultiert hieraus ein Ungleichgewicht zwischen Mensch und Natur, andererseits aber auch ein gestörtes Verhältnis zwischen Mann und Frau. Nur wenige Menschen scheinen zu realisieren, dass soziale Harmonie, die Aussöhnung mit der Natur, der Friede zwischen den Menschen und das innere Gleichgewicht des Individuums nur dann verwirklicht werden können, wenn die materielle und die spirituelle Sphäre wieder in Einklang miteinander gebracht werden. Eine Aussöhnung mit der Natur, Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft und persönliche Integrität sind besonders gut dann realisierbar, wenn der Einzelne seinen Frieden mit Gott schließt.

Die Religion versöhnt Gegensätze, die sich eigentlich gegenseitig auszuschließen scheinen: Religion und Wissenschaft, diese Welt und die kommende Welt, Natur und Offenbarungsschriften, das Materielle und das Spirituelle oder Körper und Geist. Die Religion dient uns als Bollwerk gegen die Zerstörungen, die durch die materialistische Geisteshaltung verursacht werden. Sie weist der Wissenschaft einen angemessenen Platz zu und setzt lange schwelenden Konflikten zwischen Nationen und Völkern ein Ende. Leider sind die Naturwissenschaften, die die Menschen ursprünglich zu Gott hinführen sollten, im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zur Quelle eines Unglaubens geworden, wie es ihn in diesem Maße niemals zuvor gegeben hat. Vor allem die westlichen Staaten boten und bieten diesem Unglauben eine Plattform. Das Christentum wiederum ist die Religion, die am meisten von ihm belastet wird. Aus diesem Grunde scheint uns der Dialog zwischen Muslimen und Christen unerlässlich zu sein.

Das Ziel eines Dialogs der Weltreligionen ist aber nicht nur, die materialistische Denk- und Lebensweise zu verurteilen. Nein, dieser Dialog ist fest im Wesen der Religionen verankert. Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und andere Religionsgemeinschaften berufen sich auf viele gemeinsame Werte und verfolgen alle das gleiche Ziel. Als Muslim akzeptiere ich alle Propheten und Bücher, die verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten gesandt worden sind. Diese Anerkennung halte ich gleichzeitig für ein äußerst wichtiges islamisches Prinzip. Ein Muslim ist gleichzeitig Anhänger Abrahams, Mose, Davids, Jesu und aller anderen Propheten. Wer diese Propheten und ihre Schriften nicht anerkennt, ist kein wahrer Muslim. Deshalb akzeptieren wir die grundlegende Einheit der Religionen und die Allgemeingültigkeit des Glaubens innerhalb der einzelnen Religionen. Die Religionen sind Glaubenssysteme, die alle Rassen und Glaubensrichtungen umfassen. Sie sind Straßen, die die Menschen zusammenführen.

Unabhängig davon, wie ihre Anhänger ihren Glauben im Alltag leben, befürworten die Religionen allseits respektierte Werte wie Liebe, Respekt, Toleranz, Vergebung, Barmherzigkeit, Menschenrechte, Frieden, Brüderlichkeit und Freiheit. Diese Werte genießen auch in den Schriften Mose, Jesu und Muhammeds und in den Botschaften Buddhas, Zarathustras, Lao-Tzsus, Konfuzius' und hinduistischer Gelehrter höchste Priorität. Ein Ausspruch des Propheten Muhammad, der unter den Muslimen auf fast einmütige Zustimmung trifft, besagt, dass Jesus am Ende der Zeit auf die Erde zurückkehren wird. Ob er dabei in seiner physischen Gestalt oder im spirituellen Sinne wiederkommen wird, ist umstritten. Was wir jedoch wissen ist, dass die bereits erwähnten allseits respektierten Werte am Ende der Zeit die gleiche Wertschätzung Gottes erfahren werden wie zu jener Zeit, als Jesus auf der Erde weilte. Da Jesus zu den Juden gesandt worden war und weil alle jüdischen Propheten diese Werte in Ehren hielten, sollten auch wir großen Wert darauf legen, den Dialog mit den Juden zu führen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Islam, Christentum und Judentum sind in jedem Falle unerlässlich.

Zwischen Juden und Muslimen gibt es ebenso viele Gemeinsamkeiten wie zwischen Christen und Juden. Beispiele für ein problemloses Zusammenleben von Muslimen und Juden finden sich in der Geschichte zuhauf. Diskriminierungen, eine Verweigerung der Menschenrechte oder gar Genozid und Holocaust sind Phänomene, die in den Beziehungen zwischen diesen beiden Glaubensgemeinschaften keinen Platz hatten. Im Gegenteil, z.B. im Osmanischen Reich wurden Juden bereitwillig aufgenommen, als sie in anderen Ländern verfolgt wurden.

Der Dialog zwischen den Religionen ist heutzutage ein Muss. Darum sollten wir auch die Vergangenheit ruhen lassen, Polemik vermeiden bzw. ignorieren und uns lieber auf unsere gemeinsamen Standpunkte und Wurzeln besinnen. Auch auf Seiten kirchlicher Autoritäten bis hin zum Papst und westlichen Gelehrten und Wissenschaftlern hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Der Islam wird meistens nicht länger verdammt und als Glaube an den Gott Abrahams wahrgenommen. Auch der Prophet Muhammed wird inzwischen mit anderen Augen gesehen. Papst Johannes Paul II. erklärte sogar, dass die Muslime Gott am gewissenhaftesten verehren, und betonte, dass sich die Christen in dieser Hinsicht ein Beispiel an den Muslimen nehmen könnten.

Über 1400 Jahre lang waren Muslime und Christen zerstritten. Aus westlicher Perspektive haben die Muslime das Abendland immer wieder bedroht. Doch dieser ständig schwelende Konflikt mit dem Christentum hat auch die Muslime dazu verleitet, nicht mit dem Westen zusammen, sondern gegen ihn zu arbeiten. Dank moderner Transportmittel und neuartiger Massenkommunikationsmittel ist die Welt jedoch in jüngster Zeit zu einem globalen Dorf geworden, in dem alle Beziehungen interaktiv sind, in dem jeder vom anderen abhängig ist. Der Westen kann den Islam oder die von ihm geprägten Länder nicht länger auslöschen, und die islamischen Armeen können nicht länger gegen den Westen marschieren.

Je weiter sich diese Beziehungen vertiefen und je enger die Welt zusammenwächst, desto stärker wird der einzelne Mensch empfinden, dass er nicht nur nehmen kann, sondern auch geben muss. Der Westen besitzt die wissenschaftliche, technologische, ökonomische und militärische Vorherrschaft. Der Islam aber verfügt über einen noch viel wichtigeren und lebensnotwendigeren Faktor: den Glauben. Die Religion des Islam, die von Koran und Sunna repräsentiert wird, hat sich die Frische des Glaubens, ihre spirituelle Essenz, ihre Menschenfreundlichkeit und ihre Moralität über 14 Jahrhunderte hinweg bewahrt. Darüber hinaus besitzt sie das Potenzial, den Muslimen, die über Jahrhunderte wie erstarrt waren, und anderen Menschen, die im Sumpf des Materialismus zu versinken drohten, neues Geist und Leben einzuhauchen.

Die Religion hat den Angriff eines Unglaubens, der auf Wissenschaft und Philosophie basiert, keineswegs schon jetzt überstanden. Wer kann uns denn garantieren, dass dieser Sturm in Zukunft nicht noch viel heftiger blasen wird? Die hier angesprochenen und andere Faktoren verbieten es den Muslimen, den Islam in erster Linie als eine politische Ideologie oder als ein ökonomisches System zu sehen. Auch erlauben sie es den Muslimen nicht, den Westen, die Christen, die Juden, die Buddhisten und andere große Religionen nur aus der historischen Perspektive zu betrachten und ihre Haltung ihnen gegenüber entsprechend zu definieren.

Wenn diejenigen, die den Islam als politische Ideologie einsetzen und die wahre Bedeutung und Funktion der Religion vernachlässigen, ihre ‚pseudo-islamischen' Aktivitäten und Standpunkte noch einmal überdenken, dann werden sie entdecken, dass sie zumeist aus persönlichen, nationalen und ähnlichen Motiven heraus handeln.

Wir sollten den Islam von A bis Z akzeptieren und damit eine islamische Einstellung zum Ausgangspunkt unserer Handlungen machen, nicht aber irgendwelche konkreten Zustände der Unterdrückung. Der Prophet definierte wahre Muslime als Menschen, die mit ihren Worten und Taten niemandem schaden, und als die aufrichtigsten Repräsentanten eines Friedens, der die ganze Welt umspannt. Muslime sollten sich dieser Verantwortung bewusst sein. Anstatt Grausamkeit und Leid zu verbreiten, sollten Muslime eher dazu beitragen, die Welt sicherer und angenehmer zu gestalten. Verbale Entgleisungen wie Verleumdung, ungerechtfertigte Beschuldigungen, Beleidigungen und Spott sind genauso schlimm wie physische Vergehen und sollten absolut vermieden werden.

Muslime dürfen nicht wie auch immer geartete ideologische, persönliche oder politische Interessen verfolgen und sie dann in ein islamisches Gewand kleiden. Ebenso wenig dürfen sie eigene Wünsche als islamische Gedanken verkaufen. Wenn die Muslime dies berücksichtigen, wird sich auch das Islam-Bild der Medien in Zukunft verändern. So, wie es sich heute darstellt, resultiert es vor allem aus einer Instrumentalisierung des Islam für eigene Interessen durch Muslime wie auch durch Nicht-Muslime.

Wer die Welt verändern möchte, muss sich zunächst selbst verändern. Wer anderen den Rat geben will, den Weg zu einer besseren Welt zu beschreiten, muss zuallererst seine eigene innere Welt von Hass, Groll und Neid befreien und seine äußere Welt mit Rechtschaffenheit schmücken. Wer sich selbst nicht unter Kontrolle hat und keine Selbst-Disziplin kennt, wer also seine Gefühle nicht veredelt, der erscheint vielleicht auf den ersten Blick anziehend und verständnisvoll. Er wird andere Menschen aber nur vorübergehend für sich einnehmen können. Die Sympathie, die man ihm entgegenbringt, wird sich schon nach kurzer Zeit in Luft auflösen.

Frömmigkeit, Schönheit, Aufrichtigkeit und Tugendhaftigkeit sind die Essenz der Welt und der Menschheit. Was immer auch geschehen mag - irgendwann wird die Welt diese Essenz finden. Niemand wird das verhindern können.

Der Islam - Eine Religion der universellen Gnade und Barmherzigkeit

Das Leben ist die größte und offensichtlichste Gunst Gottes, des Allmächtigen, und das wahre und immer währende Leben ist das Leben im Jenseits. Der Mensch kann sich dieses Leben verdienen, indem er so handelt, dass er das Wohlgefallen Gottes findet. Darum hat Gott die Propheten gesandt und aus Mitgefühl für die Menschheit Seine Heiligen Schriften offenbart. In der Sure Ar-Rahman spricht Er von seinen Gunstbeweisen:

Der Erbarmer hat den Koran gelehrt. Er hat den Menschen erschaffen. Er hat ihm das deutliche Reden beigebracht. (55:1-4)

Alle Aspekte dieses Lebens sind ein Test für das Jenseits, und jedes Geschöpf handelt allein aus diesem Grunde. Jede Bemühung kündet von einer Ordnung, und jede Leistung birgt Mitgefühl. Einige‚ Naturereignisse' und soziale Umwälzungen der menschlichen Ordnung, die uns auf den ersten Blick fatal erscheinen, sind in Wirklichkeit sehr wohl mit dem Mitgefühl in Einklang zu bringen. Sie ähneln dunklen Wolken, Blitzen oder Donner, die uns zwar erschrecken mögen, aber dennoch gute Kunde in Form von Regen bringen. Das ganze Universum, von den kleinsten Teilchen hin zu den gewaltigsten Galaxien, singt das Loblied des Mitfühlenden Einen.

Der Prophet Muhammad ähnelt einer Quelle reinen Wassers im Herzen einer Wüste oder einer Lichtquelle in der Dunkelheit, die das Universum einhüllt. Die Gnade fungierte in den Händen des Propheten wie ein magischer Schlüssel. Mit diesem Schlüssel öffnete er selbst verhärtete und eingerostete Herzen, von denen niemand mehr glaubte, dass sie sich jemals wieder öffnen ließen, und entzündete in ihnen eine Fackel des Glaubens.

Der Gesandte Gottes verkündete den Islam, die Religion der universellen Gnade. Doch trotz alledem klagen gewisse ‚Meister des Humanismus' den Islam an, eine ‚Religion des Schwertes' zu sein. Sie haben Unrecht.

Mitgefühl ist äußerst behutsam zu handhaben und nur an diejenigen zu verschenken, die es wirklich verdienen. Mitgefühl für einen Wolf kurbelt nur dessen Appetit an. Er wird sich nicht mit dem zufrieden geben, was er bekommt, sondern immer mehr verlangen. Mitgefühl für einen aufsässigen Menschen wird diesen nur noch aggressiver machen und ihn dazu ermutigen, andere zu beleidigen. Mitgefühl erfordert vielmehr, dass man Menschen davor bewahrt, etwas Falsches zu tun. Der Gesandte Gottes sagte: Hilf deinem Bruder, egal ob er gerecht oder ungerecht ist. Die Gefährten fragten ihn daraufhin: „Wie sollen wir einem ungerechten Bruder helfen?" Also entgegnete er ihnen: Ihr helft ihm dadurch, dass ihr ihn davor bewahrt, ungerecht zu handeln. Mitgefühl verlangt also auch, dass jemand, der sich daran erfreut, Gift wie eine Schlange zu verspritzen, entweder seines Giftes beraubt oder davon abgehalten wird, andere zu vergiften. Anderenfalls würden wir die Verwaltung dieser Welt den ‚Kobras' "erlassen.

Das Mitgefühl des Gesandten Gottes galt allen Geschöpfen. Er war sowohl ein unbesiegbarer Oberbefehlshaber als auch ein fähiger Staatsmann. Er wusste, wenn er die Welt den blutrünstigen und mordlustigen Menschen überließe, würde er die unterdrückten und ungerecht behandelten Menschen der Gewaltherrschaft ausliefern. Sein Mitgefühl versprach dagegen ein Leben in größter Sicherheit vor den Angriffen der Wölfe. Er wünschte sich, dass alle Menschen Rechtleitung erfuhren. Dies war seine größte Sorge, wie auch der Koran betont:

So wirst du dich vielleicht noch aus Kummer über sie zu Tode grämen, wenn sie dieser Rede keinen Glauben schenken. (18:6)

Aus seinem Mitgefühl heraus hob er, als er in der Schlacht von Uhud schwer verletzt wurde seine Hände gen Himmel und betete:

O Gott, vergib meinen Männern, denn sie kennen (die Wahrheit) nicht.1

In Mekka bürdete ihm sein eigenes Volk Leiden aller Art auf. Schließlich zwang es ihn, nach Medina zu emigrieren, und erklärte ihm fünf Jahre später sogar den Krieg. Doch als der Gesandte Gottes im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Prophetenschaft Mekka ohne Blutvergießen eroberte, ließ er die Götzenanbeter Mekkas über sich urteilen: Was glaubt ihr, wie ich euch behandeln werde?„Du bist ein ehrenhafter Mann, der Sohn eines ehrenhaften Mannes!", entgegneten sie ihm. Da verkündete er, was er mit ihnen zu tun gedachte:

Ihr könnt gehen! Euch sollen heute keine Vorwürfe gemacht werden. Gott wird euch vergeben. Er ist der Gnädigste der Gnädigen.2

Vor allem das Mitgefühl des Gesandten Gottes gegenüber den Gläubigen war unbeschreiblich groß. Der Koran charakterisiert es im folgenden Vers:

Wahrlich, ein Gesandter aus eurer Mitte ist zu euch gekommen; es schmerzt ihn sehr, wenn ihr unter etwas leidet; er setzt sich sehr für euer Wohl ein; gegen die Gläubigen ist er mitleidig und barmherzig. (9:128)

Er senkt seine Flügel auf die Ungläubigen und steht den Gläubigen näher als diese sich selbst. (15:88; 33:6)

Das Mitgefühl des Gesandten Gottes schloss sogar die Heuchler und die Ungläubigen mit ein. Obwohl er die Heuchler die ganze Zeit durchschaute, stellte er sie nie bloß. Auf Grund ihres vorgetäuschten Glaubensbekenntnisses und ihres scheinbar mit der Religion konformen Handelns genossen sie die gleichen Rechte wie alle anderen.

Da sie unter den Muslimen lebten, mag es sein, dass ihr mangelnder Glaube an ein ewiges Leben nach dem Tod in Skepsis umschlug. Ihre Furcht vor dem Tod und die Qualen, die ein sicheres Wissen um ewige Nicht-Existenz nach dem Tod hervorruft, wurden wahrscheinlich gelindert. Was die Ungläubigen betrifft, so befreite Gott sie von der vollständigen Vernichtung. Vorher hatte Er ja bereits viele Völker ausgelöscht:

Allah aber wollte sie nicht bestrafen, solange Du unter ihnen weiltest, noch wollte Allah sie bestrafen, während sie um Vergebung baten. (8:33)

Dieser Vers bezieht sich nicht nur auf die Ungläubigen zu Lebzeiten des Gesandten Gottes, sondern auch auf alle, die nach ihm lebten. Gott wird die Menschheit nicht völlig zu Grunde richten, solange noch Anhänger des Propheten Muhammad in der Welt leben. Gott hält die ‚Tür der Reue' bis zum Jüngsten Tag geöffnet. Jeder Mensch, kann zum Islam konvertieren oder Gott um Verzeihung bitten, egal wie groß seine Schuld auch sein mag.

Die vermeintliche Feindseligkeit eines Muslims gegenüber Ungläubigen ist also in Wirklichkeit nichts anderes als Mitgefühl. Als Umar, der zweite Kalif, einmal einen 80-jährigen Priester sah, setzte er sich nieder und begann zu weinen. Auf die Frage, warum er denn weine, antwortete er: „Gott hat ihm eine so lange Lebensspanne gewährt, aber er hat es nicht geschafft, den Pfad der Wahrheit zu finden." Umar wiederum war ein Schüler Muhammads, von dem die folgenden Aussprüche stammen:

Ich bin nicht jemand, der gekommen ist, die Menschen zu verfluchen, sondern ich kam als eine Gnade.3

Ich bin Muhammad und Ahmad (der Gepriesene)und Muqaffi (der letzte Prophet). Ich bin auch Haschir (der letzte Prophet, in dessen Gegenwart die Toten wieder zum Leben erweckt werden) und der Prophet der Reue (der Prophet, für den die ‚Tür der Reue' immer offen steht) und der Prophet der Gnade.4

Besonders mitfühlend war der Gesandte Gottes gegenüber Kindern. Wann immer er ein Kind weinen hörte, setzte er sich daneben und teilte seine Gefühle mit ihm. Er spürte die Sorge einer Mutter um ihr Kind mehr als die Mutter selbst. Einmal sagte er:

Ich stand im Gebet und dachte daran, noch etwas länger zu beten. Doch dann hörte ich den Schrei eines Kindes und beendete es aus der Sorge heraus, die eine Mutter fühlt.5

Er pflegte die Kinder in den Arm zu nehmen und sie an sich zu drücken. Als er einmal gerade dabei war, seinen geliebten Enkeln Hasan und Husayn einen Kuss zu geben, sprach ihn Aqra ibn Habith an: „Ich habe zehn Kinder. Bis zum heutigen Tag habe ich keines von ihnen jemals geküsst." Da erwiderte der Prophet: Wer kein Mitgefühl für andere aufbringt, dem wird auch kein Mitgefühl entgegengebracht.6 Einer anderen Version zufolge sagte Muhammad: Was kann ich für dich tun, wenn Gott dir dein Mitgefühl genommen hat?7

Bei anderer Gelegenheit erklärte der Gesandte Gottes:

Zeigt Mitgefühl für die Menschen auf Erden, damit die Bewohner der Himmel Mitgefühl mit euch haben.8

Als Sa'd ibn Ubada einmal krank war, besuchte ihn der Prophet zu Hause. Er sah seinen treuen Gefährten in einem so schlimmen Zustand, dass ihm die Tränen kamen und er sagte: Gott bestraft keine Tränen und keinen Kummer, sondern Er bestraft diese hier..., und deutete auf seine Zunge.9 Auch als Uthman ibn Mad'un starb, vergoss der Gesandte Gottes viele Tränen.

Ein Angehöriger des Stammes der Banu Muqarrin hatte seine Dienstmagd geschlagen. Die arme Frau wandte sich daraufhin an den Gesandten Gottes, der ihren Dienstherrn rufen ließ und ihn kritisierte: Du hast sie geschlagen, ohne ein Recht dazu zu haben. Deshalb lass sie frei.10 Seine Sklavin freizulassen, war für den Dienstherrn weit vorteilhafter, als für diesen Vorfall erst im Jenseits bestraft zu werden.

Der Gesandte Gottes setzte sich stets und auch schon vor seiner Prophetenschaft für Witwen, Waisen, Arme und Behinderte ein. Als er nach der ersten Offenbarung sehr erregt von der Höhle Hira zurückkehrte, ermutigte ihn seine Frau Khadidscha: „Ich hoffe, du wirst der Prophet dieser Umma werden. Du spricht immer die Wahrheit, erfüllst das dir entgegengebrachte Vertrauen, unterstützt deine Verwandten, hilfst den Armen und den Schwachen und gibst deinen Gästen Speise."11

Das Mitgefühl des Gesandten Gottes galt aber nicht den Menschen allein. Er berichtete uns, dass z.B. eine Prostituierte von Gott zur Wahrheit geleitetet wurde und ins Paradies kam, weil sie einem vor Durst sterbenden Hund Wasser gegeben hatte. Eine andere Frau hingegen wurde den Qualen der Hölle überantwortet, weil sie eine Katze verhungern ließ.12

Als der Prophet einmal von einer militärischen Expedition zurückkehrte, holten einige seiner Gefährten Jungvögel aus einem Nest, um sie zu streicheln. Als die Mutter der Jungen dies bemerkte, flog sie um sie herum und stieß dabei laute Schreie aus. Muhammad erfuhr von dem Vorfall, wurde wütend und befahl, die Jungen ins Nest zurückzulegen.13 Er erzählte seinen Gefährten, dass einer der früheren Propheten von Gott dafür getadelt wurde, weil er einen Ameisenbau in Brand gesteckt hatte.14

In Mina sah der Gesandte Gottes einigen seiner Gefährten aus der Ferne dabei zu, wie sie eine Schlange angriffen, um sie zu töten. Die Schlange konnte entkommen. Da merkte er an: Die Schlange ist eurem verwerflichen Handeln entkommen, ebenso wie ihr ihrem entkommen seid.15

Ibn Abbas überliefert uns, dass der Gesandte Gottes einen Mann ermahnte, der gerade damit beschäftigt war, direkt vor einem Schaf, das er schlachten wollte, sein Messer zu wetzen: Willst du es gleich mehrmals töten?16

Er beseitigte alle Unterschiede von Rasse und Hautfarbe. Einmal wurde Abu Dharr so wütend auf Bilal, dass er ihn beschimpfte: „Du Sohn einer Schwarzen!" Bilal ging zum Propheten und erzählte ihm unter Tränen, was passiert war. Der Prophet tadelte Abu Dharr: Trägst du immer noch die Zeichen der Dschahiliya? Abu Dharr bereute, was er gesagt hatte, warf sich auf den Boden und sagte: „Der Kopf Abu Dharrs wird sich nicht eher wieder erheben, bis Bilal mit seinem Fuß über ihn hinweg geschritten ist." Da verzieh ihm Bilal und sie versöhnten sich wieder.17


1 Bukhari, Anbiya, 54; Muslim, Dschihad, 104
2 Ibn Hischam, Sira, 4.55; Ibn Kathir, al-Bidaya, 4.344
3 Muslim, Birr, 87
4 Ibn Hanbal, 4.395; Muslim, Fada'il, 126
5 Bukhari, Adhan, 65; Muslim, Salat, 192
6 Bukhari, Adhan, 18
7 Bukhari, Adab, 18; Muslim, Fada'il, 64; Ibn Madscha, Adab, 3
8 Tirmidhi, Birr 16
9 Bukhari, Dschana'iz, 45; Muslim, Dschana'iz, 12
10 Muslim, Ayman, 31,33; Ibn Hanbal, 3.447
11 Ibn Sa'd, Tabaqat, 1.195
12 Bukhari, Anbiya, 54; Musaqat, 9; Muslim, Salat, 153; Ibn Hanbal, 2.507
13 Abu Dawud, Adab, 164, Dschihad, 112; Ibn Hanbal, 1.404
14 Bukhari, Dschihad, 153; Muslim, Salam, 147
15 Nasa'i, Hadsch, 114; Ibn Hanbal, 1.385
16 Hakim, Mustadrak, 4.231, 233
17 Bukhari, Iman, 21
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