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Gülen als Pädagoge und religiöser Lehrer

Geschrieben von Thomas Michel am . Veröffentlicht in Was andere über M. Fethullah Gülen sagen

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Es waren Anhänger der Bewegung um Fethullah Gülen, die mir die Erziehungsinstitutionen, die von ihnen geleitet werden, erstmals vorstellten. Sie bewogen michauch, Gülens Schriften zu lesen; denn ich wollte das Grundprinzip entdecken, das hinter diesem pädagogischen Experiment steht, welches der pädagogischen Vision Fethullah Gülens und seiner Kollegen entspringt.

Zunächst einmal möchte ich auf die Verbindung Herrn Gülens zu diesen Schulen eingehen, die oft ,Gülen-Schulen' oder ,Schulen der Gülen-Bewegung' genannt werden. Herr Gülen bezeichnet sich selbst als Erzieher. Allerdings unterscheidet er sehr sorgfältig zwischen Erziehung und Lehre. „Die meisten Menschen können Lehrer sein, sagt er, „während die Anzahl der Erzieher sehr begrenzt ist."1

Gülen versucht auch richtig zu stellen, dass er selbst keine Schulen betreibt. „Ich bin es leid, ständig versichern zu müssen, dass ich keine einzige Schule führe", betont er mit einigem Überdruss in der Stimme.2 Die Schulen wurden mit Hilfe individueller Vereinbarungen zwischen den Ländern, in denen sie betrieben werden, und den pädagogischen Unternehmen, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurden, errichtet. Jede einzelne Schule stellt eine autonome Institution dar. Doch die meisten dieser Schulen vertrauen auf Serviceleistungen türkischer Unternehmen, die pädagogische Hilfsmittel und Lehrer bereitstellen.

Meine erste Begegnung mit einer dieser Schulen geht auf das Jahr 1995 zurück, als man mir in Zamboanga auf der südlichen philippinischen Insel Mindanao erzählte, einige Meilen außerhalb der Stadt gebe es eine ,türkische' Schule. Als ich michdieser Schule näherte, fiel mir als Erstes das große Schild am Eingangstor des Grundstücks auf, auf dem geschrieben stand: „Philippinisch-Türkische Schule der Toleranz". Dies ist eine verblüffende Aussage in Zamboanga, einer Stadt mit ca. 50% christlichem und 50% muslimischem Bevölkerungsanteil, die in einer Region, liegt, in der unterschiedliche Moro-(muslimische) Separatistenbewegungen über 20 Jahre lang das Militär der Philippinen bekämpfte. In dieser Region, in der Geiselnahmen, Guerillakrieg, Beutezüge, Verhaftungen, das Verschwinden von Menschen und Morde durch militärische und para-militärische Kräfte auf der Tagesordnung stehen, bietet diese Schule muslimischen und christlichen philippinischen Kindern nicht nur eine qualitativ gute Ausbildung, sondern darüber hinaus auch einen positiven Weg, zu leben und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Meine Kollegen, die Jesuiten, und die Laienprofessoren am Ateneo de Zamboanga bestätigten mir, dass die ,Philippinisch-Türkische Schule der Toleranz' einen intensiven Kontakt zu christlichen Institutionen in der Region unterhält und gut mit ihnen kooperiert.

Seit damals hatte ich die Gelegenheit, auch andere Schulen dieser Art zu besuchen und mit den Lehrern und dem Verwaltungspersonal über pädagogische Themen zu diskutieren. Die Stärke ihrer Programme in den Bereichen Wissenschaft, Informatik und Sprache schlägt sich in häufigen Erfolgen in akademischen Olympiaden nieder. In einer Aufbauschule in Bischkek (Kirgisien) unterhielt ich micheine halbe Stunde lang mit einer Gruppe von Schülern der 7. Klasse. Am Ende dieses Gesprächs forderte der Lehrer die Schüler auf, doch diejenigen Betonungen und Vokabeln zu identifizieren, die darauf hinwiesen, dass ich eher ein amerikanisches als ein britisches Englisch spreche. Zu meinem Erstaunen fiel das den Schülern sehr leicht.

Ich hätte erwartet, auf mehr islamische Beiträge zum Curriculum zu stoßen und dem Islam auch physisch in der Schule häufiger zu begegnen, was jedoch nicht der Fall war. Als ich mich nach diesem überraschenden Fehlen dessen, was für mich ein verständlicher Bestandteil eines religiös inspirierten Bildungsprojekt gewesen wäre, erkundigte, sagte man mir, dass man auf Grund der unterschiedlichen Herkunft der Schüler (Christen und Muslime auf den Philippinen bzw. Buddhisten, Hindus, Christen und Muslime in Kirgisien) danach strebe, universelle Werte wie Ehrenhaftigkeit, harte Arbeit, Harmonie und bewussten Einsatz zu vermitteln. Daher verzichte man auf konfessionelle Unterweisung.

Jene Zusammentreffen veranlassten mich, die Schriften Fethullah Gülens mit dem Ziel zu studieren, die pädagogischen Prinzipien und die Motivation zu ermitteln, die hinter den Schulen stehen. Außerdem bemühte ich mich darum, etwas über die Methoden Gülens in Erfahrung zu bringen, die ihn zu einem Erzieher gemacht haben, der andere mit seiner Vision inspiriert.

Die pädagogische Vision Fethullah Gülens

In den Jahrzehnten, die der Gründung der Türkischen Republik folgten, haben viele Türken das von der Regierung initiierte ,Modernisierungsprogramm' dafür kritisiert, dass es blind sowohl die positiven als auch die negativen Seiten der europäischen Zivilisation übernehme. Ihrer Meinung nach stellt die Säkularisierung nicht nur ein ungewolltes Nebenprodukt des Modernisierungsprozesses dar, sondern das ganz bewusst angestrebte Ziel einer anti-religiösen Haltung. Sie machen geltend, dass hinter den Reformen die unausgesprochene Vermutung - gleichzeitig eine ideologische Überzeugung - stecke, die Religion behindere den Fortschritt und müsse aus der öffentlichen Sphäre von Gesellschaft, Ökonomie und Politik verbannt werden, damit sich die Nation weiterentwickeln könne. In den Jahrzehnten nach der Gründung der Republik formierten sich die Schlachtlinien, beflügelt auch durch die miteinander wetteifernden unterschiedlichen Schulsysteme, und machten die Religion-Säkularisierungs-Kampagne in der Türkei zu einer Auseinandersetzung, in der von jedem Denker erwartet wird, dass er Position bezieht.

Einer der Gründe, weshalb Fethullah Gülen so oft von den ,Linken' wie auch von den ,Rechten', von den ,Säkularen' ebenso wie von den ,Religiösen' attackiert wurde, ist meiner Ansicht nach, dass er es stets abgelehnt hat, sich bei eben diesem Thema, das er für irrelevant hält, auf irgendeine Seite zu schlagen. Stattdessen bietet er uns einen zukunftsorientierten Ansatz, mit dem er hofft, die leidige Debatte zu überwinden. Gülens Lösung besteht darin, das von der Türkischen Republik ausgegebene Ziel der Modernisierung zu bestätigen, dabei jedoch zu zeigen, dass ein wirklich effizienter Modernisierungsprozess die Entwicklung des ganzen Menschen mit einschließen muss. In pädagogischen Begriffen gesprochen müsse ein solcher Prozess die Hauptinteressen der unterschiedlichen Strömungen auf dem Bildungssektor aufnehmen und aus ihnen einen neuen Erziehungsstil weben, der Antworten auf die veränderten Anforderungen der Welt von heute geben kann.

Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich von reaktionären Projekten, deren Ziel es ist, die Vergangenheit wiederzubeleben. Gülen bestreitet energisch, dass das Bildungsangebot der Schulen, die mit seinem Namen verknüpft werden, beabsichtige, das osmanische System zu restaurieren oder das Kalifat wiedereinzusetzen. Wiederholt betont er: „Wenn eine Anpassung an neue Begebenheiten nicht stattfindet, wird das Ergebnis der Untergang sein."3

Auch wenn er die Notwendigkeit einer Modernisierung sieht, hält Gülen den radikalen Bruch mit der Vergangenheit für riskant. Junge Menschen, die den traditionellen Werten entfremdet sind, laufen Gefahr, abgesehen vom materiellen Erfolg ganz ohne irgendwelche Werte aufzuwachsen. Nicht-materielle Werte wie Tiefgründigkeit und Klarheit des Denkens, Tiefe der Gefühle, kulturelle Aufgeschlossenheit oder Interesse an der Spiritualität werden in den modernen Bildungsinstitutionen, die vor allem den globalen Markt bedienen sollen, oft vernachlässigt.4

Absolventen dieser Schulen mögen zwar darauf vorbereitet sein, sich einen Job zu suchen; sie besitzen aber nicht die innere Stärke, die wahre Freiheit zu finden. Führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik begünstigen und propagieren nicht selten eine ,wertfreie' Erziehung, denn diese erlaubt den Mächtigen, eine qualifizierte, aber nicht wirklich ausgebildete Arbeiterschaft zu kontrollieren. Gülen behauptet, dass jemand, der die Massen unter Kontrolle halten will, diese lediglich auf dem Gebiet des Wissens auszuhungern braucht. Die Massen können der Tyrannei nur durch Bildung entkommen. Die Straße zu sozialer Gerechtigkeit ist mit einer angemessenen universellen Erziehung geebnet; denn nur sie verschafft den Menschen das nötige Verständnis und die Toleranz, die Rechte anderer zu respektieren.5

Nach Auffassung Gülens verhindert das Fehlen einer vielseitigen Ausbildung nicht nur die Schaffung von Gerechtigkeit, sondern auch die Anerkennung der Menschenrechte und die Etablierung einer von Akzeptanz und Toleranz geprägten Geisteshaltung. Wenn Menschen dazu erzogen werden, für sich selbst zu denken und für positive Werte wie soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und Toleranz einzutreten, wird es ihnen gelingen, zu Repräsentanten des Wandels zu werden und jenen segensreichen Zielen zum Durchbruch zu verhelfen.

Wenn bildungspolitische Reformen verwirklicht werden sollen, ist die Schulung der Lehrer ein Thema, das nicht vernachlässigt werden darf. Gülen hält fest: „Erziehung ist nicht gleich bedeutend mit Unterricht. Die meisten Menschen können Lehrer sein, während die Anzahl der Erzieher sehr begrenzt ist."6 Der Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass sie zwar beide Informationen übermitteln und lehren, dass der Erzieher aber derjenige ist, der die Fähigkeit besitzt, die Persönlichkeit der Schüler auszubilden. Er protegiert ihr Denken und ihr Reflexionsvermögen, formt ihren Charakter und bringt ihnen bei, sich ein gewisses Maß an Selbstdisziplin und Toleranz sowie einen Sinn für ihre Aufgabe anzueignen. Gülen beschreibt Menschen, die nur lehren, um ein Gehalt zu beziehen, und die kein Interesse daran haben, den Charakter ihrer Schüler zu formen, als Blinde, die Blinde führen.

Der Mangel an jeder Koordination oder Integration in Erziehungssystemen, die miteinander wetteifern und konkurrieren, ließ etwas auf den Plan treten, das Gülen „...einen bitteren Kampf..." nennt, „...der niemals hätte stattfinden dürfen: Wissenschaft gegen Religion"7. Diese falsche Dichotomie, die während des 19. und 20. Jahrhunderts die Energien von Gelehrten, Politikern und religiösen Führern auf beiden Seiten der Debatte strapazierte, führte zu einer Zweiteilung der Erziehungsmethoden und -philosophien. Die modernen säkularen Pädagogen betrachteten die Religion bestenfalls als nutzlose Zeitverschwendung und schlimmstenfalls als ein Handikap auf dem Weg zum Fortschritt. Unter den religiösen Gelehrten führte diese Debatte zu einer Ablehnung der Moderne und zur Entstehung einer Religion, die „..eher eine politische Ideologie war als eine Religion in ihrem wahren Sinn und ihrer wahren Funktion."8 Gülen spürt, dass der schon so lange andauernde Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft durch einen pädagogischen Prozess, in dem religiöse Gelehrte einen angemessenen Anteil an den Wissenschaften haben und die Wissenschaftler mit religiösen und spirituellen Werten in Berührung kommen, beendet werden kann bzw. dass zumindest die Absurdität dieses Konflikts enttarnt wird.9

Gülen glaubt jedoch, dass dies nur dann geschehen kann, wenn ein neuer Erziehungsstil geprägt wird - ein Erziehungsstil, „...der religiöse und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Moral und Spiritualität verbindet und wirklich aufgeklärte Menschen mit einem Herzen hervorbringt, das von den religiösen Wissenschaften und der Spiritualität erleuchtet wird, und einem Verstand, der im Lichte der positiven Wissenschaften glänzt." Diese aufgeklärten neuen Menschen werden, so Gülen, in Übereinstimmung mit den menschlichen Qualitäten und Werten leben. „Sie werden sowohl die sozio-ökonomischen als auch die politischen Verhältnisse ihrer Zeit genau kennen."10

In Gülens Schriften zum Thema Pädagogik tauchen einige Begriffe immer wieder auf: An erster Stelle: ,Spiritualität' und ,spirituelle Werte'. Manche mögen diese Begriffe für Codewörter halten, deren Sinn darin liegt, die Benutzung des Wortes ,Religion' zu vermeiden und so dem Vorurteil gegenüber der Religion in den modernen säkularen Gesellschaften aus dem Weg zu gehen. Doch Gülen benutzt diese beiden Begriffe eindeutig in einem weiteren Sinne. Für ihn umfasst die Spiritualität nicht nur bestimmte religiöse Lehren, sondern auch Ethik, Logik, psychische Gesundheit und liebevolle Offenherzigkeit. Schlüsselbegriffe in seinen Schriften sind ,Mitgefühl' und ,Toleranz'. Die Aufgabe der Pädagogik besteht seiner Meinung nach darin, diese nicht quantitativ bestimmbaren Qualitäten ebenso zu vermitteln, wie die ,exakten' Wissenschaften zu lehren.

Aber auch andere Begriffe, die Gülen häufig verwendet, verdienen es, näher erläutert werden: Er spricht oft von ,kulturellen und traditionellen Werten'.11 Sein Aufruf zur Einbindung kultureller und traditioneller Werte in die Erziehung wurde von Kritikern als ein reaktionärer Appell zur Rückkehr in die prä-osmanische Gesellschaft interpretiert. Gülen wurde daraufhin angeklagt, ein Irticaci zu sein, was im türkischen Kontext mit ,Reaktionär' oder sogar ,Fundamentalist' übersetzt werden kann. Dieser Anschuldigung hat sich Gülen jedoch immer widersetzt. Um seine Position zu verteidigen, sagte er: „Das Wort Irtica bedeutet ,Rückkehr in die Vergangenheit' oder ,Verlagerung der Vergangenheit in die Zukunft'. Ich aber bin ein Mensch, dessen Ziel das Morgen, ja sogar die Ewigkeit ist. Ich mache mir Gedanken über die Zukunft unseres Landes und versuche, alles in meiner Macht Stehende zu tun. Weder in meinen Schriften und Reden noch in meinen Handlungen habe ich jemals irgendeinen Schritt unternommen, mein Land in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Andererseits hat aber auch niemand das Recht, den Glauben an Gott, Anbetung, moralische Werte und Themen, denen die Zeit keine Grenzen setzt, als Irtica zu bezeichnen."12

Wenn Gülen für kulturelle und traditionelle Werte wirbt, scheint er die Vergangenheit der Türkei als einen langen und langsamen Prozess der Anhäufung von Weisheit zu betrachten. Ihm zufolge hat diese Vergangenheit auch den heute lebenden Menschen viel zu geben. Auch besitze sie für die Bedürfnisse der modernen Gesellschaften nach wie vor Relevanz. Auf Grund der in ihr geballten Weisheit darf sie nicht in Vergessenheit geraten. Andererseits hält Gülen aber jeden Versuch, die Vergangenheit zu rekonstruieren, für kurzsichtig und für zum Scheitern verurteilt. Während er alle Bemühungen, mit der Vergangenheit zu brechen, verurteilt, weist er auch alle Bestrebungen zurück, eine vor-moderne Gesellschaft wiederzubeleben oder neu zu errichten.

Die bei manchen Reformern feststellbare Tendenz, die Ketten der Vergangenheit aufzubrechen, hält Gülen für ein zweischneidiges Schwert. Natürlich sollten bestimmte Elemente des Erbes, die gewalttätig waren oder zur Erhaltung des Status Quo beigetragen haben, und solche, die ihren ursprünglichen Sinn und ihre frühere Bedeutung verloren haben, ersetzt werden. Aber andere, befreiende und menschliche, Elemente sollten gefestigt werden, wenn neue Generationen wirklich in die Lage versetzt werden sollen, eine bessere Zukunft aufzubauen. Gülens Denken beschränkt sich eindeutig nicht auf interne Debatten um politische Richtungen in der Türkei oder um die Gesellschaften der islamischen Staaten. Seine pädagogische Version schließt alle Gesellschaften „auf der ganzen Welt" mit ein. Er möchte Reformer ausbilden, d.h., Menschen, die ihre Kraft aus einem Wertesystem beziehen, dass sowohl die physischen als auch die nicht-materiellen Aspekte des Menschseins berücksichtigt. Gülen erklärt: „Diejenigen, die die Welt reformieren wollen, müssen sich zunächst selbst reformieren. Um andere auf den Weg in einen bessere Welt zu bringen, müssen sie ihre inneren Welten von Hass, Groll und Neid befreien und ihre innere Welt mit allen Arten von Tugenden schmücken. Jene, die weit entfernt davon sind, Selbstkontrolle und -disziplin auszuüben und die es nicht geschafft haben, ihre Gefühle zu läutern, mögen auf den ersten Blick attraktiv sein und Einsicht besitzen. Doch es wird ihnen nicht gelingen, andere auf längere Sicht zu inspirieren. Die Empfindungen, die sie wecken, werden schnell wieder verschwinden.13

Fethullah Gülen, der Lehrer des Islam

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht der Erzieher Fethullah Gülen. Seine Rolle als religiöser Gelehrter und Lehrer ist zwar ein Thema, das eine genauso sorgfältige Prüfung verlangt wie das Studium seines religiösen Denkens als moderner Interpret des Islam. Doch im Rahmen dieses Beitrags kann es kaum hinreichend behandelt werden. Nichtsdestotrotz bliebe eine Analyse seiner pädagogischen Vision ohne einen kurzen Blick auf seine Schriften über den Islam unvollständig.

Einige der über 30 Bücher Gülens sind Zusammenstellungen von Gesprächen und Reden, die er irgendwann einmal vor Studenten und Anhängern gehalten hat. Andere geben Antworten auf Fragen, die ihm von Studenten gestellt wurden. Die Themen erstrecken sich vom Studium der Biografie des Propheten Muhammad über eine Einführung in den Sufismus und eine Abhandlung über Fragen, die traditionell in der Wissenschaft des Kalam aufgeworfen werden, bis hin zur Erörterung essenzieller Fragen zum islamischen Glauben. All diese Studien wenden sich nicht an Spezialisten, sondern an eine Zuhörerschaft, die aus durchschnittlich gebildeten Muslimen besteht.

Was lässt sich über Fethullah Gülens persönlichen Ansatz zur Interpretation der islamischen Quellen und Traditionen sagen? Was dem Leser als Erstes auffällt, ist seine Betonung von Moral und moralischen Werten. Man meint, diese seien ihm für den religiösen Elan, der seine Inspiration aus dem Koran bezieht, wichtiger als die rituelle Praxis. Während Gülen die Bedeutung des Rituals unterstreicht, vertritt er die Auffassung, die ethische Aufrichtigkeit liege direkt am Herzen des religiösen Impulses. Er sagt: „Die Moral ist die Essenz der Religion; sie bildet einen ganz wesentlichen Teil der Botschaft Gottes. Wenn es heldenhaft ist, tugendhaft zu sein und sich moralisch zu verhalten - und das ist es! -, dann sind die größten Helden die Propheten, gefolgt von jenen, die ihnen aufrichtig und ergeben folgen. Ein wahrer Muslim ist ein Mensch, der eine wirklich universelle und deshalb muslimische Moral praktiziert."

Er stützt diesen Punkt, indem er folgenden Hadith Muhammads zitiert: „Der Islam ist aus guter Moral gemacht; ich bin gesandt worden, um die guten Sitten zu vervollkommnen und zu vervollständigen."14

Die unterschiedlichen Aspekte des islamischen Way of Life sollen zusammenwirken, um das ehrenhafte, ethisch rechtschaffene Individuum hervorzubringen. In diesem weiten Sinne des Begriffes Islam oder der Widmung des eigenen Lebens der Sache Gottes ist es legitim zu sagen, dass die Schulen, die von der Bewegung, welche man mit dem Namen Fethullah Gülen assoziiert, gegründet wurden, ihre Inspiration aus einer ethischen Vision beziehen, die zwar fest im Islam verwurzelt, aber in ihren Ausdrucksformen nicht auf die Mitglieder der Umma beschränkt ist.

Wenn Gülen davon spricht, Studenten auszubilden, „...die sich für ein Leben im Einklang mit menschlichen Qualitäten und moralischen Werten engagieren, ...die ihre Außenwelt mit allen möglichen Tugenden schmücken...", dann tritt er ein für einen universellen ethischen Code, den er als Muslim vom Islam erfahren hat. Es steht außer Frage, dass er diese Tugenden, menschlichen Qualitäten und moralischen Werte nicht als exklusiven Besitz der Muslime betrachtet; denn nicht-muslimische Schüler sind in den Schulen willkommen, und es wird auch kein Versuch unternommen, jemanden zu bekehren.

Die Religion des Islam wird daher verstanden als „...der Weg, der den Menschen zur Vollkommenheit führt und ihn dazu befähigt, seinen ursprünglichen engelgleichen Zustand zurück zu erlangen."15 Wenn der Islam als ein Weg zur moralischen Vollkommenheit beschrieben wird, dann ist der Tasawwuf, der Sufismus, eine natürliche und zwingende Entwicklung innerhalb der islamischen Tradition. Gülen schlägt eine ethische Definition des Sufismus vor. Der Sufismus sei ein „...fortdauerndes Bestreben, alle fehlerhaften Grundsätze und schlechten Verhaltensweisen über Bord zu werfen und sich stattdessen gute Eigenschaften anzueignen."16

Gülen lobt die Sufis in der islamischen Geschichte als spirituelle Führer, die Generationen von Muslimen gezeigt haben, wie sie diesem Weg zur menschlichen Vollkommenheit folgen können.

Eine so positive Lesart der mystischen Sufitradition musste fast zwangsläufig zu Anschuldigungen führen, er habe in seiner Bewegung eine Art neo-sufistischer Bruderschaft ins Leben gerufen. Während Gülen verneint, jemals Mitglied einer Bruderschaft gewesen zu sein, geschweige denn seine eigene Bruderschaft gegründet zu haben, versichert er, die Verurteilung des Sufismus, der spirituellen Dimension des Islam, sei gleich bedeutend mit der Ablehnung des ganzen islamischen Glaubens. Er stellt fest: „Unzählige Male habe ich klargestellt, dass ich kein Mitglied eines religiösen Ordens bin. Selbstverständlich betont der Islam als eine Religion die spirituelle Sphäre. Die Schulung des Egos ist ein Basisprinzip des Islam. Askese, Frömmigkeit, Güte und Aufrichtigkeit sind essenzielle Bestandteile dieser Religion. Die Disziplin, die in der Geschichte auf diese Dinge den größten Wert gelegt hat, war der Sufismus. Ihn zu bekämpfen, hieße, die Essenz des Islam zu bekämpfen. Aber ich wiederhole es noch einmal: Weder habe ich jemals einem Sufiorden angehört, noch habe ich jemals Beziehungen zu einem dieser Orden unterhalten."17

Dr. Thomas Michel ist Generalsekretär des Sekretariats für interreligiösen Dialog im Vatikan. Diesen Aufsatz präsentierte er auf dem ,F. Gülen Symposium' der Georgetown University im April 2001.


1 Gülen, Fethullah; Perlen der Weisheit; erscheint demnächst im Inid-Verlag
2 Webb, Emily Lynn; Fethullah Gülen: Is There More to Him Than Meets the Eye?; S. 106
3 Webb; Fethullah Gülen; S. 86
4 Gülen, Fethullah; Perlen der Weisheit
5 Fethullah Gülen: A Voice of Compassion, Love, Understanding and Dialogue. Introduction to M. Fethullah Gülen; in: The Necessity of Interfaith Dialogue: A Muslim Approach (präsentiert vor dem Parlament der Weltreligionen, Cape Town, Südafrika, 1.-8. Dezember 1999)
6 Gülen, Fethullah; Perlen der Weisheit
7 The Necessity of Interfaith Dialogue; S. 39
8 The Necessity of Interfaith Dialogue; S. 20
9 The Necessity of Interfaith Dialogue; S. 39
10 The Necessity of Interfaith Dialogue; S. 39
11 Der Vermittlung kultureller Werte wird zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl sie für die Erziehung doch so wichtig ist. Wenn es uns eines Tage gelingt, ihr die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, haben wir ein bedeutendes Ziel erreicht. (aus: G,en, Fethullah; Perlen der Weisheit)
12 Webb; Fethullah Gülen; S. 95
13 The Necessity of Interfaith Dialogue; S. 39
14 Gülen, Fethullah; Perlen der Weisheit
15 Gülen, Fethullah; Das unendliche Licht 2; erscheint demnächst im Inid-Verlag Hamm
16 Gülen, Fethullah; Sufismus; Inid-Verlag Hamm 2003; S. 13
17 Webb; Fethullah Gülen; S. 102-103

 

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