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Jüdisch-christliche Streitigkeiten können nicht gut sein, vor allem für den Nahen Osten nicht

Geschrieben von Nuriye Akman am . Veröffentlicht in Im Interview mit Nuriye Akman

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Letzte Woche habe ich mir den Film ,Die Passion Christi' angeschaut. Er beschreibt die letzten 12 Stunden im Leben des Propheten Jesus. Mir erschien dieser Film extrem provokant. Er erzählt auf sehr eindrucksvolle Art und Weise, wie Juden und Römer Jesus folterten. Wäre ich eine Christin, hätte ich das Kino mit feindseligen Gefühlen für Juden verlassen und wohl das Bedürfnis gehabt, ein paar Juden zu verprügeln. Kann ein solcher Film Ihrer Meinung nach dem Frieden dienen?

Egal wie gewissenhaft die Wege des Friedens in der Welt verfolgt wurden - im Grunde wurden seit jeher immer die gleichen Dinge fabriziert. Ich habe viele unterschiedliche Versionen dieses Films gesehen. Ben Hur z.B. bedient sich eines ähnlichen Schemas. Auch hier wird der Prophet Jesus sehr grob behandelt. Auch dieser Film wurde von Belgiern produziert.

Der Prophet Jesus wurde von einem Schauspieler verkörpert, der den westlichen Vorstellungen entspricht. D.h., von einem Mann mit grünen Augen und blondem Haar. Generell wäre eher ein Mann, der dem Typ ,Naher Osten' ähnelt, für diese Rolle prädestiniert. Dies war [in dem belgischen Film] nicht der Fall. Dort wird Jesus auch sehr schlecht behandelt. Natürlich waren auch dort die Verräter Juden und die Folterer Römer. Ich habe [Mel Gibsons] ,Passion' nicht gesehen. Aber es wurde darüber gesprochen. Dort finden sich die gleichen Muster. Er gehört zu jener Art von Film, der den Juden die Aussage entlocken könnte, dass der Antisemitismus von den Toten erwacht ist.

Das steckt tatsächlich in den Seelen einiger Christen. Die Existenz des Islam aber lässt Christen und Juden zusammenrücken. Weil der Islam existiert, kommen sie miteinander aus. Sie sprechen von einer europäischen Zivilisation, von einer jüdisch-christlichen Zivilisation. Dies ist vielleicht insofern alarmierend, als dass sie sich gegen die Muslime zu richten scheint.

Eine solche Haltung steckt in der Seele der Menschen. Das gibt es auch in Amerika. Hier gibt es Menschen, die sich als Ureinwohner Amerikas fühlen und denken, dass die Juden erst später als Immigranten und Flüchtlinge ins Land gekommen sind. Ähnlich verhält es sich mit den Juden, die aus Spanien kamen und nun in der Türkei leben... Es gibt Leute, die denken, dass die Juden dort bei den Osmanen Zuflucht gefunden haben so wie hier bei den Amerikanern. Aber in Amerika ist es noch ausgeprägter. In einigen Städten, die wir bereisten, sagten die Menschen: „Dieses Viertel ist so, jenes Viertel ist so. Innerhalb dieser beiden Viertel gibt es starke Vorbehalte gegeneinander. Einige Menschen fühlen sich als Amerikaner, andere als Juden. Hier [in Amerika] gibt es ganz sicher Juden mit großer Macht. Ich glaube, es war der frühere Präsident Malaysias, Mahathir Muhammed, der einmal gesagt haben soll: „Die Macht der Juden regiert die Welt." Diese Worte wurden für antisemitisch gehalten. Es formierte sich ein beträchtlicher Widerstand gegen sie.

Wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie den Ansatz des Films für falsch...

Die Menschen sehnen sich nach Frieden. Deshalb ist ein Film wie dieser in meinen Augen fehl am Platze, obwohl es hier ja um Christen und Juden [und nicht um uns Muslime] geht. In Amerika arbeiten die gegenwärtige Administration und die Demokraten auf vielen Gebieten zusammen. Zu ihnen gehören auch Juden. Aber die Streitigkeiten zwischen Juden und Christen schaden vor allem dem Nahen Osten. Zumindest muss irgendwo eine Insel des Friedens geschaffen werden, die die Lösungen auch für andere Orte vorgibt. Aber wenn es nirgendwo einen solchen Ort gibt, an dem man sich sicher fühlt, und stattdessen überall gestritten wird, kann man auch keinen Frieden in der Welt verwirklichen.

Nach dem 11. September wurden die Muslime zu den ,Anderen' in der Welt. Ist es nicht denkbar, dass sich das Konzept des ,Anderen' durch diesen Film verändern wird? Seine Kosten betrugen 30 Millionen Dollar, die er schon am ersten Tag an den Kinokassen wieder einspielte. Könnte es nun nicht sein, dass Muslime denken: „Oh, wie schön. Lasst sie nur aufeinander einhacken. Wir können davon nur profitieren."

Es mag Muslime geben, die so denken. Oberflächlich betrachtet mögen sie sogar Recht haben. Man könnte der Meinung sein: „Oh, wie schön. Lasst sie nur aufeinander einhacken. Wir können davon nur profitieren." Auf gewisse Art und Weise scheint dies logisch zu sein. Aber diese Logik ist beschränkt. Sie zu akzeptieren, ist eine ganz andere Sache. Auch in Amerika ist nicht auszuschließen, dass viele Menschen so denken, denn auch hier sind viele [die Muslime] sehr beunruhigt. Man [die amerikanische Regierung] erstellt Profile über sie. Jemand, der sagt: „Ich bin ein Muslim" wird als Radikaler und Extremist wahrgenommen. Sie [die Muslime] machen die schmerzliche Erfahrung, auf dem Weg zur Moschee überwacht zu werden. Überall dort, wo dies so ist, mag es so sein, dass sie sagen: „Lasst sie nur aufeinander einhacken." Auf die ganze Welt übertragen kann jedoch von solchen Verhältnissen keine Rede sein.

Wären Sie selbst der Regisseur gewesen, welche Art von Film hätten Sie gedreht. Wie hätten Sie diese letzten 12 Stunden präsentiert?

In Koran und Sunna gibt es so etwas wie die letzten 12 Stunden des Propheten nicht. Dort ist die Rede von den letzten Minuten, die im Hadith und auch im Koran kurz erwähnt werden. Der Koran spricht dieses Thema in den Suren Maryam, al-Imran und al-An'am an. Jesus und Maria wird dort viel Platz eingeräumt.

In den USA lesen die Muslime diese Koranverse im Rahmen des Dialogs, während sie in Kontakt mit verschiedenen spirituellen Autoritäten von Kirchen stehen. Außerdem geben sie die Aussprüche unseres Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm!) zu diesem Thema weiter. Dies trägt zu Versöhnung und Verständigung bei. Die islamische Sicht des Messias ist von Natur aus sehr verherrlichend. Da sie ihn in seine wahre Position rückt, wird hier aber nicht übertrieben. Und weil nicht übertrieben [Ifrat geübt] wird, wird auch nicht untertrieben [Tafrit geübt]. Das ist dem Messias angemessen. Er ist ein erhabener Diener Gottes. Er wurde durch die Seele und den Atem Gottes erschaffen. Er hat keinen Vater. Seine Mutter ist eine Heilige. Sie ist die einzige Frau, die im Koran namentlich erwähnt wird. Ich denke, dass der Islam überall dort, wo er seine Überlegungen zum Messias darlegt, Anlass zur Freude gibt.

In der Sunna finden sich Aussagen über die letzten Momente des Messias. „Einer von euch wird mich verraten", sagt er dort. Dieser Eine ist Judas. So sehen es auch die Christen. Es gab jedoch eine Zeit, in der das angezweifelt wurde. Und später, mit dem Erscheinen des Islam, sagte man: „Lasst uns über diese Dinge fürs Erste nicht mehr diskutieren." Dies wurde zwischen Christen und Muslimen zu Gunsten des Friedens so vereinbart. Ausschlag gab hier die Logik, es handelte sich nicht um eine emotionale Frage. Und doch blieb im Innern eine Verbitterung. Aber Logik und Frieden siegten. Man hat darüber hinweg gesehen.

Probleme zwischen den Religionen gab es in der Vergangenheit immer. Selbst bei den Buddhisten, von denen man immer dachte, sie seien am wenigsten problematisch, traten in der letzten Zeit Probleme auf. Probleme existierten auch zwischen Christen und Juden. Es gab eine Zeit, in der einige Christen den Juden das Gleiche antaten wie den Muslimen zu Zeiten der Kreuzzüge. Diese Wunden bluten noch immer im Innern. Ständig wird davon gesprochen, vor allem in den Kirchen des Ostens. Damals widersetzte sich die griechisch-orthodoxe Kirche den Kreuzzügen. Die Muslime mussten sich verteidigen. Es gab Krieg, als ihre Heerlager angegriffen wurden, es gab Kriege zur Verteidigung ihrer Ländereien. Wir müssen uns unseres Widerstands und unserer Frontbildung gegen die Kreuzfahrer nicht schämen. Weder die Schlacht Alparslans [des Seldschukenführers] noch der Auftritt Kilicarslans [des Seldschukensultans] gegen die Kreuzfarer auf der Ebene von Nigde oder die Kriege von Nureddin Zengi [des Seldschukensultans] oder Saladins [des ersten Sultans der Ayyubiden-Dynastie] Kampf liefern uns einen Grund zur Scham. Sie waren nur gerecht. Die gerechte Haltung des Kalifen Umar wurde ja bereits erwähnt. Und es hörte damals nicht auf, sondern zog sich bis in die Epoche des Osmanischen Reichs hinein. Istanbul wurde eingenommen. Der Befehlshaber des eindringenden Heeres sagte: „Nun sind die Kreuzzüge zu Ende." Das stimmte zwar, aber sie verschwanden damit nicht aus den Gedanken. Es stellte sich heraus, dass sie im Innern der Menschen streitbare Elemente blieben. Brüche und Zerrüttungen gibt es immer wieder. Diejenigen, die unter ihnen zu leiden haben, beziehen ihre Stärke, an denen es ihnen sonst mangelt, oft von irgendwo anders her. Neue Lager sind entstanden. Früher gab es ein demokratisches und ein kommunistisches Lager. Heute existieren viele unterschiedliche Lager. Was früher Konflikte verursacht hat, sollte man heute vermeiden. Man sollte nicht neue Konflikte schaffen, indem man alte Konflikte in die Gegenwart überträgt. Jene alten Konflikte sollten in der Vergangenheit begraben und vergessen werden. Von heute an sollten wir uns um des Wohlergehens der Menschheit willen auf das Gute konzentrieren. „Die Vergangenheit wurde in Schutt und Asche gelegt. Lasst uns also Rache nehmen und auch die Gegenwart ruinieren." Diese Haltung ist meiner bescheidenen Meinung nach völlig unsinnig und unlogisch.

Die einen nennen Sie einen Verräter, die anderen einen Verfechter der Scharia. Welch ein Widerspruch...

Eine Gruppe in der Türkei behauptet, Sie seien ein Missionar für das Christentum. Was halten Sie von dieser Aussage?

Aus Neid sagt die eine Gruppe „Amerikanist", die andere „Verräter". Eine dritte sagt seltsamerweise: „Er ist ein Verfechter der Scharia. Er nimmt die Religion und macht sie zur entscheidenden Kraft des Lebens." Diese Anschuldigungen widersprechen einander völlig. Wenn sie wirklich alle über mich geäußert wurden, dann können sie viele ganz unterschiedliche Assoziationen heraufbeschwören. Eine Reihe solcher Aussagen sind in Umlauf. Eine weitere Gruppe nimmt die Annäherung an Christen als Unterstützung deren uneingeschränkter und bequemer Reisefreiheit, ihrer Propaganda sowie ihrer christlichen Institutionen und Aktivitäten wahr. Ich denke hier spielen vor allem Neid und Missgunst eine Rolle. Sie [diese Gruppen] können diese Dinge nicht verdauen.

Ich habe Dialog und Toleranz nicht erfunden. Entsprechende Konferenzen haben über einen langen Zeitraum an verschiedenen Orten in der Welt stattgefunden. Auch Muslime waren eingeladen. Diese Konferenzen wurden in der arabischen Welt, im Fernen Osten, im Vatikan, in Europa und in Amerika abgehalten. Auch türkische Wissenschaftler nahmen teil. Doch die Szenarios dort wurden von anderen entworfen.

Die anderen bereiteten sich vor und bewegten sich überall frei; ja, sie missionierten sogar. Muslime waren an dieser Art Arbeit nicht beteiligt. Sie waren nicht in der Lage, ihre Gedanken auszuformulieren, zu sagen: „Lasst uns sie [die Konferenz] in Abant oder Harran abhalten." Man muss eine klare Vorstellung haben. Man muss an der Planung mitwirken, um Einfluss auf die Planung nehmen zu können. So wie sie [die anderen] von Dialog und Toleranz in ihrem Denken profitieren, muss man selbst von der eigenen Religion profitieren und religiös sein. Jene Leute aber erkennen das nicht oder wissen es zumindest nicht. Der Neid hat sie blind gemacht.

Ich kenne nicht einen Menschen, der seit Beginn dieses Dialog- und Toleranzprozesses zum Christentum konvertiert wäre. In der Türkei gab es vorher Menschen, die zum Christentum neigten. Ein Freund von mir hat mir von einem Buch erzählt, das im 14./15. Jahrhundert verfasst wurde. Es erwähnte, dass zu jener Zeit die christliche Kirche zu den armenischen und assyrischen Minderheiten, die unter dem Schutz des [Osmanischen] Staates standen, sagte: „Bleibt wo ihr seid und wie ihr seid. Verbergt eure Ansichten, und verhaltet euch so, als seiet ihr einer von ihnen. Eines Tages wird sich alles verändern, und wir werden dorthin kommen."

Diejenigen, die früher Christen waren, konvertierten nicht. Heute jedoch tun das viele. Und mit der Philosophie der Türkei von heute fahren sie gut. Sabiha Gokcen erzählt von einer Begebenheit, die ein Heerführer einmal erwähnt hat: [Mustafa Kemal] Atatürk zufolge ist jeder ein Türke, der sich als Türke fühlt. Heute sprechen wir nicht mehr davon. Die Juden sagen: „Du bist ein wahres Kind dieses Landes." Ich entgegne ihnen: „Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so genau." Meine Vorfahren kamen vor zwei oder drei Jahrhunderten aus Ahlat [im Landkreis Bitlis, einer ostanatolischen Stadt]. Ihr aber seid schon seit 500 Jahren hier. Wer von uns stammt also wirklich aus Istanbul?

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