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Necip Fazil hatte vor, die Risale-i Nur Sammlung [die gesammelten Schriften Bediuzzaman Said Nursis] zu vereinfachen

Geschrieben von Nuriye Akman am . Veröffentlicht in Im Interview mit Nuriye Akman

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Was halten Sie davon, das Risale-i Nur in eine Sprache zu übertragen, die die Menschen von heute besser verstehen, in eine Sprache, die ihnen erlaubt, sich an der Lektüre zu erfreuen? Denn englisch-sprachige Leser verstehen es schon heute mühelos. Begrüßen Sie solche Bemühungen?

Es gibt Menschen, die diesem Werk ihr ganzes Leben gewidmet haben, die gesagt haben: „Dieses Werk ist mein Lebensinhalt. Ich glaube, entscheidend ist, dass man ihren Vorstellungen Respekt zollt. Lassen Sie mich eine Anekdote zu diesem Thema erzählen:

Wir haben den inzwischen verstorbenen Necip Fazil [Kisakurek, einen berühmten türkischen Dichter] zu einer Konferenz in Kirklareli eingeladen. Ich war damals dort Prediger. Er kam mit seinen Studenten. Der Freund, der ihn mit dem Auto dort abgesetzt hatte, hatte von den Nur-Sammlungen profitiert; er brachte Bediuzzaman [Said Nursi] großen Respekt entgegen. Auf dem Weg hatte er Necip Fazil offenbar stark mit seinem Auftreten, seinen Ansichten und seinen Manieren beeindruckt. Necip Fazil jedenfalls lobte ihn in den höchsten Tönen. An jenem Abend aßen wir zusammen und unterhielten uns über angenehme Dinge. Ich brachte meine Anerkennung für Necip Fazil zum Ausdruck. Und jener sagte zu mir, ich betone das mit aller Aufrichtigkeit: „Bediuzzaman ist ein ebenso bedeutender Mann wie der Architekt der Sultanahmet Moschee. Dieser berühmte Mann hatte großartige Gedanken. Aber es gibt auch Menschen, die auf ihren Kähnen unter Brücken schlafen. Sie verstehen weder Bediuzzaman noch diese beeindruckende Architektur. Ich wünschte, es wäre mir gestattet gewesen, sie [die Risale-i Nur Sammlung] so weit zu vereinfachen, dass auch diese Menschen unter den Brücken sie verstehen könnten."

In diesen Worten enthüllte sich mir die Bescheidenheit und Demut Necip Fazils. In meinen eigenen Worten entgegnete ich ihm: „Mein Meister, das liegt nicht in meinem Ermessen. Es gibt Menschen, die an seiner Seite gestanden haben, die ihn beraten haben, die geschrieben, veröffentlicht und seine Bücher vertrieben haben. Sie haben in dieser Angelegenheit das letzte Wort. Ich kann hier nur vermitteln." Das besänftigte ihn. Ja, er verfasste sogar weitere Kapitel des ,Großen Ostens' [Büyük Dogu]. Unsere Freunde hatten sich dieser Schriften angenommen. Einer von ihnen, der sehr loyal ist und sein Leben für den Meister [Bediuzzaman] geben würde, hatte sie Korrektur gelesen.

Heißt das, sie gefielen ihm nicht?

Nein. Sie gefielen ihm nicht. Später kam unser inzwischen ebenfalls verstorbene Freund Bekir Berk hinzu. Er fragte mich und bezog sich damit auf Necip Fazil: „Was hast du mit ihm gemacht? Du hast ihn ziemlich beeindruckt. Du hast ihm ein Buch versprochen. [Ich höre,] du willst ihm die Kulliyat-[Sammlung] geben? Gut, gib sie ihm." Also fuhr ich nach Istanbul, um ihm die Bücher zu übergeben. Ein Mann, der ebenfalls bei unserem Abendessen dabei gewesen war, begleitete mich. Dann jedoch rief mich jemand an; jemand, der nicht so denkt wie wir, dessen Gefühle ich aber nicht verletzen kann. Er tadelte mich: „Diese Bücher können nicht einfach irgendjemandem gegeben werden, der sie haben will. Wer ist er denn, dass er sie vereinfachen möchte?" Da sagte ich zu Herrn Berk: „Mein Bruder, du richtest mich zu Grunde. Ich habe versprochen, das zu tun. Ich bin hierher gekommen, und dann traf mich seine Wut." Er entgegnete mir: Mein Bruder, wir können nicht alles verstehen. Sie wissen es besser." Auch er hatte Respekt vor der Person, die diese Worte geäußert hatte. Also ging er leichthin über dieses Thema hinweg.

Das zeugt doch von großer Borniertheit, oder?

Ich möchte darüber nicht weiter nachdenken. Jener Mann ist tot und hat wichtige Dinge geleistet. Aber ich wünschte, es wäre anders gekommen. Ein Mann wie Necip Fazil mit einer gewissen Glaubwürdigkeit und Stil hätte diese Aufgabe zusammen mit Menschen, die ihn lieben, meistern können. Nun ist es zu spät. Ich selbst habe, ohne das Recht dazu zu haben, einige Passagen vereinfacht; ängstlich, unsicher und mit meinen eigenen unzusammenhängenden Sätzen. Diese einzelnen Passagen wurden in Buchform veröffentlicht. Dann schrieb mir jemand, der sich diesen Kunstwerken von ganzem Herzen verbunden fühlt und sie als heilig betrachtet, einen Brief [in dem er eine Vereinfachung ablehnte]. Ich hatte Respekt vor diesen Gefühlen und über dieses Thema einen Aufsatz mit dem Titel ,Inkisar' [Bruch] verfasst. Da schrieb er mir erneut einen Brief voller Aufrichtigkeit, in dem es hieß: „Verzweifeln Sie nicht, Sie werden keinen Bruch erleiden und keine Hoffnungslosigkeit verspüren." Daraufhin habe ich mit der Vereinfachung aufgehört. Zumindest aber wollte ich den Sufismus, der so oft missverstanden wird, im Rahmen des Konzepts der Leute der Sunna und der Gemeinschaft [der Ahl as-Sunna wa-l-Dschama'a] mit den ,Schlüsselkonzepten des Sufismus' [Smaragdgrüne Hügel des Herzens] Said Nursis verbinden. Anfangs hatte ich noch keine Skizze, keinen bestimmten Plan im Kopf. Meine Freunde rieten mir: „Mach weiter. Es wird schon gut werden. Es ist wichtig für die zukünftigen Generationen. Der Sufismus wird oft im Rahmen der Sunniten fehlinterpretiert. Die Schlüsselkonzepte des Sufismus stehen einer Interpretation offen. Es wäre schön [wenn du es machst]." Auch wir unternahmen also einen solchen Versuch.

Später führten andere Verlage die Aufgabe, das Buch ,Die Worte' zu vereinfachen, weiter, indem sie Vereinfachungen im Anhang brachten. Heute sagt da niemand mehr etwas. Richtig ist meiner Meinung nach, dass es schön für die Leser wäre, wenn sie einige mehrdeutige Aussagen und Definitionen direkt verstehen könnten; selbst wenn sie dann nicht ganz so viel verstehen würden, wie Leser, die sich sehr eingehend mit der Lektüre beschäftigen. Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu: Eine Vereinfachung würde Sinn machen. Andererseits jedoch frage ich mich: „Wäre mein beschränkter Verstand dann auch in der Lage zu verstehen? Oder gäbe es dann Dinge, die ich nicht verstünde?"

Ich werde Ihnen etwas erzählen, eine persönliche Erinnerung: In der Zeitschrift ,Sule' wurden ebenfalls einige Passagen in vereinfachter Form veröffentlicht. Damals wurden dort die gleichen Überlegungen angestellt. Zu jener Zeit lebte ich in Konya. Ich ging in eine Buchhandlung, um mir die aktuelle Ausgabe zu besorgen. Da trat Mädchen ein, von dem ich nicht erwartet hätte, dass sie sich für islamische Themen interessiert. Aufgeregt fragte sie: „Ist das neue ,Sule'-Magazin schon da?" Meine Augen füllten sich mit Tränen. Und dennoch gibt es Leute die fragen: „Warum vereinfacht man es? Dadurch wird es doch nur verunstaltet." Ich will gar nicht sagen, dass ihre Sorgen völlig unberechtigt sind. Aber ich frage mich doch, ob es nicht besser wäre, wenn die Kunstwerke dieses bedeutenden Menschen, dieses Architekten des Denkens eines ganzen Jahrhunderts, von jemandem mit einem schönen Ausdruck und Stil so vereinfacht würden, dass jeder in der Lage wäre, sie zu verstehen. Sie wurden ins Englische übersetzt und werden nun in England gelesen. Sie wurden vom Englischen ins Spanische übersetzt und werden nun in Argentinien gelesen. Sie wurden ins Portugiesische übersetzt und werden nun in Brasilien gelesen. Sie wurden ins Deutsche übersetzt und werden nun in Deutschland gelesen. Sogar in fernöstliche Sprache wurden sie übersetzt, z.B. ins Koreanische.

Davon profitieren alle. Doch die wahre Quelle ist der Ort, an dem Bediuzzaman aufgewachsen ist. Er kannte die Psychologie seiner Gesellschaft sehr genau. Und seine Gesellschaft verstand die Dinge, von denen er sprach, sehr gut. Er war kein Fremder für sie. Aber es ist eine Frage der Sprache. Diejenigen, die das Risale-i Nur [das ja als spiritueller Kommentar bekannt ist; als ein Kommentar, der die die Bedeutungen der Heiligen Bücher verdeutlicht] verdammen, verdammen es ohne Wenn und Aber. Wenn sie von ihm hören, werden sie fuchsteufelswild.

Niemand besitzt ein Monopol auf diese Kunstwerke. Warum also sollten „Die Worte" nur einigen wenigen zugänglich sein?

Wer weiß, vielleicht liegt hierin unsere Schwäche. Dieser Gedanke der Toleranz füllt uns völlig aus. Während wir auf der ganzen Welt nach ihr suchen, verletzen, beleidigen und überwerfen wir uns mit unseren Freunden, mit denen wir eng verbunden sind, mit denen wir viele Dinge teilen und die von den gleichen Quellen wie wir profitieren... Man spricht von Toleranz, aber warum verletzt man seine eigenen Freunde? Ich frage mich, ob wir uns davon beeinflussen lassen? Missverstehen wir unter Umständen die Bedeutung von Respekt? Oder steckt doch etwas anderes dahinter? Verbietet uns vielleicht das Urheberrecht, es zu tun. Wer weiß? Wir sind besessen von einigen Überlegungen, die ich noch nicht einmal alle kenne. Ich persönlich würde nicht wagen, das zu tun. Ich muss jedoch zugeben, dass ich das nicht verallgemeinern möchte. Wenn sich ein scharfsinniger Mensch, der sehr gut mit der Sprache umgehen kann, zusammen mit einem Partner dieser Aufgabe annimmt, kann das keine Nachteile bringen. Mit unseren Zitaten tun wir sowieso nichts anderes.

Wer erhebt also ein Monopol auf diese Schriften? Können Sie Namen nennen?

Ich will nicht sagen, dass eine Einzelperson ein Monopol auf sie erhebt. Seit einer Weile schon gibt es mehrere Verleger. Vor einiger Zeit habe ich mit jemandem, den ich schätze und der für seine Aktivitäten auf dem Gebiet der Bildung akzeptiert wird, gebetet. Ich glaube, ich betete vor. Er sagte zu mir: „Mein Bruder, der Meister sollte nicht so stark verändert werden. Manche Anmerkungen von ihm erscheinen zwar oberflächlich betrachtet einfach und unmissverständlich, haben aber tiefere Bedeutungen." Er gab mir folgendes Beispiel: „,In dieser großen Moschee des Universums erklärt der Koran das Universum. Hören wir ihm also zu. Wiederholen wir ihn also ständig.' Diese Worte sind von großer Schönheit. Käme nun jemand daher und würde sie verändern in: ,In dieser großen Moschee des Universums wird der Koran gelesen. Hören wir ihm also zu', dann würden sie ihre Schönheit einbüßen. Diese Übertragung wäre schwach. Denn gemeint ist zweifellos, dass der Koran in dieser großen Moschee des Universums das Universum erklärt. Der Koran ist ein Buch, welches das Universum erklärt. Wenn Aussagen wie diese verändert werden, frage ich mich, ob da nicht ihre Tiefe auf der Strecke bleibt." Um ehrlich zu sein, schwieg ich still. Ich meine, sein Gewissen ließ ihm in dieser Frage keine Ruhe. Zu sagen: „Ja, das sollte gemacht werden", ist das Eine, respektvoll gegenüber den Gefühlen der Mitmenschen zu sein das Andere. Trotzdem stimme ich vollkommen mit Ihnen überein. Ich wünschte, ein mutiger Mensch würde sich an die Aufgabe heran trauen, ohne gleich die Herzen der Menschen zu verletzen, und das Werk so vereinfachen, dass jeder es verstehen könnte. Beispielsweise das 25. ,Wort' oder auch andere Passagen, in denen er Dinge allein mit Hilfe von Koranversen deutet. Mir würde eine Veröffentlichung, die solche Kapitel öffnen würde, wie ein Sieg erscheinen. Ich denke, niemandem war es vergönnt, den Koran auf einem so hohen Level zu deuten.

In einem Gespräch mit Gästen erwähnten sie, wie wichtig Ihnen der Gedankenaustausch mit anderen Menschen ist. an diesem Punkt möchte ich eine Kritik anbringen: Hier [in Ihrem Exil] kommt es zu keinem Gedankenaustausch. Niemand konfrontiert Sie mit konträren Ansichten. Normalerweise hört man Ihnen still zu. Die Akzeptanz Ihrer Worte ist die Norm; zu Diskussionen kommt es im Allgemeinen nicht. Würden Sie das Auftauchen neuer Ideen und die Entfaltung einer Atmosphäre der demokratischen Diskussion begrüßen? Hier gibt es etwas, das Druck auf das Individuum ausübt.

Einige Freunde hier möchten ihren Gedanken nicht ständig Ausdruck verleihen, vielleicht weil ihr Respekt groß ist. Die Momente, die Sie hier ansprechen, sind jedoch nicht selten. Es gibt viele, die sprechen, die ihre Gedanken äußern. Es kann sein, dass sie manchmal schüchtern sind oder Angst davor haben, eine ,Bemerkung gegen ihn' zu machen. aber ich schließe sie stets mit ein. Auch Abu Hanifa pflegte immer mit seinen Studenten zu diskutieren und so zu einer Entscheidung zu gelangen. Zuweilen lag diese dann auf seiner Linie, dann wieder auf der Abu Yusufs, Imam Muhammads oder Schaybanis. Wenn eine Entscheidung nach seinen Wünschen getroffen wurde, sagte Abu Hanifa manchmal: „Ich habe mir die Quellen noch einmal angeschaut. Nicht was ich sagte, sondern was ihr sagtet, ist richtig." Dieses Thema haben wir auch im Freundeskreis angeschnitten. Um nicht mit unterwürfigem Geist zu sagen: „Dieser und jener sagt immer das Richtige." Ich hinterfrage mich selbst genauso wie andere. Meine Interpretationen sind persönlich. Möglicherweise stimmen Sie nicht mit ihnen überein. Eines jedoch möchte ich betonen: Wenn sie korrekt sind, weil sie von Koran und Sunna untermauert sind, ist es sinnlos, Wirbel um sie zu machen.

Was ich meine ist, erkennen Sie da eine Gefahr? Irgendwohin zu gehören, hat zweifellos positive Seiten. Aber birgt es nicht auch eine Seite, die die Kultur des Individuellen schwächt und die die individuellen Charakteristika glättet und unterdrückt?

Höchstwahrscheinlich hat es Konsequenzen. Vielleicht bringt man Respekt entgegen, unter dessen Last man schließlich zusammenbricht. Aber das ist nicht die Regel. Wir müssen dieses Problem gemeinsam lösen. Ich besitze nicht die Weitsicht Abu Hanifas, meine jedoch, dass Freunde ihre Gedanken frei zum Ausdruck bringen sollten. Im Fernsehen ist dies nicht möglich, denn dort haben wir eine andere Situation als in einer Diskussion. Es gibt eine Wissenschaft, die von unseren Vorfahren gelehrt wurde - die Wissenschaft der Debatte. Diese Wissenschaft beinhaltet, dass wir jedes nur erdenkliche Thema innerhalb der Grenzen der Umgangsformen offen diskutieren können, wenn wir uns nur den Respekt voreinander bewahren. [Das Licht der Wahrheit besteht aus Kollisionen von Gedanken. (Namik Kemal)] Ich hoffe, dass wir einen solchen Zustand in Kürze erreichen werden. Schon heute legt hier jeder vertrauensvoll seine Gedanken dar. Sind sie korrekt, werden sie akzeptiert. Man kann über dieses Thema diskutieren. Aber von einer solchen Beschränktheit kann nicht die Rede sein.

Aber normalerweise ist es doch so, dass die Gruppe ihre eigene Psychologie hat. Jeder möchte dem anderen ähneln. Eine andere Meinung zu haben, wird nicht gerade gefördert. So ist es in den Schulen oder auch in den Parteien.

Das ist eine türkische Sitte. Es ist kulturbedingt. Fordert man jemanden auf, seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen, beginnt er falsche und sinnlose Dinge von sich zu geben, nur um des Redens willen. Abgesehen davon glaube ich aber, dass in der Zeit, in der Sie hier waren, Themen angesprochen wurden, die bereits zuvor diskutiert worden waren und über die andere Meister einen Konsens erzielt haben. Die Leute haben keine Kommentare dazu abgegeben, wahrscheinlich aus Respekt für die Quellen und auch für den Redner.

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