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„Unsere Unterschiede nicht zum Gegenstand von Konflikten machen"

Geschrieben von Jamie Tarabay, The Atlantic am . Veröffentlicht in Interview mit The Atlantic

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Unsere Unterschiede nicht zum Gegenstand von Konflikten machen

Im Interview mit dem US-Magazin „The Atlantic" äußert sich der Islamgelehrte Fethullah Gülen unter anderem über den Grund seiner Zurückgezogenheit und dazu, ob er jemals wieder plant, in die Türkei zurückzukehren.

Fethullah Gülen gab kürzlich dem bekannten US-Magazin „The Atlantic" ein exklusives Interview. In dem von Jamie Tarabay geführten Gespräch werden viele Themen wie Meinungsfreiheit, die Rolle der Frau im Islam, der Grund, warum Gülen nicht in die Türkei zurückkehrt bis hin zu seiner Meinung über Juden behandelt.

Tarabay machte darauf aufmerksam, dass Gülen in der Türkei und in Zentralasien ziemlich bekannt sei, in den USA jedoch noch nicht. Somit fragte sie Gülen als erstes, warum er selten in der Presse zu sehen wäre. Als Antwort erklärte Gülen, dass er in einer bescheidenen Familie aufwachsen sei und eher eine schüchterne Art besitze, weswegen er es eher bevorzuge, in Abgeschiedenheit zu leben.

Zunächst einmal hat Gülens kleines und bescheidenes Zimmer die Aufmerksamkeit Tarabays erregt. Warum er in einem kleinen Zimmer lebe, wo er doch ein Mensch mit reichlichen Optionen sei, fragte die Journalistin und Gülen antwortete: „Mein ganzes Leben ist auf diese Weise vergangen. Während meiner Studienzeit und auch danach habe ich immer an einem so bescheidenen Ort gelebt. Dies beruht auf meinem Wunsch, genauso zu leben wie meine Landsleute, denn ich sehe mich als einer von ihnen. Ich habe mich selbst niemals in irgendeiner Weise als herausragend betrachtet. Außerdem liegt das in meiner Natur. Ich glaube an das Jenseits und daran, dass es richtig ist, so ein Leben zu führen. Ich möchte mich dieser Welt nicht so sehr binden."

Wir dokumentieren nun den Rest des Interviews.

Herr Gülen, bilden Sie immer noch Schüler aus?

Solange es mir meine Gesundheit erlaubt, versuche ich hier, jeden Tag mit meinen Schülern Zeit zu verbringen. An einigen Tagen hindert mich meine Gesundheit daran, doch solange ich lebe, möchte ich mit meinen Schülern zusammenarbeiten.

Ich habe gehört, dass sie keine weiblichen Schüler haben?

Unsere Freunde führen in der Türkei Theologiekurse auf Masterniveau durch, an denen sich auch Frauen beteiligen. Hier kann man nicht das gleiche System anwenden, doch gibt es Frauen, die regelmäßig den Unterricht verfolgen.

Besteht nach der islamischen Tradition die Rolle der Frau in der Mutterschaft?

Nein, das stimmt so nicht. Die außergewöhnliche Stellung der Mutterschaft ist natürlich besonders geachtet. Unsere Gedanken zum Thema Frau sind hingegen, es - unter Berücksichtigung ihrer besonderen Umstände – zur Regel zu machen, dass Frauen jede Rolle, auch im Militär, in der Medizin, in der Justiz, einschließlich der Möglichkeit, Präsident zu werden, ausfüllen können. So haben muslimische Frauen im Laufe der Geschichte ihren Situationen gemäß in jeder Lebenslage etwas Herausregendes geleistet. Zu Lebenszeiten des Propheten Mohammed (Gottes Friede ruhe auf ihm!) befanden sich vor allem Aischa, Hafsa und Ümmü Salama (die Ehefrauen des Propheten) unter den Islamwissenschaftlern und die Männer kamen zu ihnen, um sich beraten zu lassen.

Wenn man diese Beispiele berücksichtigt, ist zu erkennen, dass der Islam in seinem Wesen keine Beschränkung oder Verengung des Handlungsfeldes im Leben einer Frau beinhaltet. Heute wird leider an einigen Orten mittels falscher Interpretationen der islamischen Quellen verbreitet, dass die Frau in manchen Bereichen von sozialen Aktivitäten isoliert werden müsse und dies wird weltweit zum Gegenstand antiislamischer Propaganda gemacht.

Wenn Sie den Leuten in diesem Land, die Ihre Überzeugungen und Lehren nicht so gut kennen, etwas ausrichten sollten, was wäre dann Ihre Botschaft?

Ich habe nicht das Bedürfnis, mich selbst vorzustellen. Ich hatte nie den Wunsch, von den Menschen gekannt oder anerkannt zu werden. Ich teile nur die Ideen, an die ich glaube. Wenn Menschen trotzdem mich als Person anerkennen, ist das ihr Fehler. Mein eigentliches Ziel ist die Sicherung des Friedens auf der Welt, und negative Verhaltensweisen der Menschen durch Bildung so gut wie möglich zu verhindern. Ein arabisches Sprichwort sagt: "Wenn etwas in seiner Gesamtheit nicht erreicht werden kann, sollte man darauf dennoch nicht vollständig verzichten."

Was wäre Ihre Botschaft an die Amerikaner, die sich Sorgen machen über die große Anzahl der Bildungseinrichtungen, welche von Menschen, die von Ihnen inspiriert werden, gegründet wurden. Wenn ein Erzieher sich Ihre Werke als Inspiration genommen hat, wie würden Sie erwarten, dass sich diese in seinem Leben reflektieren?

Zunächst einmal möchte ich mit einer Korrektur hinsichtlich dieser Angelegenheit anfangen: Ich war bei keiner Errichtung oder Führung einer Schule zugegen. Wenn es einen Einfluss von mir geben sollte, ist dieser durch Predigten, Konferenzen und Seminare zustande gekommen. Wenn ich unter denjenigen, die mir zuhören, Ansehen habe, habe ich dies bis heute dafür benutzt, um jeden zur Eröffnung von Bildungseinrichtungen zu ermutigen. Denn durch die Ausbildung einer Generation, welche das Studieren, das Denken und die Menschen liebt und ihr Wissen an die Menschheit weiterreicht, habe ich mitgeteilt, dass weltweit Frieden und Versöhnung erreicht werden können.

Sie streben zwar nicht danach, bemerkt zu werden, aber Sie befinden sich auf der Liste der "100 einflussreichsten Menschen" der TIME, wo Sie als eine äußerst dringend benötigte, moderate Stimme erwähnt wurden. Warum? Was müssten die anderen moderaten Stimmen tun, damit sie Gehör finden können?

Obwohl es weltweit verschiedene moderate Stimmen gibt, ist es manchmal schwer, unter diesen einen Konsens zu erreichen. Vielleicht ist es in dieser Hinsicht viel wichtiger, ein Beispiel zu repräsentieren. Kann die Türkei diesbezüglich ein Beispiel sein? Können diese Bewegung, diese Gemeinschaft dafür ein Beispiel repräsentieren? Ich bin davon überzeugt, dass, wenn wir uns mit uns selbst konfrontieren, uns selbst befragen, wir einsehen, dass unser Unterfangen vielleicht gerade deshalb, weil wir kein gutes Beispiel sein und unsere Werte nicht richtig vertreten konnten, weltweit keine so große Aufmerksamkeit und keine Sympathie gefunden hat. Doch mit Allahs Erlaubnis sind wir davon überzeugt, dass auch dies klappen wird. Unsere Auffassungen wurden in der Türkei lange nicht befürwortet. Doch nun gewinnen sie mit der Zeit an Akzeptanz. Wenn Sie sich daran erinnern können, als ich vor 20 Jahren gesagt hatte, dass die Demokratie ein Prozess ist, der unwiderruflich ist, haben einige Medien - die derzeit die Regierung unterstützen - meine Aussage mit Misstrauen betrachtet und mich heftig kritisiert.

In Ihren früheren Aussagen meinten Sie: „Wenn man als ein Muslim in einer Demokratie lebt, wo es eine volle Freiheit der Meinungsäußerung gibt, dann ist eine andere Art von Regierung nicht notwendig". Können Sie ein Beispiel für einen der Meinungsfreiheit beraubten Muslim geben? Was sollten Muslime in so einer Situation machen?

Bis in die 1950er-Jahre besaßen Muslime weltweit in vielen Ländern, darunter auch in der Türkei, keine Religionsfreiheit. Sogar das persönliche Gebet wurde nicht erlaubt und die Menschen waren gezwungen, ihre Gebete heimlich auszuführen. Als ich mit 6 Jahren in der Grundschule einmal während des Unterrichts das Mittagsgebet verrichtet hatte, wurde ich vom Schulleiter bestraft und in den Keller eingeschlossen. Derartige Unterdrückungen waren tatsächlich vorhanden. Auf der anderen Seite werden heute einige Muslime mit Unterdrückung konfrontiert und bestimmte Personen organisieren Selbstmordattentate als Antwort darauf. Die Religion erlaubt es nicht, selbst mit Unterdrückung zu antworten. An einigen Orten der Welt werden heute Muslime unterdrückt, an anderen Christen. Einige Dinge brauchen ihre Zeit. Die ganze Menschheit muss den Ansatz des Friedens annehmen. Allerdings kann dies nur durch die langfristige Gesundung der Gesellschaft erreicht werden. Können wir dabei erfolgreich sein? Soweit wir können, wird es klappen, und ansonsten werden wir für unsere guten Absichten belohnt.

Es gibt viele Menschen, die Sie lieben. Doch auch gibt es eine große Anzahl von Menschen, die Angst vor Ihnen haben. Einige wollen, dass sie in die Türkei zurückkehren, und die größte Angst der anderen ist gerade die Wahrscheinlichkeit Ihrer Rückkehr.

Ich bin nicht die einzige Person, die der Grund für solche polarisierten Verhalten und Perspektiven geworden ist. Im Laufe der Geschichte waren Menschen, die sich auf der richtigen Seite befanden, stets mit Hindernissen und Feindseligkeit konfrontiert, darunter fallen auch die Propheten. Wenn man die Situation betrachtet, kann man erkennen, dass wir uns entweder nicht gut repräsentiert oder den Menschen richtig erklärt haben. In diesem Zusammenhang können wir folgendes sagen: „Wenn wir denen ganz offen zeigen könnten, dass wir nichts besitzen, was Besorgnis erregt, dann würden sie uns gegenüber keine Feindseligkeit empfinden". Rund um die Welt erleben alle Gesellschaften der Welt eine Paranoia. Auch die Menschen in der Türkei sind davon betroffen. Wir müssen versuchen, jeden negativen Gedanken oder Zweifel zu beseitigen, genau auf solch eine Weise müssen wir uns verhalten. Außerdem müssen wir auch akzeptieren, dass einige Menschen einige vorgefasste Haltungen aus der Vergangenheit besitzen, was nicht zu ändern ist. Also ist es nicht möglich, von jedem Menschen im gleichen Maße geliebt und bewundert zu werden.

In der Vergangenheit wurden einige Aussagen von Ihnen über die Juden und Israel als antisemitisch wahrgenommen. Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Diese Frage kann man aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Erstens, es ist jederzeit möglich, dass der Mensch Änderungen in seinen Überlegungen erlebt. So hatte ich vor vielen Jahren dies in einem Artikel verfasst, in dem es hieß: „Bist du der „Du" von gestern, und er der „Er" von gestern? Das heißt, dass du morgen nicht mehr „Du" und er nicht mehr „Er" bleiben werdet".

Die Worte und das Verhalten Ihrer Ansprechpartner können Ihre Kommentare in diesem Thema beeinflussen. Vor allem in den 90er-Jahren hatte ich die Möglichkeit, durch den Prozess des Dialogs unsere Ansprechpartner besser kennenzulernen. Somit hatte ich das Bedürfnis, meine vorherigen verallgemeinernden Aussagen zu ändern.

Mit reifer Aufrichtigkeit muss ich zugeben, es kann sein, dass ich Verse im Koran und die Ahadith falsch verstanden und mich mit meinen Interpretationen geirrt habe. Ich habe verstanden, dass die Kritiken und Verurteilungen im Koran und in der Sunna nicht gegen einen bestimmten Glauben oder bestimme Menschen gerichtet sind, sondern gegen bestimmte Merkmale konkreter Menschen. Manchmal geraten meine Worte außerhalb ihres Zieles. Einige gezielte Kreise deformieren die Gesamtheit des Gesprächs, montieren es, und lassen Sie somit Sachen sagen, die Sie nicht gesagt haben und niemals sagen würden. Die Anstrengungen, die wir in unserem Dialog unternehmen, werden von einigen Kreisen insofern kritisiert, als man mir sagt: „Sie erweichen den Blick der Muslime auf die Juden und Christen". Ich habe nichts gemacht, was außerhalb der Sunna unseres Propheten Mohammed (der Friede sei mit ihm) ist. Er war derjenige, der bei einer Beerdigung eines Juden aufgestanden ist und gesagt hat: „Er war auch ein Mensch." In der Vergangenheit habe ich einige Aktionen von Israel zwar kritisiert, doch habe ich auch die Selbstmordattentate verflucht, welche das Leben von unschuldigen Menschen bedroht haben.

Warum haben Sie es bevorzugt, in Pennsylvania zu bleiben?

Für meine Rückkehr in die Türkei gibt es kein rechtliches Hindernis. Doch der Gedanke an meine Rückkehr bereitet mir die Sorge, nämlich dass die demokratischen Errungenschaften in der Türkei, welche mit großen Schwierigkeiten errungen und erhalten wurden, durch bestimmte hinterlistige Kreisen auf den Kopf gestellt werden können. Dabei besteht auch die Möglichkeit, die Situation in der Türkei zum Negativen zu verändern und die Führung in eine noch schwierigere Lage zu bringen. Sowohl für unser Land, als auch für die Zukunft einer Bewegung, welche sich auf sehr großer Fläche beweist, muss man in diesem Thema Opfer bringen. Die bittere Pille, welche die Abwesenheit vom Heimatort darstellt, muss geschluckt und diese Situation erduldet werden. Egal wie sehr ich es mir wünsche, in die Türkei zurückzukehren, denke ich an keine Rückkehr, solange meine Befürchtungen sich nicht zerstreut haben.

Ein anderer Punkt ist, dass ich vielen Verleumdungen und Diffamierungen in unbegründeten und falschen Publikationen ausgesetzt bin. Um vielen von ihnen mit rechtlichen Mitteln zu widersprechen und ihr Vorgehen zu ändern, habe ich mich an die zuständigen Stellen zur Veranlassung rechtlicher Schritte gewendet. Hier jedoch bin ich solchen störenden Dingen fern und werde viel weniger davon beeinflusst. Ich finde es hier noch ruhiger.

Wie sehen Sie die weltweit vorhandenen politischen Ambitionen und Lage der Türkei?

Die Türkei führt mit der Europäischen Union Beitrittsverhandlungen durch. Ein Teil der Türkei gilt als Europa, ein Teil als Asien und ein Teil als Naher Osten. Politisch gesehen befindet sich die Türkei an einem sehr wichtigen Ort. Meiner Meinung nach ist die Tatsache, dass sie sich mit den Europäern und mit den Ländern in ihrer Umgebung in einer guten Beziehung befindet und darauf ihre Diplomatie gründet, sehr wichtig für die Türkei. Es ist lebenswichtig, dass die Türkei sich mit ihren demokratischen Errungenschaften entwickelt und auch gute Beziehungen zu ihrer Umgebung pflegt. Darüber hinaus sollte man, was dieses Thema betrifft, einige Dynamiken wesentlich auswerten. Wenn es zum Beispiel eine aus der Vergangenheit geerbte Tendenz, einen unbewusste Auffassung zu Gunsten der Türkei gibt, die dieser Ansehen verleiht, darf dies alles nicht beschädigt werden. Wir müssen unseren Ruf schützen. Gute Beziehungen beruhen auf Liebe, Respekt, positiven Ideen und können mit einem Zusammenkommen zu Gunsten beiderseits akzeptabler Lösungen erreicht werden. Macht heute die Türkei genau das, kann sie das nicht oder macht sie das nicht, das sind Fragen, auf man sich konzentrieren muss. Wenn die Türkei solch einen diplomatischen Prozess beginnen kann, gehen wir davon aus, dass dies sowohl für Europa, für Amerika als auch für die ganze Welt gut sein wird. Ich glaube allerdings nicht, dass die Türkei derzeit alles Menschenmögliche dafür tut.

Wie würden Sie sich selbst und Ihr Auffassung vom Islam beschreiben?

Ich kann mich als einen gewöhnlichen Muslim beschreiben, der versucht, sich innerhalb des Rahmens, den der Koran und der Prophet Mohammed mit seiner Sunna festgelegt haben, zu bewegen. Dabei habe ich versucht, die Werke der Gelehrten, Islamgelehrten, Ausleger und Hadithkommentatoren zu berücksichtigen. In früheren Jahren wurde ich gefragt, ob ich Mitglied eines Ordens wäre oder ob ich den Sufismus ablehnen würde. So sehr ich auch kein Ordensmitglied bin, haben mich die Ordensgelehrten aber stets gravierend beeinflusst.

Auch sollte man meine Beschreibung meiner selbst und meine Auffassung vom Islam nicht nur an meinen Worten messen. Mein Lebenswerk und mein Wirken außerhalb diesen und anderen Bekanntmachungen soll man auch an Einstellungen und Verhaltensweisen, an den Aktivitäten mit Freunden, mit dem Zweck, der Menschheit zu dienen, untersuchen und lesen können. Man sollte diese an den Bildungs-, Dialog-, wirtschaftlichen Investitions- und Hilfsaktivitäten erkennen, welche weltweit mit dem Ziel organisiert wurden, jeden in seiner Position anzunehmen, in einer Atmosphäre des Friedens und der Ruhe zu leben und die Welt zu einer Wiege der Brüderlichkeit zu machen -ohne unsere Unterschiedlichkeiten zum Grund von Konflikten zu machen.

All dies ist in einer Weise das Wirken unserer Auffassung vom Islam nach außen.

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