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Warum hat Gott Naturgesetze und Ursachen erschaffen?

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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In der kommenden Welt, der Sphäre der Macht, wird Gott Seinen Willen direkt ohne die ‚Vermittlung' von Ursachen ausüben. Dort wird alles ohne jede Verzögerung auf der Stelle so geschehen, wie Er es Sich vorstellt. Gottes Name ‚der Weise' jedoch verlangt danach, dass Gott Seine Macht in dieser Welt, der Sphäre der Weisheit, durch einen Schleier von Ursachen und Gesetzen hindurch walten lässt. Die Gründe für diese Maßnahme sind vielfältig:

  • In dieser Welt vermischen sich die Gegensätze: die Wahrheit mit der Lüge, das Gute mit dem Bösen, Schwarz und Weiß usw.. In der Natur des Menschen sind sowohl Neigungen zum Guten als auch zum Schlechten verwurzelt. Da der Mensch in dieser Welt auf die Probe gestellt wird (geprüft wird, ob er seinen freien Willen und seine anderen Fähigkeiten in den Dienst der Wahrheit und des Guten stellt), verlangt die Weisheit Gottes danach, dass die Handlungen Gottes unter einem Schleier von Ursachen und Gesetzen verhüllt sind. Wenn Gott wollte, könnte Er die Planeten mit Seinen ‚Händen' unterweisen und uns Menschen dabei zusehen lassen. Er könnte sie aber auch von Engeln verwalten lassen, die wir dann mit bloßen Augen bei ihrer Arbeit beobachten könnten. Dann würden wir erst gar nicht von Gesetzen oder Ursachen wie dem Gesetz der Schwerkraft sprechen. Wenn Er wollte, könnte Gott Seine Anordnungen jedem einzelnen Individuum direkt übermitteln, ohne dafür Propheten auf die Erde zu schicken. Um uns davon zu überzeugen, an Seine Existenz und Einheit zu glauben, könnte Er Seinen Namen mit den Sternen an das Himmelszelt schreiben. In diesem Fall wäre die Existenz des Menschen auf Erden jedoch keine Phase der Prüfung mehr. Im Rahmen dieser Prüfung fließen Gut und Böse seit der Existenz des ersten Menschen auf Erden durch diese Welt. Münden werden diese beiden Flüsse einst in der kommenden Welt in den beiden gewaltigen Meeren von Paradies und Hölle.
  • Das Dasein des Menschen hat, ähnlich wie die beiden Seiten eines Spiegels, zwei Aspekte bzw. Dimensionen: eine sichtbare materielle Dimension, die Sphäre der Gegensätze und der (zumindest überwiegend zu beobachtenden) Unvollkommenheit, und eine spirituelle Dimension, die Sphäre des Reinen, des Transparenten und Vollkommenen. In der materiellen Dimension können sich Ereignisse und Phänomene befinden (und befinden sich auch), die dem Menschen unangenehm erscheinen. Menschen, die nicht in der Lage sind, die Weisheit Gottes hinter allen Dingen zu sehen, gehen unter Umständen sogar so weit, dass sie den Allmächtigen für diese unangenehmen Ereignisse und Phänomene kritisieren. Um dies zu verhindern, hat Gott die Naturgesetze und die Ursachen erschaffen. Mit ihnen verhüllt Er Seine Handlungen. Damit z.B. der Mensch weder Gott noch Seinen Engeln für den Tod eines geliebten Menschen oder den eigenen Tod Vorwürfe macht, hat Gott zwischen Sich und das Phänomen des Todes u.a. Krankheiten und Naturkatastrophen als ‚Vermittler' und ‚Ursachen' gestellt.

Um es noch einmal zu betonen: Da diese Welt für den Menschen eine Arena der Prüfung darstellt und daher grundsätzlich unvollkommen ist, leidet der Mensch unter diversen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Generell sind aber alle Ereignisse und Phänomene entweder in sich oder aber ihre Konsequenzen schön und berechtigt. Ungerechtigkeiten, Hässlichkeit und alles Böse sind lediglich oberflächlich betrachtet schlecht und entspringen den Irrtümern und Missbräuchen der Menschen. Ein Beispiel: Es mag vorkommen, dass ein Gericht ein ungerechtes Urteil über uns fällt. Wir sollten uns aber der Tatsache bewusst sein, dass die Vorherbestimmung dieses Urteil nur deshalb zugelassen hat, weil wir noch andere Sünden begangen haben, die bislang ungesühnt geblieben waren. Normalerweise ist alles, was einem Menschen zustößt, selbstverschuldet. Wer aber nicht über die nötige Intelligenz verfügt, um verstehen zu können, dass die Weisheit Gottes hinter den Ereignissen und Phänomenen steckt, wird oberflächlich vorhandene Hässlichkeit und Übel aller Art sowie die Unvollkommenheit und die Unzulänglichkeiten, die er in seinem Leben auf Erden zu spüren bekommt, Gott zur Last legen; und dies obwohl Gott frei von allen Schwächen und Fehlern ist.

  • Würde Gott direkt ohne die Vermittlung von Ursachen und Gesetzen in dieser Welt agieren, wäre der Mensch nicht in der Lage, sich wissenschaftliche Kenntnisse anzueignen. Stattdessen würde er in ständiger Furcht leben. Da Gott aber hinter dem Schleier der natürlichen Ursachen und Naturgesetze agiert, kann der Mensch die Abfolge von Phänomenen beobachten und studieren. Denn erst die Regelmäßigkeit, die den Fluss und die Veränderlichkeit der Ereignisse auszeichnet, lässt uns die Ereignisse verstehen. Sie weckt in uns das Bedürfnis, zu staunen und nachzudenken, und ohne dieses Bedürfnis wäre die Wissenschaft gar nicht denkbar. Aus dem gleichen Grunde können wir bis zu einem gewissen Grade unsere Angelegenheiten planen und arrangieren. Man stelle sich nur ein Leben vor, in dem wir nie genau wüssten, ob die Sonne am nächsten Morgen aufgeht oder nicht.
  • Wer auch immer Eigenschaften wie Schönheit und Vollkommenheit besitzt, sehnt sich danach, diese kennen zu lernen und anderen zu zeigen. Gott verfügt über absolute Schönheit und Vollkommenheit. Er ist unabhängig von allen Dingen und es gibt nichts, dessen Er bedarf. Daneben verfügt Gott über eine heilige transzendente Liebe und damit auch über den heiligen Wunsch, Seine Schönheit und Vollkommenheit zu manifestieren. Würde Er Seine Namen und Attribute direkt ohne die Vermittlung von Ursachen und Gesetzen manifestieren, wären die Menschen unfähig, Seine Manifestationen zu ertragen. So manifestiert Er sie über Ursachen, Gesetze und Abstufungen, die Zeit und Raum unterworfen sind, damit wir eine Verbindung zu ihnen knüpfen, über sie nachdenken und sie wahrnehmen können. Die stufenweise Manifestation der Namen und Attribute Gottes weckt außerdem unsere Neugier und unser Erstaunen.

Diese vier Punkte beinhalten nur eine Auswahl von Gründen für die Vermittlerrolle, die die Naturgesetze und die Ursachen spielen.

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