Drucken

Der Geist und seine Identität

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

Bewertung:  / 2
SchwachSuper 

Der Geist stammt aus der Welt der Anweisungen Gottes

Die Welt setzt sich aus zahlreichen ‚kleinen' Welten wie dem Pflanzenreich, dem Reich der Tiere und der Welt der Menschen zusammen.

Dies ist eine allseits bekannte Tatsache. Doch was die Wissenschaften bis heute noch nicht wahrhaben wollen, ist, dass es in diesem Universum noch viele weitere Welten gibt, die ineinander verschachtelt sind und einander umschließen. Eine dieser Welten, die sichtbare materielle Welt, in der wir leben, spricht unsere Sinne an. Diese Welt, die sich von den winzigsten Teilchen bis hin zu den Galaxien erstreckt, ist die Sphäre, in der der Allmächtige Leben gibt, gestaltet, erneuert, umformt und sterben lässt. Mit den Phänomenen dieser Welt beschäftigen sich die Wissenschaften.

Über dieser sichtbaren materiellen Welt befindet sich die immaterielle Welt der Gebote oder Befehle Gottes. Um uns Kenntnisse über jene Welt anzueignen, können wir uns z.B. anschauen, auf welchem Wege Bücher, Bäume oder Menschen Existenz erlangen. Das wichtigste Charakteristikum der Existenz eines Buches ist seine Bedeutung. Ohne Bedeutung kann kein Buch existieren, egal wie fortgeschritten die Druckerpressen sein mögen und wie viel Papier für den Druck des Buches zur Verfügung steht. Ein zweites Beispiel: Die Essenz des Lebens und das Gesetz des Keimens und des Wachstums, die dem Samenkorn eines Baumes innewohnen, sind es, die sein Keimen unter der Erde und sein Wachstum bewirken. Selbst mit bloßem Auge können wir den Prozess des Keimens und die Entwicklung eines Baumes aus diesem Samenkorn beobachten. Ohne die Essenz des Lebens und die Gesetze des Keimens und des Wachstums, die sich unseren Blicken entziehen, aber für die Geburt und das Wachstum neuer lebender Organismen verantwortlich sind, gäbe es keine Pflanzen in dieser Welt.

Die Menstruation bietet der Frau Monat für Monat einen Zeitraum, in dem sie die Möglichkeit besitzt, schwanger zu werden und ein Kind zu empfangen. Dieser Vorgang folgt einem (biologischen) Gesetz. Von Millionen von männlichen Spermien, die sich in Richtung Gebärmutter der Frau auf den Weg machen, gelingt es nur einer einzigen, die Eizelle zu befruchten. Nachdem dies geschehen ist, setzt die Menstruation bis zur Geburt aus. Auch dieser Vorgang folgt einem (biologischen) Gesetz. Die unterschiedliche Phasen durchlaufende Entwicklung des Embryos zu einem neuen Individuum ist ein dritter Vorgang, der ebenfalls einem (biologischen oder einem embryologischen) Gesetz folgt. Diese Entwicklung wird im Koran sehr anschaulich beschrieben:

Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus einer Substanz aus Lehm. Alsdann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte. Dann bildeten Wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei dann Allah gepriesen, der beste Schöpfer. (23:12-14)

Sie findet dem Koran zufolge in den drei Finsternissen statt:

Er erschafft euch in den Schößen eurer Mütter, Schöpfung nach Schöpfung, in drei Finsternissen. (39:6)

Wenn der Koran hier von drei Finsternissen spricht, können seine Worte inzwischen folgendermaßen gedeutet werden: Parametrium, Miometrium und Endometrium sind drei Zellgewebe, die drei wasser-, hitze- und lichtundurchlässige Membranen, nämlich Amnion, Corion und die Wand der Gebärmutter umschließen.[1]

Dass alle diese Gesetze existieren, können wir aus der Tatsache ableiten, dass sich diese Prozesse nahezu ohne Abweichung ständig wiederholen. Wenn wir die Phänomene (der Natur) um uns herum aufmerksam beobachten, dürfen wir analog dazu auch die Existenz vieler weiterer Gesetze wie zum Beispiel jenen von Anziehung und Abstoßung oder vom Gefrieren bzw. Verdampfen von Wasser voraussetzen.

Ebenso wie die hier genannten und viele weitere Gesetze mehr ist auch der Geist ein Gesetz, das der Welt der Gesetze oder Anweisungen Gottes entstammt. Im Unterschied zu allen anderen Gesetzen ist der Geist des Menschen jedoch ein lebendes, bewusstes Gesetz. Der Vers Sprich: "Der Geist ist vom Befehl meines Herrn... (17:85) besagt eindeutig, dass der Ursprung des Geistes in der Welt der Befehle Gottes, und nicht in der sichtbaren, materiellen Welt liegt.

Wenn der Geist seines Lebens und seines Bewusstseins beraubt würde, würde er zu einem ‚ konventionellen' Gesetz werden; wenn andererseits den ‚konventionellen' Gesetzen Leben und Bewusstsein gegeben würde, würde jedes von ihnen zu einem Geist werden.

Der Geist lässt sich weder definieren noch durch wissenschaftliche Erkenntnisse begreifen

Während sich Materie und alles andere in der materiellen Welt aus Atomen zusammensetzt, die ihrerseits aus noch winzigeren Teilchen bestehen, ist der Geist eine unzerlegbare Einheit, die sich nicht weiter aufspalten lässt. Er ist eine unzerlegbare Einheit, die zwar selbst unsichtbar ist, die man aber anhand ihrer Manifestationen in dieser Welt identifizieren kann. Zwar kennen wir das Wesen dieser Einheit nicht; unsere Unkenntnis spricht aber nicht gegen ihre Existenz. Wir akzeptieren die Existenz dieser Einheit, weil wir sehen, worin sie sich manifestiert.

Wir nutzen unsere Augen, um zu sehen. Unsere Augen sind quasi unsere Seh-Instrumente. Zwar liegt das Zentrum unserer Sehkraft im Gehirn, trotzdem sehen wir natürlich nicht mit dem Gehirn selbst. Wir sagen nicht: "Mein Gehirn sieht", sondern "Ich sehe". Wir sind es, die sehen, hören und fühlen. Was aber verbirgt sich hinter dem, was wir ‚Ich' nennen? Ist es etwas, das aus einem Gehirn, einem Herzen und anderen Organen und Gliedmaßen besteht? Warum können wir uns nicht mehr bewegen, sobald wir erst einmal tot sind, obwohl all unsere Organe und Gliedmaßen doch auch dann noch vorhanden sind? Wie funktioniert eine Fabrik? Sie arbeitet nicht selbstständig, sondern erhält von außen Impulse, die wir elektrische Energie oder Strom nennen. Jeder Defekt und alles, was die Fabrik von der Energiezufuhr abschneidet, verwandelt sie, die doch normalerweise so produktiv ist, in einen Haufen Schrott. Lässt sich also die Beziehung zwischen der elektrischen Energie und der Fabrik also mit der zwischen Körper und Geist vergleichen? Wenn die Verbindung zwischen Körper und Geist (durch das, was wir Tod nennen) unterbrochen wird, wird der Körper auf etwas reduziert, das man so schnell wie möglich loswerden möchte, da es verwest und sich auflöst.

Natürlich ist der Geist nicht mit elektrischer Energie gleichzusetzen. Er ist eine bewusste effektive Einheit, die in der Lage ist zu lernen. Der Geist denkt, fühlt, schlussfolgert und entwickelt sich in der Regel im Einklang mit der physischen Entwicklung des Körpers weiter, indem er sich Wissen erwirbt, meditiert, glaubt und zu Gott betet. Der Geist bestimmt den Charakter, das Wesen und die Identität des Individuums - jene besonderen Kennzeichen also, die den Menschen von anderen Menschen unterscheiden. Auch wenn ausnahmslos alle Menschen, vom ersten bis zum letzten, aus den gleichen Elementen bestehen, unterscheiden sie sich doch in Charakter, Wesen und anderen Merkmalen bis hin zu den Fingerabdrücken voneinander. Der Geist ist die Instanz, die diese Unterschiede festlegt.

Der Geist kontrolliert die inneren Fähigkeiten des Menschen

Gott hat jedem Geschöpf ein besonderes ‚Wesen' verliehen:

Ihm ergibt sich, was in den Himmeln und auf der Erde ist, gehorsam oder wider Willen, und zu Ihm kehren sie zurück. (3:83)

Preise den Namen deines Allerhöchsten Herrn, der erschaffen und geformt hat, der vorherbestimmt und leitet... (87:1-3)

Alles, was im Universum existiert, auch der Körper des Menschen, handelt entsprechend seinem ihm von Gott, dem Allmächtigen, zugewiesenen ‚ursprünglichen Wesen'. Aus diesem Grund beobachten wir im Wirken des Universums einen strikten Determinismus. Was wir als ‚Naturgesetze' bezeichnen, sind lediglich die Namen, die wir dem ursprünglichen Wesen eines Gegenstands oder eines Geschöpfes geben.

Das ursprüngliche Wesen der Dinge ‚betrügt' nicht. Weil Gott die Erde zum Beispiel so platziert hat, dass sie sich sowohl um sich selbst als auch um die Sonne dreht, tut sie dies auch unablässig. Ein Samenkorn verkündet in der Sprache seiner Existenz oder seines ursprünglichen Wesens: "Unter günstigen Bedingungen werde ich im Boden keimen und zu einer Pflanze heranwachsen!", und setzt seine Worte dann in die Tat um. Wasser tut kund, dass es bei 0°C gefriert und bei 100°C verdampft, und hält ebenfalls, was es verspricht.

Auch das Gewissen des Menschen lügt nicht, so lange es rein bleibt. Wenn es nicht durch das sinnliche Selbst oder die Begierden des Menschen getäuscht wird, spürt es im tiefsten Innern die Existenz Gottes. Im Glauben an Gott und im Gebet zu Ihm findet es Frieden. Der Geist des Menschen lenkt also sein Gewissen und seine anderen Fertigkeiten. Der Geist strebt nach der Welt, aus der er gekommen ist, und sehnt sich nach seinem Schöpfer. Sofern er nicht durch Sünden beeinträchtigt und verdorben wird, findet er den Schöpfer und bei Ihm wahre Glückseligkeit.

Der Geist verfügt über weit reichende Verbindungen in Vergangenheit und Zukunft

Tiere haben keine Vorstellung von der Zeit. In Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Wesen, das Gott ihnen zugewiesen hat, leben sie allein in der Gegenwart und fühlen weder die Schmerzen der Vergangenheit noch die Ängste der Zukunft. Der Mensch hingegen wird sehr stark von diesen Schmerzen und Ängsten beeinträchtigt. Denn sein Geist ist eine bewusste, empfindungsfähige Einheit.

Der Geist gibt sich niemals mit der sterblichen, flüchtigen Welt zufrieden. Unsere Errungenschaften und Besitztümer allein (Geld, hohe Positionen und die Erfüllung aller weltlichen Wünsche etwa) machen ihn nicht glücklich. Diese Dinge mehren lediglich seine Unzufriedenheit und sein Elend, insbesondere dann, wenn sie um ihrer selbst willen oder zur Befriedigung des sinnlichen Selbst angestrebt werden. Der Geist findet nur durch Glauben, Anbetung und Gedenken an Gott zur Ruhe.

Jeder Mensch empfindet ein sehr starkes Verlangen nach der Ewigkeit. Dieses Verlangen speist sich nicht aus der physischen Dimension seiner Existenz; denn eigentlich verbietet uns unsere Sterblichkeit ja, dass wir die Ewigkeit spüren und uns nach ihr sehnen. Diese Sehnsucht wurzelt in der ewigen Dimension der Existenz des Menschen, die unser Geist bewohnt. Der Geist lässt den Menschen seufzen: "Ich bin sterblich, aber ich verlange nicht nach dem, was sterblich ist. Ich bin hilflos, aber ich verlange nicht nach dem, was hilflos ist. Ich verlange nach einem Ewigen Geliebten (der mich niemals im Stich lassen wird), und ich sehne mich nach einer ewigen Welt."

Der Geist hält durch den Körper seine Verbindung zur materiellen Welt aufrecht

Der Geist ist eine unzerlegbare Einheit, die der Welt der Gebote Gottes entstammt. Damit er sich in der materiellen sichtbaren Welt manifestieren und dort auch tätig werden kann, ist der Geist auf materielle Hilfsmittel angewiesen. So wie der Körper keinen Zugang zur Welt der Symbole oder der immateriellen Formen finden kann, kann der Geist ohne die Vermittlung von Herz, Gehirn und anderen Organen und Gliedmaßen keinen Kontakt zu dieser Welt knüpfen.

Der Geist kooperiert, wie bereits erwähnt, mit den Nerven, Zellen und anderen Bestandteilen des Körpers. Wenn also einem System oder einem Organ des Körpers etwas zustößt, wird die Verbindung des Geistes mit diesem System bzw. Organ unterbrochen, und der Geist kann es nicht länger kontrollieren. Wenn das Versagen oder die ‚Krankheit', die diese Unterbrechung ausgelöst hat, schwer genug ist, um die Verbindung des Geistes mit dem ganzen Körper zu lösen, tritt das ein, was wir als ‚Tod' bezeichnen.

Indem man bestimmte Regionen im Gehirn stimuliert, kann man Hände oder Finger dazu veranlassen, simple Bewegungen auszuführen. Diese Bewegungen ähneln jedoch den konfusen und bedeutungslosen Klängen, die man auch durch das wahllose Anschlagen der Tasten eines Klaviers erzeugt. Solche Bewegungen sind rein mechanische Reaktionen des Körpers auf irgendwelche Stimulationen, die als gewohnheitsmäßige Arbeiten des Körpers einzustufen sind. Um bedeutungsvolle Bewegungen hervorzubringen, braucht der Körper den Geist, der bewusst ist und über einen freien Willen verfügt.

Auch wenn Psychoanalytiker dies anders sehen mögen - es wäre falsch zu behaupten, dass Träume allein aus den Aktivitäten des Unterbewusstseins bestehen. Fast jeder Mensch hatte schon einmal Träume, die ihm etwas über die Zukunft verraten haben und Wirklichkeit geworden ist. Viele wissenschaftliche und technologische Entdeckungen sind ‚wahr gewordenen' Träumen zu verdanken. Träume deuten also auf die Existenz von etwas hin, was sich in uns befindet und - während wir schlafen - die Dinge auf andere Art und Weise sieht: auf unseren Geist. Zwar stimmt es natürlich, dass der Mensch mit den Augen sieht, mit der Nase riecht, mit den Ohren hört usw.. Es gibt aber auch Menschen, die mit ihren Fingern oder mit ihrer Nasenspitze sehen und mit ihren Absätzen riechen.

Der Geist bestimmt die Gesichtszüge des Menschen

Der Geist manifestiert sich vor allem auf dem Gesicht des Menschen. Das Gesicht ist ein Fenster, das einen Einblick in die innere Welt des Menschen gewährt.

Psychologen bestätigen, dass fast alle Bewegungen des Menschen bis hin zum Husten etwas über seinen Charakter aussagen. Insbesondere unser Gesicht offenbart unseren Charakter, unsere Fähigkeiten und unsere Persönlichkeit so klar und deutlich, dass es eine eigene Disziplin, die Physiognomie gibt, die sich allein damit beschäftigt, die Charaktereigenschaften von Menschen von ihren Gesichtern abzulesen. Der Geist schließlich ist die treibende Kraft, die für diese Eigenschaften verantwortlich ist.

Unsere Körperzellen erneuern sich kontinuierlich. Tag für Tag sterben Millionen von Zellen ab und werden durch neue ersetzt. Biologen haben herausgefunden, dass im Laufe eines halben Jahres alle Zellen des Körpers ersetzt werden. Trotz dieses permanenten Austauschs bleibt das Gesicht mit seinen Haupteigenschaften erhalten. Wir identifizieren Menschen anhand ihrer unveränderlichen Gesichtszüge. Auch die Fingerabdrücke des Menschen sind unveränderbar. Obwohl sich die Zellen der Finger fortwährend erneuern und selbst wenn es zu Verletzungen oder Quetschungen der Finger kommt, bleibt der Fingerabdruck ein unverwechselbares Kennzeichen des Menschen. Der Geist des Menschen, der sich vom Geist aller anderen Individuen unterscheidet, trägt zum Erhalt dieser unveränderlichen Kennzeichen bei.

Der Geist lässt sich moralisch, spirituell und intellektuell schulen und ist für die unterschiedlichen Charaktere der Menschen verantwortlich

Ununterbrochen macht unser Körper alle möglichen Veränderungen durch. Physisches Wachstum und physische Entwicklung machen ihn bis zu einem gewissen Punkt immer stärker und vollkommener. Ist der Wachstumsprozess erst einmal beendet, beginnt der Verfall. Auch auf der geistigen Ebene können wir wachsen, wenn wir bereit sind, zu lernen und uns weiterzubilden. Gleichzeitig können wir aber auch spirituell oder intellektuell verfallen. Diesen Prozess des Wachstums bzw. des Verfalls können wir theoretisch jederzeit stoppen und in eine andere Richtung lenken. Unsere moralische, spirituelle und intellektuelle Erziehung ist von unseren körperlichen Veränderungen weitgehend unabhängig. Unsere physische Struktur wirkt sich nicht wesentlich auf unsere moralischen, spirituellen und intellektuellen Eigenarten aus. Zwar bestehen wir aus den gleichen Elementen wie andere Menschen auch, doch was ruft die moralischen und intellektuellen Unterschiede zwischen den Menschen hervor? Welchem Teil von uns kommt eine moralische und intellektuelle Erziehung zu Gute? Welcher Teil wird durch Sport geschult? Steht physische Schulung in irgendeiner Beziehung zu moralischer und intellektueller Erziehung? Sind körperlich gut durchtrainierte Menschen intelligenter und moralischer als andere? Falls dies nicht der Fall ist, und wenn die körperliche Ertüchtigung bzw. Entwicklung den wissenschaftlichen, moralischen und intellektuellen Bereich nicht berührt, müssen wir doch eigentlich die Existenz des Geistes akzeptieren. Wie können wir das Lernen und die moralische und intellektuelle Erziehung den biochemischen Prozessen im Gehirn zuschreiben? Laufen diese Prozesse bei einigen schneller ab als bei anderen? Wenn ja, sind einige Menschen deshalb intelligenter, weil diese Prozesse schneller ablaufen, oder laufen die Prozesse schneller bei ihnen ab, weil sie fleißiger und intelligenter sind? In welcher Beziehung stehen diese Prozesse zur spirituellen und moralischen Erziehung eines Menschen und zu dessen Entwicklung? Wie lässt sich der Glanz erklären, den regelmäßige Anbetung auf die Gesichter der Menschen zaubert? Warum strahlen die Gesichter von gläubigen Menschen schöner als die von ungläubigen Menschen und Sündern?

Es wurde bereits erwähnt, dass der Mensch einem ständigen physischen Wandel, zunächst in Richtung Wachstum, dann in Richtung Verfall, unterworfen ist und dass sich die Zellen seines Körpers alle sechs Monate erneuern. Gleichzeitig verändern sich sein Charakter, seine Moral und sein Denken. Wie aber können wir diese Tatsache anerkennen, ohne den Geist als das Zentrum unseres Denkens und Fühlens, unserer Urteile und Entscheidungen oder unseres Lernens zu akzeptieren; als das Zentrum, das gleichzeitig auch unterschiedliche Meinungen, Vorlieben und Charaktere erzeugt?

Unser Geist fühlt, glaubt oder leugnet

Jeder Mensch hat vielschichtige Gefühle: Wir lieben und hassen, freuen uns oder sind betrübt, sind glücklich oder traurig, hoffen oder verzweifeln, sind ambitioniert und bilden uns Dinge ein, verspüren Erleichterung oder Langeweile usw.. Wir mögen etwas oder auch nicht, schätzen und verachten etwas, erfahren Furcht und Angst genauso wie Ermunterung und Enthusiasmus. Wir bereuen, regen uns auf und sehnen uns nach bestimmten Dingen. Wenn wir ins Wörterbuch schauen, fällt uns auf, dass wir Hunderte von Wörtern haben, die die menschlichen Gefühle beschreiben. Vielleicht denkt der Mensch über Ereignisse, die in seinem Umfeld geschehen, oder über die Schönheit der Schöpfung nach und bildet sich auf diese Art und Weise weiter. Möglicherweise stellt er Vergleiche an, zieht Schlussfolgerungen und glaubt deshalb an den Schöpfer aller Dinge.

Den Schöpfer anzubeten und Seine Gebote zu befolgen, bringt uns moralisch und spirituell weiter und vervollkommnet uns. Womit wollen wir all dies erklären, wenn nicht mit einem bewussten Geist? Wollen wir diese Phänomene etwa wirklich biochemischen Prozessen im Gehirn zuschreiben?

Der Geist macht die wahre Identität des Menschen aus

Würden wir den Menschen als eine physische Einheit betrachten, die ausschließlich aus Blut, Knochen, Fleisch und Gewebe besteht, und all sein Handeln auf biochemische Prozesse im Gehirn zurückführen, bräuchten wir uns an keine Gesetze zu halten. Denn der Körper erneuert sich ja alle sechs Monate. Man stelle sich nur einen Mann vor, der vor Gericht eines Verbrechens beschuldigt wird, das er ein Jahr zuvor begangen hat. Der Richter würde ihn fragen: "Wann haben Sie den Verstorbenen ermordet?" "Vor einem Jahr", würde der Angeklagte erwidern. Der Urteilsspruch könnte dann etwa lauten:

"Der Mord wurde also vor einem Jahr begangen. Die Körperzellen des Angeklagten einschließlich der Zellen jener Finger, die den Abzug der Pistole betätigt haben, wurden inzwischen ausgetauscht. Da der tatsächliche Mörder also nicht mehr bestraft werden kann, hat sich die Jury entschlossen, den Angeklagten freizusprechen."

Der Mensch kann unmöglich als eine Einheit bezeichnet werden, deren Handeln, Gefühle, Gedanken, Glaubensüberzeugungen und Entscheidungen allein auf biochemischen Prozessen basieren. Der Hauptbestandteil unseres Seins ist unser lebender und bewusster Geist, der fühlt, denkt, glaubt, will, entscheidet und den Körper kontrolliert. Der Körper ist ein Instrument, das der Geist nutzt, um seine Entscheidungen in die Tat umzusetzen.

Der Geist ist die Basis des menschlichen Lebens

Wie bereits erwähnt wurde, ist das Wirken Gottes in dieser Welt durch einen Schleier von Ursachen verhüllt. In vielen anderen Welten aber (z.B. in der Welt der Ideen, der Symbole und immateriellen Formen, der inneren Dimension der Dinge und der Geistwesen) handelt Gott direkt. Materie oder Ursachen existieren dort nicht. Der Geist wird dem Embryo direkt ohne die Vermittlung von Ursachen eingehaucht. Er ist eine direkte Manifestation von Gottes Namen ‚der Lebende'; er ist die Basis des menschlichen Lebens. Der Geist ähnelt den Naturgesetzen insofern, als dass er aus der gleichen Sphäre wie sie stammt. Auch der Geist ist selbst unsichtbar und zeigt sich erst in seinen Manifestationen.

In dieser Welt entwickelt sich die Materie zu Gunsten des Lebens immer weiter. Ein lebloser Körper, mag er auch so groß wie ein Berg sein, ist einsam, passiv und statisch. Das Leben hingegen ermöglicht es sogar einer Biene, mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten, Geschäfte zu tätigen und zu sagen: "Diese Welt ist mein Garten, und die Blumen sind meine Geschäftspartner." Je kleiner ein lebender Körper ist, desto aktiver und kraftvoller lebt er. Man vergleiche nur eine Biene, eine Fliege oder einen Mikrokosmos mit einem Elefanten. Je feiner Materie ist, desto aktiver und kraftvoller ist auch der zu ihr gehörende Körper. Brennendes Holz beispielsweise produziert Flammen und Kohlenstoff. Erhitztes Wasser verdampft. Wir können die Energie atomarer und subatomarer Welten nicht mit eigenen Augen sehen; wir wissen aber, dass es sie gibt, und wir wissen um ihre Energie, da sie sich manifestiert. Deshalb beschränkt sich das Sein nicht nur auf diese Welt. Diese Welt ist vielmehr die sichtbare, veränderliche und unbeständige Dimension des Seins, hinter der die reine und unsichtbare Dimension liegt, die sich die Materie zu Nutze macht, um gesehen und erkannt zu werden. Da der Geist zu jener Sphäre gehört, ist auch er rein und unsichtbar.

Die folgenden Argumente für die Existenz des Geistes weisen auch auf die Existenz des Schöpfers hin:

  • So wie unser Körper, den Gott aus Elementen erschafft, den Geist braucht, damit dieser ihn führt und lenkt, braucht das Universum Gott, um von Ihm hervorgebracht, geführt und gelenkt zu werden.
  • Jeder Körper hat einen Geist, der ihn lebendig macht und verwaltet. Daher muss dieses Universum von einem Einzigen Gott, der keine Partner hat, erschaffen worden sein und dirigiert werden. Sonst wären Chaos und Unheil unvermeidlich.
  • Der Geist ist im Körper nicht genau zu lokalisieren. Er ist sogar in der Lage, den Körper zu verlassen. Im Schlaf beispielsweise hält er die Verbindung zum Körper nur über eine ‚Schnur' aufrecht. Auch Gott, der Allmächtige, lässt sich weder vom Raum noch von der Zeit eingrenzen. Er ist ständig überall und nirgends präsent. Der Geist hingegen gehört zum Körper und ist Raum und Zeit unterworfen.
  • Es gibt nur eine Sonne, und die Erde ist weit von ihr entfernt. Mit ihrer Wärme und ihrem Licht ist die Sonne aber allgegenwärtig. Durch die Reflexion ihrer Strahlen scheint sie in allen durchsichtigen Dingen. Daher ist es nicht falsch zu sagen, dass sie den Dingen näher ist, als sie selbst es sind. Im gleichen Verhältnis steht der Geist zum Körper und zu den Zellen. Diese Analogie hilft uns vielleicht, die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung besser zu verstehen. Gott kontrolliert und dirigiert alle Dinge gleichzeitig, als seien sie ein einziges Ding. Obwohl wir unendlich weit von Ihm entfernt sind, ist Er uns näher, als wir selbst es sind.
  • Der Geist ist unsichtbar und seine Essenz ist uns nicht bekannt. Weil wir Seine Essenz nicht kennen, können wir uns nicht vorstellen, wie Gott wirklich ist. Wir wissen aber, dass wir Gott - ähnlich wie den Geist - durch die Manifestationen Seiner Namen, Attribute und Seiner Essenz kennen lernen können.

Der Geist verfügt über eine eigene Hülle

Der Körper ist nicht die Hülle des Geistes. Eher besitzt der Geist eine eigene Hülle. Wenn er den Körper nach dessen Tod verlässt, steht er nicht nackt und hüllenlos da. Die Hülle des Geistes ist so etwas wie das ‚Negativ' des materiellen Körpers und wird z.B. Lichthülle, ätherische Gestalt des Menschen, energetische Form, zweiter Körper des Menschen, Astralkörper, Double oder Phantom genannt. Das Bild dieses Körpers kann über Kirlian-Fotos dargestellt werden. Auf Bildern, die auf diese Weise angefertigt werden, werden sogar amputierte Gliedmaßen wieder sichtbar.[2]


[1] Embryoforscher sind überrascht, im Koran und in den Hadithen auf Informationen über die Entwicklungsphasen des Embryos zu stoßen. Die einzelnen Phasen werden eingehend beschrieben, und die Abfolge der Phasen wird sehr genau und logisch nachvollziehbar dargestellt. Die gleichen Erkenntnisse haben die Wissenschaftler erst in jüngster Vergangenheit dank exakterer Verfahren und modernerer Techniken gewonnen. (Siehe: Moore, Keith L.; The Developing Human [With Islamic Additions by A. Az-Zindani]; 1982)

[2] Bei der Kirlian-Fotografie handelt es sich um ein nach dem Russen Kirlian benanntes Hochspannungs-Fotografie-Verfahren zur Registrierung von Hochspannungsentlad-ungsmustern. Zwischen einer flächigen Elektrode und einem geerdeten Objekt befindet sich ein lichtempfindliches Aufzeichnungsmaterial. Bei der Entladung tritt dann ein Blaulicht auf, das von der lichtempfindlichen Schicht registriert wird. [Anm. des Übers.]

blog comments powered by Disqus