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Der Tod und der Geist nach dem Tod

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Dem Menschen ist ein Gespür für die Ewigkeit eigen; daher sehnt er sich stets nach ihr und fühlt sich in den engen Grenzen der materiellen Welt gefangen. Wer dem bewussten Wesen des Menschen Beachtung schenkt, wird es immer wieder das Wort ‚Ewigkeit' aussprechen hören. Würde man einem Menschen das gesamte Universum schenken, würde selbst das seinen ‚Hunger' nach dem ewigen Leben, um dessentwillen er ja erschaffen wurde, nicht stillen. Dieses natürliche Verlangen des Menschen nach ewiger Glückseligkeit entspringt einer objektiven Realität: der Existenz eines ewigen Lebens und dem Streben des Menschen nach diesem Leben.

Was ist der Tod?

Wie bereits erwähnt ist der Körper ein Hilfsmittel des Geistes, das alle Gliedmaßen bis hin zu den Zellen und noch winzigeren Teilchen lenkt und kontrolliert.

Wenn die vorherbestimmte Stunde des Todes schlägt, laden eine Krankheit oder ein Versagen der Körperfunktionen den Todesengel ein (der in der islamischen Literatur Azra'il genannt wird). Streng genommen ist es Gott Selbst, der die Menschen sterben lässt. Damit sich die Menschen im Angesicht des Todes - eines Ereignisses, das vielen Menschen grässlich erscheint - nicht über Ihn beschweren, bedient Sich Gott der Gestalt des Erzengels Azra'il, der die Aufgabe übernimmt, die Seelen der Sterbenden in Empfang zu nehmen. Damit aber auch der Erzengel Azra'il nicht von den Menschen kritisiert wird, legt Gott Krankheiten und Unglücksfälle als einen weiteren Schleier zwischen Azra'il und den Tod.

Weil Azra'il wie alle anderen Engel auch aus Licht erschaffen wurde, kann er sich an mehreren Orten gleichzeitig aufhalten und Gestalt annehmen. Wenn er sich einer bestimmten Aufgabe widmet, hält ihn das nicht davon ab, gleichzeitig auch an anderen Orten zu wirken. So wie die Sonne allen Objekten und Lebewesen in der Welt gleichzeitig Licht und Wärme spendet und durch ihre Abbilder in unzähligen transparenten Objekten gleichzeitig präsent ist, kann auch der Erzengel Azra'il problemlos Millionen von Seelen gleichzeitig in Empfang nehmen.

Erzengel wie Gabriel, Michael und Azra'il haben Untergebene, die ihnen ähneln und von ihnen beaufsichtigt werden. Wenn ein guter, rechtschaffener Mensch stirbt, nähern sich ihm zunächst einige Engel mit lächelnden und strahlenden Gesichtern; ihnen folgen Azra'il mit seinen Untergebenen oder nur seine Untergebene. Ihre Aufgabe besteht darin, die Seelen der guten Menschen in Empfang zu nehmen. Die Koranverse Bei den (Engeln, die die Seelen der Ungläubigen) heftig entreißen; und bei denen, (die die Seelen der Gläubigen) leicht emporheben (79:1-2) weisen darauf hin, dass sich die Engel, die die Seelen der Rechtschaffenen in Empfang nehmen, von denjenigen Engeln unterscheiden, die für die Entgegennahme der Seelen von Sündern verantwortlich sind. Den Sündern, die im Tod ein verbittertes und furchtsames Gesicht haben, werden ihre Seelen heftig herausgerissen.

Was der Mensch im Moment seines Todes empfindet

Menschen, die an Gott geglaubt und ein rechtschaffenes Leben geführt haben, werden von den Orten, die im Paradies für sie reserviert sind, mit offenen Fenstern willkommen geheißen. Der Prophet Muhammad sagte uns, dass die Seelen der Rechtschaffenen so leicht aus den Körpern gezogen werden wie fließendes Wasser aus der Wasserkanne. Und was noch erfreulicher ist: Märtyrer empfinden keine Todesqualen und registrieren gar nicht, dass sie tot sind. Sie haben den Eindruck, lediglich in eine bessere Welt überführt worden zu sein, und erfreuen sich vollkommener Glückseligkeit.

Der Prophet Muhammad sagte zu Dschabir, dem Sohn Abdullah Ibn Amrs, der in der Schlacht von Uhud den Märtyrertod gefunden hatte:

Weißt du wie Gott deinen Vater willkommen geheißen hat? Er hat ihm einen so unbeschreiblichen Empfang bereitet, dass es weder Augen gesehen noch Ohren gehört noch ein Verstand begriffen haben. Dein Vater sagte: "O Gott! Schick mich zurück in die Welt, damit ich jenen, die dort geblieben sind, berichten kann, wie angenehm der Märtyrertod ist." Gott entgegnete ihm: "Es gibt keine Rückkehr. Das Leben wird nur einmal gelebt. Ich werde ihnen aber erzählen, wie es dir geht." Und Er offenbarte:

Und betrachte nicht diejenigen, die auf Allahs Weg gefallen sind, als tot. Nein! Sie leben bei ihrem Herrn, und sie werden dort versorgt. (3:169)[1]

Jeder stirbt so, wie er lebt. Das heißt, wer ein gutes und rechtschaffenes Leben geführt hat, stirbt einen glücklichen Tod, und wer ein böses Leben geführt hat einen schlimmen Tod.

Der Prophet Muhammad, dessen Gottesanbetung der aller anderen Menschen weit überlegen war, empfahl noch im Sterben, die Pflichtgebete zu verrichten. Der zweite Kalif Umar tat es ihm nach. Khalid Ibn Walid war einer der wenigen unbesiegbaren Generäle der Weltgeschichte. Noch unmittelbar vor seinem Tod bat er die Menschen in seiner Nähe, ihm sein Schwert und sein Pferd zu bringen. Leute wie Uthman, Ali, Hamza, Mus'ab Ibn Umayr und viele andere widmeten sich der Sache des Islam und starben als Märtyrer. Diejenigen aber, die ein ausschweifendes Leben führen, tun ihren letzten Atemzug entweder im Suff, am Spieltisch, im Bordell oder an anderen unappetitlichen Orten.

Ist der Tod etwas, wovor man sich fürchten muss?

Wer gläubig und rechtschaffen ist, braucht den Tod nicht zu fürchten. Obwohl er vordergründig den Verwesungsprozess in Gang zu setzen, das Licht des Lebens auszulöschen und aller Freude ein Ende zu setzen scheint, stellt er de facto eine Befreiung von den harten Pflichten des weltlichen Lebens dar. Der Tod ist einerseits ein Wohnortswechsel und ein Transfer des Körpers, andererseits eine Einladung zum ewigen Leben und dessen Beginn. So wie die Welt permanent durch Akte der Schöpfung und der Vorherbestimmung belebt wird, wird sie durch andere Zyklen von Schöpfung, Vorherbestimmung und Weisheit des Lebens beraubt. Das Sterben der untersten Lebensform, nämlich der Pflanzen, stellt ein Werk der Kunstfertigkeit Gottes dar - ebenso wie auch ihr Leben, nur dass es noch vollkommener und besser geplant wurde. Wenn der Kern einer Frucht, ihr Samenkorn, im Boden stirbt, scheint er sich zu zersetzen und in der Erde zu vermodern. Tatsächlich unterzieht er sich jedoch einem vollkommenen chemischen Prozess, durchläuft vorherbestimmte Zustände der Neuformierung und wächst schließlich zu einem formvollendeten neuen Baum heran. Mit anderen Worten: Der Tod eines Samenkerns bedeutet die Geburt eines neuen Baumes, eines neuen und noch vollkommeneren ausgeklügelten Lebens.

Weil erst der Tod von Früchten, Gemüse und Tierfleisch in unserem Magen uns in die Lage versetzt, uns auf die Stufe menschlichen Lebens zu erheben, darf ihr Tod als wertvoller als ihr Leben gelten. Doch wenn schon der Tod von Pflanzen, der untersten aller Lebensformen, so vollkommen ist und einem so großartigen Zweck dient, muss der Tod von uns Menschen, die wir doch die höchste Lebensform darstellen, noch viel wertvoller sein und einem noch viel großartigeren Zweck dienen. Nachdem wir begraben worden sind, werden wir ganz gewiss in ein ewiges Leben überführt werden.

Der Tod befreit den Menschen vom Elend des diesseitigen Lebens, d.h., von einem turbulenten, erstickenden und engen Verlies des Raumes, das auf Grund des Alterungsprozesses und diverser Leiden mit der Zeit immer bedrückender wird. Er gewährt dem Menschen Zugang zu dem unendlich weiten Kreis der Barmherzigkeit des Ewigen Geliebten Einen, in dem er sich der immer währenden Gesellschaft der von ihm geliebten Menschen und des Trostes eines glückseligen ewigen Lebens erfreuen darf.


[1] Bayhaqi, Dala'il an-Nubuwa, 3.298

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