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Träume

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Während wir schlafen, sind unsere Augen und Ohren geschlossen, schweigt unsere Zunge und liegen unsere Arme und Beine regungslos da. Wie also gelingt es uns trotzdem, innerhalb von Sekunden weite Strecken zurückzulegen, Menschen zu treffen und Dinge zu erledigen? Wenn wir morgens aufwachen, stehen wir oft noch ganz unter dem Einfluss dieser nur kurze Augenblicke dauernden Abenteuer. Sigmund Freud und seine Anhänger versuchten und versuchen, Träume dem unterbewussten Selbst - Gedanken, Begierden, Triebkräften und Erfahrungen der Vergangenheit - zuzuordnen. Doch wie sind Träume zu bewerten, die von Ereignissen in der Zukunft berichten, welche in gar keiner Verbindung zu uns stehen und an die niemand zuvor auch nur gedacht hat. Mit welchem Körperteil bzw. mit welchem Teil unseres Wesens träumen wir überhaupt? Warum dauern Träume nur jeweils ein paar Sekunden? Wie ist es möglich, dass wir uns am nächsten Morgen an die Träume erinnern, die wir in der Nacht hatten? All diese und ähnliche Fragen sind wie ein Puzzle, das darauf wartet, von der Wissenschaft zusammengesetzt zu werden. Es stimmt, dass manche unserer Gedanken, Begierden, Triebkräfte und Erfahrungen der Vergangenheit, die ja unser Unterbewusstsein ausmachen, unbewusst im Schlaf an die Oberfläche gelangen. Dies gilt auch für Krankheiten, Hunger oder Probleme, die uns unlösbar erscheinen. Oft erlaubt unsere Vorstellungskraft auch den bösen Gedanken des Zorns Gestalt anzunehmen, oder sie erinnert sich an ein spannendes vergangenes Ereignis, das sie uns in neuer Form präsentiert. Träume dieser Art mögen schon irgendeine Bedeutung haben. Sie sind aber so wirr und konfus, dass sie keiner Interpretation wert sind. Ein Mensch, der vor dem Zubettgehen Salz isst, mag sich beispielsweise im Traum an einem Pool liegend wieder finden. Jemand, der sich noch kurz vor dem Einschlafen ärgert, wird sich im Traum vielleicht mit anderen herumstreiten. Menschen, die nicht wissen, wie Träume zu interpretieren sind, werden solche Träume möglicherweise mit wahren Träumen, die weiter unten noch definiert werden, verwechseln.

Wahre Träume

Eine bestimmte Art von Träumen hat nichts mit dem unterbewussten Selbst zu tun. Diese Träume bergen wichtige Botschaften: Entweder bringen sie Ermutigung, Rechtleitung und frohe Kunde von Gott oder aber Warnungen, weil der Betreffende gesündigt hat. Träume dieser Art, die ich als ‚wahre Träume' bezeichnen möchte, sind von großer Klarheit. Derjenige, der sie träumt, vergisst sie nicht.

Zu den wahren Träumen gehören auch Träume, die die Menschen über bevorstehende Ereignisse unterrichten. Um die Beschaffenheit und die Wirkungsweise dieser Träume verstehen zu können, müssen wir jedoch zunächst einmal einen anderen Punkt klären.

Die Essenz jedes Schriftstücks, d.h., dessen Bedeutung, besitzt eine Form, die schon vor dessen schriftlicher Niederlegung existierte, die dessen schriftlicher Form vorangeht. Analog dazu besitzt alles, schon bevor es in der Welt eine Existenz erlangt, im Wissen Gottes eine essenzielle Form. In der Sprache der islamischen Philosophie nennt man die essenziellen Formen der Dinge im Wissen Gottes ‚Archetypen'. Wenn Gott diese Archetypen durch die Manifestation Seiner Weisheit, Seiner Macht und Seiner Namen wie z.B. ‚der Gestalter', ‚der Farbe Gebende', ‚der Veranlassende', ‚der Schöpfer' usw. in die Welt der Materie hinab senden möchte, dann kleidet Er sie in materielle Körper. Zwischen der Welt der Archetypen, in der sich das Wissen Gottes ursprünglich manifestiert, und der materiellen Welt gibt es noch eine weitere Welt, die wir die ‚Welt der immateriellen Formen oder Symbole' nennen wollen. Hier existieren die Dinge in ihren Idealformen oder als Symbole, hier unterscheidet sich das Konzept von Zeit vollkommen von dem, das auf der Erde Gültigkeit besitzt. Alle Träumenden finden oder empfangen diese Symbole auf unterschiedliche Art und Weise: Zeit, Ort, Kultur und sogar den eigenen nationalen und individuellen Charakteristika entsprechend. Wenn der Körper schläft, macht sich der Geist auf in diese Welt der Idealformen, ohne dabei jedoch seine Verbindung zu seinem Körper vollständig abzubrechen. Während der Mensch träumt, hält der Geist die Verbindung zum Körper über eine Schnur aufrecht. In der Welt der Idealformen oder Symbole betritt er eine andere Dimension des Seins, in der die einzelnen Zeiteinheiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander kombiniert sind. Zum Teil erfährt er also Dinge aus der Vergangenheit, zum Teil aber auch zukünftige Ereignisse. Da in der Welt der Idealformen und Symbole die Dinge eben in Idealformen oder Symbolen existieren, empfängt der Geist normalerweise Symbole, die es zu interpretieren gilt. Klares Wasser, was wir z.B. in jener Welt sehen, mag vielleicht in der materiellen Welt dem Wissen entsprechen. Wenn wir im Traum erkennen, dass wir überschüssige Materie besitzen, lässt sich vielleicht daraus schließen, dass wir auf rechtmäßige Art und Weise Geld verdienen werden. Gehört diese überschüssige Materie jedoch anderen, kann das bedeuten, dass wir auf unrechtmäßige Art und Weise zu Geld kommen werden. Eine fette Kuh lässt auf ein Jahr mit einer üppigen Ernte schließen, während eine magere Kuh für ein Dürrejahr steht. Die Metaphern, Vergleiche und Parabeln im Koran, die Aussprüche des Propheten und die Sprichwörter, die die Menschen verwenden, können uns wertvolle Schlüssel zur Interpretation von Träumen liefern. Einige wahre Träume sind aber auch so eindeutig, dass sie erst gar keiner Interpretation bedürfen.

Die Maßstäbe der Welt der Idealformen unterscheiden sich vollkommen von den in der materiellen Welt gültigen. Dies wurde ja bereits betont. Da der Geist in den Träumen weitgehend von den Fesseln des Körpers befreit ist, kann er dort innerhalb weniger Sekunden so viel erledigen, wie normalerweise in, sagen wir, einem Jahr. Dies erklärt auch, warum bedeutende rechtschaffene Menschen, die ihren Geist in hohem Maße von ihrem Körper emanzipiert haben, lange Distanzen in einer viel kürzeren Zeit zurücklegen können als gewöhnliche Menschen.

Beispiele für wahre Träume

Berühmt ist der Traum, den Abraham Lincoln in der Nacht vor seiner Ermordung hatte. In diesem Traum sah Lincoln, wie die Bediensteten des Weißen Hauses auf und ab liefen und einander mitteilten, Lincoln sei ermordet worden. Lincoln erwachte sehr erregt aus dem Schlaf und verbrachte einen unruhigen Tag. Am folgenden Abend setzte er sich über die Warnungen seiner Ratgeber hinweg und besuchte ein Theater, in dem er dann erschossen wurde.

Der Traum des amerikanischen Präsidenten Eisenhower kurz vor der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 während des 2. Weltkriegs gab dem Krieg eine neue Wendung. Wenige Tage vor dem für die Landung festgesetzten Datum erlebte Eisenhower im Traum, wie ein schrecklicher Sturm aufzog, der die Landungsschiffe zum Kentern brachte. Deshalb verlegte er den Zeitpunkt der Landung nach vorn. Einige Tage später, nach der erfolgreichen Landung, wurde der Sturm aus dem Traum des Präsidenten Realität.

Die Mutter der russischen Schriftstellerin Anne Ostrovosky wurde fünf Jahre vor Ausbruch des 2. Weltkriegs im Traum Zeugin mehrerer Gefechte zwischen Russen und Deutschen. Der Inhalt ihres Traums wurde damals in der Zeitung veröffentlicht.

Viele wissenschaftliche und technologische Erfindungen sind der Inspiration durch Träume zu verdanken. Als er an einem Verfahren arbeitete, Fäden in Nähmaschinen einzufädeln, hatte Elias Howe einen Traum. Er wurde von wilden Eingeborenen in Afrika gefangen gehalten. Sie verlangten von ihm das Einfädeln eines Fadens in eine Nähmaschine. In Todesfurcht umherschweifend fiel der Blick Howes plötzlich auf die Speere der Eingeborenen, die an ihrem oberen Ende ein Loch aufwiesen. Daraufhin wachte er auf und löste sein Problem, indem er diese Speere für seine Nähmaschinen nachbildete.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts träumte Niels Bohr, der die Struktur der Atome studierte, von Planeten, die die Sonne umkreisten und über Schnüre mit ihr verbunden waren. Als er erwachte, fiel ihm auf, wie sehr das, was er im Traum gesehen hatte, der Struktur der Atome ähnelte.

Es gibt zahllose weitere Beispiele für wahre Träume, die uns entweder über in der Zukunft liegende Ereignisse informiert oder wissenschaftliche und technologische Entwicklungen hervorgebracht haben. Die hier zitierten Beispiele sollten jedoch genügen, um die Natur wahrer Träume und die Welt der immateriellen Formen oder Symbole mitsamt ihrer versteckten Informationen besser verstehen zu können. Wir sollten also begreifen, dass Träume aus den Reisen des Geistes in die inneren Dimensionen der Existenz resultieren.

Träume bieten uns einen schlagenden Beweis für die Existenz sowohl der immateriellen Welten als auch des Wissens und der Vorherbestimmung Gottes. Hätte Gott, der Allmächtige, nicht alle Ereignisse vorherbestimmt und auf der, wie wir sie nennen, ‚Bewahrten Tafel' aufgezeichnet, könnten wir nie etwas über bevorstehende Ereignisse erfahren. Träume weisen uns außerdem darauf hin, dass sich die Maßstäbe der Zeit entsprechend der Eigenschaften der jeweiligen Welten beträchtlich voneinander unterscheiden.

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