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Die Erscheinungsformen von Engeln und Dschinn in der sichtbaren Welt

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Wie wir bereits festgestellt haben, ist es Engeln und Dschinn möglich, eine bestimmte Form anzunehmen und in der sichtbaren Welt in Gestalt jedes beliebigen Wesens zu erscheinen. In unserer Welt können wir eine Bewegung vom Sichtbaren hin zum Unsichtbaren beobachten. Beispiele für dieses Phänomen sind die Verdunstung von Wasser und dessen Verschwinden in der Atmosphäre, die Umwandlung fester Materie in Flüssigkeit oder Gas (Wasserdampf) oder - wie bei der Kernspaltung - die Transformation von Materie in Energie. Daneben sticht aber auch die Bewegung in die Gegenrichtung ins Auge, nämlich vom Unsichtbaren zum Sichtbaren. Verdampftes Wasser verwandelt sich in Regentropfen, Hagelkörner oder Schneeflocken und Energie in Materie. Dementsprechend können auch immaterielle Gedanken und Bedeutungen in Essays und Büchern die körperliche Form von Buchstaben und Worten annehmen.

Analog dazu kleiden sich unsichtbare Wesen wie Engel, Dschinn oder andere Geistwesen in bestimmte materielle Substanzen wie Luft oder Äther und werden dann sichtbar. Imam Schibli zufolge erlaubt Gott ihnen, wenn Er denn so will, Gestalt anzunehmen, wenn sie irgendeinen der Namen Gottes aussprechen. Diese Namen übernehmen - so Schibli - nämlich die Funktion eines Schlüssel oder eines Visums, der oder das ihnen erlaubt, sich eine Form anzueignen und in der Welt sichtbar zu werden. Wenn sie aber versuchen, ohne die Genehmigung Gottes und im Vertrauen auf ihre eigenen Fähigkeiten eine sichtbare Form anzunehmen, werden sie in Stücke gerissen und gehen zu Grunde.

Im Koran (19:17) lesen wir, dass der Geist, den Gott zu Maria sandte und den muslimische Gelehrte als den Erzengel Gabriel identifizierten, in der Gestalt eines Menschen vor ihr erschien. Als Gabriel mit der Offenbarung der Botschaften Gottes zum Propheten Muhammad kam, trat er nur selten in seiner tatsächlichen Gestalt auf, sondern meistens in der eines Kriegers, eines Reisenden oder eines Gefährten namens Dihya. Nach dem Ende der Schlacht der Gräben z.B. gab er sich die Gestalt eines Kriegers auf dem Rücken eines Pferdes und sagte zum Propheten: "Gesandter Gottes! Du hast deine Rüstung ausgezogen. Wir Engel hingegen haben sie noch an. Gott befiehlt dir, gegen die Banu Qurayza zu marschieren!" Einmal fand sich Gabriel in der Gestalt eines ganz in Weiß gekleideten Reisenden ein. Weil er die Gefährten des Propheten religiös unterweisen wollte, stellte er diesem Fragen wie "Was bedeutet Glaube?", "Was versteht man unter Islam?", "Was bedeutet Ihsan?" und "Wann ist der Jüngste Tag?"

So wie die Engel und Dschinn kann auch der Satan (der zu den Dschinn zu zählen ist) verschiedene Formen annehmen. Man erzählt sich, dass er vor der Schlacht von Badr den Anführern der Quraysch erschien und ihnen Befehle erteilte. Dabei soll er wie ein alter Mann aus dem Nadschd (dem arabischen Hochland) ausgesehen haben. Einer der Gefährten, der die Kriegsbeute bewachte, ertappte den Satan dabei, wie er versuchte, diese zu beschädigen. Daraufhin bat ihn der Satan, ihn freizulassen, was er dann auch tat. Als der Satan dann aber auch einen zweiten und dritten Versuch unternahm und ihn der Gefährte zum Propheten bringen wollte, beschwor ihn der Satan: "Lass mich frei, und ich werde dir verraten, wie du dich vor mir schützen kannst." Der Gefährte ließ sich auf den Handel ein, und der Satan antwortete ihm, dass die Koransure 2:255 Schutz vor dem Satan biete. Als der Prophet von dieser Begebenheit erfuhr, kommentierte er sie folgendermaßen: "Dieser Satan ist zwar ein Lügner, bei dieser Gelegenheit hat er allerdings die Wahrheit gesagt."

In der Sure Al-Ahqaf wird berichtet, dass eine Gruppe von Dschinn dem Propheten beim Rezitieren des Koran zuhörte und ihrem Volk später mitteilte:

O unser Volk, wir haben ein Buch gehört, das nach Moses herabgesandt worden ist (und) welches das bestätigt, was schon vor ihm da gewesen ist; es leitet zur Wahrheit und zum geraden Weg. (46:30)

Weiterhin schildert die Sure die Bemerkungen und Kommentare der Dschinn zu dem, was sie da vernahmen. Auch einige Hadithe beschreiben ausführlich, wie der Prophet vor den Dschinn den Koran rezitierte und ihnen seine Botschaft übermittelte.

Die Dschinn können auch die Gestalt unterschiedlicher Tiere wie z.B. Schlangen, Skorpione, Rinder, Esel und Vögel annehmen. Als ihnen der Prophet Muhammad im Tal von Batn al-Nakhla den Treueid abnahm, verlangte er von ihnen, dass sie seiner Umma (die Gemeinschaft der Gläubigen) entweder in ihrer tatsächlichen Gestalt oder in anderen angenehmen Formen erscheinen sollten, nicht aber in Gestalt von schädlichen Tieren wie Hunden und Skorpionen. Außerdem warnte er seine Umma:

Wenn ihr irgendwelches Ungeziefer in eurem Haus seht, fordert es dreimal auf: "Um der Sache Gottes willen, verschwindet von hier!" Denn möglicherweise gehört es zu euch freundlich gesinnten Dschinn. Wenn es sich aber nicht entfernt, gehört es nicht zu den Dschinn. Dann ist es euch, sofern es schädlich ist, gestattet, es zu töten.

Die Dschinn, die dem Propheten die Treue schworen, versprachen ihm: "Wenn deine Umma vor allem, was sie tut, die Basmala (die Formel "Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen!") spricht und all ihre Speisen abdeckt, werden wir weder ihr Essen noch ihre Getränke jemals anrühren."[1] Ein anderer Hadith besagt:

(Wenn ihr euch erleichtert habt,) reinigt euch nicht mit Knochen und getrockneten Dungstücken, denn sie gehören zur Nahrung eurer Dschinnbrüder.


[1] Wir wissen nicht, wie sie es bewerkstelligen können, unsere Speisen zu essen oder unsere Getränke zu trinken.

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