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Der Geist in der Zwischenwelt

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Nach dem Tod wird der Geist Gott vorgestellt. Wenn er in der Welt ein gutes, tugendhaftes Leben geführt und sich geläutert hat, umhüllen ihn die Engel, deren Aufgabe es ist, ihn in Empfang zu nehmen, mit einem Stück Tuch aus Satin und geleiten ihn durch die Himmel und alle inneren Dimensionen der Existenz hindurch in die Gegenwart Gottes.

Während der Durchquerung der Himmel heißen ihn die Engel in jedem Haus und an jeder Station, die er passiert, willkommen und fragen ihn: "Wessen Geist ist das? Wie wunderschön er doch ist!" Die Engel, die ihn begleiten, stellen ihn mit den schönsten Titeln, die er sich in der Welt erworben hat, vor und antworten: "Dies ist der Geist desjenigen, der zum Beispiel betete, fastete, Almosen gab und um der Sache Gottes willen alle Arten von Unannehmlichkeiten ertragen hat." Schließlich heißt ihn Gott, der Allmächtige, willkommen und befiehlt den Engeln: "Bringt ihn zurück in das Grab, in dem sein Körper begraben liegt, auf dass er die Fragen der Engel Munkar.und Nakir beantworte!"

Alles, was dem Menschen in der Welt an Bösem widerfährt, resultiert aus seinen eigenen Sünden. Wenn ein gläubiger Mensch aufrichtig ist, es aber nicht schafft, sich stets der Sünde zu enthalten, lässt Gott es in Seiner Gnade zu, dass ihn Unglücksfälle heimsuchen, die ihn von seinen Sünden reinigen. Möglicherweise setzt Gott ihn auch schlimmen Todesqualen aus - entweder um noch nicht erlassene Sünden zu tilgen oder um ihn zu höheren (spirituellen) Rängen aufsteigen zu lassen -, nimmt seinen Geist aber dennoch sehr sanft zu Sich. Doch wenn einem Menschen trotz aller Widrigkeiten, unter denen er in der Welt zu leiden hatte, und trotz aller Todesqualen noch immer nicht alle Sünden vergeben wurden, erhält er im Grab seine Strafe und muss nicht in die Hölle gehen. Weil das Grab die erste Station auf der Reise zum ewigen Leben ist, findet dort eine einleitende Befragung durch zwei Engel statt, in der der Verstorbene Auskunft über sein Leben in der Welt gibt. Fast jeder mit Ausnahme der Propheten wird hier gewisse Leiden zu erdulden haben.

In zuverlässigen Büchern wird berichtet, dass Abbas, der Onkel des Propheten Muhammad, sich sehnlichst wünschte, den zweiten Kalifen Umar nach dessen Tod im Traum zu sehen. Als er ihn dann sechs Monate später zu Gesicht bekam, fragte er ihn: "Wo bist du denn bis jetzt gewesen?" Umar erwiderte: "Frage mich nicht danach! Ich bin erst jetzt in der Lage gewesen, die Rechnungen (meines Lebens) zu begleichen."

Sa'd ibn Mu'adh gehörte zu den bedeutendsten Gefährten des Propheten. Als er starb, teilte der Erzengel Gottes Gesandtem mit: "Als Sa'd starb, erbebte der Thron Gottes!" Unzählige Engel nahmen an seinem Begräbnis teil. Nachdem Sa'd dann begraben worden war, sagte der Gesandte voller Verwunderung: "Gepriesen sei Gott! Was (wird erst mit anderen geschehen), wenn das Grab sogar Sa'd niederdrückt?"

Jeder Mensch wird im Grab von den beiden Engeln Munkarund Nakir verhört werden. Sie werden Fragen stellen wie: Wer ist dein Herr? Wer ist dein Prophet? Was ist deine Religion? Wenn ein Mensch in dieser Welt gläubig war, das heißt, wenn er an Gott und den Propheten Muhammad glaubte und sich für die wahre Religion entschied, wird er die Fragen der Engel beantworten können, anderenfalls nicht. Das Verhör wird darüber hinaus auch Fragen zum Handeln des Menschen in dieser Welt umfassen.

Die Beziehung zwischen dem Geist und seinem Körper unterscheidet sich, je nachdem in welchen Welten sie sich befinden. In dieser Welt ist der Geist im ‚Gefängnis' des Körpers eingeschlossen. Wenn das Selbst, das uns Böses gebietet, und körperliche Gelüste den Geist beherrschen, verfällt er unweigerlich - was dem Körper wiederum endgültig zum Verhängnis wird. Es geht also darum, die Willenskraft so einzusetzen, wie Gott es uns gelehrt hat, das Selbst zu disziplinieren, den Geist mit Glauben, Anbetung und vorbildlichem Verhalten zu nähren und sich aus der Knechtschaft der körperlichen Gelüste zu befreien. Wenn uns dies gelingt, wird unser Geist immer mehr geläutert. Er wird Reinheit erlangen, sich lobenswerte Eigenschaften aneignen und in beiden Welten sein Glück finden.

Nach der Beerdigung muss der Geist zunächst in der Zwischenwelt, der Welt zwischen der diesseitigen und der jenseitigen, warten. Obwohl der Körper zu Staub zerfällt, verrotten seine Grundbausteine - in einem Hadith Adschb adh-Dhanab genannt (wortwörtlich übersetzt: Steißbein) - nicht. Wir wissen nicht, ob sich der Begriff Adschb adh-Dhanab auf die Gene des Menschen bezieht. Worum auch immer es sich hierbei aber auch handeln mag, Tatsache ist, dass der Geist durch die Adschb adh-Dhanab seine Verbindung zum Körper auch weiterhin aufrechterhält. Während der endgültigen Zerstörung des Universums und dessen anschließenden Wiederaufbaus werden diese Teile, die sich aus den Grundbausteinen, den Atomen oder allen anderen Teilchen des Körpers zusammensetzen, die sich bereits mit der Erde vermischt haben, Gott als eine Basis dienen, auf der Er am Tag des Jüngsten Gerichts den Menschen neu formen oder neu erschaffen wird.

Was der Geist in der Zwischenwelt tut

Die Zwischenwelt ist die Sphäre, in der der Geist entweder den ‚Atem' der Glückseligkeit des Paradieses oder den der Bestrafung durch die Hölle spürt. Wenn der Mensch in der Welt ein tugendhaftes Leben geführt hat, werden ihm seine guten Taten - seine Gebete, Rezitationen, Akte der Barmherzigkeit usw. - in der Zwischenwelt in der Gestalt freundlicher Gefährten erscheinen. Auch werden ihm Fenster auf Schauplätze des Paradieses geöffnet werden; und das Grab wird ihm - wie es in einem Hadith heißt - wie einer der Paradiesgärten erscheinen. Doch es wurde ja bereits betont, dass der Mensch für den Fall, dass er Sünden hat, die ihm nicht noch verziehen wurden, zunächst in der Zwischenwelt bestraft werden wird, unabhängig davon, wie tugendhaft er in seinem Leben auch gewesen sein mag. Dies geschieht zu dem Zweck, ihn von all seinen Sünden zu reinigen, damit er nach der Wiederauferstehung ins Paradies eingehen kann. Ungläubigen Menschen, die ein sündhaftes Leben geführt haben, werden ihr Unglaube und ihre bösen Taten in Gestalt böswilliger Gefährten und Parasiten erscheinen. Ihnen werden Szenen der Hölle vorgeführt werden; das Grab wird ihnen wie ein Abgrund der Hölle vorkommen.

Solange wir leben, erfährt der Geist sowohl Schmerzen als auch Freude und Glück. Auch wenn er Schmerzen allem Anschein nach über das Nervensystem verspürt und sich dieses extrem komplexen Systems auch bedient, um mit allen Körperteilen bis hin zu den einzelnen Zellen zu kommunizieren, haben die Wissenschaften bis heute nicht herausgefunden, wie Geist und Körper und insbesondere Geist und Gehirn interagieren. Jede Art von Versagen eines Körperteils, das den Tod herbeiführt, sollte eigentlich auch dazu führen, dass das Nervensystem seinen Betrieb einstellt. Unlängst wurde jedoch wissenschaftlich nachgewiesen, dass bestimmte Hirnzellen noch einige Zeit nach dem Tod des Menschen lebendig sind. Wissenschaftler haben den Versuch unternommen, Signale von diesen Zellen zu empfangen. Sollten ihre Versuche von Erfolg gekrönt sein und sie wären tatsächlich irgendwann einmal in der Lage, diese Signale zu dechiffrieren, würde hiervon vor allem die Kriminologie profitieren und ungelöste Verbrechen aufklären können. Die folgenden Koranverse teilen uns mit, wie Gott zu Lebzeiten des Propheten Moses einen Toten wiederbelebte, der seinen Mörder identifizierte:

Und als Moses zu seinem Volk sagte: "Wahrlich, Allah befiehlt euch, eine Kuh zu schlachten."... So schlachteten sie sie, und beinahe hätten sie es nicht getan. Und als ihr jemanden getötet und darüber untereinander gestritten hattet, da sollte Allah ans Licht bringen, was ihr verborgen hieltet. Da sagten Wir: "Berührt ihn mit einem Stück von ihr!" So bringt Allah die Toten wieder zum Leben und zeigt euch Seine Zeichen; vielleicht werdet ihr es begreifen. (2:67, 71-73)

Die Qualen des Grabes und der Hölle

Weil es nun de facto der Geist ist, der Schmerzen erleidet und Glück empfindet, und weil der Geist seine Beziehung zum Körper mit Hilfe jener Grundbausteine des Körpers, die nicht verrotten, auch in der Zwischenwelt aufrechterhält, macht es keinen Sinn, darüber zu diskutieren, ob der Geist oder der Körper oder beide die ‚Qualen des Grabes' erleiden werden. Am Tag der Wiederauferstehung jedoch wird Gott die Menschen aus oder mit den Grundbausteinen ihrer Körper neu formen.

Weil der Geist das irdische Leben zusammen mit dem Körper führt und all dessen Freuden und Leiden in der Welt teilt, wird Gott die Menschen sowohl körperlich als auch spirituell auferwecken. Die Ahl as-Sunna wa-l-Dschama'a(1)stimmen darin überein, dass Geist und Körper gemeinsam ins Paradies oder aber in die Hölle eingehen werden. Gott wird den Körpern Formen geben, die einzig und allein im Jenseits existieren - an jenem Ort, an dem alles lebendig sein wird:

Dieses irdische Leben ist nichts als ein Zeitvertreib; die Wohnstatt des Lebens aber - das ist das eigentliche Leben, wenn sie es nur wüssten. (29:64)

Welche Geschenke wir Geistern nach dem Tod darbringen können

Geister in der Zwischenwelt können sehen und hören, vorausgesetzt, Gott gestattet es ihnen. Wenn Gott will, erlaubt Er den Geistern einiger frommer Menschen, uns zu sehen und zu hören und mit uns zu kommunizieren.

Mit unserem Tod wird unser Konto nicht geschlossen. Wenn wir gute, tugendhafte Kinder, Bücher oder Institutionen hinterlassen, von denen die Menschen auch weiterhin profitieren, oder wenn wir Menschen erzogen haben, die der Menschheit Nutzen bringen, wird unser Lohn stetig weiter ansteigen. Wenn wir aber Böses zurücklassen, werden wir solange weitere Sünden anhäufen, bis dieses Böse niemandem mehr Schaden zufügt.

Wenn wir also unseren geliebten Menschen, die sich schon in der anderen Welt befinden, helfen wollen, sollten wir Gutes tun. Indem wir den Armen helfen, Dienst am Islam verrichten, ein tugendhaftes Leben führen und dazu beitragen, den Islam zu verbreiten und das Wohl der Menschheit und der Muslime zu fördern, werden wir damit ihren Lohn mehren.


[1] Zu den Ahl as-Sunna wa-l-Dschama'a, den Menschen der Sunna und der Gemeinschaft, gehört die große Mehrheit der Muslime, die dem Weg des Propheten und der Gefährten folgt. Andere Gruppen von Muslimen, die man als Splittergruppen bezeichnen kann, unterscheiden sich von ihnen im Glauben (z.B. die Mu'taziliten und die Dschabriyya) oder in der Sichtweise der Rolle der Gefährten (z.B. die Kharidschiten und die Schia).

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