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Göttliche Fügung, Vorherbestimmung und die Gnade Gottes

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Der Begriff Göttliche Fügung bezeichnet die Umsetzung der Entscheidungen und Urteile der Vorherbestimmung. Er schließt die Handlungen des Menschen und gleichzeitig deren Erschaffung durch Gott mit ein. Denn Gott erlaubt uns zu tun, was wir tun möchten, indem er unsere Taten Realität werden lässt. Das arabische Wort, das der Übersetzung ‚Gnade Gottes' zu Grunde liegt, lautet a'ta: reichlich oder großzügig geben.

Wie bereits erwähnt verfügt Gott über zwei Hauptverzeichnisse bzw. -register: die ‚wohl verwahrte Tafel' (die der Vorherbestimmung oder dem Wissen Gottes entspricht) und das ‚manifeste Protokoll' (die der Realität der Zeit entspricht). Die wohl verwahrte Tafel ist keinen Veränderungen unterworfen, weil Gott ja einen absolut uneingeschränkten Willen besitzt. Daher wird Er auch nicht durch die Vorherbestimmung, die Er ja für Seine Geschöpfe ins Leben gerufen hat, eingeschränkt. Auf der anderen Seite kann Er sehr wohl Veränderungen an dem, was Er im manifesten Protokoll aufgezeichnet hat, vornehmen. Dies kommt in folgendem Vers klar zum Ausdruck:

Allah löscht aus und lässt bestehen, was Er will, und bei Ihm ist die Urschrift des Buches. (13:39)

Hier haben wir es mit einem sehr schwierigen Thema zu tun. Obwohl wir nicht in der Lage sind, die Realität dieses Auslöschens und Bestehen-Lassens in vollem Umfang zu verstehen, erleben wir sie tagtäglich in unserem Leben. Ein Beispiel: Wir verlassen unsere Wohnung in der Absicht, zu einem Ort zu gehen, an dem freimütig gesündigt wird. In Seiner Gnade und Gunst lässt Gott uns jedoch mit einigen wohlmeinenden Freunden zusammentreffen, die uns davon überzeugen, lieber einen achtbaren Ort aufzusuchen. Generell passiert es uns zu oft, dass wir sündigen und damit Unheil auf uns laden. Aber statt Seine Gerechtigkeit walten zu lassen, schenkt uns Gott Seine Gnade, vergibt uns und wendet das Unheil von uns ab.

Die Gnade Gottes existiert; denn der Mensch soll nicht die Hoffnung verlieren, Vergebung zu erlangen. Er soll sich Gott zuwenden, auch wenn die Sünden, die er begangen hat, noch so groß sind. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir unter allen Umständen an diejenigen Konsequenzen unserer Taten gefesselt sind, die Vorherbestimmung und göttliche Fügung vorgesehen haben. Dies wird in den folgenden Versen ganz deutlich:

Und was euch an Unglück treffen mag, es erfolgt auf Grund dessen, was eure Hände gewirkt haben. Und Er vergibt vieles. (42:30)

Und wenn Allah die Menschen für ihr Freveln bestrafen wollte, würde Er nicht ein einziges Lebewesen darauf (auf der Erde) bestehen lassen; doch Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer bestimmten Frist. (16:61)

Sprich: „O meine Diener, die ihr euch gegen eure eigenen Seelen vergangen habt, verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit; denn Allah vergibt alle Sünden; Er ist der Verzeihende, der Barmherzige." (39:53)

Noch deutlicher manifestieren sich Gnade und Freigebigkeit Gottes in der Geschichte der Menschheit. Da wir für unsere Taten verantwortlich sind und Rechenschaft ablegen müssen, lenken wir unsere eigene Geschichte. Aus diesem Grund sind historische Philosophien wie der Historismus im Unrecht: Die Geschichte bzw. die historischen Ereignisse kennen keinen Determinismus.

Viele Völker der Geschichte, etwa die Ad und die Thamud[1] oder das Volk des Pharaos, hatten es verdient unterzugehen und wurden von Gott zu Grunde gerichtet. Ihr ausschweifender Lebensstil und ihre Ungerechtigkeiten und Gräueltaten zogen ihre Vernichtung nach sich. Das Volk des Propheten Jonas hingegen wandte sich Gott in absoluter Aufrichtigkeit und tiefer Reue zu und erneuerte sich moralisch, nachdem es die Zeichen der drohenden Vernichtung erkannt hatte. Die Konsequenz wird vom Koran wie folgt geschildert:

Als sie glaubten, da nahmen Wir die Strafe der Schande in diesem Leben von ihnen fort und versorgten sie auf eine (beschränkte) Zeit. (10:98)

Der Gesandte Gottes äußerte sich zu diesem Punkt mit den Worten: Furcht wendet kein Unheil ab, Gebet und Wohltätigkeit hingegen schon.[2] Gläubige Menschen sollten deshalb niemals aufhören, zu beten und Gutes zu tun. Wenn sie spüren, dass ihnen Unheil droht, sollten sie sich Gott unverzüglich im Gebet zuwenden; sie sollten Reue zeigen, den Armen Spenden zukommen lassen oder sich für den Islam engagieren.


[1] Diese beiden altarabischen Stämme werden an mehreren Stellen im Koran erwähnt. [Anm. d. Übers.]

[2] Kanz al-Ummal, Hadith 3123; Ibn Asakir, Tahdhib Tarikh ad-Dimaschq, 5:168

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