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Eine abschließende Anmerkung: Die koranische Annäherung an die Wissenschaft

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Grundlagen des islamischen Glaubens

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Dem Islam zufolge ist das Universum mit einem von Gott geschriebenen Buch oder mit einem Palast zu vergleichen, den Er gebaut hat, um sich den Lebewesen, die ein Bewusstsein besitzen - allen voran den Menschen -, zu zeigen. Ursprünglich existierte das Universum als Bedeutung im Wissen Gottes.

In der Schöpfung verlieh Gott, der Allmächtige, dieser Bedeutung durch Seinen Willen einen besonderen Charakter und eine eigene Form, die sich in Arten, Rassen, Familien oder Individuen niederschlugen. Diese kleidete er durch Seine Macht in Materie und sorgte dafür, dass sie in der materiellen Sphäre zwischen Raum und Zeit überleben konnten. Der Wille Gottes bestimmt und gestaltet, die Macht Gottes füllt das Gewollte mit Inhalt und lässt es sichtbar werden. Wenn ein Ding aufhört zu existieren, lebt es im Wissen Gottes, in der Erinnerung und durch seine Nachkommen - sofern es welche besitzt - weiter. Stirbt zum Beispiel eine Pflanze, lebt sie im Wissen Gottes, in der Erinnerung und in ihren Samen weiter.

Jedes Wesen hat fünf Existenzstufen: Zunächst existiert es als Bedeutung im Wissen des Schöpfers. Selbst wenn Gott, der Allmächtige, es nicht erschaffen würde, wäre es doch als Bedeutung dort vorhanden. Die Bedeutung bildet also die Essenz aller Dinge. Auf der zweiten Existenzstufe existiert ein Wesen im Willen Gottes als Form oder ‚Plan'. Auf der dritten Stufe steht die materielle Existenz in der materiellen Sphäre. Danach folgt die Existenz in den Erinnerungen und - sofern vorhanden - in den Nachkommen. Auf der fünften Stufe schließlich existiert ein Wesen in der anderen Welt für immer. Gott, der Allmächtige, wird die Trümmer dieser Welt zur Errichtung der kommenden Welt nutzen. Alle Tiere werden dort weiter existieren (jede Spezies vertreten durch ein Exemplar ihrer Art), und allen Menschen wird das ewige Leben verliehen, dessen Qualität sich nach dem Verhalten des Einzelnen in dieser Welt richtet.

Ich hoffe, es ist klar geworden, in welcher Beziehung Wissenschaft und Islam bzw. Koran zueinander stehen. Das Universum, dessen Erforschung im Zentrum der Wissenschaft steht, ist die Sphäre, in der sich die Namen Gottes manifestieren; es besitzt gewissermaßen einen heiligen Charakter. Alles, was sich in ihm befindet, entspricht einem Buchstaben Gottes. Gott Selbst lädt uns ein, diese Buchstaben zu studieren, damit wir Ihm näher kommen. Das Universum stellt also eine Sammlung jener Buchstaben oder, wie muslimische Gelehrte es ausdrücken, ein göttliches Buch der Schöpfung dar, das in erster Linie von Gottes Attributen Wille und Macht verfasst wurde. Der Koran, dessen Niederlegung Gottes Willen zu sprechen entsprang, ist das verbale Gegenstück zum Universum. So wie es keinen Konflikt gibt zwischen einem Palast und dem Papier, auf dem er beschrieben wird, gibt es auch keinen Konflikt zwischen dem Universum und dem Koran. Beide sind Ausdruck ein und derselben Wahrheit.

Ähnliches gilt auch für den Menschen. Auch er ist ein Heiliges Buch, das in Übereinstimmung mit dem Universum und dem Koran verfasst wurde. Aus diesem Grunde besitzt der arabische Ausdruck Aya(pl. Ayat), der die einzelnen Verse des Koran bezeichnet, auch eine zweite und eine dritte Bedeutung: Er bezeichnet die Vorgänge in den Seelen der Menschen ebenso wie die Ereignisse in der Natur.

Die Bedeutung des ersten koranischen Gebotes Lies!

Lies im Namen deines Herrn, der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. Lies; denn dein Herr ist gütig, der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste! (96:1-5)

Der Koran befahl den Menschen bereits zu lesen, als es noch gar nichts zu lesen gab. D.h., er ermunterte den Menschen, das Buch der Schöpfung (das Universum) und dessen Gegenstück in Worten und Buchstaben (den Koran) zu lesen und zu studieren. Der Mensch soll das Universum beobachten und seine Bedeutungen und seinen Inhalt entdecken. Je besser ihm dies gelingt, desto tiefer wird er die Schönheit und die Pracht des Systems des Schöpfers empfinden und Seine unendliche Macht wahrnehmen. Daher ist der Mensch verpflichtet, die vielfältigen Bedeutungen des Universums zu ergründen, die Gesetze Gottes für die Natur zu entdecken und eine Welt aufzubauen, in der Wissenschaft und Glaube einander ergänzen. Nur so wird der Mensch in der Lage sein, seiner Rolle als Statthalter Gottes auf Erden gerecht zu werden und Glückseligkeit in beiden Welten zu erlangen.

Gott kennt zwei Arten von Gesetzen: Zum einen die Scharia; sie umfasst die Gesetze Gottes, die das religiöse Leben des Menschen regeln und ihren Ursprung in Seiner Eigenschaft zu sprechen haben. Sie dient als Basis für Lohn und Strafe, die zumeist erst in der Welt des Jenseits gewährt bzw. verhängt werden. Zum anderen die Gesetze, die für die Schöpfung und das Leben als Ganzes verantwortlich sind. Diese entspringen Seinem Willen und werden üblicherweise (aber fälschlich) ‚Gesetze der Natur und des Lebens' genannt. Lohn und Strafe für ihre Befolgung bzw. für Verstoße gegen sie werden uns meistens noch in dieser Welt zuteil. Für Ausdauer und Geduld zum Beispiel werden wir mit Erfolg belohnt; die Strafe für Trägheit ist Mittellosigkeit. Eifer bringt Wohlstand, Standhaftigkeit Gelingen.

Der Koran lenkt unsere Aufmerksamkeit wiederholt auf die Phänomene in der Natur, die Gegenstand der Wissenschaft sind, und fordert uns auf, sie zu studieren. In den ersten fünf Jahrhunderten des Islam verknüpften die Muslime Wissenschaft erfolgreich mit Religion, Intellekt mit Herz und Materielles mit Spirituellem. In späteren Jahrhunderten jedoch war es der Westen, der in diesem Bereich die Initiative ergriff und so, wenn auch unbewusst, Gottes ‚Naturgesetzen' gehorchte. Dadurch eroberte er sich eine Dominanz über die islamische Welt. In den letzten zwei bis drei Jahrhunderten hat diese es nicht mehr verstanden, den Islam auf richtige Art und Weise zu im Alltag zu praktizieren. Wissenschaftliche Forschungen und das Studium der Natur wurden vernachlässigt und die Gesetze Gottes in der Natur somit missachtet.

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