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Warum erschuf Gott das Universum? War Er dazu verpflichtet? Warum hat Er es nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt erschaffen?

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Fragen und Antworten

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Zunächst einmal sollte man festhalten, dass wir als menschliche Wesen alles aus einer menschlichen Perspektive heraus wahrnehmen und unsere Beobachtungen in entsprechende Worte kleiden. Um ein Beispiel zu nennen: Die Menschen handeln aus Notwendigkeiten oder aus einem Verlangen heraus. Wir handeln, weil wir bestimmte Bedürfnisse haben oder dazu gezwungen werden. Weil wir in uns selbst vernarrt sind und fehlerhafte Überlegungen anstellen, maßen wir uns törichterweise an, uns mit Gott zu vergleichen, und stellen uns vor, Gott würde so handeln, wie wir es tun. Wenn die oben genannten Fragen gestellt werden, müssen wir uns also unbedingt in Erinnerung rufen, dass Gott über allen Wünschen und Bedürfnissen und weit jenseits unserer unzulänglichen Vorstellungen steht. Wer ist über die Erschaffung des Universums unglücklich? Wer möchte in der Erntezeit nicht vom Einbringen der Ernteerträge profitieren? Wer sucht nicht sein Glück, indem er auf bestmögliche Weise all das zu nutzen versucht, was die Welt für ihn bereithält? Nur sehr wenige Menschen, die sich in einer sehr schlimmen Lage befinden, sind so vorschnell und unbesonnen, ihr Leben in dieser Welt zu beklagen. Zwar haben einige wenige in ihrem Kummer Selbstmord verübt; die überwältigende Mehrheit der Menschen hingegen ist eher dankbar als dass sie es bedauert zu leben, in diese Welt gekommen und Mensch zu sein. Wer beklagt sich schon darüber, in der Obhut seiner Eltern versorgt und durch deren Liebe in der Kindheit groß gezogen zu werden? Wer bedauert es schon, jung zu sein und eine Zeit zu durchleben, in der das Hochgefühl des Lebens im ganzen Körper zu spüren ist? Wem missfällt es schon, als reifer Erwachsener eine Familie und Kinder zu haben und mit ihnen ein harmonisches Leben zu führen? Und mit welchen Instrumenten wollen wir das Glück und die Zufriedenheit der Gläubigen messen, die nicht nur die Saat für die kommende Welt ausstreuen, sondern sich auch ihren Erfolg in dieser Welt sichern? Die Gläubigen finden die Schlüssel zu den Türen des höchsten Glücks. Deshalb sind sie zufrieden und haben keinen Grund zu verzweifeln.

Mit vollem Bewusstsein nehmen wir all diese verschiedenen Arten des Glücks wahr und danken unserem Schöpfer, der uns zum Leben erweckt hat, von ganzem Herzen.

Das gesamte belebte wie unbelebte Universum wurde auf vielerlei Weise künstlerisch gestaltet und verziert. Es ähnelt einer endlosen Parade oder einer Ausstellung von Kunstgegenständen, die erschaffen wurde, um alle Menschen zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Die Schönheit der Landschaft dieser Parade, ihre außergewöhnliche Vielfalt und ihr prächtiger Schmuck, ihr schierer Reichtum und der ständige Fluss von Ereignissen, der sie prägt, stellen für unsere Sinne und unseren Verstand eine präzise und greifbare Realität dar. Diese Realität spricht für die Existenz einer wirkenden Kraft, welche sie ins Dasein ruft. Durch die Realität Seiner Werke und Handlungen kann es uns schließlich gelingen, den, der wirkt, und auch Seinen bzw. Seine Namen zu erkennen. Anhand dieser Namen, die sich in Gegenständen und Lebewesen manifestieren, versuchen wir, auf Seine Attribute zu schließen. Über die Kanäle und Gebete, die unseren Herzen zugänglich sind, sehnen wir uns danach, ja, kämpfen wir darum, Ihn, den Erhabenen Persönlich kennen zu lernen. Diese Aufwertung unseres Seins wird von einer weiten Sphäre der Realität inspiriert: von Dingen, Ereignissen und dem unermesslichen Reich, in dem der Mensch im Universum das Amt eines Verwalters innehat, wie auch von der Beziehung zwischen Mensch und Universum und vom Herrschaftsgebiet der Namen und Attribute Gottes.

Wir wollen nun versuchen, die Absicht des Schöpfers durch eine simple Analogie zu veranschaulichen:

Stellen wir uns einmal einen erfahrenen Kunsthandwerker oder Künstler vor. Angenommen, dieser Künstler ist ein außerordentlicher Bildhauer, der mit ein paar Hammer- und Meißelschlägen lebensechte Skulpturen aus härtestem Stein formen und die schönsten Gefühle hervorzaubern kann. Oder er ist ein geschickter Holzschnitzer, der seine Seele gewissermaßen in ein Nussbaum- oder Buchenholz gießen oder, wie man so schön sagt, ein Stück Ebenholz zum Leben erwecken kann; oder ein ausgezeichneter Maler, dessen Pinselstriche die herrlichsten Farbkombinationen hervorbringen und die staunenden Betrachter ob ihrer Schönheit anrühren können. Diesen grundverschieden Fähigkeiten lassen sich noch eine ganze Reihe anderer hinzufügen. Ein Künstler ist nur dann als solcher zu identifizieren, wenn er seine Fertigkeiten demonstriert. Erst seine Kunstwerke oder das Verfahren, mit dem er sie herstellt, geben uns Aufschluss über seine Talente. Jede innere Kraft wünscht, die in ihr verborgene Realität zu enthüllen und strebt danach, sich in eine äußere Form, in einen äußerlich wahrnehmbaren Körper zu kleiden, um so ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Samenkörner wollen keimen, Spermien sind darauf erpicht, sich mit der Eizelle in der Gebärmutter zu vereinigen und Bläschen, die durch die Luft schweben, trachten danach, als Wassertröpfchen zu Boden zu fallen. Sie alle nehmen diese Mühen ganz einfach deshalb auf sich, weil es ihr Wunsch ist, ihr eigentliches Wesen in der Realität zu zeigen.

Das Bedürfnis, sein inneres Wesen zu enthüllen, um so von anderen gesehen und erkannt zu werden, ist in Wirklichkeit ein Ausdruck von Schwäche bzw. ein Fehler, denn alle Lebewesen und ihre Wünsche sind bloße Schatten des ursprünglichen Wesens. Der Kunstfertige Schöpfer jedoch ist frei von solchen Fehlern und Schwächen. Keine einzelne und keine zusammengesetzte Manifestation der Essenz ist jemals mit der Essenz selbst identisch. Das sollte man sich stets vor Augen halten.

Das gesamte künstlerische Wirken im Universum weist uns auf die Tausende von Namen Gottes hin. All die Namen, die sich in den unterschiedlichen Denkmälern des kunstvollen Schöpferwerkes manifestieren, beleuchten unseren Weg und lassen uns die Attribute dieses Wesens, dieses Einen Schöpfers, erkennen. Sie stimulieren und erwecken unsere Herzen mit Hilfe der Zeichen und Botschaften dieses verborgenen, gegenwärtigen Schöpfers, die unseren Sinnen zugeführt werden.

Der Schöpfer Selbst will Sich uns in ganzem Umfang bekannt machen und dabei alle Unklarheiten beseitigen. Anhand der Vielfalt und Schönheit der Schöpfung will Er uns Seine Brillanz demonstrieren. Die großartige Ordnung und die Harmonie im Universum sollen uns Seinen Willen und Seine Allmacht nahe bringen und durch die Tatsache, dass Er uns selbst unsere geheimen Wünsche und Sehnsüchte gewährt, möchte Er Seine Barmherzigkeit, Sein Mitgefühl und Seine Gnade unter Beweis stellen. Daneben verfügt Er über viele weitere Namen und Attribute, über die Er Sich uns bekannt machen möchte.

Mit anderen Worten: Um Seine Macht und Seinen Willen zu manifestieren, bereichert Er diese Welt um Dinge, die Er in Seinem allumfassenden Wissen genau kennt. Indem Er all diese Dinge dem Prisma des Intellekts und des Verständnisvermögens bewusst denkender Lebewesen überlässt, ruft Er in den Sphären der Erde und der Himmel Staunen, Bewunderung und Wertschätzung hervor.

Genauso wie sich die Talente eines gewandten Künstlers auf erhabene Art und Weise in seinen Kunstwerken manifestieren, erschuf der Besitzer dieses Universums das Universum, um in ihm die Kraft und die Allmacht Seiner Kreativität zu manifestieren.

Wir wollen uns nun mit der zweiten Frage beschäftigen:

Warum hat Er das Universum nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt erschaffen ?

Von welchem Zeitpunkt oder Zeitraum ist überhaupt die Rede, wenn wir von ,früher' sprechen? Wenn dieses Wort irgendein Datum innerhalb der Ewigkeit vor der Erschaffung der Zeit bezeichnen soll, ergibt dies keinen Sinn. In Relation zur Ewigkeit haben selbst Zeitspannen von 100 oder 1.000 Milliarden Jahren keine Bedeutung. Im Zeitrahmen der Ewigkeit ist Zeit überhaupt nicht vorstellbar. Nur Gott ist ewig. Sein Wesen und Seine Existenz sind ewig. Mit Ausnahme Gottes kann keine Sache und kein Lebewesen für sich in Anspruch nehmen, ewig zu sein. Wenn sich das Wort ,früher' aber auf die Ewigkeit selbst bezieht, dann ist zu berücksichtigen, dass diese keinen Beschränkungen der Zeit unterworfen ist. Diese Uneingeschränktheit schließlich ist einzig und allein ein notwendiges Privileg der Existenz, Namen und Attribute Gottes. Das heißt, Gott gehört ausschließlich Sich Selbst, und nur Er selbst kann für Sich beanspruchen, ewig zu sein.

Innerhalb des alles umfassenden und verstehenden Wissens Gottes besitzt alles, was erschaffen wurde, eine absolute Realität als ilm (Wissen). Im tasawwuf (Sufismus) werden diese erschaffenen Dinge und Lebewesen als Archetypen bezeichnet, die wir uns als innere Kräfte, Pläne oder Projekte vorstellen können. Ihnen Ewigkeit zuzuschreiben wäre falsch. Eigentlich ist es schon fast beleidigend, wenn wir uns in diese Dinge überhaupt einmischen. Wenn wir mit unseren begrenzten Maßstäben eine Aussage über Lebewesen oder Seelen, die in der Schöpfung vorkommen, treffen wollen und uns Fragen widmen, die Teilbereiche des Übersinnlichen und Unsichtbaren (ghaib) betreffen, so spricht dies gewissermaßen für unsere Unfähigkeit einzugestehen, dass wir anmaßend sind, weil wir nicht erkennen oder erkennen wollen, dass unser Verstand Grenzen aufweists.

Verglichen mit Gottes Thron des Wissens ist das ganze Universum so winzig wie ein Ring, der in eine Wüste geworfen wurde. Verglichen mit Seinem Thron der Macht wiederum ist aber auch dieser Thron des Wissens so winzig wie ein Ring, der in eine Wüste geworfen wurde. Wie sollte es also einem Menschen gelingen, den Besitzer dieses Thrones der Macht zu kennen und zu versuchen, etwas über Sein Wesen und Seine Essenz zu sagen!

Viele Dinge dienen Seinem Wesen und Seinen Taten als Spiegel. Doch Gott kannte Sich Selbst schon vor der Existenz dieser Dinge, bevor Er das Universum erschaffen hat. Er kennt Sich Selbst, Seine Namen und Seine Taten, ohne dabei irgendein Bedürfnis nach irgendetwas zu verspüren. Er stößt in jeder Sphäre auf Sein Wesen und auf Seine Taten: In der Sphäre Seiner Namen ebenso wie in der physischen Schöpfung, in den winzigsten Teilchen eines Atoms ebenso wie in den gewaltigsten und komplexesten Einheiten dieser Sphären. Er kennt Sich Selbst und macht Sich Seinen bewussten Dienern durch die Manifestationen Seiner Namen bekannt.

Auf Grund Seines ewigen Wissens (ilm) erkennt Er Sich in allen Sphären auf andere Art und Weise wieder. Doch nichts, was eine Verbindung zu Ihm hat, ändert sich jemals, denn unter Seinen Attributen befinden sich auch solche, die als negative Attribute bezeichnet werden: Beispielsweise isst und trinkt Er nie. Zeit schränkt Ihn nicht ein. Er verändert Sich nie und ist aller Dinge ledig.

Innerhalb der Grenzen unserer Zeit sehen und erkennen wir, was Er anordnet und für uns in die Wege leitet. Aber wir wissen weder, was in weiter Vergangenheit passiert ist, noch, was die Zukunft bringen wird. Auch wissen wir zum Beispiel nichts über die Existenz der Lebewesen im Wissen Gottes oder über die ursprünglichen verborgenen Realitäten und die Sphären des Geistes. Selbst unter Berücksichtigung unseres ganzen wissenschaftlichen Fortschritts haben wir bis heute keine Vorstellung davon - und können diese auch gar nicht haben -, wie tief und weit das Universum oder seine physikalischen Erscheinungen wie die Spiralnebel sind, was sie bedeuten, welche Bedeutung sie für die Weltordnung haben und welches Licht sie auf die dunklen Punkte der gesamten Schöpfung werfen. Genauso wenig wie wir über solche Dinge wissen, kennen wir auch das Jenseits. Angesichts so unermesslich großer Geheimnisse können wir nur sagen: "O Ma'ruf! (gütiger Herr!) Weder Dich noch Deine Werke haben wir vollständig entschlüsseln können. Verzeihe uns!"

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