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Islam und Demokratie - Ein Vergleich

Geschrieben von Die Fontäne, Juli-September 2001 am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

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Heutzutage ist es schon schwierig genug, über die Religion und insbesondere über den Islam zu schreiben oder zu sprechen. Noch schwieriger ist es jedoch, den Islam mit modernen politischen Systemen zu vergleichen. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass die Religion, die sich im Wesentlichen mit den nicht veränderbaren Seiten des menschlichen Lebens befasst und die Gegenstand der Erfahrung, der Empfindung und des Erlebens ist, in der modernen Kultur mit empirischen Methoden durchleuchtet wird.

Anthropologie, Religionswissenschaft, Psychologie und Psychoanalyse analysieren die Religion auf diese Art und Weise. Andererseits halten aber auch viele Menschen, die sich als religiöse Menschen bezeichnen, die Religion für einen Gegenstand der Philosophie bzw. für ein ganz und gar mystisches Phänomen. Im Falle des Islam kommt insofern ein weitere Schwierigkeit hinzu, als dass der Islam sowohl von einigen Muslimen als auch von herrschenden politischen Mächten der modernen Welt als eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ideologie betrachtet wird.

Der Islam ist weder ein mystisches Phänomen noch eine Philosophie oder eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ideologie. Er ist vor allem eine Religion, die auf einer Offenbarung beruht. Sein Stifter ist Gott, der auch die Grundprinzipien dieser Religion definiert hat, und der Prophet Muhammad, der von Gott mit dieser Aufgabe betraut wurde. Ziel dieser Religion ist es in erster Linie, dem Menschen ein glückliche ewiges Leben im Jenseits zu ermöglichen. Darüber hinaus dient der Islam der Sicherung des Friedens, der Ausgeglichenheit und der Gerechtigkeit in dieser Welt. Der Mensch ist nicht allein Gehirn, Gedächtnis, Intellekt, Seele, Herz oder Körper. All diese Dimensionen, die zusammen den Menschen ausmachen, wollen befriedigt werden. Gleichzeitig ist der Mensch ein soziales Wesen, das sowohl mit seinen Mitmenschen in einer von Gerechtigkeit, Solidarität und Hilfeleistung geprägten Atmosphäre zusammen leben sollte, und ein Wesen, dass in eine bestimmte natürliche Umgebung hineingeboren wurde.

Wenn wir das Thema aus einer anderen Perspektive betrachten, stellen wir fest, dass das Leben des Menschen auch Dimensionen hat, die völlig außerhalb des freien Willen des Menschen stehen, und dass er einigen Gesetzen unterworfen ist, die er nicht beeinflussen kann. Auch seine natürliche Umgebung, sein Ökosystem, hat ihre besonderen Gesetze, denen sich der Mensch anzupassen hat, egal ob er diese verändern kann oder nicht. Weitere Punkte entziehen sich außerdem dem freien Willen des Menschen: Zeitpunkt und Ort von Geburt und Tod, Beschaffenheit und Wesensart der Familie, Rasse, Farbe, Körper und von allem die Frage, ob er überhaupt jemals zur Welt kommt. Die Grundbedürfnisse des Menschen, die Art und Weise, wie diese Grundbedürfnisse gestillt werden, und die Erfüllung der Funktionen des menschlichen Körpers, die der Mensch selbst als ,Ich' bezeichnet, sind ebenfalls nicht vom Willen des Menschen steuerbar. All diese Faktoren, die das menschliche Leben wie eine Hülle umgeben und ihm einen Rahmen geben, verleihen dem Menschen unveränderliche Dimensionen und Prinzipien.

Der Mensch kommt zur Welt, ohne etwas vom Leben zu wissen und seine Umwelt zu kennen. Er muss alles von Grund auf lernen. Tiere aber scheinen schon vor ihrer Geburt in einer anderen Welt geschult worden zu sein. Sie brauchen sich ihre Fähigkeiten nicht erst anzueignen. Auch das Lernen fällt ihnen leichter. Der neugeborene Mensch hingegen ist vollkommen hilflos und auf fremde Hilfe angewiesen. Allein für das Erlernen des aufrechten Ganges benötigt er etwa ein Jahr. Erst viel später, nach der Pubertät, kann er vielleicht entscheiden, was für ihn vorteilhaft und was schädlich ist. Und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen kennen zu lernen, braucht er noch viel länger. Bis zu seinem Lebensende lernt er niemals aus. Das Wesen des Menschen besteht in erster Linie aus einem Verstand und unzähligen zum Teil sehr komplexen Gefühlen, die ihn mit seiner Umwelt verbinden. Besondere Schwierigkeiten bereitet ihm seine Existenz im Spannungsfeld zwischen Zukunft und Vergangenheit. Einerseits schleppt er die Leiden der Vergangenheit mit sich herum, andererseits plagen ihn Zukunftsängste. Außerdem ist er zwangsläufig mit Fragen konfrontiert, die sein Dasein auf Erden provoziert: „Wer bin ich, wer oder was hat mich in die Welt geschickt, wer bietet mir auf meiner Reise durch diese Welt Orientierung, was verlangen Leben und Tod von mir?

Die Wünsche, Ziele und Bedürfnisse des Menschen sind unendlich groß. Er begnügt sich nicht mit einer Blume, und gibt sich auch nicht mit einem Garten zufrieden. Nein, er träumt vielmehr vom Paradies. Sich mit Freunden zu treffen, reicht ihm nicht aus. Stattdessen sehnt er sich danach, entfernte Verwandte und sogar verstorbene Menschen zu sehen, die ihm einmal nahe standen. Seine Sehnsüchte reichen bis in die Ewigkeit.

Manchmal ist er nicht in der Lage das nahe Liegende zu erkennen, gelegentlich aber sprengen seine Vorstellungskraft, seine Gedanken und sein Wissen die Mauern der physischen Welt und dringen bis in die Welten des Jenseits vor. Manchmal ist der Mensch so bedeutungslos wie ein winziger Punkt, dann wieder geht er mit seinen Gefühlen über diese Welt hinaus oder er verstaut die Welt sogar wie einen winzigen Punkt in seinem Herzen.

Im Mittelpunkt aller Diskussionen um Religion, Demokratie andere politische Systeme oder Philosophien sollte der Mensch stehen. Denn nur diese Herangehensweise erlaubt eine präzise und verlässliche Bewertung und Analyse der jeweiligen Diskussionsgegenstände. Wenn man z.B. die Religion und insbesondere den Islam mit einem demokratischen oder einem anderen politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen System vergleicht, wird man recht schnell erkennen, dass dieser Vergleich hinkt. Denn während sich die Religion ganzheitlich mit Wesen und Leben des Menschen beschäftigt und dabei alle oben genannten Dimensionen mit berücksichtigt, befassen sich politische, soziale und wirtschaftliche Systeme und Ideologien nur mit bestimmten Teilbereichen des gesellschaftlichen Lebens. Darüber hinaus sind sie auf das Diesseits beschränkt und ziehen ein Leben nach dem Tode meistens nicht in Betracht.

Die hier angesprochenen Dimensionen des menschlichen Lebens, mit denen sich die Religion auseinander setzt, sind an keine Zeiten gebunden, sondern allgemein gültig. Sie besaßen für die ersten Menschen die gleiche Bedeutung und Gültigkeit wie für uns heute. Auch in der Zukunft werden sie sich nicht verändern. Weltliche Systeme hingegen sind einem ständigen Wandel unterworfen, sie entwickeln sich zum Positiven wie zum Negativen und passen sich dabei den Bedingungen des diesseitigen Lebens an. Ein Urteil über sie ist immer relativ.

Der Glaube an einen Gott, das Jenseits, Propheten, Offenbarungsschriften, Engel und die Vorherbestimmung unterliegt keinem Wandel. Dies gilt auch für das Gebet zu Gott und für die universellen ethischen Werte, die bereits von den Gesellschaften der ersten Menschen anerkannt und akzeptiert wurden. Wenn wir also die Religion und insbesondere den Islam mit der Demokratie vergleichen, dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren, dass Demokratie keine messbare Größe ist und in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich verstanden wird. Die Religion hingegen hält verschiedene Regeln und Werte für das menschliche Leben bereit. Ein Vergleich zwischen der Demokratie als politisches und gesellschaftliches System und dem Islam muss sich also auf die Lehren des Islam für das weltliche Leben beschränken.

Der Hauptausgangspunkt, das Hauptziel und die unveränderlichen Prinzipien des Islam, die von diesem Hauptausgangspunkt und Hauptziel bestimmt werden, spielen auch für die Bestimmung der Prinzipien für die veränderlichen Seiten des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle. In diesem Sinne spricht sich der Islam nicht explizit für eine bestimmte Regierungsform aus. Er fordert die Menschen nicht dazu auf, Staaten nach einem bestimmten Modell zu gestalten. Stattdessen gibt er Grundprinzipien vor, die den Staatsgebilden der Menschen einen gewissen Spielraum lassen. Staatsstruktur und Regierungsform sind den äußeren Rahmenbedingungen anzupassen, ohne dass die Grundprinzipien verletzt werden. Wenn wir Islam und Demokratie einander gegenüberstellen, sollten wir daher diese Grundprinzipien untersuchen und sie mit den Werten der heutigen modernen und freiheitlichen Demokratien vergleichen.

Obwohl demokratische Strukturen kein gänzlich neues Phänomen sind, feierten sie erst mit der Französischen Revolution ihren Durchbruch. Statt dem Monarchen stellte nun das Volk die Regierung. Dem Individuum wurde ein höherer Wert als der Gesellschaft zugebilligt. Jedem Individuum sollte die Freiheit gewährt werden, sein Leben selbst zu gestalten. Natürlich lebten die Menschen damals wie heute in Gemeinschaften zusammen, daher durften die Grundfreiheiten des Menschen dem gesellschaftlichen Leben keinen Schaden zufügen. Entscheidendes Kriterium für eine demokratische Gesellschaft war und ist jedoch, dass sie nach Wohlstand und Glück der einzelnen Individuen strebt.

Der Islam kennt keine Diskriminierung hinsichtlich Rasse, Hautfarbe, Aussehen oder Herkunftsland. Alle Menschen sind hinsichtlich ihres Menschseins und vor dem Gesetz so gleich „wie die Kammzacken", wie es ein Hadith auf den Punkt bringt. Auch der Hadith „Ihr alle stammt von Adam ab, Adam jedoch aus der Erde. O Diener Gottes, seid Brüder!" unterstreicht dieses Gleichheitsprinzip. Dem Islam zufolge sind auch der Besitz von Eigentum und Macht, die Abstammung von einer bestimmten Familie oder eine frühere Geburt nicht mit dem Anspruch verknüpft, über andere gebieten zu dürfen. Der Islam betont, dass das Recht absolute Priorität besitzt. Gerechtigkeit und Gesetz sind im Islam grundlegende Dinge. Jedes Individuum hat demnach bestimmte Rechte, die der Gesellschaft nicht geopfert werden dürfen. Glaube, Vernunft (Recht auf eine gesunde Seele und einen gesunden Geist), Leben, Eigentum und Familie stehen unter besonderem Schutz. Diese Grundprinzipien bilden die Quelle für die Glaubensfreiheit, die freie Praktizierung des Glaubens, das Recht auf Meinungsbildung, auf Privateigentum, auf Eheschließung und auf Nachwuchs. Daneben basieren auch Individualität, Intimität und Unantastbarkeit des Lebens auf diesen Grundprinzipien. Im Islam gilt das Prinzip der Individualität von Schuld. Kein Mensch darf für Verstöße gegen Recht und Gesetz durch andere verantwortlich gemacht werden. Außerdem darf ein Mensch erst dann für schuldig befunden werden, wenn seine Schuld zweifelsfrei bewiesen wurde.

Eine wichtige Rolle für den Vergleich zwischen Islam und Demokratie spielt daneben auch die Vorherbestimmung. Ganz im Gegensatz zu jeder Art von Fatalismus und zur fatalistischen (deterministischen) ,Geschichtlichkeit' der westlichen Geschichtsphilosophien des vorigen Jahrhunderts betrachtet der Islam den Menschen als den Motor der Geschichte. Jeder einzelne Mensch beeinflusst durch seinen freien Willen und sein Verhalten sowohl seine Umwelt im Diesseits als auch sein zukünftiges Leben im Jenseits. Vom Menschen geschaffene Gesellschaften entscheiden letztlich durch ihren Glauben, ihre Weltanschauung und vor allem durch ihre Lebensweise über ihr Schicksal, ihren Aufstieg oder ihren Fall. Der Koranvers „Gewiss, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie (die Leute) nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist." (13:11) weist uns darauf hin, dass die Gesellschaften ihr Schicksal selbst in der Hand haben. „Wie ihr seid, so werdet ihr regiert.", heißt es in einem Hadith. Die hier beschriebenen Grundprinzipien des Islam sind also zwar nicht mit den demokratischen Prinzipien identisch, stehen aber andererseits auch nicht im Widerspruch zu diesen. Die Prinzipien, die in den Aussagen des Koranverses „Gewiss, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie (die Leute) nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist." und des Hadithes „Wie ihr seid, so werdet ihr regiert." zum Ausdruck kommen, und die Grundprinzipien der Demokratie, der ,Selbstregierung des Volkes', führen also zum gleichen Ziel.

Die Tatsache, dass der Islam den freien Willen des Menschen für seine eigene Zukunft und die seiner Gesellschaften in den Vordergrund stellt, macht es erforderlich, dass die Regierungsverantwortung dem Volk übertragen wird. Bei der Vermittlung seiner Prinzipien wendet sich der Koran an das ganze Volk: „O ihr Menschen, o ihr, die ihr glaubt!" Die Pflichten, die der moderne Staat seinen Bürgern auferlegt, korrespondieren im Grunde mit jenen Pflichten, die der Islam den Muslimen auferlegt. Entsprechend ihrer Bedeutung werden die islamischen Pflichten als ,kollektive Pflichten', ,kollektive Erfordernisse' oder als ,kollektive Sunna' bezeichnet. Die Bevölkerung von Staaten kommt diesen Pflichten nach, indem sie die notwendigen Institutionen gründet und so nach dem Prinzip der Arbeitsteilung verfährt. Die Gesamtheit der von den Menschen gegründeten Institutionen bildet dann das Staatsgefüge. Der Islam tritt für einen Staat ein, der auf einem ,gesellschaftlichen Abkommen' basiert. Eine solche Staatsform sieht freie Wahlen der Bürger zur Entscheidung über die Zusammensetzung des Regierungsapparates vor. Sie verlangt von den an der Regierung beteiligten Parteien, dass sie sich immer wieder zu beratenden Gesprächen zusammenfinden. Das Volk kontrolliert in diesem Staatsmodell die Regierung.

Die Beziehungen zwischen den Menschen sollten dem Islam zufolge nicht auf ,Stärke', sondern auf ,Recht' aufbauen.

Ziel des gesellschaftlichen Systems ist dem Islam zufolge, dass Mensch und Gesellschaft tugendhaft sind und dadurch das Wohlgefallen Gottes erlangen. Das Prinzip gegenseitiger Unterstützung und der Solidarität ersetzt im Islam das Prinzip des Konflikts. Als Band zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten akzeptiert der Islam den Glauben und gemeinsame Gefühle und Werte, nicht aber Rassismus oder aggressiven Nationalismus. Ziel der gesellschaftlichen Ordnung ist das Hervorbringen reifer und aufgeklärter Menschen, was dadurch erreicht werden soll, dass die Seele des Menschen geschult wird.

Die Gesellschaft soll Barrieren gegen die Angriffe von Gelüsten errichten und die Seele dazu anregen, sich den erhabenen Dingen zu widmen und die Menschen zufrieden zu stellen. Auf diese Weise soll sie die Menschen zur Vervollkommnung ermutigen und sie zu echten menschlichen Wesen machen. Recht verlangt nach Einheit an Stelle von Uneinigkeit und Streit. Tugenden fördern Solidarität. Das Prinzip gegenseitiger Unterstützung bedeutet, dass man sich gegenseitig Hilfe leistet. Der Glaube und gemeinsame Gefühle und Werte sorgen für Brüderlichkeit und Zusammenhalt an Stelle von Feindseligkeit. Wenn die Seele zur Vollkommenheit angespornt wird und der Mensch in seinem ganzen Wesen heranreift, führt das sowohl in dieser als auch der nächsten Welt zu Glückseligkeit.

Die Demokratie ist ein System, das Zeit braucht, das sich entwickelt und entwickeln muss. Bis zum heutigen Tage folgt die Demokratie verschiedenen Entwicklungen und wird dies auch in Zukunft tun. Sie wird zu einem gerechten System heranreifen, das noch mehr auf Menschlichkeit, Recht und Wahrheit beruht. Die Demokratie sollte also alle Seiten des Menschen berücksichtigen. Sie sollte die Bedürfnisse des Menschen achten, ohne die spirituelle und geistige Ebene des menschlichen Entwicklungsprozesses zu vernachlässigen. Die Demokratie sollte ihren Horizont erweitern. Sie sollte das Leben des Menschen nach dem Tode in Betracht ziehen und nicht vergessen, dass der Mensch ein Geschöpf mit Bedürfnissen ist, die nicht mit seinem Tod enden. Wenn sie dies schafft, wird sie in ein Stadium der Reife eintreten, in dem die ganze Menschheit glücklicher sein wird als heute.

SAIS Review, Volume XXI, No. 2 (Summer-Fall 2001), pp. 133-138

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