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Ode an die Mutter

Geschrieben von Die Fontäne, Oktober-Dezember 2004 am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

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Mütter sind in ihrer eigenen Welt gesegnete und heilige Geschöpfe. Wenn wir sagen, dass die Kaaba gleichzeitig Geist, Sinn, Essenz und Fundament der ganzen Realität des Universums ist, dann lässt sich das Gleiche auch für die Stadt Mekka im Verhältnis zu allen anderen Städten und für den menschlichen Verstand im Verhältnis zum Körper des Menschen behaupten. Und es trifft auch auf jede einzelne Mutter im Verhältnis zur kleinsten Einheit der Gesellschaft zu - ihrer Familie. Die Mutter ist die Basis der Gesellschaft, ihre unentbehrliche Stütze und ihre Substanz. In ihr manifestiert sich die kreative Kraft Gottes. In dem Zuhause, das sie gestaltet, dreht sich alles um sie, nimmt alles ihre Form an. Wie der Polarstern dreht sie sich um ihre eigene Achse und kreist auf einer Umlaufbahn, die weit über das Firmament hinausragt.

Mütter richten bereits ihr Leben in dieser Welt am Jenseits aus. Der Lohn, den ihnen ihre Rolle und Stellung in der Schöpfung beschert, die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem, was sie an Mühsal und Leid erfahren müssen, und dem, was sie im Gegenzug dafür erhalten, unterstreicht diese Tatsache sehr deutlich. Um dies nachvollziehen zu können, bedarf es keiner aufwendigen Forschungen. Ein flüchtiger Blick auf das, was sie in ihrem Leben säen und ernten, auf das, was sie durchmachen müssen und was sie dafür zurückbekommen, genügt bereits.

Ihre Gesichtszüge sind ebenso wenig von dieser Welt wie die der Huris im Paradies. Ihre Blicke sind so tiefgründig wie die der Engel, und ihre Gefühle so rein wie die aller spirituellen Wesen. Sie sind wie Rosen eines gesegneten Landes, dessen Wasser, Erde und Luft aus Sphären stammen, die jenseits dieser Welt liegen. Sie sind beeindruckend beneidenswert, liebenswürdig und faszinierend; in ihnen steckt ein Zauber, der das Materielle, die Welt und alles, was zu ihr gehört, weit hinter sich lässt, ein Zauber, der größer ist, als sogar die Mütter selbst es sind.

Menschen, die auf der Suche sind, die sich Gefühlen und rationalem Wissen gleichermaßen öffnen, begegnen in der Welt der Mutter Spiegelbildern ihrer süßesten Träume, verziert mit makellosen Gedanken. Die Welt der Mutter ist eine Welt der Empfindsamkeit, der Fürsorge und des überbordenden Mitgefühls. Wer sie betritt, vernimmt eine Melodie der Freude, die die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. In dieser Welt werden wir fast immer von angenehmen Winden der Heiterkeit verwöhnt, die am Tag einen anderen Charakter haben als in der Nacht. Mit ihnen strömen Barmherzigkeit, Mitgefühl und die Poesie der Himmel in unsere Herzen, und so haben wir das Gefühl, als seien unsere Horizonte über und über mit Engeln und spirituellen Wesen bevölkert.

Wir sehnen uns danach, in die Arme unserer Mutter zu laufen, und sind dabei von einem unterschwelligen und vagen, aber dennoch übermächtigen Verlangen getrieben. Wie oft erlauben wir uns, gebrochenen Herzens und enttäuscht oder traurig und einsam an ihrer fast magischen Brust zu ruhen und dort Hoffnung und ein Gefühl der Sicherheit zu finden. Jener Ort ist wärmer, lebendiger und behaglicher als ein Nest, dem vor lauter Entzücken Flügel gewachsen sind. Dort richten wir uns ein und lassen uns von ihrem geheimnisvollen Flüstern erwärmen.

Jedes Mal, wenn sie uns an ihre Brust drückt, verwandelt sie sich zu einer Heldin der Redlichkeit, die keine Gegenleistung verlangt, und verfällt in einen nahezu überirdischen Zustand. Das erlaubt uns, uns wieder aufzurichten, voller Vertrauen und Zuversicht um uns zu blicken und die Gewissheit zu erlangen, alle Schwierigkeiten überwinden zu können. Wenn wir uns an unserer Mutter festhalten, haben wir das Gefühl, die ganze Welt herausfordern zu können.

Eine Mutter ist so erhaben wie die Himmel; sie repräsentiert eine mysteriöse Welt der Emotionen, in der so viele Gedanken und Gefühle ihren Platz haben wie Sterne am Himmelszelt - Gedanken und Gefühle, die kochenden und überbordenden Lavaströmen oder unterirdischen heißen Quellen gleichen.

Eine Mutter nimmt ihr bitteres oder süßes Schicksal an und schließt mit Freude und Trauer Frieden. Sie hegt keinerlei Erwartungen an ihr Kind und begegnet ihm uneingeschränkt liebevoll. Sie ist ein Vorbild an Mitgefühl und Vertrauen und ihr Wesen verdankt seine Form der göttlichen Moral. Weder die Probleme, mit denen sie sich auseinander setzen muss und die ihr den Hals hoch schlagen wie die Wellen des Angstschweißes am Jüngsten Tag, noch die Untreue ihrer Kinder, die ihre Seele einhüllt wie ein kalter Nordwind und sie bitteren Trennungsschmerz schmecken lässt, lassen sie aufgeben und kapitulieren.

Eine Geschichte, die man sich von einer Mutter erzählt, geht folgendermaßen: "Ihr blutdürstiger Sohn erdolcht sie mit mehreren Messerstichen, aber als das Messer seinen Finger leicht streift, schreit er ungewollt auf: ,Mama!' Da hält sie seinen Arm ganz fest und schreit ihrerseits: ,Mein Baby!'" Seit meiner Kindheit durchfährt mich jedes Mal, wenn mir diese Geschichte wieder einfällt, ein Schauer, und ich spüre die Unermesslichkeit des Mitgefühls einer Mutter, eingeschlossen in diesen einen kleinen Tropfen.

Mütter, die an die Ewigkeit und an ein Leben nach dem Tode glauben, verfügen neben ihren körperlichen und materiellen zudem noch über spirituelle und außerweltliche Attribute. In der bestehenden Welt mit ihren materiellen und spirituellen Sphären, in der Welt von Körper und Geist sind ihre Herzen so unglaublich stark mit ihren Kindern verbunden, dass selbst Beziehungen, die von weltlich orientierten Menschen gemeinhin als äußerst belastungsfähig und elementar empfunden werden, im Vergleich zu diesen Mutter-Kind-Beziehungen nicht mehr sind als ein schwacher Abglanz.

Wie dem auch sei, jemandem, der nie einen Glauben oder die Freude über die Unvergänglichkeit im Glauben gespürt hat, wird dies jedoch nicht leicht zu vermitteln sein. Ja, es dürfte uns schwer fallen, so einem Menschen zu erklären, wie es diesen Frauen, die doch an einem Ort der Sterblichkeit und der Vergänglichkeit aufgewachsen sind, gelingt, sich ihre tiefe Aufrichtigkeit zu bewahren, wie ihre Herzen überfließen vor Liebe, wie uns ihre Blicke mit den Versprechungen von Sorge und Vertrauen überfluten oder wie sie vor unsterblichen und jenseitigen Gefühlen nur so überfließen.

Welch lange Zeit der Vorbereitung mussten sie durchstehen, welch unvorstellbare Mühen auf sich nehmen und welche hohe Hürden überwinden. Welche Kämpfe mussten sie ausfechten, und unter welch extremer Abgespanntheit und Schwäche mussten sie leiden. Wie viele Träume und Wunschvorstellungen füllten einmal ihre Herzen und sind nun verblichen, und wie viel Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung hat sich dafür in ihnen breit gemacht. Wie viele Mühen und Lasten haben sie auf sich genommen, und welch große Zerreißproben mussten sie überstehen. Wie sehr haben sie gelitten, und wie sehr haben sie geweint. Wie viel Mitgefühl haben sie aufgebracht, und wie oft hat es sie selbst nach Mitgefühl gedürstet. Kurz: Was haben sie alles für uns getan, ohne dafür jemals eine Gegenleistung zu erwarten!

Wenn es jemanden gibt, der uns umarmt und küsst, der uns streichelt und liebkost, der uns von Trauer und Niedergeschlagenheit befreit, der möchte, dass wir vor ihm satt werden und dass wir besser gekleidet sind als er, der selbst Hunger verspürt, wenn wir hungrig sind, der für unser Wohlergehen und Glück schier übermenschliche Anstrengungen unternimmt, der unserem Körper zeigt, wie er sich entwickeln kann, unserem Willen, wie er stark werden kann, unserem Verstand, wie er scharf und durchdringend werden kann, und unserem Geist, wie er sich am Jenseits orientieren kann - wenn es einen Menschen, der all das tut, ohne direkt oder indirekt eine Gegenleistung dafür zu erwarten, dann ist dies niemand anderer als unsere Mutter.

Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens in ihrer Umarmung und in ihrer Reichweite, an einem Ort, der schöner ist als Pfauenfedern, bezaubernder als die zauberhafte Welt der Blumen, wärmer und lebendiger als ein Bienenstock, schützender und sicherer als jedes noch so perfekte Nest.

Ja, wir erkennen, erfahren und erlernen das Vergnügen und die Freude, uns versorgt und sicher fühlen zu dürfen. Wir lernen, wie dieses Gefühl in die Praxis umgesetzt wird, wie ihm Rechnung getragen wird und dass es konsequent und beständig für uns reserviert ist. Und wann immer uns Schwäche oder Bedürftigkeit überfallen angesichts unseres eigenes Unvermögens, unserer Unzulänglichkeiten und aller anderen Dinge, die schief gehen im Leben, suchen wir Zuflucht bei unserer Mutter und bemühen uns, mit ihrer Hilfe die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Dann pressen sie uns mit all ihrer Herzenswärme an die Brust und hauchen uns in Zeiten des Kummers Sicherheit und Vertrauen ein. Bei so einer Gelegenheit hat wohl jeder von uns schon einmal den Eindruck gehabt, er lausche einem stillen Gedicht, einer Flut der Gefühle, einer Brise des Mitgefühls, die ihn mit ihren Augen, ihrem Lächeln und ihren Gesten umspielt.

Wenn wir so emotionale traumhafte Tage und Nächte mit ihr verbringen, wähnen wir uns in einem glücklichen und seligen Traum. Am helllichten Tage vernehmen wir aus ihrer Brust die süßesten Melodien des Lebens. Diese Weisen ähneln dem Lied der Nachtigall und lassen in uns die Erkenntnis reifen: "Das muss das wahre Glück sein!"

Die Mutter ist das wichtigste Element des Schöpfungsaktes, der erfolgreichste Stützpfeiler der Welt des Menschen. Sie ist unser Augenlicht. Wir alle verneigen uns vor ihr, und fühlen uns unendlich in ihrer Schuld. Unser Verantwortungsgefühl für sie lastet schwer auf unseren Schultern. Wir verneigen uns, und wenn uns davon der Rücken krumm wird, sind wir stolz.

Die Brunnen der Himmel, an denen Engel umher spazieren wie weiße Tauben, spenden das Wasser, das den glühenden Stahl einer Mutter härtet. Könnte sonst das Licht ihrer Seele unsere Augen so blenden? Nicht nur ihr Licht, auch ihr Schatten verbrennt die Motten, die er anzieht. Ich selbst habe mich bis heute nicht von dem Schock der tiefen Gefühle erholt, der durch diese unglaubliche Intensität ausgelöst wurde. Das Licht der Mutter, das ich heute klarer als früher wahrnehme, ist eine geheimnisvolle Quelle, die unsere Herzen in der Dunkelheit erstrahlen lässt.

In puncto Mitgefühl, Güte und Anmut sind Mütter Heldinnen der Liebe, in deren Seele Empfindsamkeit und Tapferkeit Seite an Seite stehen. Mütter sind so sanft wie Federn und so fein und geschmeidig wie Seide. Gleichzeitig jedoch sind sie so stark und grausam wie Löwinnen, wenn es darum geht, ihre Kinder zu schützen und zu verteidigen.

Über alles, was sich unter dem Himmelszelt befindet, halten sie ihre Hände, und mit ihren Füßen beschreiten sie den Weg ins Paradies. Gott hat ihnen eine so große Erhabenheit und Würde verliehen, dass weltliche Königreiche verglichen mit ihnen nicht mehr als Kronen sind. Kronen, die auf Köpfen ruhen, welche nie in ihrem Leben den Platz unter den Füßen ihrer Mütter eingenommen haben, besitzen keinerlei bleibenden Wert.

Du erhabenes und wertvolles Geschöpf, so fein wie die Geistwesen, so unschuldig wie die Engel und so unergründlich wie die Himmel! Die Sphäre des Jenseits verleiht dir einen Wert, der alle anderen Werte übertrifft, und empfindet Sympathie für deine Schüchternheit. Die Melodie deines guten Rufes ertönt dort, wo die Engel wohnen, und das Gedicht deines Lebens ist selbst noch in den entferntesten Winkeln der Himmel zu hören. Du lebst seit jeher mit einer Klinge der Gefühle, die dein Herz durchbohrt, und trägst den Juwel der Religion in einer Kette um den Hals. Wir alle sind deine Sklaven, und du bist eine ungekrönte Sultanin, die uns mit ihrem Netz aus Mitgefühl, Vertrauen und Aufrichtigkeit einfängt. Wenn alles einen bestimmten, ganz eigenen Geist besitzt, eine Essenz des Lebens in dieser Welt des Seins, dann musst du unsere Essenz des Lebens sein.

Möge Gott dich am Morgen der Auferstehung in Seinem Licht erstrahlen lassen. Möge deine Zukunft so voller Freuden sein wie die (heiligen) Freitage im Paradies! Gesegnet sei deine Wiedervereinigung mit deinen Lieben!

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