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Wie schöpft man sein spirituelles Potenzial am besten aus?

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

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Wie schöpft man sein spirituelles Potenzial am besten aus?

Als Erstes ist es wichtig, dass man sich in konzentrierter Kontemplation übt und dabei sowohl die eigene Innenwelt als auch die Existenz der Außenwelt mit einbezieht. Dies lässt sich dadurch erreichen, dass man gründlich und intensiv über seine Reise nachdenkt, die mit der Geburt ihren Anfang nimmt und am Ende - hoffentlich - in das ewige Leben im Himmel mündet, sowie auch über die einzelnen Stationen dieser Reise bis zum Jüngsten Gericht, der Brücke (sirat) und dem Paradies.

Zweitens erfordert das Ausschöpfen des [eigenen spirituellen] Potentials aufrichtiges und konsequentes Handeln. Es ist zwar möglich zu glauben, indem man sich selbst theoretisch überzeugt; das ganze Gewicht des Glaubens kann man aber nur dann spüren, wenn man ihn auch praktiziert. Man sollte nicht vernachlässigen, gegen Ende der Nacht in aller Rechtschaffenheit seine Gebete zu verrichten, die Offenbarung und die täglichen Lobpreisungen und Bittgebete (ewrad) zu rezitiren. Denn auf diese Weise gibt man seinem Herz und seinem Geist die Chance, die Fesseln des Körpers abzustreifen und ihre Spiritualität zu entfalten, vor allem, wenn man es sich zur Gewohnheit macht. Manche medizinischen Behandlungen schlagen erst nach einer gewissen Zeit an, einige tragen sogar erst nach mehreren Jahren ununterbrochener Anwendung Früchte. Und genauso muss man auch den Glauben erst einmal eine Zeitlang praktizieren, bevor er positive Resultate zeitigt. Natürlich kann man dabei immer einmal wieder ins Schwanken geraten und Fehler begehen. Entscheidend ist dann, dass man versucht, den Kontakt zu Gott dem Allbarmherzigen nicht abreißen zu lassen. Denn das Kontakthalten ermöglicht es, nach einem Ausrutscher schnell wieder aufzustehen.

Immanuel Kant argumentiert, „dass der Gottesidee tatsächlich eine Wirklichkeit entspricht, das sagt uns nicht unsere theoretische Vernunft, sondern unsere praktische Vernunft“ - oder mit anderen Worten: unser Gewissen. Man kann dies so verstehen, dass der Schöpfer nur durch Dienste und Taten erkannt werden kann. Was das Gewissen wahrnimmt, vermag die reine Vernunft nicht zu erkennen. Gottesfreunden, deren Seelenleben in voller Blüte steht, wird man dies mit dem Auge kaum ansehen; das Gewissen jedoch wird in ihrer Anwesenheit sehr viel empfinden. In der heiligen Schrift zu lesen und Gebete zu sprechen kann unsere inneren Fähigkeiten selbst dann stärken, wenn wir nicht jeden Buchstaben und jedes Wort verstehen.

Drittens ist es wichtig, Gottes Rechtleitung zu suchen, Ihn um Barmherzigkeit zu bitten und Seiner mittels Seiner schönen Namen und Attribute zu gedenken, indem man Seine Namen ausspricht. Beispielsweise kann Gottes Name 'Keschschaf' ein Mittel sein, um die Schleier zwischen uns und dem, was jenseits des Materiellen liegt, zu lüften. Wie oft jemand solche Namen Gottes aussprechen sollte, hängt von der individuellen spirituellen Kapazität ab; unabdingbar ist jedoch, dass man Vertrauen in sein Herz fasst, während man seine Pflichten erfüllt und sich auf die Ewigkeit vorbereitet.

Viertens trägt auch ein Leben fernab von allem, was untersagt ist, dazu bei, das [spirituelle] Potenzial zur Entfaltung zu bringen. Insbesondere sollte man sehr darauf achten, was man an Nahrung zu sich nimmt, und sicherstellen, dass man nicht die vorgeschriebenen Grenzen des Erlaubten überschreitet. Denn unbestreitbar wird die spirituelle Kapazität durch das, was man isst, beeinflusst.

Fünftens kann der Besuch von Friedhöfen und Krankenhäusern dabei helfen, mehr Mitgefühl, Liebe und Anteilnahme zu empfinden, und daran erinnern, Dankbarkeit zu zeigen.

Die Fontäne, April-Mai-Juni 2016


[1] Dieser Beitrag bezieht sich auf bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen in der Türkei in den letzten Jahrzehnten, die auch ein Licht auf die aktuelle Lage im Land werfen. Man könnte ihn aber auch als gesellschaftskritische Analyse der gesamten muslimischen Welt von heute verstehen.

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