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Fena fillah (Auflösung in Gott) – Teil 2

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

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Fena fillah (Auflösung in Gott) – Teil 2

In der letzten Ausgabe der Fontäne erschien der erste Teil von Fena fillah (Auflösung in Gott). Neben einer Einführung ging es vor allem um die Frage, wie man die ambivalenten Aussagen einiger berühmter Sufis verstehen sollte. Was versetzte sie in diesen geistigen Ausnahmezustand, in dem sie zum Teil sehr missverständliche Aussagen machten und wie sollte man als Laie derartige Zitate bewerten? In dem zweiten Teil in dieser Ausgabe vertieft der Autor seine Ausführungen und stellt Kategorisierungen der Sufis und Gelehrten zu dem Thema vor.

Die Sufigelehrten unterscheiden drei Kategorien der Selbst-Auflösung in Gott:

· Auflösung in Gottes Akten: Reisende zur Höchsten Wahrheit, die diesen Horizont erreichen, spüren bei jeder ihrer Handlungen, dass es keine andere Wirkkraft gibt als Gott. Immer wenn sie einen Moment der Armut, Schwäche, Hilflosigkeit und Bedürftigkeit verspüren oder sich in einem entsprechenden Zustand wiederfinden, entdecken sie dort Spuren von Seiner Macht und Fülle. Ständig vernehmen sie die Stimme eines Vertrauen-Wollens und eines Flehens um Beistand, die tief in ihrem Bewusstsein verwurzelt ist.

· Auflösung in Gottes Attributen: Eingeweihte, die an diesen Punkt gelangen, nehmen wahr, dass jedes Leben, alle Erkenntnis und Macht, sämtliche Äußerungen, Hörvermögen, Sehvermögen und menschlicher Wille Schimmer Seiner prächtigen Attribute und Reflexionen Seines Lichtes sind. Sie realisieren, dass sie selbst über keine ureigene innere Kraft verfügen und blicken umso gebannter auf die Lichter des Heiligen Einen, der mit Seinen Schönen Namen benannt wird. Voller Staunen nehmen sie auch die erhabenen Attribute des Erhabenen Einen zur Kenntnis. Und unentwegt hoffen sie darauf, (abseits aller Modalitätskonzepte) mit Ihm zusammenzutreffen.

· Auflösung in Gottes Essenz: Ein Mensch der Wahrheit, dem es gelungen ist, sich eine neue Existenz zu erwerben, in der alle Richtungen in einer Richtung vereint sind, verfällt in einen Zustand, in dem er nicht anders kann als zu sagen: „Nichts und niemand außer Gott besitzt eine reale Existenz.“ Wer sich in diesem Zustand befindet, erkennt, dass Raum und Zeit eine Existenz in Seinem Wissen besitzen und von dort aus ihren Lauf nehmen. Sie begreifen alle existierenden Objekte als Manifestationen der Lichter Seiner Existenz. Hingerissen von spirituellen Genüssen bestätigen sie mit jedem Atemzug, dass alles auf Gott zurückgeht und betrachten ihre Auflösung im Licht Seiner Existenz als den Preis, den sie dafür zahlen müssen, dass ihnen eine Existenz verliehen wurde.

Wie in dem Vers Wo es doch Gott ist, der euch erschaffen hat, geradeso wie all das, was ihr tut (37:96) aufgezeigt, gilt das erste Signal der Auflösung, das die Reisenden auf den Pfaden der Wahrheit empfangen, der Sphäre der Handlungen. Mit den Worten „Alles kommt von Dir, und Du bist die Wahre Wirkkraft“ kultivieren sie zunächst ihre Selbst-Beherrschung. Dann werden sie, wie in Vers 8:17 - Und als du warfst, da warst nicht du es, der warf, sondern Gott warf - veranschaulicht, ihrer eigenen Einflusslosigkeit gewahr, schmelzen im Schatten Seiner Attribute dahin und verwandeln sich in Spiegel, die diese Attribute reflektieren. Einige dieser Reisenden stoßen anschließend zu einem Punkt vor, an dem sich Menschen und Dschinn um sie zu scharen beginnen. Und wenn sie es schaffen, auch über diesen Punkt hinauszugehen, so wird ihnen Zutritt zu Sphären gewährt, die der folgende Satz treffend charakterisiert: Dort war Gott, und nichts existierte außer Ihm. Er existiert jetzt, wie Er schon immer existierte.[1] Sie haben das Gefühl, in einen unbeschreiblichen und geradezu undenkbaren Zustand des Genusses eingetreten zu sein, in dem ihre Existenz nur noch flüchtiger Natur ist und sie sich auf dem Weg zu ewiger Existenz aufgelöst haben. Dieses Gefühl lässt sich vergleichen mit dem eines Tropfens, der eingesteht, wo sein Ursprung, seine Potenziale und seine Bestimmung in Relation zum Ozean liegen. Es beinhaltet auch die Erkenntnis, dass alles seine Existenz der Tatsache verdankt, dass Gott der Aus Sich selbst heraus Existierende Eine und der Bewahrer ist. Jede einzelne Einheit, die ins Sein tritt oder sich ihr Sein bewahrt, ist gänzlich von Ihm abhängig. Vergänglichkeit und Verfall sind dem menschlichen Wesen eigen, dessen sollte sich jeder Mensch bewusst sein; der Aus Sich selbst heraus Existierende Eine hingegen muss zwangsläufig eine ewige Existenz besitzen. Wenn die Diener Gottes am Ende ihrer Reise begreifen, dass Vergänglichkeit und Verfall Grundelemente ihrer Natur und ihres Seins sind, belohnt der Heilige Souverän und Besitzer sie mit ewigem Leben. In der Sprache des Sufismus nennt man diesen Gunstbeweis Auflösung in Gott oder Existenz durch die Existenz Gottes.

Seit jeher teilen die führenden Persönlichkeiten, die dem Weg der Ehl es-sunna we l-dschemē‘a[2] folgen und Gottes absolute Einzigkeit zum Fundament all ihrer Standpunkte, Worte und Verhaltensweisen machen, die hier dargestellte Sichtweise zur Auflösung im endlosen Ozean des Wissens und Seins Gottes. Stets haben sie die von der Sphäre der Herrschaft Gottes ergangenen Gebote gewissenhaft beachtet, und selbst in den spirituellen Zuständen von Trunkenheit und geistiger Abwesenheit haben sie sich so verhalten, wie Selbst-Beherrschung und Gewahrsam es erfordern. Ihr Reden und Handeln ist gänzlich frei von allen extremen Äußerungen - auch dann, wenn sie deutlich sichtbar unter dem Einfluss ihrer Zustände oder von Verzückung stehen. Einer von ihnen hat einmal gesagt:

Die bewegenden Klänge, die das hölzerne Instrument
Und der Sänger hervorbringen, stammen in Wirklichkeit von Ihm.

Diese Meister der Auflösung und Selbst-Beherrschung erkennen demnach, dass (mit Ausnahme von Gott selbst) alles, was existiert, nur ein Tropfen im Ozean Seiner Existenz ist. Doch sind sie derart tief in die Existenz Gottes eingetaucht, dass sie trotz ihrer Selbst-Beherrschung weder einen Tropfen vom Ozean noch ein Partikel von der Sonne oder einen Spiegel von seinen Reflexionen unterscheiden können. Die folgenden Zeilen bringen ihr Unvermögen auf den Punkt:

O Geliebter, Du bist zu einem Fluss geworden, der in diesen Ozean mündet;
Aber es ist so schwer, zwischen dem Fluss und dem Ozean zu unterscheiden.

Sie treiben richtungslos im Ozean oder im Himmel der Einzigkeit und Einheit Gottes, in dem sie ihr Selbst aufgeben. Sie ergeben sich den unzähmbaren Wellen dieses Ozeans und den Tiefen des Himmels, bis sie schließlich das Ufer aus den Augen verlieren und nicht mehr die Kraft und das Bewusstsein haben, zurückzufinden.

Einem anderen unter jenen Trunkenen, die zum Horizont der Auflösung in Gott vorgestoßen sind und von ihrem Herrn mit einer neuen Existenz beschenkt wurden, stellte sich das ganze Sein wie ein Spiegel dar, in dem er sich selbst als trunken erkennen konnte. Er sagte:

Manchmal hat Er Sich dazu herabgelassen, wie Leyla gekleidet zu erscheinen,
Und manchmal hat Er uns in der Gestalt von Medschnun beehrt.
Erst wenn der Geliebte Eine die Abgeschiedenheit des Raums der Begegnung verließ,
Wurden der Schmuck und die Verzierungen des Interieurs deutlich sichtbar.

Die Meister des Eintauchens, die diesen höchsten Punkt erklommen haben, tragen ihr Empfinden der Einzigkeit Gottes, ihren Genuss und ihr Glück nach außen. Die Tatsache, dass sie die Begleitung Gottes genießen und die Erregung, Ihn zu spüren, lassen sie bisweilen weinen oder schreien, die Balance verlieren und ohnmächtig werden oder in Tanz und Ekstase verfallen. All dies bringt die spirituelle Reise auf den Hügeln des Herzens mit sich. Einer jener Menschen, die tief in diesen Ozean eingetaucht sind, sagte einmal, als ihn die Flut der Ekstasen seines Herzens fortriss:

Ich bin ein Falke der Liebe,
Für den in keiner der beiden Welten Platz ist.
Ich bin ein geheimnisumwobener Phönix,
Jede Spur meiner Essenz ist verwischt.
Sanftmütig jagte ich den beiden Welten nach,
Mit meinen Augenbrauen.
Schau nur und sieh,
Ich habe weder Pfeil noch Bogen.
Ich verwandelte mich in eine Stimme, die sprach,
In ein Ohr, das hörte.
Wie sonderbar,
Besitze ich doch keine Ohren und auch keine Zunge.

Die Fontäne, Juli-August-September 2016


[1] Bukhari, Tewhid, 1; Ibn Hanbel, Musned, 4:431

[2] Ehl es-sunna we l-dschemē‘a: wörtlich: die Leute der Lebens- weise des Propheten und der Gemeinschaft - die große Mehrheit der Muslime, die Sunniten

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