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Beqa billah (Mit-Gott-Sein)

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

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Beqa billah (Mit-Gott-Sein)

Mit Gott zu sein bedeutet, dass ein Diener Gottes zu der Erkenntnis gelangt ist, dass sein ganzes Dasein und seine Person keine eigene Existenz in sich selbst und aus sich selbst heraus besitzen. Darüber hinaus ist sich sein Bewusstsein der Tatsache gewahr, dass jedes belebte Wesen und jeder unbelebte Gegenstand eine Manifestation oder ein Schatten des Lichtes von Gottes Wissen und Existenz ist. Eingeweihte, die die Erfahrung machen dürfen, dass ihr physisches Selbst zerstört und ausgelöscht wird, und sich durch die Unvergänglichkeit und Selbsterhaltung Gottes eine neue Daseinsform erwerben, existieren durch Seine Existenz, leben durch Sein Leben, wissen durch Sein Wissen, wollen durch Seinen Willen und hören und sehen durch Sein Hören und Sehen. Sie hören und sehen, was andere (gewöhnliche) Menschen nicht hören und sehen können, und empfangen Gunstbeweise, die sich aus diesem Hören und Sehen ableiten. Eingeweihte, die diese Stufe erklommen haben – eine Stufe, die die baldige Vollendung ihrer Reise ankündigt und auf der sie es als befreiend empfinden, dass sie sich ihres Namens und Seins vollständig entledigt haben –, zeichnen sich durch sämtliche Attribute Gottes in den Himmeln und auf der Erde aus, durch die einen mehr, durch die anderen weniger. Wenn Menschen mit Kontakt zu den spirituellen Sphären einem solchen Eingeweihten begegnen, so spüren sie im Bewusstsein einen Widerhall dieser besonderen Gnade.

Dieser Zustand wird auch beschrieben als ein Aufruf an Menschen mit Herz, der in der Tonlage ihrer jeweiligen Eigenwahrnehmung erklingt. Nur diejenigen, die eine lautere Seele besitzen, die nichts außer dem Wahrhaft Geliebten Einen sehen und an nichts außer Ihn denken, deren Herz durch Seine Existenz und Selbsterhaltung schlägt und deren Geist immer wieder von den Lichtstrahlen Seiner Manifestation angeregt wird, können sich diesen Zustand zu eigen machen. Wenn es ihnen dann gelingt, ihre Beziehung zu Gott, der Wahrheit, auf dem Niveau zu halten, das sie auf diesen Gipfel geführt hat, und wenn sie auch weiterhin von der Wahrheit beschenkt werden, werden sie es als eine schwerwiegende spirituelle Verfehlung empfinden, sollten sie in Erkenntnis, Wahrnehmung, Gefühl und Bewusstsein auch nur ein wenig unter den Einfluss anderer Instanzen geraten. Eine Verfehlung dieser Art, so fürchten sie, könnte den spirituellen Funken in ihrem Innern zum Erlöschen bringen. Und wenn sie tatsächlich einmal der Ansicht sind, sich einer so schlimmen Verfehlung schuldig gemacht zu haben, so werden sie nach einem Fenster suchen, das der geliebte Eine in ihrem Geist öffnet, und danach trachten, sich auf diese Weise aus ihrer Notlage zu befreien.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet setzt das Mit-Gott-Sein das völlige Verschwinden aller vergänglichen und sichtbaren Dinge aus dem Blickfeld des Eingeweihten voraus, um sich dann als eine zeitweilige Konstanz zu äußern, die auf ihren ureigenen Bedingungen beruht, oder als eine ununterbrochene Kontinuität, die aus der einzigartigen Bestätigung der Gnade Gottes hervorgeht. Das heißt: Der Reisende lässt sich auf seiner Reise von bestimmten Wegmarken und von den Unterweisungen seiner Lehrmeister leiten; ab einem gewissen Punkt jedoch, der von den Eindrücken und Einsichten des Reisenden bestimmt wird, bedarf es keiner Wegweiser mehr, und sie sind nicht länger sichtbar. Diese Stufe, auf der Sich der Eine, zu dem die Zeichen und Beweise führen, mit den Lichtern Seiner Existenz selbst zur Schau stellt und dadurch allen Zeichen und Beweisen ihre Strahlkraft nimmt, und auf der Seine Zeugen die einzig verbleibenden Quellen Seines Lobpreises sind, ist ein Wendepunkt, an dem sich die Atmung verändert und eine neue Richtung eingeschlagen wird. Besitzt der Reisende die Fähigkeit und Entschlossenheit, seine Reise auch über diesen Punkt hinaus fortzusetzen, so werden die Brisen der Auflösung in seiner inneren wie äußeren Welt zu wehen beginnen. Und kurz vor dem Punkt, an dem er Zeit und Raum hinter sich lässt, spürt der Eingeweihte, dass aus seiner völligen Auflösung das Mit-Gott-Sein hervorgeht. Er ist dann nicht länger imstande, Worte zu artikulieren, zu denken oder irgendetwas wahrzunehmen. Die prächtigen Zeichen, die überall im Universum auf Gott hinweisen, verblassen vor den Lichtern Seiner Existenz wie die Sterne beim Sonnenaufgang. Einzig und allein das Wesen Gottes bewahrt sich seine Existenz – eine Existenz, die über Wahrnehmung, Begriffsvermögen und jegliches Gespür des Menschen hinausgeht. Diesen Umstand beschreibt auch Vers 55:27, wo es heißt: Doch es bleibt das ‚Angesicht‘ Deines Herrn, des Besitzers von Majestät und Ehrwürdigkeit.

 Die Eingeweihten gelangen über drei Ebenen zu der Erkenntnis, dass Gott aus Sich selbst heraus existiert oder unvergänglich ist; die erste Ebene gründet auf Wissen, die zweite auf direktem Bezeugen und die dritte auf dem Genuss, Seine Existenz zu erfahren. Während sie diese drei Ebenen durchqueren, verliert jede Information, die mit Hilfe der bekannten Mittel des Wissenserwerbs gewonnen wurde, ihre Bedeutung und verschwindet schließlich in dem, was bekannt ist. Auch alle mit Hilfe von Sehvermögen und sinnlicher Wahrnehmung gewonnenen Erkenntnisse vergehen, während sämtliche Bedeutungen und die Inhalte, die mit Hilfe von Sehen, Fühlen und Wissen gemeinsam gewonnen wurden, bestehen bleiben. Die relativen Wahrheiten werden durch absolute Wahrheiten ersetzt. Die grundverschiedenen Essenzen der existierenden Wesenheiten sind in die Lichter gehüllt, die von ihrer Auflösung in der Wahren Existenz ausstrahlen. Auf jeder dieser drei Ebenen weist die Auflösung einen Weg zum Mit-Gott-Sein, und wenn ein Eingeweihter dorthin gefunden hat, kann sich dieses Mit-Gott-Sein in unterschiedlichen Gefühlen und Wahrnehmungen niederschlagen und durch diese wiederum unterschiedliche Wirkungen auf andere Dinge entfalten. Deshalb wurde dieser Rang auch oft als ‚Durch-Gott-mit-Gott-Sein‘ bezeichnet anstatt einfach als ‚Mit-Gott-Sein‘.

Wir können diesen Rang aus zwei Blickwinkeln betrachten:

  • Die Reisenden finden heraus und spüren, dass sich die Substanz und das Sein der Dinge und Geschehnisse auflöst. Nichts besitzt mehr ein eigenständiges Dasein. Werden die Reisenden von der Atmosphäre, die diese Empfindung erzeugt, erfasst, so spüren sie nur mehr die Existenz Gottes und sehen alles in Ihm aufgelöst.
  • Aufmerksame Eingeweihte vermögen stets zwischen der essenziellen, absolut wahren Existenz Gottes aus Sich selbst heraus und relativen Existenzformen zu unterscheiden. Ihrer Überzeugung nach besitzen alle Wesen und Dinge eine relative Existenz, die auf Gottes einzigartiger Existenz aus Sich selbst heraus beruht.

Führende Sufigelehrte interpretieren diese beiden Formen des Fühlens, Wahrnehmens und Erfahrens so, dass für einen Reisenden, der spürt, dass alles in Gott aufgelöst ist, auch alles zu existieren aufhört, während für jemanden, der über die Fähigkeit verfügt, zwischen der absoluten Existenz und der relativen Existenz zu unterscheiden, alles auch weiterhin existiert.

Dem Ansatz der Gefährten des Propheten Muhammad zufolge existiert nichts aus sich selbst heraus, verfügt nichts über eine essenzielle Existenz. Stattdessen besitzt alles eine relative, nicht substanzielle und zufällige Existenz als eine Manifestation der Existenz der Ewigen Wahrheit; und diese Existenz orientiert sich an der jeweiligen individuellen Empfänglichkeit der Dinge. Die Dinge sind demnach abhängig von der absoluten Wahrheit, verfügen aber über eine konstante relative Wahrheit. Diese Betrachtungsweise ist anfangs ein Glaube, der auf Akzeptanz gründet, und fußt am Ende auf einer Gewissheit, die sich aus Wissen und Bezeugen speist.

Für das Herz des Eingeweihten verliert das Dasein im Laufe seiner spirituellen Reise jeden Wert und jede Bedeutung. Es verblasst im unendlichen Licht der wahren Existenz, geradeso wie das Licht eines Glühwürmchens verblasst, wenn die Sonne aufgeht. Der Eingeweihte reserviert nur Gott allein einen Platz in seinem Herzen und taucht ein in die Strudel seiner spirituellen Genüsse. Er überlässt sich der uneingeschränkten Führung Seines Willens und den Lichtern Seiner Existenz. Immerzu führt der Eingeweihte das Wort Er auf den Lippen.

Reisende, die sich in einem Zustand des Genusses wähnen, wenn sie merken, dass sie sich in ihren eigenen Handlungen aufzulösen beginnen, entwickeln sich dahingehend weiter, dass sie schließlich in den Akten der Wahrheit eine neue Existenz und Unvergänglichkeit erlangen. Sie spüren, wie unbeständig ihre eigenen Attribute sind, und schmecken dadurch die Unvergänglichkeit, die den Attributen Gottes innewohnt. Sie vergessen sich selbst (obwohl dieses Vergessen unterschiedlich interpretiert wurde), woraufhin ihnen die Lichter der Existenz der Wahrheit eine neue Existenz schenken. Manchmal verweisen sie auf die relative, existenzielle Wahrheit der Dinge und auf deren Verschiedenheit von der absoluten wahren Existenz; manchmal jedoch sind sie auch der Ansicht, dass alles in der absoluten wahren Existenz aufgelöst ist. Reisenden, die diese Stufe erklommen haben, bleibt auf ihrem Aufstieg nur noch eine weitere Stufe: die Begleitung Gottes. Sie steht allen Eingeweihten, die das Mit-Gott-Sein verwirklicht haben, offen und wird ihnen ihren individuellen Fähigkeiten entsprechend gewährt. Gelegentlich ruft sie ein Gefühl des Staunens hervor, beizeiten auch einen Rausch oder Verwunderung. Mewlana Dschelaleddin Rumi beschreibt dieses Staunen mit wundervollen Worten:

Ohne den Flötenspieler existiert keine Liebe, und ohne Ihn existieren wir nicht.
Er kann nicht ohne uns sein, und wir nicht ohne Ihn.
Die Flöte verfeinert stets ihre Klänge, aber in Wirklichkeit
entspringt die Schönheit des Klangs dem Odem des Flötenspielers.

Die folgenden Verse einer anderen Persönlichkeit, die zum ‚Durch-Gott-mit-Gott-Sein‘ vorgedrungen ist, befassen sich mit dem Gefühl des Staunens und der Verwunderung:

Die Lichter meiner Augen sind Er, und Er ist die Richtung meines Denkens;
meine Zunge formuliert unablässig: Er ist Er, und mit Er seufze und stöhne ich.
Mein Herz geht auf Wanderschaft im Er. Er ist die Liebe meiner Seele.
Mein größtes Geheimnis ist Er, und Er ist meine hellste Sonne.
Die trunkenen Liebenden sind in ständiger Begleitung des Er.
Er ist ihr Fasten, Er ist ihr Festtag, und Er ist ihre Rituale.
Meine Seele hat sich für ihren Geliebten hingegeben,
sie vereinigt sich mit Er, trennt sich mit Er,
und Er ist das Heilmittel für ihre Leiden.

Wer mit Gott vereinigt ist, spürt nur Ihn und denkt nur an Ihn, ist immer nur bei Ihm und beginnt jedes Werk nur mit Ihm. Von Ihm angezogen, überlässt er sich ganz dem überschäumenden Genuss, Ihn in Seiner Einmaligkeit überall im Universum zu erfahren, und handelt stets zu Seinem Wohlgefallen und mit Seiner Zustimmung. Geblendet von den Lichtstrahlen Seines Wissens und Seiner Existenz, die alles andere als Ihn und Seine Freunde aus Herz und Blickfeld radieren, artikuliert er immerzu „O Du Lebender Einer!“ und hat das Gefühl, sich selbst damit zu meinen. Mit den Worten „O Du Wahrer Einer!“ auf den Lippen schmilzt er im Licht der Existenz Gottes dahin.

O Gott, o du Lebender und aus Dir selbst heraus Existierender Einer! O du Majestätischer und Ehrwürdiger Einer! Schenke uns Wissen um Dich, lass uns vom Trank des Paradieses kosten, und mache uns standhaft auf dem Weg des Propheten und der wahren Rechtleitung. Segne unseren Lehrmeister Muhammad, der uns den rechten Weg weist, und seine erhabenen frommen Gefährten.

Die Fontäne, JANUAR–FEBRUAR-MÄRZ 2017

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