Drucken

Das Gewissen und der soziale Geist

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Aktuelle Artikel

Bewertung:  / 0
SchwachSuper 

Das Gewissen und der soziale Geist

Frage: In letzter Zeit taucht in vielen Debatten und Artikeln immer wieder der Begriff „sozialer Geist“ auf. In einem Artikel von Gülen wird er auch als „Weite des Gewissens oder Entwicklung der Selbstwahrnehmung“ bezeichnet. Was sollte man unter „sozialem Geist“ verstehen? Welche Hindernisse gibt es und von welchen Faktoren hängt die Entwicklung eines solches Geistes ab?

Antwort: Die soziale Weite einer Gesellschaft und das umfassende Einbinden aller seiner Komponenten beginnt beim Individuum. Ist das Individuum umfassend in seinem Gewissen und seiner Selbstwahrnehmung und hat es ein weites Herz, wird auch die Gesellschaft diese Vollkommenheit widerspiegeln.

Der in diesem Zusammenhang im Türkischen oft verwendete Ausdruck idschtimā (türk. ictimâ) stammt aus dem Arabischen und bedeutet im Grunde „sich versammeln“. Man kann darüber streiten, ob seine Bedeutung auch dem ursprünglichen Sinngehalt in der Herkunftssprache entspricht. Es drückt im Arabischen [eigentlich] den Gedanken von „eins sein, zusammen sein“ aus. Ebû Dâwûd, einer der großen Hadithgelehrten und Traditionarier, beschreibt zu Beginn seines Hauptwerkes, dem Sunen, das Gebet, das einem Gebäude gleicht, dessen Steine im Gewölbe fest miteinander verwoben sind. So auch die Betenden: Ferse an Ferse, Knie an Knie, Schulter an Schulter. Wenn wir uns den arabischen Wortstamm näher ansehen, erkennen wir, dass es sich auf Menschen bezieht, die dieses „Zusammenkommen“ und dieses „eine Gesellschaft sein“ zutiefst verinnerlicht haben. Es heißt nicht dscheme’a, auch nicht idschmā, sondern idschtimā. Das bedeutet, dass diese Individuen das „gemeinschaftliche Leben“ so verinnerlicht haben, dass sie sich in gewisser Hinsicht „aufeinander stützen“ und gleichzeitig auch „füreinander da sind“. Mit dem arabischen Ausdruck idschtimā wird genau diese Geisteshaltung betont.

Eine solche Geisteshaltung zu entwickeln, hängt davon ab, inwieweit ein Individuum aus dem Animalischen ausbricht, das Physische verlässt und zu einem Lebensniveau aufsteigt, bei dem Herz und Seele im Mittelpunkt stehen – also von der Weite des Gewissens und der Selbstwahrnehmung, von der bereits die Rede war. Das bedeutet, jedem gegenüber offen zu sein – allerdings in „vortrefflicher Rangfolge“ –, also jedem gemäß seines Standpunkts und seiner Haltung Interesse zu bekunden. Nehmen wir das Verhältnis zu den Menschen, mit denen man dieselben Grundwerte teilt: die enge Verbundenheit zu ihnen und die gegenseitige Anteilnahme führen dazu, dass man sich wie ein Magnet angezogen fühlt und sich gut versteht. Im Gegensatz dazu gibt es Menschen, mit denen man schwer zusammenkommt. Vielleicht teilt man mit ihnen nicht alle Wertvorstellungen. Dennoch kann man einen gemeinsamen (Werte-)Nenner finden, um den man sich dann versammelt.

Die erstgenannte Situation mit Menschen, deren Werte man teilt, wird in Said Nursis Abhandlung über die Brüderlichkeit (Uhuvvet Risalesi) wie folgt beschrieben: „Ein Gott, ein Prophet, eine Religion, eine Religiosität, ein gemeinsames Ideal, ein Ziel, eins in tausend Angelegenheiten, eins in ...“ Die Liste könnte man fortsetzen. Es geht um das Verbinden, das Zusammenfügen, wenn man sich um „tausend“ Gemeinsamkeiten versammelt. Darüber hinaus gibt es noch das gemeinsame Ideal einer Gesellschaft, die eine gemeinsame Heimat teilt. Auch Menschen, die jemandem kritisch gegenüberstehen, sind womöglich vereint, haben dieselben Werte im Visier und man ist deshalb gefordert, sich dessen gemeinsam zu erwehren. Hierzu könnte man sagen: „eins in hundert Angelegenheiten“. Dann gibt es Angelegenheiten, bei denen weniger Gemeinsamkeiten zu finden sind. Stets geht es darum, in einem jeweils unterschiedlichen Rahmen, mit anderen zusammen zu sein, mit ihnen etwas zu teilen – der sprichwörtliche gemeinsame Nenner. Der „soziale Geist“ ist also ein Thema, das sozialpsychologische Aspekte berührt.

Es wurde wohl noch nicht viel darüber gesagt, aber es lohnt sich zu diesem Thema einen Blick in die oben genannte Abhandlung zu werfen. Wenn man sich von den eigenen Emotionen freimacht und sich stattdessen Gottes Willen [und Wohlgefallen] zum Ziel macht, findet man auch in Said Nursis Abhandlung über die Aufrichtigkeit (İhlas Risalesi) wichtige Hinweise. Menschen, die für Gott wirken, sich für Gott aufmachen, sich für Gott zusammenfinden, über Gott reden und an Gott denken, werden sich auf diese Art miteinander verbinden und verquicken.

Der soziale Geist kann demnach als eine Hinwendung zu seiner ureigenen Vertrautheit bezeichnet werden, die den Befreiungsprozess des familiären Heims, der Straße, der Gebetshäuser und der Schulen durchlief und so egoistische Attitüden jeglicher Art hinter sich ließ.

Dabei kommt mir ein Ausspruch in den Sinn: „In eurem Herzen sollte für jeden ein Stuhl frei sein!“ Wenn man Menschen in sein Herz schließt, sollten sie keine Angst haben, stehen zu müssen! In Bezug auf die Gefühle und Gedanken sollte im Herzen für jeden ein Stuhl frei sein. Man sollten ohne zu zögern „Auch du hast hier einen Platz“, sagen können. Aber natürlich der Reihe nach, wie schon erwähnt, entsprechend der Schnittmenge der Gemeinsamkeiten.

Die vier „Schulen“

Die Entwicklung eines solchen Geistes ist ein Stück weit abhängig von der Erziehung; von der Erziehung in der Familie und abhängig davon, dass diese Erziehung auf der Straße nicht unterminiert wird, dass sie in der Schule auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt und in den Gebetshäusern um die spirituelle Ebene erweitert wird. Wenn das Elternhaus mittellos ist, die Straße anstößig, im Gebetshaus (bzw. Gotteshaus) Äußerlichkeiten im Vordergrund stehen und die Schule das Herz und das geistige Leben nicht berücksichtigt und sich stattdessen alles um den Materialismus, den Naturalismus und den Positivismus dreht (ich kritisiere oder hinterfrage dies nicht, nur gesetzt den Fall, dass es so ist), wird es dem sozialen Geist schwerfallen, sich zu entfalten. Wenn sich andererseits diese vier Komponenten gegenseitig bestätigen und bekräftigen, wird nicht der eine des anderen Werk zunichtemachen. Werte, die sich jemand in einem gesunden familiären Umfeld durch seine Eltern aneignete, werden auf der Straße nicht einfach so verloren gehen. Im Gebetshaus wird dem eine spirituelle Tiefe zuteil. Die Schule schließlich wird den Schüler zu Menschen formen, die den Kosmos stets bis ins Kleinste erforschen, indem sie in gewisser Hinsicht die Naturgesetze, die unbelebte Materie und die Geschichte in alle Einzelheiten zerlegen und sich detailliert damit auseinandersetzen. Die Menschen gewinnen so an Tiefe und werden einander nicht niederreißen. Die Straße, das Gebetshaus und die Schule sind ohne das familiäre Heim nicht denkbar. Sofern sie alle gemeinsam das gleiche Ziel verfolgen, wird der Mensch alles Animalische hinter sich lassen, das Physische abstreifen und bis zu einem gewissen Grad zu einem Lebensniveau aufsteigen, bei dem Herz und Seele im Mittelpunkt stehen. Er wird merken, wie in ihm eine Weite entsteht, lernen, jedem sein Herz zu öffnen und Wege erschließen, wie er in gewisser Hinsicht mit jedem eine Art Beziehung aufbauen kann. Wie kann man sich vernünftig vorstellen, wie versteht man andere richtig? Wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst richtig darzustellen und zu erklären sowie andere richtig zu verstehen, kann es sein, dass man es nicht vermag, eine solche Einheit des Herzens und der Seele unter den Menschen zu errichten.

Die Entwicklung des Gewissens und der Selbstwahrnehmung wird die Folge sein, wenn diese vier „Schulen“, die wir soeben kurz umrissen haben, durchlaufen wurden. Man kann sie mit der Primarstufe, der Sekundarstufe, der Universität und dem Niveau eines Akademikers vergleichen. Spielt aber dabei die Schule die entscheidende Rolle oder eher das Gebetshaus? Ich stehe derzeit auf folgendem Standpunkt: Die Schule übernimmt diese Funktion noch vor dem Gebetshaus, sofern die Schule als solche bezeichnet werden kann. Wenn sich die Schule jedoch mit dem reinen Abarbeiten des täglichen Lehrplans begnügt und sich das Gebets- bzw. Gotteshaus von seiner spirituellen Aufgabe entfernt, man sich von den Werten, die jemandem von vergangenen Generationen gewissermaßen vererbt wurden und die man an kommende Generationen weitergibt, entfremden und die Straße nicht von schwerwiegenden Problemen befreit wird, kann sich die Seele des Menschen nicht weiterentwickeln und es wird sich an jeder Ecke ein Wegelagerer aufbauen, der sich dem entgegenstellt, was man zu Hause zu vermitteln versuchte. Kann sich die Seele, das Gewissen und die Selbstwahrnehmung, ja die Gefühlswelt nicht weiterentwickeln, dann kann man natürlich auch sein Herz nicht für andere öffnen; dann ist alles nur erzwungen, unecht und heuchlerisch. Aber auch das kann man nicht gänzlich verurteilen. Vielleicht wird das Vorgetäuschte und Unechte eines Tages echt, so wie sich ein Glaube, der sich zunächst nur aufs Imitieren beschränkte, in echten Glauben umschlagen kann. Ob jedoch die Angelegenheit mit der Wahrheit beginnt und auch in Wahrheit abgeschlossen wird, hängt davon ab, dass alle Faktoren zusammenspielen: Die Dichtung der Wahrheit in Worte kleiden und einen Wahrheitsreim finden, der den gesamten Inhalt des Gedichts umschließt – nur so kann ein „sozialer Geist“ entstehen.

Die Aufgabe von Menschen, die in der Gesellschaft Führungspositionen innehaben, sollte weniger der Gedanke „Ahmt mich nach!“ sein, sondern eher das Bemühen, die vier Aspekte, die wir besprochen haben, als vier verschiedene Dimensionen einer einzigen Wahrheit zum Leben zu erwecken: dem Elternhaus die Möglichkeit zu geben, sein eigenes Potenzial voll auszuschöpfen, die Straße von sozialen und ethischen Problemen zu befreien, Gebetshäuser in die Lage zu versetzen, die Straße bei diesem Prozess zu unterstützen und durch die Schule den Verstand von Ideologien jedweder Art zu befreien. Wenn man die Zeilen des Kosmos richtig liest, wird man zu vielen Erkenntnissen gelangen. Wenn nun die Schule genau dies vermittelt, werden Herz und Verstand wiedervereinigt und das Bündnis von Gewissen und Vernunft wird geschlossen.

Wir erleben unter den Muslimen die Trennung von Herz und Verstand seit ca. achthundert Jahren teilweise, seit fünfhundert Jahren größtenteils und in den letzten zweihundert Jahren vielleicht vollständig. Wer hat diese Scheidung herbeigeführt? Das Herz? Oder der Verstand? Bediuzzaman Said Nursi sagt hierzu Folgendes: „Das Licht des Herzens sind die Religionswissenschaften. Das Licht des Verstandes sind die zeitgenössischen positiven Wissenschaften. Die Wahrheit wird offenbar durch die Verbindung der beiden. Mit diesen beiden Flügeln schwingt sich der Schüler in seiner Hilfsbereitschaft empor. Wenn sie getrennt sind, kommt es zu Fanatismus in der Religion. Und es entstehen Argwohn und Zweifel in der Wissenschaft.“

Die Situation in der Türkei

Unwissenheit, Hochmut, Stolz und Neid können zur Verengung des Gewissens führen, es schrumpfen lassen und es in die Vorstufe der Arroganz versetzen. Wenn man sich beispielsweise die Situation in der Türkei anschaut, sieht man, wie die Bindung an die Grundwerte der Gesellschaft immer mehr abreißt und man wird Zeuge, wie es zu Konflikten zwischen verschiedenen Gruppierungen in der Gesellschaft kommt und manchmal sogar innerhalb dieser Gruppen gravierende Spaltungen entstehen. Wie kann der „soziale Geist“ in solch einer Situation wiederbelebt werden?

Wenn man die Problematik klar benennt, kann es dazu führen, dass dies manch einem nicht gefällt. Der beschriebene Umstand ist jedoch nichts Türkeispezifisches, viele Länder haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Nehmen wir Syrien. Früher sagten viele: „Mein Gott! Gib ihnen Ruhe und Frieden, Einheit, Einigkeit und den Geist der Brüderlichkeit!“ Heute haben wir in der Türkei ähnliche Zustände wie in Syrien. Der arabischen Welt ergeht es kaum besser und wenn man Afrika betrachtet, sieht man, dass auch dort einige Staaten noch immer am Stammessystem festhalten. Für viele Betroffene steht natürlich die Türkei mehr im Fokus und was wir sehen, erschüttert uns; das, was wir sehen, zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil die Türkei förmlich in einem Wettstreit der Vernichtung führend vorangeht; weil sie im Wettstreit der Spaltungen führend vorangeht; weil sie im Wettstreit der Feindseligkeit innerhalb der Familie führend vorangeht; weil sie unschuldige Menschen vor Gericht zerrt, festnimmt und führend darin vorangeht, die Gesellschaft zu spalten.

Das Bild, das sich uns in der Türkei darbietet, ist leider ebendieses. Anatolien, ein besonderes Land, das in der Vergangenheit die Mission erfüllte, ein stabilisierender Faktor im Gleichgewicht der Mächte zu sein. Nicht nur innenpolitisch, auch im zwischenstaatlichen Gleichgewicht hat es eine wichtige Funktion erfüllt. Viele vertriebene und entrechtete Menschen fanden einst in Anatolien eine neue Heimat. Istanbul war das Zentrum dieser Völkerverständigung. Heutzutage ist die Türkei leider in ein Bündel von Problemen verwickelt und ist einer Degeneration und Deformation ausgesetzt, die dieses Land nicht verdient hat.

Man kann sich nur wundern. Trotz allem sagen die Verantwortlichen: „Es gibt keine Probleme!“ Ganz anders klingen die klagenden Worte des türkischen Nationaldichters Mehmet Akif Ersoy in den Ohren:

„Zerschundene Hände, zerstörtes Heim, menschenleere Wüste,
Tage, die kein arbeitsames Bemühen, Abende, die keinen Gedanken an Morgen kennen,
Ich weinte beim Vorbeiziehen, ich weinte beim Verweilen.
Ich wende mich der Heimat zu, tausendfach verstört, doch da ist niemand, der sein Ohr leiht, da ist niemand, der einen Ruf erschallen lässt!“

Man fragt die Verantwortlichen, die scheinbar alles begreifen, und sie sagen: „Nein, es gibt keine Probleme! Wenn es ein Land gibt, in dem Demokratie, Recht und Rechtstaatlichkeit auf höchstem Niveau gelebt werden, dann ist es dieses Land!“ Wie oft schon haben wir solche Worte gehört.

Das ist also das Bild, das sich uns bietet. Ich würde mir wünschen, sie würden es begreifen, aber die Verantwortlichen tun sich schwer damit: Unzählige Menschenleben sind zu beklagen, und sie? Sie jammern über ihre Situation und sie versichern, dass man ein großes Unheil abgewendet habe. Solche Menschen sind resistent gegenüber Erklärungen. Aber sie hinterlassen ein Trümmerfeld, eine fürchterliche Deformation.

Wir sind heute Zeugen tiefer Spaltungen, die bis in die Familien hineinreichen. Eltern sagen zu ihren Söhnen und Töchtern: „Ändere deinen Nachnamen, ich will nicht, dass du zu unserer Familie gehörst!“ Wem sagen sie das? Sie sagen das einem Menschen, der denselben Glauben, dieselbe Religion teilt wie seine Eltern. Jemand eröffnet eine Schule und sie sagen: „Hinterhältiger Volksverräter! Wie kannst du an diesem Ort eine Schule eröffnen! Volksverräter, wie kannst du es wagen, eine Universität zu gründen! Volksverräter, wie kannst du es wagen, in der Türkei Wohnheime zu eröffnen und Stipendien zu vergeben! Ihr seid allesamt Volksverräter! Du gehörst nicht mehr zu meiner Familie, ändere deinen Nachnamen, ich will nicht, dass du nach mir benannt bist!“ Ich übertreibe nicht. Tausenden Menschen wurde wie mit Schwertstichen ins Herz unsäglicher Schmerz zugefügt. Es wurden solche seelischen Verletzungen zugefügt, solche schrecklichen Gräben sind entstanden und solche Beben wurden ausgelöst, dass förmlich keine reinen Emotionen mehr übriggeblieben sind.

Offensichtlich bedarf es großer Anstrengung und Zeit, um das Deformierte wieder in Formation zu bringen und die Degeneration wieder zu ordnen. Sozialpsychologen und Sozialhistoriker teilen diese Ansicht. Vor nicht allzu langer Zeit erzählten Freunde, dass sie gefragt wurden, ob sie es für wahrscheinlich hielten, dass es in den kommenden 25 Jahren erneut zu einem Zusammenschluss der Menschen in der Türkei kommen könnte, wenn vernünftige Menschen an die Macht kämen. Ich denke, dass diese Frage ihre Berechtigung hat und teile diese Meinung.

Haltung zeigen

Auch wenn wildgewordene Elefanten die Stadt und das Land ins Chaos stürzen, müssen wir unsere Menschlichkeit bewahren und eine Haltung zeigen, die unserem Charakter entspricht.

Hierbei kommt uns eine sehr wichtige Aufgabe zu: Auch wenn die ganze Welt uns drangsalieren, unmenschlich behandeln, im Kastensystem zur Nichtexistenz verdammen und als minderwertig betrachten sollte, sind wir meiner Meinung nach dazu verpflichtet, all dies auszublenden und uns den brutalsten Charakteren gegenüber, den cholerischsten Charakteren gegenüber, den neidischsten Charakteren gegenüber, den unleidlichsten Charakteren gegenüber, wahnsinnigen Menschen gegenüber, paranoiden Menschen gegenüber, die Welt anbetenden Menschen gegenüber, Menschen gegenüber, die nichts anderes als ihren Palast im Kopf haben, gegenüber Menschen, die wie wildgewordene Elefanten alles, was ihnen in die Quere kommt, niedertrampeln, menschlich zu verhalten und nicht wie sie zu Elefanten zu werden. Im Gegenteil. Es gebührt sich, sich so zu verhalten, wie es einst Yunus Emre ausdrückte: „Dem Schläger ohne Hand, dem Fluchenden ohne Zunge … und ohne Herz (entgegnen)!“ – also der Verzicht auf Gewalt jedweder Art und trotz allem nicht nachtragend zu sein. Nur so kann der Riss geflickt werden, der durch die gesamte Gesellschaft geht.

Gott verfügt in seiner Offenbarung Folgendes: „Wenn ihr euch gegen ein Unrecht zur Wehr setzen müsst, dann setzt euch (nur) in dem Maße zur Wehr, wie euch Unrecht getan wurde; wenn ihr es jedoch geduldig hinnehmt, so ist dies wahrlich besser für die Geduldigen“ (Sure En-Nahl, 16:126). Man sagt gerne „mit gleicher Münze zurückzahlen“. Wenn wir aber das, was sie uns in grausamer Weise angetan haben, in gleicher Manier zurückzahlen, werden wir selbst ebenfalls zu grausamen Peinigern. Die Tugend in der Aussage „wenn ihr es jedoch geduldig hinnehmt, so ist dies wahrlich besser für die Geduldigen“ eröffnet den Weg zu einem erhabeneren menschlichen Horizont. Man kann die Aussage des Verses auch in Form von „wenn ihr die Zähne zusammenbeißt und aktiv Geduld übt“ verstehen. Keine statische Geduld, sondern eine rauschende Geduld. Eine Geduld, die wie eine Flüssigkeit fließt, eine Geduld, die, wollte man sie aufhalten, zu einem tosenden Fluss anwächst, wie der Niagara oder der Amazonas. Oder etwas heimischer: wie der Nil, der Euphrat, der Tigris oder die Donau. Nichts kann dieses Tosen mehr aufhalten. Das sollte das Ziel eines jeden sein, der großes Leid erfahren hat. Die Risse innerhalb der Gesellschaft müssen geflickt werden, und wir müssen uns bemühen, die zerschundenen Herzen zu heilen. Sollte noch etwas Menschlichkeit in den Peinigern sein, wird mit Gottes Hilfe und Beistand, so vermute ich, das Erwidern des Bösen mit dem Guten in gewisser Hinsicht das Übel in ihnen bändigen und sie zur Umkehr von ihrem Irrweg bringen.

Die Fontäne, April-Mai-Juni 2017

blog comments powered by Disqus