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Warum heiratete der Prophet Muhammad gleich mehrere Frauen?

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Fragen und Antworten

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Einige Kritiker des Islam haben, entweder weil sie nicht genau wussten, was es mit den Ehen des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, auf sich hatte, oder weil sie mit dem, was sie wussten, nicht ehrlich und objektiv umgingen, den Propheten als einen zügellosen Wüstling verunglimpft. Sie haben ihm Charakterschwächen vorgeworfen, die schon mit einer durchschnittlichen Tugendhaftigkeit kaum vereinbar sind, geschweige denn mit der eines Propheten und des letzten Gesandten Gottes, dem besten aller Vorbilder, dem die ganze Menschheit folgen soll. Wenn man jedoch einfach einmal die Fakten auflistet - was dank der großen Anzahl von Biografien und authentischen Aufzeichnungen der Aussagen und Handlungen des Propheten gar kein Problem darstellt -, wird deutlich, dass der Prophet ein äußerst diszipliniertes Leben führte. Seine Ehen waren ein Teil dieser Disziplin und ein Teil der vielen, vielen Belastungen, die er als Gottes letzter Gesandter auf sich nahm.

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass der Prophet gleich mehrere Frauen heiratete; sie alle hatten, selbst wenn man den privaten Charakter einiger dieser Gründe berücksichtigt, mit seiner Rolle als Oberhaupt der neuen islamischen Umma zu tun, mit seinem Wunsch also, seiner Anhängerschaft die Normen und Werten des Islam nahe zu bringen. Im Folgenden möchte ich versuchen, einige dieser Gründe zu erläutern und dabei zu zeigen, dass die in diesem Zusammenhang gegen den Propheten erhobenen Vorwürfe nicht nur abscheulich und unangemessen, sondern auch vollkommen falsch sind.

Der Prophet heiratete erstmals im Alter von 25 Jahren. Zu jener Zeit war er noch nicht zu seiner Mission berufen worden. Unter Berücksichtigung des kulturellen Umfelds, in dem er lebte, des Klimas oder auch anderer Gesichtspunkte wie seiner Jugend, ist es durchaus als bemerkenswert einzustufen, dass er auf Grund seiner vollkommenen Keuschheit, aber auch auf Grund seiner Integrität und Zuverlässigkeit in allen anderen Bereichen einen überaus guten Ruf genoss. Als ihm das Amt des Propheten übertragen wurde, machte er sich sehr schnell Feinde, die sich nicht scheuten, Verleumdungen über ihn zu verbreiten. Doch nicht ein einziges Mal wagte es einer von ihnen (obwohl sie doch unwissende und skrupellose Menschen waren), dem Propheten etwas anzudichten, was niemand hätte glauben können. Man muss sich vor Augen führen, dass Keuschheit und Selbstdisziplin von Anfang an die Basis seines Lebens darstellten und dass dies auch immer so blieb.

Im Alter von 25 Jahren, in der Blüte seines Lebens, heiratete Muhammad Khadidscha, eine Frau, die viele Jahre älter war als er. Diese Ehe war in den Augen des Propheten und Gottes etwas sehr Außergewöhnliches. 23 Jahre lang war sein Leben mit Khadischa von immer währender Freude und vollkommener Treue geprägt. Im achten Jahr seiner Prophetenschaft jedoch starb Khadidscha, und der Prophet war wieder genauso allein, wie er es bis zu seinem 25. Lebensjahr gewesen war, nur dass er jetzt Kinder hatte. Seine Gegner können nicht bestreiten, sondern müssen vielmehr zugeben, dass während der langen Jahre seiner Ehe kein einziger Makel seine Moral getrübt hatte. Zu Lebzeiten Khadidschas nahm der Prophet keine andere Frau, obwohl die öffentliche Meinung seiner Anhängerschaft ihm dies durchaus zugestanden hätten, wenn er es denn gewollt hätte. Nach Khadidschas Tod lebte Muhammad vier oder fünf Jahre lang allein. All seine anderen Eheschließungen erfolgten erst, nachdem er 55 Jahre alt geworden war, in einem Alter also, in dem der Mensch normalerweise nur noch ein sehr geringes Interesse an einer Heirat verspürt. Der Vorwurf, die Ehen, die er noch in diesem fortgeschrittenen Alter einging, würden seine Lüsternheit und Maßlosigkeit beweisen, entbehrt nicht nur jeder Grundlage, sondern ist auch bösartig.

Eine Frage, die mir oft gestellt wird, lautet: Wie können Vielehe und die Rolle Muhammads als Prophet miteinander im Einklang stehen? Für die Beantwortung dieser Frage sind einige Punkte von besonderer Wichtigkeit. Aber zunächst wollen wir zum Ausdruck bringen, dass Menschen, die Fragen wie diese ständig aufwerfen, über den Islam und die Religion schlecht informiert sind oder absichtlich Richtiges und Falsches durcheinander bringen, um andere zu täuschen und Zweifel zu verbreiten. Weiterhin wird oft vergessen, dass auch die bedeutenden jüdischen Patriarchen, die in Bibel und Koran als Propheten bezeichnet und von den Anhängern der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam als Vorbilder in Sachen moralischer Stärke verehrt werden, alle die Polygamie praktizierten.

Die Polygamie ist keine Erfindung der Muslime. Was den Propheten des Islam betrifft, so werden wir sehen, dass seine Ehen für seine Mission eine weitaus größere Bedeutung hatten, als die Menschen gemeinhin glauben.

Dass der Prophet mehrere Frauen ehelichte, war in gewisser Hinsicht sogar eine Notwendigkeit, durch deren Praxis (oder Sunna) die Statuten und Normen des muslimischen Gesetzes etabliert werden sollten. Die Religion darf nicht von den privaten Beziehungen zwischen Eheleuten und von Angelegenheiten, die nur die Partner voneinander wissen können, ausgeschlossen werden. Deshalb sollten Frauen mit klaren Anweisungen und Ratschlägen Rechtleitung geben können, ohne auf Anspielungen und Andeutungen zurückgreifen zu müssen, die das, was sie mitzuteilen haben, unklar und unverständlich erscheinen lassen. Die keuschen und tugendhaften Frauen des Propheten waren Lehrmeisterinnen, die dafür verantwortlich waren, den Menschen die Normen und Regeln, die das Verhalten der Muslime in ihrem Privatleben betreffen, zu vermitteln und weiterzugeben.

Einige Ehen des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, wurden aus ganz bestimmten Gründen geschlossen, die mit seinen Frauen zu tun hatten:

1. Da sich unter ihnen Frauen jüngeren, mittleren und gesetzten Alters befanden, konnten die Erfordernisse und Normen des islamischen Gesetzes vor dem Hintergrund verschiedener Lebensabschnitte und Erfahrungen dargestellt werden. Die einzelnen Bestimmungen dieses Gesetzes wurden zunächst in der Familie des Propheten erlernt und angewandt, bevor sie dann über die Unterweisung der Frauen des Propheten an andere Muslime weitergegeben wurden.

2. Die Tatsache, dass seine Frauen aus unterschiedlichen Familien und Stämmen kamen, ermöglichte dem Propheten, Bande der Verwandtschaft und Verbundenheit zu knüpfen, die sich durch die gesamte Umma zogen. So gelang es ihm, ein Gefühl tiefer Zuneigung unter den Menschen der neuen Umma zu verbreiten. Er schaffte es auf äußerst praktische Art und Weise, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der Grundlage der Religion unter ihnen zu schaffen und zu bewahren.

3. Jede einzelne seiner Frauen aus den verschiedenen Stämmen erwies sich zu Lebzeiten des Propheten und auch nach seinem Tod als großer Gewinn für die Sache des Islam. Sie alle übermittelten ihren Stämmen seine Botschaft und verdeutlichten ihnen wichtige Punkte: äußerliche und innerliche Erfahrungen, die Qualitäten, die Verhaltensweisen und den Glauben ihres Mannes, dessen Leben in allen - öffentlichen wie privaten - Einzelheiten die Verkörperung des Koran darstellte und den Islam in der Praxis. So erfuhren alle Stammesangehörigen, Männer wie Frauen, vom Koran, von den Hadithen, vom tafsir (Interpretation und Kommentar des Koran) und vom fiqh (Gesetzeswissenschaft des Islam) und lernten so die Essenz und den Geist des Islam kennen.

4. Durch seine Ehen knüpfte der Prophet Muhammad ein Netz von verwandtschaftlichen Beziehungen, das die gesamte Arabische Halbinsel umspannte. Dies bedeutete, dass er sich frei bewegen konnte und in jeder Familie als Familienmitglied betrachtet wurde. Alle hatten das Gefühl, zu ihm persönlich gehen zu können, um von ihm etwas über das Leben im Diesseits und das Jenseits zu erfahren. Aber nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch die Stämme profitierten von ihrer Nähe zum Propheten. Sie schätzen sich glücklich und waren stolz auf die Frauen, die mit ihm verheiratet waren - die Ummaiyaden etwa auf Umm Habiba, die Haschemiten auf Zainab bint Dschahsch und die Banu Makhzum auf Umm Salam.

Was wir bis zu dieser Stelle erläutert haben, ist sehr allgemein gehalten und lässt sich teilweise auch auf andere Propheten übertragen. Doch nun werden wir uns den Lebensläufen der ummahat al mu’minin (der Mütter der Gläubigen) zuwenden, und zwar nicht in der Reihenfolge ihrer Eheschließungen mit dem Propheten, sondern aus einer anderen Perspektive.

I

Khadidscha war die erste Frau des Propheten. Als sie heirateten, war sie 40, Muhammad 25 Jahre alt. Sie war die Mutter aller seiner Kinder mit Ausnahme seines Sohnes Ibrahim, der nicht lange lebte. Khadidscha war ihrem Mann nicht nur Ehefrau, sondern auch Freundin. Sie teilte seine Interessen und Ideale auf bemerkenswerte Art und Weise. Ihre Ehe war sehr glücklich. 23 Jahre lang lebten sie in vollkommener Harmonie zusammen. Bei jeder von den Götzendienern vorgebrachten Beleidigung und Schmähung gegen den Propheten stand Khadidscha ihm als seine liebste Gefährtin und Helferin zur Seite. Er liebte sie von ganzem Herzen und heiratete zu ihren Lebzeiten keine andere Frau. Diese Ehe ist allen anderen Ehen ein Vorbild an Vertrautheit, Freundschaft, gegenseitigem Respekt, Unterstützung und Trost. Obwohl sich der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, all seinen Frauen gegenüber aufrichtig und treu verhielt, vergaß er Khadidscha auch nach ihrem Tod niemals. Bei vielen Gelegenheiten sprach er ausführlich über ihre Tugenden und Verdienste. Der Prophet heiratete erst vier oder fünf Jahre nach ihrem Tod erneut. Er sorgte für seine Kinder und indem er sich darum kümmerte, dass sie genug zu essen bekamen, und sich mit ihren Sorgen und Nöten auseinander setzte, nahm er die Pflichten von Mutter und Vater gleichzeitig wahr. Diesem Mann vorzuwerfen, er sei ein Genussmensch oder gar ein Schürzenjäger gewesen, ist die abscheulichste und dümmste Lüge, die man sich vorstellen kann: Denn wenn auch nur ein einziges Fünkchen Wahrheit in dieser Behauptung läge, hätte er nicht so leben können, wie er es getan hat.

II

Aischa war Muhammads zweite Frau, wenn auch nicht in der Reihenfolge seiner Trauungen. Sie war die Tochter seines engsten Freundes und ergebensten Anhängers Abu Bakr. Als einer der Ersten, die zum Islam übergetreten waren, hatte Abu Bakr lange Zeit gehofft, die tiefe Zuneigung zwischen ihm und dem Propheten dadurch zementieren zu können, dass er ihm seine Tochter zur Frau gibt. Dadurch, dass er Aischa heiratete, zeichnete der Prophet einen Mann aus, der während seiner gesamten Mission als Prophet gute wie schlechte Zeiten mit ihm teilte. So wurde Abu Bakr und Aischa Siddiqa die Ehre zuteil, dem Propheten spirituell und physisch nahe zu stehen. Aischa, die sich als eine überaus intelligente und weise Frau erwies, verfügte außerdem über die Persönlichkeit, die Mission des Propheten weiterzuführen. Ihre Ehe war ihr eine Lehrzeit, in der sie auf ihre Rolle als spirituelle Führerin und Lehrerin für alle Frauen dieser Welt vorbereitet wurde. Sie wurde eine der Hauptschülerinnen und Mitstreiterinnen des Propheten. In seiner Obhut reiften ihre Fähigkeiten und Talente - wie die von so vielen anderen Muslimen jener gesegneten Zeit - heran und vervollkommneten sich, sodass sie an einem Ort der Freude als Ehefrau und Schülerin mit ihm zusammenlebte. Ihr Leben und ihre Verdienste um den Islam nach ihrer Heirat bewiesen, dass dieser außergewöhnliche Mensch es wert war, die Frau des Propheten zu sein. Denn als die Zeit gekommen war, bewährte sie sich als eine der angesehensten Hadith-Autoritäten, als ausgezeichnete Koran-Exegetin und als hervorragende und kenntnisreiche Expertin des islamischen Rechts (faqiha). Mit ihrer einzigartigen Intelligenz repräsentierte sie in der Tat die inneren und äußeren Qualitäten und Erfahrungen (zahir und batin) des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm. Genau dies sind sicherlich die Gründe dafür, dass dem Propheten in seinem Traum mitgeteilt wurde, er werde Aischa heiraten. Zu einer Zeit, als sie noch unschuldig war und nichts über Männer und weltliche Dinge wusste, war sie bereit und schloss sich der Familie des Propheten an.

III

Umm Salama stammte aus dem Stamm der Makhzum und war zunächst mit ihrem Cousin verheiratet. Das Ehepaar hatte den Islam gleich in den Anfangstagen angenommen und war nach Abessinien ausgewandert, um den Nachstellungen der Quraisch zu entgehen. Nach der Rückkehr aus Abessinien emigrierten beide mit ihren vier Kindern nach Medina. Ihr Ehemann nahm an vielen Kriegszügen teil und erlitt bei der Schlacht von Uhud schwere Verletzungen, an denen er später starb. Abu Bakr und Umar machten Umm Salama einen Heiratsantrag, da sie um ihr schweres Schicksal als mittellose Witwe, die ihre Kinder versorgen musste, dies aber kaum allein schaffte, wussten. Sie lehnte ihre Anträge jedoch ab, da sie der Meinung war, niemand könne ihren verstorbenen Gatten ersetzen.

Einige Zeit später macht ihr der Prophet selbst einen Antrag, was völlig korrekt und normal war. Denn diese großartige Frau, die sich nie gescheut hatte, für ihren Glauben an den Islam Opfer zu bringen und zu leiden, war nun auf sich allein gestellt, nachdem sie viele Jahre lang im edelsten Stamm Arabiens gelebt hatte. Sie durfte nicht hängen gelassen und zum Betteln gezwungen werden. Auf Grund ihrer Frömmigkeit, ihrer Aufrichtigkeit und allen Leids, das sie ertragen musste, verdiente sie es zweifellos, Unterstützung zu erhalten. Dadurch, dass der Prophet sie in seine Familie aufnahm, tat er das, was er schon seit seiner Jugendzeit getan hatte: Er war denen ein Freund, die keine Freunde hatten, versorgte diejenigen, die ohne Unterstützung dastanden, und beschützte jene, die schutzlos waren. In der Situation, in der sich Umm Salama befand, hätte man ihr das, woran es ihr mangelte, nicht liebenswerter oder barmherziger zukommen lassen können.

Umm Salama war ähnlich intelligent wie Aischa. Auch sie besaß eine schnelle Auffassungsgabe und brachte alle Fähigkeiten und Talente mit, um eine spirituelle Führerin und Lehrerin zu werden. Als der großzügige und mitfühlende Prophet sie unter seinen Schutz stellte, erhielt die Schule des Wissens und der Rechtleitung damit gleichzeitig eine neue Schülerin, der später alle Frauen dieser Welt zu Dank verpflichtet sein sollten. Wir wollen uns an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass der Prophet zu jener Zeit auf das Alter von 60 Jahren zuging. Dass er eine Witwe mit mehreren Kindern zur Frau nahm und die damit verbundenen Verpflichtungen und finanziellen Belastungen auf sich nahm, kann nur voller demütiger Bewunderung für die unerschöpflichen Reserven seiner Menschlichkeit und seines Mitgefühls zur Kenntnis genommen werden.

IV

Umm Habiba war die Tochter von Abu Sufyan, der lange Zeit der entschlossenste Feind der Mission des Propheten sowie der entschlossenste Unterstützter des kufr (Unglaubens) war. Dennoch gehörte seine Tochter zu den Ersten, die den Islam annahmen. Sie wanderte nach Abessinien aus, weil sie von den Ungläubigen verfolgt wurde. Dort trat ihr Mann zum Christentum über. Sie aber trennte sich von ihm und blieb Muslimin. Als ihr Mann kurz darauf starb, war sie ganz allein im Exil und völlig verzweifelt.

Zu jener Zeit hatte der Prophet erst sehr wenige Gefährten um sich geschart. Materielle Mittel, um sich selbst geschweige denn andere zu versorgen, standen kaum zur Verfügung. Welche Optionen blieben Umm Habiba angesichts dessen? Sie hätte zum Christentum übertreten und auf die Unterstützung der Christen hoffen können. Das aber war undenkbar. Sie hätte in das Haus ihres Vaters zurückkehren können, das nun zu einer Kommandozentrale im Krieg gegen den Islam geworden war. Aber auch das war unvorstellbar. Sie hätte als Bettlerin von Haus zu Haus ziehen können. Für jemanden, der zu einer der wohlhabendsten und edelsten arabischen Familien gehört hatte, schied aber auch diese Option aus, da sie Schande über den Namen dieser Familie gebracht hätte.

Gott entschädigte Umm Habiba für alles, was sie verloren oder für den Islam geopfert hatte: Sie hatte ein einsames Exil in einer unsicheren Umgebung unter Menschen, die einem anderen Volk und einer anderen Religion als der ihren angehörten, erdulden müssen. Außerdem hatten sie die Konvertierung ihres Mannes und sein Tod sehr bedrückt. Als der Prophet von ihrer misslichen Lage erfuhr, ließ er ihr durch den Negus einen Heiratsantrag übermitteln. Damit handelte er ebenso ehrenhaft wie großzügig und erbrachte den praktischen Beweis für den Vers: Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten. (21:107)

So also wurde Umm Habiba als Ehefrau und Schülerin in die Familie des Propheten integriert und trug viel zum moralischen und spirituellen Leben der Muslime bei, die von ihr lernten und ihr Wissen wiederum an die nachfolgenden Generationen weitergaben.

Durch diese Heirat verknüpfte der Prophet sich selbst und seine Familie mit der mächtigen Familie Abu Sufyans, was diese dazu veranlasste, eine ganz andere Haltung dem Islam gegenüber einzunehmen. Der Einfluss dieser Heirat ging fortan weit über die Familie Abu Sufyans hinaus und erstreckte sich bis auf die Dynastie der Umayyaden, die fast einhundert Jahre lang an der Spitze der Muslime standen. Der Stamm, dessen Angehörige den Islam mit so fanatischem Hass bekämpft hatten, brachte einige der berühmtesten Kämpfer, Administratoren und Gouverneure der Frühzeit des Islam hervor. Dieser Umschwung begann zweifelsohne mit der Heirat des Propheten mit Umm Habiba. Das Ausmaß der Großzügigkeit und des Edelmuts des Propheten hatte ihre Angehörigen ohne Frage überwältigt.

V

Zainab bint Dschahsch war ebenfalls eine Frau edler Abstammung und dazu eine nahe Verwandte des Propheten. Darüber hinaus war sie eine äußerst fromme Frau, die viel fastete, lange Nachtwachen hielt und großzügig für die Armen spendete. Als der Prophet für Zaid um Zainabs Hand anhielt, waren Zainab und ihre Familie zunächst nicht einverstanden. Die Familie hatte gehofft, ihre Tochter dem Propheten zur Frau zu geben. Als sie aber erkannten, dass die Heirat Zainabs und Zaids dem Wunsch des Propheten entsprach, willigten sie ein, weil sie den Propheten liebten und seine Autorität respektierten. Somit fand die Heirat statt.

Zaid war als Kind im Verlauf von Stammesfehden gefangen genommen und als Sklave verkauft worden. Die großzügige Khadidscha, deren Sklave er war, machte Zaid Muhammad, dem späteren Propheten, zum Hochzeitsgeschenk. Der Prophet seinerseits gab Zaid sofort die Freiheit zurück und nahm ihn kurz darauf als seinen Sohn an. Er bestand darauf, dass Zaid Zainab heiraten solle, weil er ein Ideal verwirklichen und unter den Muslimen Gleichheit schaffen und etablieren wollte. Er bemühte sich, das aus alter Zeit stammende arabische Vorurteil gegen die Heirat von Sklaven oder freigelassenen ehemaligen Sklaven mit einer ,frei geborenen’ Frau aus der Welt zu schaffen. Dieser schwierigen Aufgabe widmete er sich, indem er zunächst mit seinen eigenen Verwandten einen Anfang machte.

Die Ehe war aber weder für Zainab noch für Zaid glücklich. Zainab, eine Frau edler Abstammung, war eine gute und sehr fromme Muslimin mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Zaid, der freigelassene ehemalige Sklave, gehörte zu den Ersten, die den Islam angenommen hatten, und auch er war ein guter Muslim. Beide liebten den Propheten und gehorchten ihm, aber ihre Ehe war für beide Seiten unerträglich, da die Ehepartner einfach nicht zueinander passten. Zaid brachte bei mehreren Gelegenheiten den Wunsch vor, die Ehe scheiden zu lassen. Der Prophet jedoch bestand darauf, Zaid sollte an ihr festhalten und sich nicht von Zainab trennen. Eines Tages aber, Muhammad führte gerade ein Gespräch, kam der Erzengel Gabriel und überbrachte ihm eine Offenbarung Gottes.[1] In den betreffenden Versen hieß es, dass der Prophet bereits geheiratet habe: ...verbanden Wir sie ehelich mit dir ... (33:37) Diese Aufforderung war eine der härtesten Prüfungen, der sich der Prophet jemals zu stellen hatte. Gott verlangte nämlich vom ihm, gegen die Traditionen seines Volks zu verstoßen und damit ein Tabu zu brechen (siehe unten). Gott zuliebe musste er jedoch handeln, wie ihm befohlen wurde. Aischa berichtete später: „Hätte der Gesandte Allahs jemals den Wunsch gehabt, etwas von dem, was ihm offenbart wurde, zu verschweigen, dann hätte er mit Sicherheit diesen Vers verschwiegen.[2]

Die Weisheit Gottes wusste um die Notwendigkeit, eine so beeindruckende und edle Frau wie Zainab in die Familie des Propheten aufzunehmen, um sie auf diese Weise mit wahrem Wissen zu versorgen und auf ihre Aufgabe vorzubereiten, die Muslime zu führen und zu unterweisen. Nach der Hochzeit erwies sich Zainab als gute Ehefrau des Propheten: Sie war sich ihrer Verantwortung und der Tatsache bewusst, dass ihre Rolle viel Feingefühl verlangte. Dafür, dass sie ihrer Verantwortung gerecht wurde, wurde sie von der Allgemeinheit bewundert.

In der dschahiliya, der Zeit der Unwissenheit vor dem Islam, wurde ein Adoptivsohn wie ein leiblicher Sohn betrachtet. Die Ehefrau eines Adoptivsohnes stand folglich auf der gleichen Stufe wie die Ehefrau eines leiblichen Sohnes. Einem Koranvers zufolge gehören die Ehefrauen eurer Söhne, die aus euren Lenden hervorgegangen sind, zu dem Personenkreis, die ein Mann nicht heiraten darf. Dieses Verbot gilt jedoch nicht für Adoptivsöhne, zu denen keine reine Blutsverwandtschaft besteht. Was uns heute ganz selbstverständlich erscheint, war es damals keineswegs. Das heidnische Tabu, ehemalige Ehefrauen von Adoptivsöhnen zu heiraten, war tief verwurzelt. Der Prophet wurde von der Offenbarung aufgefordert, Zainab zu heiraten, um diesen Brauch zu eliminieren.

Damit nachfolgende Generationen von Muslimen den Bruch des Tabus nicht wieder in Frage stellten, musste er durch die Autorität des Propheten persönlich vollzogen werden. Dass der Prophet das Gebot Gottes gegen die fest verankerten Sitten seiner Leuten durchsetzte, ist nur ein weiterer Beweis für die Glaubensstärke dieses Mannes. Die Araber wurden auf diese Weise von ihrem heidnischen Chaos einer erfundenen Vorschrift, wie hoch angesehen sie auch gewesen sein mag, befreit und mit der biologischen und natürlichen Realität entschädigt.

VI

Dschuwairiya bint Harith war eine der vielen Gefangenen, die die Muslime bei einer militärischen Expedition gemacht hatten. Sie war die Tochter von Harith, dem Oberhaupt des besiegten Stammes der Banu Mustaliq. Auch sie wurde, genau wie die übrigen Mitglieder ihrer stolzen Familie, zusammen mit den ,gewöhnlichen' Leuten ihres Stammes gefangen gehalten. Als Dschuwairiya zum Propheten gebracht wurde, war sie, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Verwandten alles verloren hatten, völlig verzweifelt. Gegenüber den Muslimen empfand sie einen tief sitzenden Hass und Feindseligkeit. Der Prophet konnte den verletzten Stolz, die gekränkte Würde und das Leiden dieser Frau gut nachvollziehen. Darüber hinaus wusste er in seiner erhabenen Weisheit, wie man dieses Problem lösen und ihren verletzten Stolz wieder aufrichten konnte. Er erklärte sich damit einverstanden, das Lösegeld für sie zu zahlen, schenkte ihr die Freiheit und machte ihr einen Heiratsantrag. Wie gern Dschuwairiya dieses Angebot annahm, kann man sich leicht vorstellen.

Als die Ansar (die medinensischen Anhänger des Propheten Muhammad) und die Muhadschirun (die Emigranten) erfuhren, dass die Banu Mustaliq durch die Heirat nun zu Verwandten des Propheten geworden waren, ließen sie etwa einhundert Familien, die noch nicht freigekauft worden waren, frei. Ein Stamm, dem eine so große Ehre zuteil geworden war, durfte nicht länger in der Sklaverei verbleiben.[3] Auf diese Weise gewann man die Herzen von Dschuwairiya und ihrem ganzen Stamm. Hundert Familien, die ihre Freiheit erlangt hatten, feierten die Heirat Dschuwairiyas und Muhammads. Dank seiner mitfühlenden Weisheit und seiner Großzügigkeit verwandelte er die Niederlage einiger in einen Sieg aller. Was gerade noch Anlass zu Feindschaft und Verzweiflung gegeben hatte, stiftete nun Freundschaft und Freude.

VII

Safiya war die Tochter von Huyaiy, einem der Oberhäupter des jüdischen Stammes von Khaibar, der die Banu Quraiza überredet hatte, ihren Vertrag mit dem Propheten zu brechen. Von Kindheit an wurde sie Zeuge einer tiefen Feindschaft, die ihre Familie und ihre Verwandten dem Propheten gegenüber hegten. Vater, Bruder und Ehemann verlor sie durch die Hand der Muslime, sie selbst geriet in Gefangenschaft. Die Haltung und das Handeln ihrer Familie und ihrer Verwandten hätten sie eigentlich einen tiefen Hass auf die Muslime und den Wunsch nach Rache verspüren lassen sollen. Drei Tage vor der Ankunft des Propheten in Khaibar und ihrer Gefangennahme während des Kampfes hatte sie jedoch im Traum einen schimmernden Mond gesehen, der von Medina kam, sich in Richtung Khaibar bewegte und ihr schließlich in den Schoß fiel. Später berichtete sie: „Als ich gefangen genommen wurde, begann ich zu hoffen, dass sich mein Traum erfüllen werde." Als sie als Gefangene zum Propheten gebracht wurde, ließ dieser sie großzügig frei und bot ihr an, entweder eine Jüdin zu bleiben und zu ihren Leuten zurückzukehren oder den Islam anzunehmen und seine Frau zu werden. „Ich wählte Allah und Seinen Gesandten.", erzählte Safiya. Kurz darauf heirateten sie.

Nachdem sie in die Familie des Propheten aufgenommen worden war, erhielt Safiya den Titel ,Mutter der Gläubigen'. Die Gefährten des Propheten verehrten und respektierten sie als ,Mutter'. Sie wiederum sah mit eigenen Augen die Kultiviertheit und die aufrichtige Höflichkeit jener Männer und Frauen, deren Herzen und Gedanken sich Gott unterwarfen. Ihre Einstellung zu ihren früheren Erfahrungen änderten sich ganz und gar. Sie wusste die große Ehre, eine Ehefrau des Propheten zu sein, zu schätzen. Infolge dieser Heirat änderte sich auch die Haltung vieler Juden, da sie nun den Propheten aus der Nähe betrachten und kennen lernen konnten. An dieser Stelle soll auch erwähnt werden, dass die Muslime durch solche engeren Beziehungen zu anderen Völkern und Menschen in die Lage versetzt wurden, zu verstehen, wie diese denken, fühlen und leben. Dieses Wissen wiederum ermöglichte den Muslimen zu lernen, wie sie auf diese anderen einwirken und sie - so Gott will - rechtleiten konnten. Ohne ein gewisses Maß an Vertrauen, das durch so edle Handlungen wie die Heirat des Propheten mit Safiya begründet wurde, hätten weder gegenseitiger Respekt noch Toleranz zu sozialen Normen werden können.

VIII

Sauda bint Zam’ah bint Qais war die Witwe eines gewissen Sakran. Sakran und Sauda hatten ebenfalls zu den Ersten gehört, die den Islam annahmen und nach Abessinien fliehen mussten, um der Verfolgung durch die Götzendiener zu entgehen. Sakran starb im Exil und hinterließ seine Frau vollkommen mittellos. Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, hatte zwar selbst Probleme, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sah aber nur eine einzige Möglichkeit, Sauda zu helfen. Er heiratete sie. Die Hochzeit fand einige Zeit nach dem Tod Khadidschas statt.

IX

Hafsa war die Tochter von Umar ibn al-Khattab, dem späteren zweiten Kalifen des Islam. Ihr Mann, mit dem sie erst nach Abessinien und später nach Medina ausgewandert war, war an den Wunden gestorben, die er in einem Kampf für die Sache Gottes erlitten hatte. Daraufhin blieb sie eine Zeit lang allein. Doch wie schon Abu Bakr sehnte sich auch Umar nach der Ehre und der Gnade, dem Propheten in dieser Welt und im Jenseits nahe zu sein. So nahm der Prophet Hafsa schließlich zu seiner Frau, um die Tochter seines treuen Anhängers zu beschützen und zu unterstützen.

Diese Umstände und Motive lagen also den verschiedenen Ehen des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, zu Grunde. Wir sehen, dass diese Ehen zum Ziel hatten, hilfsbedürftigen oder verwitweten mittellosen Frauen ein würdiges Dasein zu ermöglichen. Sie dienten dem Zweck, aufgebrachte oder verfeindete Angehörige von Stämmen zu beschwichtigen und ihnen Ehre zuteil werden zu lassen bzw. denjenigen, die einst Feinde gewesen waren, ein gewisses Maß an verwandtschaftlicher Verbundenheit und Harmonie zu schenken. Diese Ehen sollten zuverlässige und ungewöhnlich begabte Menschen, insbesondere einige außergewöhnlich fähige Frauen, für den Islam gewinnen. Sie beabsichtigten, innerhalb des vereinenden Bandes des Glaubens an Gott neue Normen für die Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern zu etablieren und diejenigen Männer durch Familienbande zu ehren, die einst die ersten Führer der muslimischen Umma nach dem Tod des Propheten sein sollten. Diese Ehen hatten überhaupt nichts mit Zügellosigkeit, körperlicher Begierde, Triebhaftigkeit oder mit irgendwelchen anderen der absurden und abscheulichen Anschuldigungen zu tun, die die erbitterten Feinde des Islam gegen den Propheten erhoben haben. Mit Ausnahme von Aischa waren alle Frauen des Propheten Witwen. All seine Ehen (abgesehen von seiner Ehe mit Khadidscha) wurden geschlossen, als er schon in fortgeschrittenem Alter war. Sie waren alles andere als Akte der Zügellosigkeit, sondern unterstrichen vielmehr die Selbstdisziplin Muhammads.

Diese Selbstdisziplin verlangte vom Propheten auch, dass er für jede seiner Frauen so gerecht wie nur eben möglich sorgte und alles, was er seiner Familie an knappen Mitteln für Unterhalt, Wohnraum und finanzielle Unterstützung im Allgemeinen gewährte, gleichmäßig aufteilte. Er widmete all seinen Frauen gleichviel Zeit und betrachtete und behandelte sie alle gleich freundschaftlich und respektvoll. Dass seine Frauen (trotz der Tatsache, dass sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kamen und unterschiedliche Vorlieben und Temperamente hatten) gut miteinander auskamen, ist nicht zuletzt seiner Begabung, Friede und Harmonie zu stiften, zu verdanken. Er war ihnen allen nicht nur Ernährer, sondern auch Freund und Gefährte.

Ein letzter Punkt ist an dieser Stelle noch zu erwähnen: Die Vielzahl der Frauen, die dem Propheten gestattet wurde, stellte eine Ausnahme innerhalb des islamischen Gesetzes dar, die ihm allein vorbehalten war. Einige der Vorzüge und Weisheiten dieser Sonderregelung, haben wir - so wie wir sie verstanden haben - bereits erläutert. Kein anderer Muslim darf mit mehr als vier Frauen gleichzeitig verheiratet sein. Zu jener Zeit, als die Offenbarung, welche die Polygamie beschränkte, kam, waren die Ehen des Propheten schon alle vollzogen. Danach war es auch dem Propheten untersagt, ein weiteres Mal zu heiraten. Möge Gott ihn segnen und ihm Frieden schenken, und möge Er uns in die Lage versetzen, sein edles Vorbild zu verstehen und ihm zu folgen!



[1] Bukhari, Tauhid, 22
[2] Bukhari und Muslim
[3] Ibn Hanbal, Musnad, 6, 277"
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