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Was genau bedeutet tanasukh (Reinkarnation)? Steht diese in irgendeiner Art und Weise im Einklang mit den Lehren des Islam?

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Fragen und Antworten

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Der Begriff Tanasukh, Seelenwanderung, bezieht sich auf eine Lehre, die besagt, dass Seelen nach dem Tod in einem anderen Körper weiter leben, dann erneut sterben und wieder in einen anderen Körper umziehen usw.. Diese Lehre nennt man Reinkarnationslehre oder Metempsychose. Natürlich handelt es sich bei ihr nicht um eine islamische Lehre. Der Glaube an diese Lehre der endlosen Zyklen von Geburt, Tod und Wiedergeburt findet sich in der ein oder anderen Form in fast allen Gesellschaften wieder, in primitiven genauso wie in hoch entwickelten. Abweichungen innerhalb dieser Lehre basieren auf örtlichen und regionalen Unterschieden in Glauben und Kultur. Insbesondere in den sehr materialistischen Gesellschaften, deren formelle Kultur das spirituelle Leben verleugnet, ist diese pseudo-religiöse Lehre in bestimmten Kreisen eine Art Mode. Dort wird behauptet, die Geister der Toten würden umherwandern, teilweise auch physische Formen annehmen und die Lebenden beeinflussen, bis sie sich schließlich in neuen Körpern niederlassen. Es wäre nicht angebracht, an dieser Stelle auf Einzelheiten der verschiedenen Ausprägungen und Moden dieser Lehre einzugehen; sinnvoller ist es wohl, ihren wesentlichen Gehalt darzustellen und sie aus dem Blickwinkel des Islam zu betrachten.

Für das enorme Alter der Lehre der Reinkarnation spricht die Literatur des Altertums. In den Sagen der Metamorphose beschreibt der römische Dichter Ovid beispielsweise auf schillernde Art und Weise, wie Götter die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen, wie Menschen in verschiedene Rollen schlüpfen usw.. Doch jene Sagen begründen noch keine Lehre; denn diese begnügt sich nicht mit einer Veränderung von Form und Farbe, sondern stützt sich auf den Glauben, dass jede einzelne Seele jede Ebene der Schöpfung und jede Lebensform durchlaufen muss - belebt wie unbelebt, empfindungsfähig wie empfindungslos. Wenn wir über diese Lehre nachdenken, werden wir sehr schnell feststellen, dass sie eine sehr eigenwillige Interpretation der Unsterblichkeit der Seele darstellt. Mit anderen Worten: Der Kerngedanke dieser Lehre ist die Erkenntnis, dass die Seele unsterblich ist. Dieser Kerngedanke ist richtig, aber nicht der Rest. Vielleicht ist die Lehre auch aus der Beobachtung der Ähnlichkeit von physischen und anderen Wesensmerkmalen bei Eltern und ihren Kindern entstanden. Die biologischen Phänomene der Vererbung, die ja durch die Gesetze der Genetik eindeutig entschlüsselt sind, werden durch die Lehre der Reinkarnation in einer Art und Weise erläutert, die weniger eindeutig und dem Verstand nicht zugänglich ist.

Man sagt, die Lehre der Reinkarnation sei im Stromgebiet des Nils entstanden und habe sich von dort in andere Gebiete und zu anderen Völkern ausgebreitet: nach Indien z.B. und von dort wieder zurück in Richtung Westen bis nach Griechenland. Dort wurde sie durch die Beredsamkeit der Philosophen vernunftgemäß gedeutet (auch wenn uns das unvorstellbar erscheinen mag) und entwickelte sich zu einer Quelle des Trostes und der Hoffnung für alle Menschen, die sich nach ewigem Leben sehnten. Was die größeren Religionen betrifft, so wurde die Lehre zunächst durch die Kabbalisten in das Judentum eingeschleust. Über jüdische Denker fand sie Eingang in das Christentum und schließlich beeinflusste sie auch die Vorstellungen einiger Sufis, obwohl sich muslimische Gelehrte bemühten, Verzerrungen dieser Art entgegenzutreten.

Wenn jemand eine Lehre untermauern möchte, muss er Beweise ins Feld führen. Die Kabbalisten erwähnten zum Beispiel die (im Alten Testament erwähnte) Verwandlung der Niobe in eine Marmorstatue und die Verwandlung der Frau Lots in eine Sandsäule.

Andere wiederum erklären den Instinkt und die Intelligenz von Tieren und die Pracht der Pflanzen damit, dass irgendwann einmal menschliche Intelligenz und Vitalität in sie geschlüpft sind. Diese Idee entwürdigt jedoch den Menschen und blamiert ihre Befürworter: Man mag sich kaum vorstellen, dass eine Behauptung wie diese, selbst wenn sie ohne große Überlegung aufgestellt wurde, von Leuten in die Welt gesetzt wurde, die auch nur einen Funken Verstand besitzen. Zwar besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass auch die Pflanzen und die unbelebte Schöpfung über ein Programm und ein vorherbestimmtes Schicksal verfügen. Dennoch ist es doch wohl sehr weit hergeholt, die Harmonie und die Ordnung, die wir bei Pflanzen und im Mineralreich beobachten, auf Seelen zurückzuführen, die vorher als oder in Menschen gelebt haben. Pflanzen und Bäume besitzen tatsächlich eine Art Leben, ein pflanzliches Leben nämlich, ein Wachstum hin zu Licht und Feuchtigkeit; das bedeutet aber nicht, dass hinter diesem Wachstum die Aktivität einer Seele steckt, einer gefallenen menschlichen Seele oder einer Seele auf ihrem Weg durch die unterschiedlichen Ebenen der Schöpfung.

Trotz durchaus vorhandener Bemühungen, diese Theorie zu erhärten, hat niemand jemals irgendeine Botschaft von irgendeiner Pflanzenart erhalten, die bestätigt, eine Seele in sich zu tragen, die früher einem Menschen gehört hat. Auch konnte noch kein Mensch glaubhaft versichern, früher einmal die Seele einer Pflanze oder eines Tieres gewesen zu sein. Zwar existieren durchaus von Boulevardzeitungen und ähnlichen Medien verbreitete Behauptungen von Menschen, die sich an frühere Leben erinnern und sogar Ereignisse aus ihren früheren Leben erzählen. Soweit es sich bei diesen Behauptungen nicht um vollkommen absurde und lächerliche Fantastereien handelt, ist deren Inhalt aber meistens unschwer als Erinnerung an das deutbar, was der betreffende Mensch gesehen oder gelesen und dann - wissentlich oder nicht - verarbeitet und aufgenommen hat. Eine solche Verarbeitung von Erinnerungen ist ja auch bei anderen menschlichen Gedanken gang und gäbe.

Die Tatsache, dass Niobe und die Ehefrau des Propheten Lot in Marmorstatuen bzw. Sandsäulen verwandelt wurden, ist, selbst wenn man sie wortwörtlich so akzeptiert, weder ein Beispiel noch ein Beweis für Reinkarnation. In diesem Fall geht es um eine Verwandlung physischer Art, die nichts mit der Seelenwanderung zu tun hat. Was die versteinerten Körper betrifft, so ist dies kein Phänomen, was ein großes Geheimnis in sich bergen würde: Ähnliche Körper, die durch die vollkommene Trockenheit von Vulkanasche konserviert wurden, wurden in großer Zahl gefunden. Pompeji wurde durch einen plötzlichen Vulkanausbruch zerstört und blieb jahrhundertelang unter der Asche des Vesuv begraben. Die dort vorgenommenen Ausgrabungen legten zahlreiche Niobe ähnelnde versteinerte Körper frei. In diesen Ruinen und in den versteinerten Gesichtern und Körpern können wir, wenn wir wollen, die Zeichen des Zorns und der Strafe Gottes lesen. Vielleicht ist das Leben dieser Menschen zu Stein geworden und erhalten geblieben, damit zukünftige Generationen es anschauen und sich in Acht nehmen können. Die versteinerten Menschen als Beweis für die Lehre der Reinkarnation anzuführen, ist schlicht und einfach abwegig.

In Ägypten, Indien und Griechenland blühte der Glaube an die Reinkarnation vor allem deshalb auf, weil der einst aufrichtige Glaube an das Jenseits verzerrt wurde. Auch die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit der Seele wirkte sich hier begünstigend aus. Weder im Ägypten des Ahen-Aten noch im Griechenland des Pythagoras war die Lehre der Reinkarnation, die die Verzerrung des Glaubens mit sich brachte, bereits bekannt. Ahen-Aten ging davon aus, dass für den Menschen nach dem Leben im Diesseits ein neues Leben im Himmel beginnt. Er glaubte, dass sich die Seelen der Sterbenden auf die Reise machen, um den Höchsten Gerichtshof im Himmel zu erreichen, dass sie so hoch emporsteigen, dass sie in die Gegenwart des Osiris gelangen und hoffen, mit den folgenden Worten Rechenschaft ablegen zu können: „Ich bin in Deine Gegenwart gekommen, da ich frei von Sünden war. Mein ganzes Leben lang habe ich, so weit es mir möglich war, alles dafür getan, fromme Menschen zu erfreuen. Ich habe kein Blut vergossen, und ich habe nicht gestohlen. Ich habe weder Zwietracht gesät noch im Sinn gehabt. Ich habe weder Ehebruch begangen noch Unzucht getrieben. Diejenigen, die in der Lage wären, so zu sprechen, würden - so glaubte Ahen-Aten - zu seiner Gemeinschaft zählen. Diejenigen aber, die dies nicht könnten und deren schlechte Taten schwerer wiegen würden als ihre guten, würden in die Hölle geschleudert und von Dämonen gequält werden.

Ein ähnlich vernünftiger Glaube findet sich auch in Grabinschriften, die an Ahen-Atens Religion anknüpfen und bestätigen: „Was Du getan hast, übersteigt unser Fassungsvermögen und das unserer Augen. O Du Einer und Einziger Gott! Niemand besitzt so viel Macht wie Du. Du bist es, der dieses Universum nach Seinen Wünschen erschaffen hat, nur Du allein. Du bist es, der die Welt für die Menschen und für alle Tiere, ob groß oder klein, ob mit den Füßen auf der Erde gehend oder mit den Flügeln im Himmel umherfliegend, angemessen gestaltet hat. Und nur Du allein bist es, der sie am Leben erhält und ernährt. Dank Dir wird alles Schöne ins Leben gerufen. Alle Augen sehen Dich durch die Existenz dieses Schönen. Fürwahr, mein Herz gehört Dir. (Du bist in meinem Herzen.)" Die Vorstellungen, die hier wortwörtlich zitiert wurden, galten vor viertausend Jahren in Ägypten als Wahrheit.

Auch im Alten Griechenland war der Glaube an die Wiederauferstehung und die Unsterblichkeit der Seele ähnlich vernünftig. Der große Philosoph Pythagoras glaubte zum Beispiel, dass die Seele beim Verlassen des Körpers ein ihr eigenes Leben habe. Jede Seele besitze diese Form von Leben auch vor ihrem Aufbruch aus dieser Welt. Alle Seelen seien auf Erden mit bestimmten Pflichten betraut. Wenn sie eine Sünde begingen, würden sie dafür bestraft, in die Hölle geworfen und von Dämonen gequält werden. Für gute Taten hingegen würden sie in einen hohen Rang erhoben und mit einem glücklichen Leben gesegnet werden. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die Vorstellungen des Pythagoras im Laufe der Geschichte teilweise verfälscht wurden, wird deutlich, dass sie fundamentale Übereinstimmungen mit dem islamischen Glauben an die Wiederauferstehung aufweisen. Auch die Überzeugungen Platos weichen nicht allzu stark von diesen ab. In seiner berühmten Abhandlung Der Staat sagt er, die Seele lasse beim Verlassen des Körpers das materielle (körperliche) Leben voll und ganz hinter sich. Dann steige sie in eine ihr angemessene (spirituelle) Sphäre auf, in der Weisheit und Unsterblichkeit herrschen. Hier verliere die Seele alle Bedürftigkeit, allen Mangel, alle Fehleinschätzungen und alle Furcht, Leidenschaft und Liebe, die sie während des Lebens auf der Erde plagten. Wenn sie sich schließlich aller negativen Folgen der menschlichen Natur entledigt habe, würde sie mit ewigem Glück gesegnet werden.

Wenn wir genau hinschauen, ist die Lehre der Reinkarnation mit ihren verschiedenen Ausprägungen innerhalb der unterschiedlichen Glaubensrichtungen in Wirklichkeit eine verzerrte Version eines ursprünglich vernünftigen Glaubens. Außer dem Islam haben alle Glaubenslehren solche Verzerrungen hinnehmen müssen. Das Christentum beispielsweise, eine einst von Gott offenbarte Religion, wurde insofern verfälscht, dass Jesus in den Rang eines Gottes erhoben wurde. Ohne die erhellenden und klärenden Koranverse und ohne den Einfluss des Islam wäre die formelle Position des Christentums in diesem Punkt wohl nicht als abweichende erkannt worden. Wenn das Christentum die Einheit von Seele und Körper lehrt, dann verdankt es ihre Vorstellungen in diesem Punkt den andalusischen muslimischen Gelehrten. Einer der berühmtesten christlichen Philosophen ist der Heilige Thomas von Aquin. Die meisten seiner neuartigen Ideen und Synthesen hat er den islamischen Lehren entnommen. In seinem hervorragenden Buch Summa Theologica sagt[1] er, das Schlüsselkonzept des Menschen sei, dass Seele und Körper in einem harmonischen System vereint seien. Er fügt hinzu, die Seelen der Tiere würden sich in den Körpern der Tiere entwickeln, die Seelen der Menschen aber seien irgendwann in einer frühen Phase der Entwicklung gesondert erschaffen worden (Artikel 3), daher lehne er die abstrakten Spekulationen der neuplatonischen Schule ab.

Auch die alten ägyptischen, indischen und griechischen Religionen hatten zweifellos unter verantwortungslos falschen Übersetzungen aus der Originalsprache zu leiden und waren später nicht mehr wieder zu erkennen, da sie immer weiter verzerrt wurden. Die Lehre der Reinkarnation mag durchaus eine solche Verzerrung eines ursprünglich richtigen Konzeptes der Unsterblichkeit der Seele und ihrer Rückkehr zum Gericht Gottes gewesen sein.

Nachdem die Reinkarnation Eingang in den Glauben der alten Ägypter gefunden hatte, wurde sie überall am Nil zu einem der zentralen Themen von Liedern und Legenden. Und die sorgfältigen Deutungen griechischer Philosophen sorgten dafür, dass sie mit der Ausdehnung des griechischen Einflusses zu einem sehr weit verbreiteten Phänomen wurde.

Die Hindus betrachten Materie als die ordinärste Manifestation von Brahma und sind der Auffassung, die Annäherung von Körper und Seele sei erniedrigend für die Seele und komme einen Abstieg zum Bösen gleich. Der Tod hingegen wird als eine Erlösung interpretiert, als eine Befreiung von menschlichen Unzulänglichkeiten und als eine Chance, sich auf ekstatische Art und Weise mit der Wahrheit zu vereinigen. Die Hindus praktizieren einen Polytheismus. Ihr höchster Gott ist Krischna, von dem man glaubt, er sei in menschlicher Gestalt erschienen, um das Böse zu vernichten. Ihr zweithöchster Gott ist Vischnu (d.h.: etwas, das den menschlichen Körper durchdringen kann). Dem Hinduismus zufolge ist Vischnu neunmal in verschiedenen Formen (Mensch, Tier, Blume) zur Welt hinabgestiegen. Man erwartet, dass er auch noch ein zehntes Mal erscheinen wird. Da die Hindus davon ausgehen, dass Vischnu beim nächsten Mal in der Gestalt eines Tieres in diese Welt kommen wird, ist das Töten von Tieren aller Art strengstens verboten und nur während des Krieges gestattet. Die glühendsten Anhänger dieser Religion essen normalerweise überhaupt kein Fleisch. Den Veden, dem wichtigsten religiösen Buch der Hindus zufolge, ist die Seele ein Teil, ein Fragment des Brahma; sie wird niemals in der Lage sein, sich von Leid und Sorgen zu befreien, solange sie nicht zu ihrem Ursprung zurückkehrt. Die Seele erlangt eine Gotteserkenntnis, indem sie sich selbst vom Ego und von aller Lasterhaftigkeit, die zum Ego gehört, isoliert und so zum Brahma strebt, wie der Fluss ins Meer fließt. Wenn die Seele Brahma erreicht und sich mit ihm vereinigt, erlangt sie absoluten Frieden, absolute Ruhe und absolute Stille - eine andere Version dessen, was im Buddhismus das Nirwana ist: Während aber im Buddhismus von einer Einstellung der aktiven Suche und von einer Passivität der Seele die Rede ist, ist die Seele im Hinduismus dynamisch.

Einige jüdische Religionsgemeinschaften übernahmen die Lehre der Reinkarnation und machten sie sich zu Eigen. Nachdem die Juden, die im Allgemeinen sehr am Leben hängen und von der Unsterblichkeit der Seele fasziniert sind, den Glauben an Auferstehung und Gericht zurückgewiesen hatten, konnten sie kaum noch etwas anderes tun als die Reinkarnation anzunehmen. Den Kabbalisten gelang es später, sie über einige Klosterorden der Region in die Kirche von Alexandria einzuführen. Auf die Manifestation des Islam hatte die Lehre zwar nur geringe Auswirkungen, bedauerlicherweise aber wurde sie durch die ,Ghulat asch-Schi’a' (eine extremistische Gruppe der Schi’a) auch unter Muslimen bekannt.

Alle Übernahmen der Lehre der Reinkarnation im Altertum, in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart haben ein gemeinsames Charakteristikum, eine gemeinsame Wurzel: den Glauben an die Inkarnation. Immer versagt der Verstand beim Versuch, die absolute Transzendenz Gottes zu begreifen und zu akzeptieren: Dieses Versagen übt einen schlechten Einfluss aus und bringt die Menschen zu der Überzeugung, dass sich das Göttliche mit dem Körperlichen vermengt und sich das Körperliche bzw. der Mensch seinerseits mit dem Göttlichen vermengt bzw. vermengen kann. Diese falsche Vorstellung ist zwar nicht im Islam, der sich seine strikte Reinheit des Glaubens mit Gottes Hilfe bewahrt hat, aber ansonsten in sehr vielen Religionen anzutreffen. Zentraler Punkt in jeder dieser verzerrten Religionen ist eine Inkarnation oder Reinkarnation - Aten im Atenismus, Brahma im Hinduismus, Esra (Uzair) im Judentum, Jesus im Christentum und Ali in der Ghulat asch-Schi’a, die man nicht zur islamischen Gemeinschaft zählt. Behauptungen, einige Schriften und Äußerungen bestimmter muslimischer Sufis würden die Lehre der Reinkarnation unterstützten, sind entweder schlichtweg böswillig oder aber auf die absurd wörtliche Interpretation des extrem symbolischen und esoterischen Diskurses der Sufis zurückzuführen. Die muslimischen Gelehrten, zumindest diejenigen unter den neunzig Prozent der Sunniten, haben die Lehre der Reinkarnation allesamt unmissverständlich als dem Geist des Islam vollkommen entgegengesetzt zurückgewiesen. Dies gilt für Gelehrte aller Betätigungsfelder einschließlich Rechtsprechung, Theologie, Koranexegese (tafsir) und Hadithinterpretation. Der Grund liegt auf der Hand: Im islamischen Glauben ist von zentraler Bedeutung, dass alle Individuen gemäß ihrer individuellen Vorherbestimmung leben und sterben, dass sie alle eine individuelle Last tragen, individuell auferweckt und für ihre Absichten und Handlungen und deren Folgen zur Rechenschaft gezogen werden und dass sie alle ein (absolut gerechtes) Urteil Gottes erhalten werden, das auf einheitlichen Kriterien beruht.

Der Islam weist die Lehre der Reinkarnation ganz und gar zurück. Die Hauptgründe hierfür sind im Folgenden aufgelistet.

1) Der Glaube an den Islam setzt den Glauben an die Auferstehung und das Jüngste Gericht voraus, bei dem jeder individuellen Seele dem individuellen Protokoll ihres Lebens entsprechend Gerechtigkeit zuteil wird. Wenn jede einzelne Seele viele Male leben würde, in welcher Form bzw. Persönlichkeit würde sie dann von den Toten auferweckt, zur Rechenschaft gezogen und belohnt oder bestraft werden?

2) Diese Welt ist eine Welt der Prüfung und der Probe, die Seele soll von ihr profitieren. Ein Schwerpunkt der Prüfung liegt im Glauben an das ghaib (das Unsichtbare). Der Lehre der Reinkarnation zufolge werden jene, die ein sündiges Leben geführt haben, in eine niedrigere Lebensform (Tier, Baum usw.) überführt. In diesem Fall jedoch würden sie die Folgen ihres früheren Lebens kennen, und das Leben als Prüfung verlöre seinen Sinn. Um dieses Problem zu umgehen, behaupten diejenigen, die an die Lehre der Reinkarnation glauben, die Seele würde ihre jeweils vorangegangene Existenz vergessen. Doch wenn das stimmen würde, was sollten frühere Leben dann überhaupt für eine Bedeutung haben?

3) Wenn jedes Individuum, um ewige Glückseligkeit zu erlangen, einen schmerzhaften Zyklus von Seelenwanderungen zu durchlaufen hätte, dann wäre das Versprechen Gottes, die schlechten Menschen und die Sünder zu bestrafen und die Guten und Rechtschaffenen zu belohnen, für das Leben des Einzelnen bedeutungslos. Warum sollte Gott etwas so Sinnloses von uns fordern?

4) Der Koran und auch andere Offenbarungsschriften Gottes betonen, dass (aufrichtig bereute) Sünden vergeben werden. Eine Lehre, der zufolge die Seele unzählige Zyklen durchlaufen muss, um Vergebung zu erlangen, wäre also nicht mehr als ein unnötiges und beschwerliches Hilfsmittel. Die Vorstellungen von Barmherzigkeit und Vergebung passen da doch viel besser zu Gott, dem Wohltätigen, Barmherzigen Schöpfer.

Im Islam gibt es keine Sünde, die Gott nicht, wenn Er es so will, vergeben kann. Gott, der Allmächtige, offenbart und verspricht im Koran, dass Er denen vergeben wird, die bereuen, was sie falsch gemacht haben, und sich aufrichtig bemühen, es nicht wieder zu tun. Insofern schaut Gott also nicht darauf, wie groß oder klein unsere Sünden sind, oder wann wir sie bereuen. Es ist folglich durchaus möglich, dass auch einem Sünder, der Gott sein ganzes Leben lang den Gehorsam versagt und sich gegen Ihn aufgelehnt hat, von Gott verziehen wird, wenn er in einem einzigen Akt beweist, dass er absolut aufrichtig bereut und vollständig verstanden hat, was es mit dem Dienst und der Abhängigkeit von Gott auf sich hat. (Allerdings kennt ja niemand seine Zukunft, und niemand weiß, wann seine letzte Stunde schlagen wird - wie unklug wäre es also, die Reue aufzuschieben!)

5) Lange und ermüdende Zyklen der Wiedergeburt sind mit der Barmherzigkeit, Gunst, Gnade und Vergebung Gottes, des Barmherzigen, unvereinbar. Wenn Er es für angebracht hält, nimmt Er einfache, wertlose und minderwertige Dinge und macht daraus die reinsten, besten und wertvollsten. Seine Gunstbeweise und Seine Großzügigkeit sind in der Tat unendlich groß.

6) Unter den Anhängern der Propheten waren sehr viele, die einst ein lasterhaftes Leben geführt hatten, sich aber später unglaublich schnell läuterten und dann für spätere Generationen zu verehrten Vorbildern an Rechtschaffenheit wurden. Nachdem sie den Propheten kennen gelernt und die Botschaft Gottes angenommen hatten, übertrafen einige von ihnen sogar die ersten Anhänger des Propheten und wurden deshalb noch mehr verehrt als jene. Dies deutet darauf hin, dass man durch die Gnade Gottes leicht und schnell zum Gipfel gelangen kann, selbst wenn jemand vorher zu jenen gehörte, denen offensichtlich der Abgrund der Hölle vorbehalten war. Weiterhin zeigt es, wie überflüssig eine Lehre ist, die besagt, dass die Seelen die höheren Ebenen des Seins durchlaufen: Vielleicht bringt diese Lehre sogar den Effekt mit sich, dass sie den Menschen den Anreiz nimmt, sich auf moralischer Ebene zu bemühen.

7) Der Glaube daran, dass Gott, der Allmächtige, für jedes Individuum eine eigene individuelle Seele erschaffen hat, ist Teil des Glaubens an Seine Allmacht. Der Glaube daran, dass eine begrenzte Anzahl von Seelen von einem Körper zum anderen wandert, impliziert hingegen die Schlussfolgerung, dass der Allmächtige gar nicht allmächtig ist. Die schiere Fülle des Lebens, seine unbegrenzte Vielfalt und seine Ablehnung bloßer Wiederholung der Form tritt überall deutlich hervor: Gott ist in der Tat allmächtig. Ca. 5,5 Milliarden Menschen leben auf der Erde. Vor kurzem haben wir gelernt, wie wir beweisen können, dass jedes Individuum absolut einzigartig ist - eine Vorstellung, die in vielen Koranversen betont wird -, indem wir nämlich Fingerabdrücke oder Gencodes vergleichen. Kein Gencode und kein Fingerabdruck eines Individuums ist mit dem eines anderen identisch. Dieses Faktum ist so zuverlässig, dass es dazu beiträgt, Kriminelle zu identifizieren. Ein weiteres Beispiel: Ein deutscher Professor hat vor dreißig Jahren die Beobachtung gemacht, dass von Millionen von Schneeflocken, die er analysiert hat, keine zwei in puncto Aussehen absolut übereinstimmen. Wie viele Schneeflocken in einer Jahreszeit an einem Berghang fallen bzw. wie viele Schneeflocken überhaupt jemals gefallen sind, übersteigt unser Vorstellungsvermögen bei weitem. Hieraus wird deutlich, dass der Allmächtige sehr wohl eine unbegrenzte Anzahl individueller Seelen erschaffen und sie mit einer unbegrenzten Zahl von Körpern versehen kann.

8) Wenn doch insgesamt etwa 5,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben, könnten da nicht einige von ihnen zumindest wenige Anhaltspunkte oder Zeichen an sich gehabt haben - Beweise bzw. etwas Überzeugendes -, die von ihren Erinnerungen, Abenteuern und Erfahrungen in den unterschiedlichen Formen und Körpern künden? Müssten nicht zumindest einige von jenen, die schon mehrere Male in diese Welt gekommen sind oder ihre Zyklen sogar bereits beendet haben, über einen reichen Schatz an Wissen, Erfahrung und Kultur verfügen? Wenn wir dies nur für einen von einer Million Menschen für möglich halten, wäre es dann nicht auch wahrscheinlich, dass heute eine große Anzahl von Menschen leben, die sich durch außergewöhnliche Rechtschaffenheit und Kompetenz auszeichnen? Würden wir dann nicht einigen von ihnen auch in unseren eigenen Ländern begegnen? Wo also sind sie?

9) Sollte man nicht erwarten können, dass die Seele dann, wenn ein Körper (sagen wir mit drei oder vier Jahren) das Alter erster physischer Reife erreicht hat, mit allen Errungenschaften und Leistungen früherer Leben zum Vorschein kommt? Könnten wir dann nicht davon ausgehen, dass es viele Wunderkinder gibt? In der aufgezeichneten Geschichte hat es zwar einige solcher Wunderkinder gegeben, aber ihre besonderen Gaben waren nicht zwangsläufig die Resultate vieler bereits geführter Leben. Sie können auch als besondere Kombination genetischer Eigenschaften gedeutet werden, die erstens zu einer bestimmten Zeit an bestimmten Orten auftraten und Gottes Gnade und Gunst zuzuschreiben sind, und zweitens von außerordentlichen Anstrengungen des Individuums begleitet waren, seine Gabe in der Tradition und im Zusammenhang, in der sie steht, zu verstehen.

10) Bei keiner anderen belebten oder unbelebten Daseinsform wurde jemals eine typisch menschliche Fähigkeit entdeckt. Das aber sollten wir doch eigentlich erwarten dürfen, wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit in der Lehre der Reinkarnation läge. Wenn eine niedere Lebensform sozusagen die Konsequenz (Strafe) für bestimmte schlechte Taten in einem früheren Leben darstellen soll, dann müsste doch eigentlich auch das (vom Bösen überlagerte) Gute aus diesem Leben weitergereicht werden. Mit anderen Worten: Bestimmte Merkmale des früheren Lebens des Individuums sollten auch Bestandteil dessen nächsten Lebens sein. Doch dann müssten wir auch davon ausgehen, dass die Grenzen bestimmter Formen ständig gesprengt werden - so müssten zum Beispiel Pflanzen über Eigenschaften verfügen, die im Zusammenhang mit dem Tierleben stehen, obwohl man diese doch nie bei ihnen festgestellt hat. Aber bei der Barmherzigkeit Gottes, weder Zoologie noch Botanik haben, trotz all ihrer vielen gern gesehenen Fortschritte in jüngster Zeit, jemals solche Monster entdeckt!

11) Wenn es sich nach den Taten in einem vergangenen Leben richtet, ob man als Mensch oder Tier geboren wird, was existierte dann zuerst: Mensch oder Tier, das Höhere oder das Niedere? Befürworter der Lehre sind sich nicht darüber einig, wie das erste Lebewesen ausgesehen haben mag, denn jede Generation kündet ja insofern von ihrer Vorgängergeneration, als dass die Nachfolgegeneration als Konsequenz ihrer Vorgängergeneration zu betrachten ist. Und wenn das physische Leben ein Übel ist - wovon manche, die an die Reinkarnation glauben, ausgehen - warum hat das Ganze dann überhaupt angefangen? Warum ist das Leben dann überhaupt entstanden? Die Lehre der Reinkarnation führt eindeutig immer wieder ins Absurde.


[1] Thomas von Aquin, Summa Theologica, Teil I, Frage 90, Artikel 4"
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