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Wissenschaft und Technik

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Hin zum verlorenen Paradies

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In dem gleichen Maße, in dem wir heutzutage über enorme Möglichkeiten und Hoffnungen verfügen, sind wir auch gewaltigen Katastrophen und Gefahren ausgesetzt. Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert waren zwei der produktivsten und reichsten Jahrhunderte - sowohl im Guten wie auch im Schlechten. Hätte die Menschheit die Chancen dieser Jahrhunderte in idealer Weise genutzt, hätte sie die Welt in ein Paradies verwandeln können. Die Atmosphäre, die uns umgibt, und die Bedingungen, die wir vorfinden, versprechen uns Glückseligkeit, so lange wir nur Wissenschaft und Technik mit all ihren Möglichkeiten und Erfolgen in den Dienst der Menschheit stellen. Und doch waren wir bis heute nicht in der Lage, diese weitreichenden Quellen voll zu nutzen. Das Glück der Menschheit lässt noch auf sich warten. Stattdessen tauchten Zweifel und Bedenken auf, weil bislang niemand die Verantwortung übernommen hat, die Menschheit hin zur ewigen Glückseligkeit zu führen. Und das wird vermutlich auch so lange so bleiben, bis Menschen, die wirklich autorisiert und kompetent sind, sich zu ihrer Verantwortung bekennen.

In der Vergangenheit führten Städte und Dörfer ihr eigenes Leben. Dieser Zustand war unangenehm, sorgte für Chaos und entbehrte jeder Spiritualität. Nicht selten wurden die Ortschaften von Not, Elend und Seuchen heimgesucht, häufig regierte die Unmoral. Gleichgültig schaute man diesem Treiben zu und glaubte, das Leben bestehe aus nichts anderem. In der heutigen Zeit hingegen ist es offenbar unmöglich, mit überholten Konzeptionen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, zu leben. Da sich der alte Zustand nicht länger aufrechterhalten lässt, müssen wir uns entweder mit dem neuen Zustand arrangieren, oder wir werden überwältigt. Das heißt: Entweder gestalten wir unsere Welt gemäß den Ansprüchen der Wissenschaft neu, oder wir versinken zusammen mit der Welt, in der wir leben, im Abgrund.

Manche glauben, so zu verfahren, würde den Menschen zu einer Maschine und die Menschheit zu einem Ameisenvolk herabwürdigen, das die Welt mit Hilfe einer mechanistischen Form der Wissenschaft beherrschen will. Aber ihre Kritik geht an der Realität vorbei! So wie es keine Vergangenheit ohne Wissenschaft gab, wird auch die Zukunft nicht auf die Wissenschaft verzichten können. Letztendlich hängt alles an der Wissenschaft. Eine Welt ohne Wissenschaft hat dem Menschen nichts zu bieten.

Zwar stimmt es, dass in einigen unserer Städte Menschen tatsächlich zu Maschinen degradiert wurden, dass menschliche Gefühle an Wert verloren haben und dass bestimmte Tugenden des Menschen, seine Gesundheit und seine Fähigkeit zu denken ausgehöhlt wurden. Es wäre aber ungerecht, diese Fehlentwicklungen auf Wissenschaft und Technik zurückzuführen. Der Fehler liegt vielmehr bei den Wissenschaftlern, die sich nicht ihrer Verantwortung stellen. Viele Besorgnis erregende Probleme würden wahrscheinlich so nicht bestehen, wenn die Wissenschaftler ein Bewusstsein für ihre soziale Verantwortung entwickelt und das getan hätten, was man von ihnen erwartete.

Die Wissenschaft verlangt von uns zu verstehen, was die Dinge und Ereignisse uns mitteilen und was uns die Gesetze Gottes, die über das Universum herrschen, enthüllen. Der Mensch, der erschaffen wurde, um sich alle Dinge untertan zu machen, muss sich seiner Umwelt gewahr werden. Er muss sie „lesen, begreifen und von ihr lernen. Anschließend sollte er nach einer Möglichkeit suchen, seinen Einfluss auf die Ereignisse geltend zu machen und Macht über sie zu gewinnen. An diesem Punkt angekommen wird sich - dem Willen des Erhabenen Schöpfers folgend - die ganze Schöpfung dem Menschen unterwerfen, der sich seinerseits Gott unterwirft.

Die Wissenschaft steht mit all ihren Zweigen - der Physik, der Chemie, der Astronomie, der Medizin u.a. - im Dienste der Menschheit. Tag für Tag bringt sie ihm neuen Nutzen und schenkt ihm neue Hoffnung.

Deshalb hat der Mensch keinen Grund, sich vor der Wissenschaft zu fürchten. Die Gefahr liegt nicht in der Wissenschaft selbst und auch nicht in der Gründung einer Welt, die mit ihr im Einklang steht, sondern vielmehr im Zustand der Unwissenheit und in der Verantwortungslosigkeit der Wissenschaftler.

Vorhaben, deren Planung auf Wissen beruht, erbringen nur manchmal schlechte Ergebnisse, Unwissen und mangelnde Organisation hingegen immer. Anstatt den Ergebnissen von Wissenschaft und Technik ablehnend gegenüber zu stehen, ist es deshalb notwendig, diese Disziplinen so anzuwenden, dass die Menschheit von ihnen profitiert. In dieser Erkenntnis liegt der Kern zur Lösung des größten Problems der Menschheit. Denn es ist schlichtweg nicht möglich, Maßnahmen gegen das Weltraumzeitalter zu ergreifen oder den Gedanken, Atom- oder Wasserstoffbomben herstellen zu können, aus den Köpfen bestimmter Menschen zu verbannen.

Auch angesichts der Tatsache, dass sich die Wissenschaft unter Umständen in den Händen einer unverantwortlichen Minderheit als tödliche Waffe erweisen kann, sollten wir sie trotzdem mit all ihren Konsequenzen fördern, damit sie uns beim Aufbau einer Zivilisation hilft, in der der Mensch sein Glück in dieser und in der kommenden Welt verwirklichen kann. Es wäre sinnlos, Maschinen und Fabriken zu verfluchen, denn die Maschinen werden auch weiterhin laufen und die Fabriken weiterhin in Betrieb sein. Wissenschaft und Technik werden dem Menschen so lange Schaden zufügen, bis Menschen, die der Wahrheit und dem Glauben verpflichtet sind, in eine Position versetzt werden, die es ihnen erlaubt, die Richtung der Dinge und der Geschehnisse zu bestimmen.

Wir dürfen weder die Wissenschaft noch die Technologien, die sie uns ermöglicht fürchten, denn eine solche Furcht lähmt jede Aktivität. Stattdessen sollten wir jenen auf die Finger schauen, in deren Händen sich die Wissenschaft befindet. Wissen im Besitz einer verantwortungslosen Minderheit ist etwas Schreckliches, das die Welt ganz allein in eine Hölle verwandeln kann. Als Einstein nach der Zerstörung von Hiroschima und Nagasaki begriff, dass ein grausames Ungeheuer seine Atomstudien missbraucht hatte, entschuldigte er sich unter Tränen bei seinen japanischen Berufskollegen - aber es war zu spät!

Diese Katastrophe war weder die erste, noch wird es die letzte ihrer Art sein. Eine barbarische Minderheit hat dafür gesorgt, dass sich Meere in giftige Abwässer, Flüsse in Kanäle voller Müll und die Atmosphäre in einen Schmutznebel verwandelt hat, und ein Ende ist nicht abzusehen...

An einer Waffe in den Händen eines Engels hat die Menschheit noch nie Schaden genommen. Was immer sie hat erleiden müssen, ging von rücksichtslosen, machtgierigen Menschen aus, die glaubten, dass Macht und Recht identisch seien. Auch dies wird sich erst dann ändern, wenn die Menschen eine neue Welt auf der Grundlage von Wissenschaft und Glauben aufbauen.

Ich hoffe inständig, dass der Mensch den Grundgedanken der Welt, in der er lebt, begreift, bevor es zu spät ist."

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