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Das Zeitalter Der Geschwindigkeit

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Hin zum verlorenen Paradies

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Unser Zeitalter kann getrost als das Zeitalter der Geschwindigkeit bezeichnet werden. Die Hochgeschwindigkeitstechnologie von heute verspricht der Welt und mit ihr der Menschheit die unterschiedlichsten Vorteile. Einigen Menschen bringt diese Technologie Wohlstand und ein komfortables, angenehmes Leben. Sie verringert die Kluft zwischen Ideen und deren Umsetzung in die Tat. Das Zusammenschrumpfen von Entfernungen bietet die Möglichkeit, Projekte schnell zu realisieren (und erlaubt auch die Mitwirkung anderer bei diesen Projekten). Konflikte können sehr viel plötzlicher ausbrechen, aber auch schneller wieder beigelegt werden. Die Science-fiction-Literatur vermittelt uns eine Vorstellung von einer Welt der Zukunft, in der sich alles in Lichtgeschwindigkeit abspielt - mit Vorteilen und Gefahren, die jedoch noch völlig fiktiv sind. Aber schon hier und heute sollte sich die Menschheit die Gefahr vergegenwärtigen, dass die Technologie der Schnelligkeit vielleicht nicht zum Wohle von Wahrheit und Gerechtigkeit eingesetzt werden könnte. Die Geschwindigkeit, die Überbrückung einer Entfernung in einer bestimmten Zeit, ist so alt wie das Universum selbst. Ein erstes Gefühl von Geschwindigkeit „erfuhr der Mensch schon unmittelbar nach seiner Schöpfung, als er Wege zu Fuß zurücklegte. Seitdem hat der Mensch seine Fähigkeit, sich zu bewegen, ständig weiter entwickelt und perfektioniert, bis seine Geschwindigkeit ihr aktuelles, schwindelerregendes Ausmaß erreicht hat. Aber auch dieses wird nach wie vor immer weiter gesteigert. Anfangs „genoss" der Mensch die Geschwindigkeit also auf seinen eigenen Füßen, später dann auf dem Rücken gezähmter Tiere, danach auf Karren und in Kutschen, anschließend auf Fahrrädern und schließlich in Fahrzeugen, die durch einen Motor angetrieben werden. Heute steht der Mensch kurz davor, Entfernungen ganz aufzuheben. Im Falle der Übermittlung von Ton und Bild ist die Überwindung der Distanz schon Realität. Dem Transport von Objekten ist sie damit weit voraus.

Die Geschwindigkeit hat uns ein Mehr an Bequemlichkeit und Komfort gebracht, aber sie hatte auch negative Folgen. Ob ihre positiven Seiten die negativen überwiegen, ist eine nach wie vor offene Frage, die wir nur beantworten können, indem wir die Vorteile der Technik gegen ihren realen und substanziellen Gewinn für das Glück des Menschen und für den Sinn des menschlichen Lebens abwägen.

Busse, Züge, Schiffe und Flugzeuge, die sich mit Hilfe einer hoch entwickelten elektrischen Energie fortbewegen werden, oder Raumfahrzeuge, die sich in noch fernerer Zukunft reiner Lichtenergie bedienen werden, werden uns erlauben, innerhalb von Minuten gewaltige Strecken zurückzulegen. Gleichzeitig werden wir auf Knopfdruck Töne, Bilder, Farben und sogar Düfte aus weit entfernten Gebieten empfangen können. Da „Zeit" und „Raum" effektiv dezimiert werden, wird sich die Welt tatsächlich in ein globales Dorf verwandeln.

Die Eroberungen in Raum und Zeit werden, wie bereits angemerkt wurde, immer weiter fortschreiten und neben vielen Chancen auch zahlreiche Probleme mit sich bringen. Zwar können wir nicht umhin, die Fortschritte in der wissenschaftlichen Forschung, neue Erfindungen und deren Anwendungen zu bewundern - sie alle sind Wunder der Zivilisation. Dies darf uns aber nicht daran hindern, die Frage zu stellen, ob die überwältigende Geschwindigkeit, die durch des Menschen Verpflichtung, jedes Detail des „Buches des Universums" zu erforschen, erreicht wurde, auch wirklich jenen hehren Zielen zugute gekommen ist, die für das menschliche Leben eigentlich wichtiger sind als die Geschwindigkeit an sich. Wenn die Geschwindigkeit - die Unterwerfung von Raum und Zeit, das Zusammenschrumpfen der Welt zu einem Dorf und das Reduzieren des Zeitfaktors gegen Null - nicht dazu beiträgt, diese höheren Ziele zu verwirklichen, ist sie der Menschlichkeit dann wirklich von Nutzen? Wenn uns die Wissenschaft, die um des Wissens um die Gesamtheit des Seins willen zu den entferntesten Winkeln des Universums vordringt, nicht um der höheren menschlichen Werte, Bedürfnisse und Bestrebungen willen die ganze Welt so vertraut gemacht hätte wie unsere eigene Nachbarschaft, wenn sie uns nicht um eben dieser höheren menschlichen Werte, Bedürfnisse und Bestrebungen willen alles in dieser Welt entblößt, sie also gewissermaßen nackt ausgezogen hätte, wäre es dann nicht fast eine Schande, eine solche Wissenschaft tatsächlich anzuwenden - nur um die Geheimnisse der Menschen und Nationen auszuspionieren und sie ans Tageslicht zerren zu können?

Ist die Geschwindigkeit ein Selbstzweck? Mit anderen Worten: Kam es nur deshalb zu all den Erfindungen und Entwicklungen in den Bereichen Transportwesen und Telekommunikation, damit die irrsinnige, gedankenlose Sucht, Dinge immer schneller erledigen zu können, befriedigt werden konnte? Ob diese hochentwickelten Transport- und Kommunikationsmittel auch zu einer Weiterentwicklung der menschlichen Werte beigetragen haben, ist umstritten. Wir wünschten, sie hätten es getan, dann könnten wird der friedvollen Koexistenz der Völker der Welt in einer zu einem Dorf zusammengeschrumpften Welt gelassen entgegensehen. Leider aber kann derzeit nicht davon die Rede sein, dass die Technologien der Geschwindigkeit diesem Ziel dienen würden.

Wenn wir geltend machen, dass die Geschwindigkeit nicht um ihrer selbst willen erstrebenswert ist, sondern nur dafür, dass sie den erhabeneren Zielen der Menschheit dient, dürfen wir dann ernsthaft behaupten, dass uns schnellere Autos, Züge oder Flugzeuge diesen Zielen tatsächlich näherbringen? Wenn sie es denn tun, könnten wir doch versuchen, Zeit und Raum noch weiter schrumpfen zu lassen - bis zu den letzten Grenzen der Vorstellungen der Sciencefiction. Eine positive Antwort zu geben, fällt jedoch schwer: Die heutigen Anwendungsbereiche der Hochgeschwindigkeitstechnologie sind weit davon entfernt, den erwünschten Zielen zu dienen.

Wenn Geschwindigkeit Zeit einsparen soll, um Dinge schneller erledigen oder schneller irgendwohin gelangen zu können, die eingesparte Zeit und die erledigten Dinge aber nicht gleichzeitig einem höheren Ziel zuzuordnen sind, das bedeutsamer ist als die Geschwindigkeit selbst, wozu sollen dann all die Anstrengungen gut sein? Wenn wir auf der allgemeinen Ebene kein Ziel für unsere Hochgeschwindigkeitstechnologie definieren und auf der individuellen Ebene keine fundierte Absicht haben, dieses gesteckte Ziel auch tatsächlich zu verfolgen, sind all unsere Bemühungen und unsere eingesparte Zeit vergebens. Sie ähneln dann Wasserströmen, die ins Nirgendwo fließen, oder Regen, der auf unfruchtbares Land fällt. Einige Befürworter von immer höheren Geschwindigkeiten, denen allgemeine Lebensziele überhaupt nicht am Herzen liegen, sind von Technologien, die es ermöglichen, die Erdatmosphäre in nur wenigen Minuten zu verlassen und Ton und Bild in Bruchteilen von Sekunden viele Tausende Kilometer weit zu übertragen, durch und durch beeindruckt. Sie schätzen nur die Geschwindigkeit an sich und bewundern allein die Technologie. Ihren Konsequenzen schenken sie keinerlei Beachtung. Die Geschwindigkeit ist jedoch ein rein materielles Phänomen. Ohne spezifischen Zielen untergeordnet zu werden, kann sie weder jemals eine Grundlage für Fortschritt und Zivilisation noch ein Instrument zur Realisierung menschlicher Werte sein. In den Jahrhunderten, in denen die Menschheit zu Fuß oder auf dem Rücken von Pferden reiste, hat sie ihr Glück gefunden. Im vergangenen Jahrhundert hingegen musste sie trotz ihrer so hoch entwickelten Technologie bedauerlicherweise Brutalitäten schrecklichster Ausprägung erleiden.

Sich schnell fortzubewegen, gehörte nie zu den dringendsten Bedürfnissen der Menschheit. Geschwindigkeit war immer nur ein Mittel zum Zweck. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine ausgewogene Betrachtungsweise. Manche haben die Geschwindigkeit zu ihrem Götzen erhoben und technische Fortschritte glorifiziert, sie als die wichtigsten Errungenschaften überhaupt dargestellt. Andere wiederum reagierten auf die Wertlosigkeit einer nicht zielgerichteten Geschwindigkeit mit Feindseligkeit gegenüber den modernen Techniken des Transportwesens und der Kommunikation.

Geschwindigkeit und Schnelligkeit sollte bestimmten Zielen dienen. Man kann sie begrüßen und schätzen, wenn sie die Realisierung menschlicher Werte und Ziele ermöglichen, Frieden und Glück bringen, Trennungsqualen ein Ende setzen, zur Harmonie der Welt und zur Lösung der Probleme der diesseitigen und jenseitigen Welt beitragen, die wissenschaftliche Forschung fördern und eine wissenschaftliche Nachweise verankern helfen. Ohne diese Erträge sind schnelle Fortbewegung und Kommunikation nicht mehr als bedeutungslose, unsichere Illusionen."

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