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Liebe

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Perlen der Weisheit

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Die Liebe ist eine der subtilsten Segnungen, die der Barmherzige der Menschheit gewährt hat. In Form eines Samenkorns existiert sie in jedem Menschen. Unter günstigen Umständen keimt das Samenkorn, wächst wie ein Baum und erblüht zu einer Blume. Schließlich reift es wie eine Frucht und vereint den Anfang mit dem Ende.

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Als ein Gefühl strömt die Liebe durch Augen, Ohren und Herz, die Pforten des Menschen, in sein Inneres. Dann schwillt sie an wie das Wasser hinter einem Damm, türmt sich auf wie eine Lawine, oder verschlingt wie eine Flamme das ganze Wesen des Menschen. Wenn sie in eine Vereinigung mündet, beginnt die Liebe abzuklingen. Die Flamme erlischt. Das Staubecken leert sich, und die Lawine schmilzt dahin.

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Die Liebe ist ein natürlicher und essenzieller Aspekt des menschlichen Wesens. Wenn sie sich jedoch in ,wahre Liebe' - Liebe zum Schöpfer - verwandelt, erlangt sie ihre wahre Natur und Farbe. An der Schwelle zur Vereinigung wird sie dann zur ,reinen' Freude.

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Das Herz ist der Hafen des Menschen. Es ist für die Manifestationen Gottes empfänglich. Die Liebe zum Schöpfer und die Sehnsucht, zu Ihm zurückzukehren, sind die sichersten Hinweise darauf, dass jemand von Gott geliebt wird.

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Die Liebe ist der direkteste und sicherste Weg zur menschlichen Vervollkommnung. Die Stufe der Vollkommenheit zu erklimmen, ohne die Wege der Liebe zu beschreiten, ist schwierig. Neben dem Weg ,der Anerkennung der eigenen Hilflosigkeit und Armseligkeit, der unbedingten Notwendigkeit, auf die Macht und Reichtümer Gottes zu vertrauen, der Hingabe auf Seinem Weg und der Danksagung' gibt es außer dem Weg der Liebe keinen weiteren Weg, der zur Wahrheit führt.

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Weder die ,Flammen' der Welt noch das Feuer der Hölle können einen Menschen ,verbrennen', der ,schon durch Liebe zu Asche verbrannt' ist. Jemand, der in dieser Welt mit der Furcht vor dem Höllenfeuer brennt, wird nicht in die Hölle kommen. Die letzte Wohnstätte eines Menschen aber, der sich vor dem Höllenfeuer fühlt, wird wohl die Hölle sein. Diejenigen, die im Diesseits in den Flammen der Liebe brennen und die Hölle auf Erden erleiden, weil sie gegen ihr sinnliches Selbst und die Welt ankämpfen, werden diesem Leiden im Jenseits mit großer Sicherheit nicht noch einmal unterworfen sein.

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Die Liebe lässt uns unsere eigene Existenz vergessen und unsere Existenz in der Existenz des geliebten Menschen aufgehen. Sie fordert vom Liebenden, dass er stets nach seinem geliebten Menschen strebt und sich, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten, vollkommen den Wünschen dieses geliebten Menschen hingibt. Hierin liegt meiner Meinung nach die Essenz der Menschlichkeit.

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Auf dem Weg der Liebe ist selbst die geringste gedankliche Neigung des Liebenden zu jemand anderem als dem von ihm geliebten Menschen absolut unzulässig und würde die Liebe zerstören. Eine Liebe besteht so lange fort, wie der Liebende seinen geliebten Menschen in allem um ihn herum sieht und jede Schönheit und Vollkommenheit als die Manifestation seines geliebten Menschen betrachtet. Tut er dies nicht, stirbt die Liebe.

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Ein Liebender kann sich nicht vorstellen, sich seinem geliebten Menschen in irgendeiner Angelegenheit zu widersetzen, so geringfügig sie auch sein mag. Er kann es nicht ertragen, seinen geliebten Menschen durch irgendetwas verhüllt zu sehen, was ihn in Vergessenheit geraten lassen könnte. Jedes Gespräch, das sich nicht um seinen geliebten Menschen dreht, hält er für sinnlos und jede Handlung, die keinen Bezug zu seinem geliebten Menschen hat, für undankbar und illoyal.

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Die Liebenden, die in der Morgenröte der Zeichen des geliebten Menschen erwachen, kommen wieder zu sich und erkennen, dass sie von einem Heer von Flammen umgeben sind und brennen. Zu keiner Zeit aber verspüren sie den Wunsch, dieser angenehmen ,Hölle' zu entkommen. Sie sind wie ein Vulkan, der jeden Augenblick ausbrechen kann. Ihr Stöhnen gleicht der Lava, die jede Stelle, die sie erfasst, verbrennt.

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Wahre Liebe darf nicht mit Gefühlen verwechselt werden, die willensschwache Menschen gegenüber dem anderen Geschlecht empfinden. Ihre Art zu lieben ist unzulänglich und vergänglich. Auch wenn sie sich zuweilen in wahre Liebe verwandeln mag, besitzt sie keinerlei Wert.

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Liebe in Worte zu fassen, ist unmöglich. Denn sie ist ein emotionaler Zustand, den nur der Liebende selbst versteht.

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Der Liebende ist von der Liebe zu dem von ihm geliebten Menschen und von Bewunderung und Wertschätzung ihm gegenüber berauscht. Erst die Trompete des Jüngsten Gerichtes wird ihn wieder zur Besinnung kommen lassen.

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Eine Liebe ist nur dann eine wahre Liebe, wenn sie den Qualen der Vergänglichkeit Einhalt gebietet, und die ,Flammen', in denen der Leidende ,brennt', löscht. Eine Liebe ist außerdem nur dann eine wahre Liebe, wenn sie ein Heilmittel für alle scheinbar unheilbaren Leiden und Krankheiten sowie für alle Gebrechen der modernen Welt bietet.

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Wenn wir die Samenkörner der Liebe nicht in die Herzen jener jungen Generationen einpflanzen, die wir durch Wissenschaft, Bildung und moderne Kultur wiederzubeleben versuchen, werden diese niemals Vollkommenheit erlangen und sich niemals vollständig von der Verlockung sinnlicher Gelüste befreien.

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Die Liebe ist ein Pferd, das uns von Gott zur Verfügung gestellt wurde. Es soll uns zum Paradies bringen, das wir einst verloren haben. Niemand, der dieses Pferd je geritten hat, ist auf diesem Weg gescheitert. Manchmal jedoch sehen wir Menschen am Straßenrand, die prahlerisch daher reden, weil sie von Freude überwältigt sind. Ihr Verhalten ist jedoch eine Sache zwischen ihnen und Gott.

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Die Liebe ist die innere Verbundenheit des Herzens und der Willenskraft mit dem Geliebten. Sie setzt eine Reinigung der Gefühle von allen anderen Dingen oder Menschen voraus und beinhaltet, dass alle Sinne und Kräfte des Liebenden einzig und allein auf den Geliebten gerichtet sind. Jede Handlung des Liebenden reflektiert den Geliebten. Sein Herz schlägt im Rhythmus der Sehnsucht nach dem Geliebten. Seine Zunge flüstert den Namen des Geliebten, und seine Augen öffnen und schließen sich mit dem Bild des Geliebten.

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Wenn der Liebende die Schatten des Geliebten im pfeifenden Wind, im niederstürzenden Regen, im rauschenden Bach, im wispernden Wald und im aufziehenden Morgengrauen sieht, erwacht er zum Leben. Wenn er sieht, dass sich die Schönheit des Geliebten in allem widerspiegelt, gerät er in Verzückung. Wenn er den Atem des Geliebten in jedem Windzug wahrnimmt, wird er von Freude erfüllt. Wenn ihm aber die sporadischen Vorwürfe des Geliebten zu Ohren kommen, stöhnt er auf vor Schmerz.

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