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Hal und Maqam (Zustand und Station)

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Sufismus

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Zustand bedeutet, in der eigenen inneren Welt den ,Atem', der aus den Sphären des Jenseits zu uns hinüber weht, zu fühlen und die Unterschiede zu erfahren, die das Herz zwischen ,Tag' und ,Nacht' oder ,Abend' und ,Morgen' macht. Diejenigen, die diese Unterschiede als ständig wiederkehrende Wellen von Freude und Kummer oder Spannung und Entlastung empfangen, nennen die Beständigkeit dieser Wellen ,Station' und ihr Verschwinden ,Egoismus'.

Es wäre nicht falsch, ,Zustand' als ein Geschenk Gottes und als den Atem der Nähe Gottes zu beschreiben, den der Mensch im Herzen spürt. ,Station' hingegen lässt sich als die permanente Erfahrung eines Menschen mit diesem Atem und als Erwerb einer zweiten Natur durch diesen Atem charakterisieren.

Genauso wie Leben, Licht und Gnade ist auch der Zustand ein direktes Geschenk des Allmächtigen und lässt den Menschen von der Einheit Gottes überzeugt sein. Die Station hingegen ist von den zielstrebigen Bemühungen eines Menschen abhängig und kann deshalb die Wahrheit nicht so offenkundig widerspiegeln. Das Gefühl für spirituelle Ereignisse, die auf das Herz des Menschen einwirken, und die fortwährende Empfänglichkeit des Menschen für den Einen, der dem Herzen wohl bekannt ist, sollen hier keineswegs in die Nähe des Egoismus gerückt werden. Beide Eigenschaften, Gefühl und Empfänglichkeit, sind jedoch eher eine Würdigung der Quelle spiritueller Ereignisse. Die Würdigung der Fähigkeit, diese Ereignisse den eigenen Fähigkeiten und Charakteren entsprechend zu verarbeiten, kann hingegen schnell zu Prahlerei und Einbildung führen.

Der aufrichtigste und meist geschätzte aller Menschen, Friede und Segen seien mit ihm, sagte bei Gelegenheit:

 

Gott zieht nicht eure körperliche Statur in Betracht, sondern eure Herzen.[1]

Mit diesem Satz machte uns der Prophet darauf aufmerksam, was für die Wahrheit entscheidend ist und zeigte uns das, worum es wirklich geht. Ein Hadith zu diesem Thema, der aus nicht hundertprozentig verlässlicher Quelle stammt, lautet:

 

Gott zieht eure Herzen und Taten in Betracht.[2]

Dieser Ausspruch ist ein Hinweis auf die Station, die nach den Zyklen des Zustands erreicht wird.

Der Zustand besteht aus den Manifestationen Gottes, die zu Zeiten erscheinen, welche Sein Absoluter Wille festlegt. Diese Manifestationen spiegeln sich im Herzen, in der Wahrnehmung und im Bewusstsein des Menschen wider und haben zum Ziel, sie zu formen. Aus diesem Grund kann der Zustand mit einzelnen Wellen verglichen werden, die in unterschiedlichen Längen und Farben von der Sonne ausgehen und erscheinen und wieder verschwinden, ganz so wie es der uneingeschränkt Herrschende Wille vorsieht. Die Station dagegen bezeichnet eine Stabilität, die den Wellen des Zustands folgt.

Empfindsame Menschen und solche, deren Bewusstsein dem Wissen um Gott gegenüber aufmerksam und aufgeschlossen ist, nehmen die Wellen des Zustands in ihren Herzen genauso wahr, wie sie die Sonnenstrahlen in Bläschen auf dem Wasser erkennen; sie reagieren auf diese Wellen, indem sie sie auf verschiedenen Ebenen und auf unterschiedliche Art und Weise wahrnehmen. Menschen, die nicht in der Lage sind, in ihren Herzen einen ausgeglichenen Zustand herzustellen, und ihr Leben isoliert vom Allmächtigen leben, betrachten diese Wellen möglicherweise als Illusionen und Fantasien. Wie dem auch sei, für diejenigen, die das Leben mit dem Licht der Wahrheit schauen, sind sie manifeste, wahrgenommene Realitäten.

 

Der Prophet Muhammad, die herausragende Persönlichkeit des Zustands, der jedes spirituelle Geschenk, das ihm gemacht wurde, für wertvoller hielt als alle, die er bereits erhalten hatte, sagte einmal:

Ich bitte Gott siebenmal täglich um Verzeihung.[3]

Ein vollkommen reiner Mensch, der auf seiner ewig andauernden Reise zum Unendlichen das Bedürfnis nach einem unendlich hohen Berg und nach einem ewig brennenden Licht verspürt, hätte es wirklich nicht treffender ausdrücken können.


[1] Muslim, Birr, 33/4
[2] Muslim, Birr, 33/4; Ibn Madscha, Zuhd, 9
[3] Bukhari, Da'wat, 3; Tirmidhi, Tafsir al-Qur'an, 47

 

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