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Tawba, Inaba und Awba (Reue, aufrichtige Buße und die Zuwendung zu Gott in Reue)

Geschrieben von Fethullah Gülen am . Veröffentlicht in Sufismus

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Reue (tawba) bedeutet, dass jemandem etwas Leid tut, er nun Gewissensbisse bekommt und sich dann Gott mit der neu gefassten Absicht zuwendet, bislang Vernachlässigtes nachzuholen. Islamischen Gelehrten zufolge bezeichnet.

Reue auch das aufrichtige Bemühen, sich davor zu schützen, dem Wesen Gottes in Gefühlen, Gedanken, Absichten und Handlungen entgegen zu treten, und Seinen Anordnungen und Verboten nachzukommen. Reue besteht nicht darin, über irgendetwas Schlechtes oder Verbotenes verärgert zu sein und es aufzugeben. Reue heißt, sich von allem, was Gott hasst und verbietet, fern zu halten, selbst wenn Gefühl und Verstand dies nicht für nötig halten. Normalerweise wird Reue in Verbindung mit dem Wort nasuh gebraucht, was wörtlich soviel heißt wie rein, aufrichtig korrigierend, verbessernd und wiederherstellend. Tawba nasuh - aufrichtige und korrigierende Reue - meint eine reine, aufrichtige Reue, die auf vollkommene Art und Weise verbessert und wiederherstellt. Dies bedeutet, dass man für das, was man zu Unrecht getan hat, aufrichtige, innige und echte Gewissensbisse fühlt und in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel für andere Menschen liefert. Der Koran verrät uns, was er unter wahrer Reue versteht: O ihr, die ihr glaubt, wendet euch in aufrichtiger Reue zu Allah. (66:8)

Drei Kategorien von Reue werden unterschieden:

a) In die erste Kategorie fällt die Reue gewöhnlicher Menschen, die nicht in der Lage sind, Gottes Wahrheiten zu erkennen. Diese Menschen sind auf Grund ihres Ungehorsams gegenüber Gott besorgt. Sie sind sich ihrer Sünden bewusst, da diese ihr Herz verdunkeln. Nun wenden sie sich Gott zu und fassen ihre Reue in Worte wie z.B.: „Ich bin gestürzt oder habe eine Sünde begangen, vergib mir", oder „Ich bitte Gott um Verzeihung!"

b) Diejenigen, die sich der Wahrheiten Gottes hinter den Schleiern der materiellen Existenz teilweise bewusst sind, fühlen eine innere Erregung, wenn sie sündigen. Sobald ihr Verstand oder ihr Herz auf irgendetwas stößt, was nicht mit ihrer Überzeugung vereinbar ist, dass sie sich ständig in der Allgegenwart Gottes befinden, bzw. immer dann, wenn sie sich bewusst werden, dass ihre Herzen voller Achtlosigkeit sind, leiden sie unter starken Gewissensbissen. In solchen Momenten suchen sie unverzüglich Zuflucht zur Barmherzigkeit und Gnade Gottes. Ein Mensch mit diesem Grad der Aufmerksamkeit und spirituellen Wachsamkeit ist in der folgenden Tradition beschrieben:

(Gottes Gesandter erklärte:) Jemand, der seine Sünden aufrichtig bereut, ist, als hätte er sie niemals begangen. Wenn Gott einen Seiner Diener liebt, werden ihm seine Sünden nicht schaden. Dann rezitierte er den Vers: Ganz gewiss, Gott liebt den, der oft bereut und diejenigen, die stets danach streben, sich selbst zu reinigen." Zum Kennzeichen der Reue befragt erklärte er: "Es sind die tief empfundenen Gewissensbisse." (Qushayri, ar-Risala, S. 91)

c) Diejenigen, deren Herzen aufmerksam sind und die ihr Leben so leben, wie es die Tradition Meine Augen schlafen, mein Herz jedoch nicht. (Bukhari, Tahajjud, 16; Muslim, Musafirin, 125) beschreibt, räumen alles, was zwi-schen Gott und ihre Herzen bzw. andere innere Fähigkeiten tritt, sofort beiseite und gewinnen das Bewusstsein um ihre Beziehung zum Licht der Lichter schnell zurück. Sie verkörpern unablässig die Bedeutung des Ausspruches (Er war) ein vortrefflicher Diener; stets wandte er sich (Allah) zu. (38:44).

Reue bedeutet, die dringend erforderliche Reinheit nach jeder spirituellen Beschädigung zurück zu gewinnen. Oft bezeichnet sie auch eine Selbsterneuerung. Die verschiedenen Stadien der Reue sind folgende:

1. Man bekommt ein schlechtes Gewissen und bedauert etwas.

2. Man fürchtet sich jedes Mal, wenn man an die Sünden denkt, die man in der Vergangenheit begangen hat.

3. Man versucht, Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen und unterstützt die Sache der Gerechtigkeit.

4. Man überprüft die eigene Verantwortlichkeit und kümmert sich um Pflichten, die man zuvor vernachlässigt hat. Man holt Versäumtes nach.

5. Man verbessert sich selbst, indem man spirituelle Mängel, die durch Abweichungen und Irrtümer entstanden sind, beseitigt.

6. Man bedauert und beklagt die Zeiten, in denen man nicht an Gott gedacht, Ihm nicht gedankt und nicht über Seine Werke nachgedacht hat. Man ist ständig besorgt und alarmiert, dass eigene Gedanken und Gefühle durch etwas, was die Beziehung zu Gott beeinträchtigen könnte, verunreinigt werden könnten. Diese letzte Eigenschaft ist nur denjenigen eigen, die sich durch extreme Nähe zu Gott auszeichnen.

Wenn ein Mensch keine Gewissensbisse, keine Reue und keinen Abscheu gegenüber den kleinen oder großen Irrtümern, die ihm unterlaufen sind, fühlt und nicht besorgt ist, dass er die gleichen Fehler zu anderer Zeit noch einmal begehen könnte, wenn er nicht im Dienst an Gott Zuflucht sucht, um sich von den Abweichungen und Irrtümern, denen er verfallen ist, indem er Gott abtrünnig wurde, zu befreien - dann wird seine Reue nicht mehr als eine Lüge sein.

Mawlana Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207-1273) sagt über die aufrichtige Reue:

""Ich habe bereut und mich Gott so aufrichtig zugewandt,
dass ich (mein Reuegelübde) solange nicht brechen werde,
bis meine Seele meinen Körper verlässt.
Denn wirklich, wer sonst als ein Esel
läuft in sein Verderben,
Nachdem er (auf Grund seiner Sünden)
so viel durchgemacht hat?""

Reue ist ein Eid auf die Rechtschaffenheit. An ihr unerschütterlich fest zu halten, ist eine Heldentat, die eine ausgeprägte Willenskraft erfordert. Muhammad, der Meister all jener, die bereuen, sagt, dass jemand, der aufrichtige Reue zeigt und sie unentwegt aufrecht erhält, von gleichem Rang wie die Märtyrer ist. Die Reue von Menschen, die sich nicht von ihren Sünden und Abweichungen befreien können, obwohl sie ständig etwas bereuen, bedeutet dagegen eine Verspottung der ,Tür', an die sich die wahrhaft Bereuenden mit äußerster Entschiedenheit und Offenheit wenden.

Ein Mensch, der sich nicht von seinen Sünden abwendet, obwohl er behauptet, die Hölle zu fürchten, der Unrecht tut, obwohl er versichert, dass er ins Paradies gelangen möchte, der gleichgültig gegenüber dem Weg und der Praxis des Propheten ist, obwohl er geltend macht, dass er ihn doch liebt - so ein Mensch kann nicht ernsthaft und offenherzig in seinen Bemühungen sein. Es ist also schwierig, jemanden für glaubwürdig und aufrichtig zu halten, der permanent sündigt und danach bereuen möchte.

Das erste Stadium, in das ein Eingeweihter eintritt, ist die Reue, das zweite ist inaba (die aufrichtige Buße). Im täglichen Sprachgebrauch bezeichnet inaba auch die Zeremonie, die abgehalten wird, wenn ein Mensch sich einem spirituellen Führer (einem murshid) unterwirft. Während Reue das Training von Gefühlen, Gedanken und Handlungen erfordert, um aus Ablehnung Annahme und Gehorsam werden zu lassen, verlangt die aufrichtige Buße eine sorgfältige Überprüfung von Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Angemessenheit jener Annahme und jenes Gehorsams. Reue ist ein Fortschreiten oder eine Reise zu Gott und bedeutet, sich zu bemühen, alles, was Gott gefällt, zu tun und sich von allem, was er verbietet, fern zu halten. Aufrichtige Buße ist ein Aufstieg, der über die Stadien der Reise zu Gott hin führt. Sie bezeichnet die Anstrengung, ein aufrechtes und selbstloses Leben zu führen und sich in das Vorhaben zu vertiefen, für alles, was man tut und denkt, den Zuspruch Gottes zu erhalten. Awba (die Zuwendung zu Gott in Reue) ist ein Aufstieg über die Phasen der Reise, die von Gott zurück führt. Awba bedeutet, für die Rechtleitung anderer Menschen verantwortlich zu sein, nachdem man den islamischen Weg des Glaubens, Denkens und Handelns verinnerlicht hat.

Anders ausgedrückt: Wer aus Furcht davor, als Ungläubiger zu sterben und auf ewig verdammt zu werden, bei Gott Zuflucht sucht, zeigt Reue. Wer mit dem Wunsch, den eigenen spirituellen Rang zu bewahren, ganz in Gott aufgeht, zeigt aufrichtige Buße. Wer sich aber allen Wünschen, Bestrebungen und Zielen, an denen Gott keinen Gefallen findet, verschließt, übt größtmögliche Zuwendung zu Gott in Reue. Auf der ersten Stufe steht die Gesamtheit der Gläubigen. Davon kündet der Vers Und wendet euch allesamt reumütig Allah zu, o ihr Gläubigen... (Der Koran, 24:31) Die zweite Stufe ist den außergewöhnlich rechtschaffenen Menschen und jenen mit dem stärksten Glauben und einem so vorbildlichen Verhalten vorbehalten, dass sie in die Nähe Gottes gefunden haben. Diese Stufe reicht von den Worten des Verses Und kehrt euch zu eurem Herrn und ergebt euch Ihm... (Der Koran, 39:54) bis zu den Worten ...der reumütig war und sich in Acht nahm. (Der Koran, 50:33) Die dritte Stufe errei-chen nur Propheten und Gesandte. Gott schätzt und preist sie: (Er war) ein vortrefflicher Diener; stets wandte er sich Allah zu. (Der Koran, 50:33)

Worte, die Reue bekunden, drücken, wenn sie von Menschen ausgesprochen werden, die sich ihrer Existenz in der Allgegenwart Gottes ständig bewusst sind, aufrichtige Buße oder die Zuwendung zu Gott in Reue aus. In diesem Sinne sollen auch die Worte Muhammads, des vortrefflichsten aller Menschen, verstanden werden, wenn er sagt: „Ich bitte Gott siebzig oder hundertmal am Tag um Verzeihung."" Reue ist eine Handlungsweise derer, die versuchen, ein aufrichtiges Leben zu führen, gelegentlich aber vergessen, dass sie sich als Gottes Diener unter Seiner ständigen Aufsicht befinden und sich nicht ständig dessen bewusst sind, was Gottes Nähe wirklich bedeutet. Diejenigen, die im ständigen Bewusstsein der Nähe Gottes leben, betrachten es als Achtlosigkeit, sich Gott so zuzuwenden, wie es gewöhnliche Menschen tun. Denn Er leitet sie nach Seinem Wunsch; Er beaufsichtigt sie unablässig und ist ihnen näher als irgendetwas anderes. Ihr gegenwärtiges Stadium ist nicht das von Menschen, die die Einheit alles Existierenden schauen. Denn in diesem Stadium befinden sich nur die wirklich vollkommen untadeligen Menschen, die erkennen, dass die Schöpfung vollkommen in Gott aufgeht und Ihn deshalb als das einzig wahre Wesen akzeptieren. Ihr Stadium ist vielmehr das von Menschen, die die Einheit des Bezeugten feststellen. Sie sind gelehrte und rechtschaffene Menschen, die es akzeptieren, dass der wahrhaftig Existierende derjenige ist, der jenseits der Schöpfung bezeugt und wahrgenommen wird. Um es noch genauer zu sagen: Dieses Stadium ist denjenigen vorbehalten, die im Schatten der Praxis des Propheten Muhammad oder im Licht seiner Laterne ihren Weg gehen. Wenn Menschen, die sich nicht in diesem Stadium befinden und (nur) an der äußeren Oberfläche ihrer Existenz leben, von awba und inaba sprechen, können sie allenfalls Vermutungen äußern und nicht wirklich fundiert über diese Punkte sprechen."

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