Ihsan (Vollkommene Tugend)

Ihsan besitzt im Allgemeinen zwei Bedeutungen: ,etwas auf vollkommene Art und Weise tun' und ,jemandem etwas Gutes tun, eine Gunst erweisen'.

Taucht der Begriff ,ihsan' in Koran oder Sunna auf, ist damit meistens eine dieser beiden Bedeutungen gemeint; gelegentlich umfasst ihsan aber auch beide (wie in den Reflexionen des Kapitels ,Qalb 2' deutlich wurde, wo es um die Vorstellung ging, die der Prophet Joseph von ihsan hatte).

Gelehrten auf der Suche nach der Wahrheit zufolge stellt die vollkommene Tugend eine Handlung des Herzens dar, die beabsichtigt,

1) den Normen der Wahrheit entsprechend zu denken,
2) das Vorhaben, Gutes und nützliche Dinge zu tun, ins Auge zu fassen und in die Tat umzusetzen und
3) Zeremonien der Verehrung in dem Bewusstsein durchzuführen, sie dem Blick Gottes zu präsentieren.

Um ihsan zu erlangen, muss der Eingeweihte seine Gedanken, Gefühle und Pläne auf einen festen Glauben stützen und sich in diesen vertiefen, indem er die Grundlagen des Islam praktiziert und sein Herz darauf vorbereitet, die Geschenke Gottes entgegenzu-nehmen und im Licht der Manifestationen Gottes zu erstrahlen. Nur wer diese Stufe des ihsan erreicht hat, kann - mit dem Ziel, Gott eine Freude zu bereiten, und ohne irgendeine Anerkennung dafür zu erwarten - anderen Menschen wirklich Gutes tun.

Vollkommene Tugend heißt, Gott zu verehren, als würde man Ihn sehen. Selbst wenn du Ihn nicht siehst, sieht Er dich ganz gewiss.[1], heißt es in den Worten des Propheten. In seiner umfassendsten und exaktesten Bedeutung drückt ihsan aus, dass ein Eingeweihter alles, was er unternimmt, fehlerfrei und im Bewusstsein, von Gott gesehen zu werden, tut. Auf alles, was er unternimmt, muss er sich mit seinem Willen, seinen Gefühlen, seinem Bewusstsein und seinen inneren und äußeren Sinnen konzentrieren. Ein Eingeweihter, der dieses Maß an Bewusstheit um die ständige Kontrolle durch Gott besitzt, und sich infolgedessen bemüht, dass ihm keine Fehler unterlaufen, kann nur Gutes tun. Dass er anderen etwas Gutes tut, gehört fortan zu den elementaren Attributen seines Wesens. Dieses Attribut strahlt genauso hell von ihm aus, wie die Strahlen von der Sonne ausstrahlen.

Ihsan in der Bedeutung ,anderen etwas Gutes tun' kommt in folgendem Prinzip zum Ausdruck, das uns der Prophet verdeutlichte:

Du solltest deinem Glaubensbruder all das wünschen, was du dir selbst wünscht.[2]

Die universelle Bedeutung des Begriffs ,ihsan' wird durch eine Prophetentradition definiert:

Gewiss hat Gott entschieden, dass ihr euch in dem, was ihr tut, auszeichnen müsst. Wenn ihr jemanden mit dem Tode bestraft, tut es ohne Hass; schlachtet ihr ein Tier, tut es ohne Grausamkeit. Lasst den, der schlachtet, sein Messer schärfen und das Tier nicht zu sehr leiden.[3]

Das Bewusstsein um die Tugend ist ein geheimnisvoller Schlüssel, der die Tür zu einem Kreislauf des Guten aufschließt. Der Mensch, der diese Tür dann aufstößt und den hell erleuchteten Korridor betritt, findet sich auf einer ,Wendeltreppe' ins geheimnisvolle Unbekannte wieder; ihm ist, als betrete er eine Rolltreppe. Er ist jetzt im Besitz der Tugend; wenn er nun auch seinen freien Willen einsetzt, um stets Gutes zu bewirken und sich von Bösem fern zu halten, bringt ihn jeder Schritt, den er tut, zwei Schritte nach vorn. Im folgenden Vers ist davon die Rede:

Kann denn der Lohn für Güte etwas anderes sein als Güte?[4]

Muhammad, der Gesandte Gottes, befragte seine Anhänger einmal zu diesem Vers: Wisst ihr, was euer Herr mit diesem Vers sagen will? Sie entgegneten ihm: „Gott und Sein Gesandter wissen es besser als wir. Da erklärte er ihnen:

Die Belohnung dessen, dem Ich den Glauben an die Heilige Einheit und die Tugend verliehen habe, ist das Paradies.[5]

Wenn das Bewusstsein um die Tugend alle Hügel des Herzens wie Regenwolken durchdrungen hat, beginnen die Gunstbeweise Gottes, sich wie Schauer abzuregnen, und der Mensch - der nun die Erfahrung des Verses „Denen, die Gutes tun, soll das Beste zuteil sein und noch mehr." macht - fühlt das große Vergnügen, als menschliches Wesen erschaffen worden zu sein.

Zusätzlich zur Gnade Gottes, die als Belohnung für die tugendhaften Taten hinab kommt, existieren noch weitere Geschenke Gottes, die der Barmherzigkeit und Güte Gottes entspringen. Sie werden für die ehrlichen Absichten des Herzens gewährt, die wir aber nicht wahrnehmen, geschweige denn beschreiben können.

Ein lauteres Herz ist ein Herz, das den Menschen direkt und ohne Umwege zu Gott führt; und die Tugend ist die wertvollste Handlung des Herzens - die Handlung, die die größte Belohnung verspricht. Die Tugend ist der sicherste Weg, die Hügel der Aufrichtigkeit zu erklimmen, und gleichzeitig das zuverlässigste Mittel, die Gipfel der Anerkennung durch Gott zu besteigen und das Bewusstsein der Selbstbeherrschung vor dem Ewigen Zeugen zu gewinnen. Hunderttausende von Menschen, Gläubige mit großer Furcht und Ehrfurcht vor Gott, haben sich der Flügel der guten Handlungen bedient, um sich auf den Weg zu Gott zu machen; nur wenige haben aber den Gipfel erreicht. Lassen wir diejenigen, die es noch nicht geschafft haben, ihr Bestes geben, um doch noch ans Ziel zu kommen. Jene aber, die bereits angekommen sind, merken erst dort, wie hässlich all das ist, was Gott nicht liebt; sie sind den Menschen, die noch nicht am Ziel sind, sehr verbunden. Sie machen sich daran, alles zu tun, was Gott wünscht und eignen sich dieses Bemühen als ihre zweite Natur an.


[1] Bukhari, Iman, 37; Muslim, Iman, 7; Abu Dawud, Sunna, 16
[2] Bukhari, Iman, 7; Muslim, Iman, 71
[3] Muslim, Sayd, 57; Tirmidhi, Diyat, 14
[4] 55:60
[5] Tabari, Dschami' al-Bayan (Interpretation der Sure ar-Rahman)"

 

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