Fethullah Gülen und die Gülen-Bewegung in Deutschland

1. Einleitung

Die Anschläge in London, Madrid und New York, der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh und die gewalttätigen antiwestlichen Proteste gegen die Karikaturen des Propheten Mohammed in islamischen Ländern haben in vielen europäischen Ländern kontroverse und intensive Diskussionen über Ziele und Wege der Integrationspolitik hervorgerufen. Die heftigen Krawalle in den französischen Banlieue Ende 2005 haben auch hierzulande zu einer breiten öffentlichen Debatte über Defizite der Integration junger Migranten insbesondere junger Muslime geführt. Auch wenn man derzeit davon ausgeht, dass es hierzulande weder ghettoähnliche Zustände noch eine Grundstimmung der Hoffnungslosigkeit bei jungen Migranten gibt, deutet vieles darauf, dass die Gruppe jener, die nichts zu verlieren haben, auch in Deutschland größer wird. Hier besteht Handlungsbedarf.

In Europa lebende Muslime werden in diesem Kontext vor allem als Sicherheitsrisiko angesehen. Ehrenmorde, Parallelgesellschaften und Zwangsheiraten werden fälschlicherweise mit dem Islam gleichgesetzt und stereotype Auffassungen einer mit europäischen Wertvorstellungen angeblich kaum verträglichen Religion drohen sich zu festigen. Gleichzeitig wächst die Einsicht, dass die Bemühungen zur Integration junger Muslime in europäischen Gesellschaften und auch in Deutschland intensiviert werden müssen.

Erfahrungen von Vernachlässigung und Gewalt in den Familien und im öffentlichen Raum, defizitäre Bildungs- und Ausbildungserfolge, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, ungenügende Zukunftsperspektiven und soziale Ausgrenzung, die Konzentration von Migranten in benachteiligten Stadtvierteln, aber auch die zunehmende Globalisierung der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten erhöhen das Risiko, dass sich insbesondere marginalisierte Jugendliche muslimischer Herkunft von fundamentalistischen Strömungen und Organisationen beeinflussen lassen.

Die Integration von jugendlichen Muslimen darf aus diesem Grund nicht vernachlässigt werden und die spezifischen Eigenschaften und Charakteristika müssen hierzu einbezogen werden. Hierzu leisten die Einrichtungen, die von nahestehenden der Gülen-Bewegung gegründet wurden, einen wichtigen Beitrag für die Integration von Muslimen in Deutschland. Auch die Ideen und Lehren Fethullah Gülens können diesbezüglich von großem Nutzen sein. Der vorliegende Aufsatz thematisiert daher die Bedeutung der Gülen-Bewegung sowie der Gedanken Fethullah Gülens für die Integration von Muslimen und speziell jungen Muslimen in Deutschland.

Im ersten Abschnitt des Artikels wird die Sozialstruktur junger Muslime in Deutsch-land beschrieben. Dabei geht es insbesondere um die Wertorientierungen und Reli-giosität sowie die Bildungssituation. Anschließend erfolgt eine kurze Betrachtung der Charakteristika der Bewegung und ihrer Entstehung. Anschließend erfolgt die Analyse des Beitrags der Gülen-Bewegung zur Integration.

2. Die Muslime in Deutschland

Hier wird zunächst die demographische Zusammensetzung der Muslime in Deutschland beschrieben. Anschließend wird die Bildungssituation der jungen Muslime betrachtet. Das Kapitel endet mit einer Analyse der Religiosität junger Muslime im Vergleich zu Jugendlichen der christlichen Mehrheitsgesellschaft.

2.1. Demographie der Muslime in Deutschland

Die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime liegt bei etwa 3,3 Millionen, das ent-spricht einem Bevölkerungsanteil von 4%. Knapp die Hälfte aller Ausländer in Deutschland sind also Religionsangehörige des Islam. Die größte Gruppe der Muslime bilden hierbei mit etwa 60% Migranten aus der Türkei. Ende 2005 lebten etwa 1,8 Millionen türkische Staatsangehörige und über 675.000 eingebürgerte Personen türkischer Herkunft in Deutschland. Nach Angaben des Mikrozensus 2005 weisen sogar 2,792 Millionen Personen (3,4 % der Bevölkerung) eine „türkische Herkunftskonstellation“ auf. Angehörige muslimischen Glaubens finden sich zudem in größerer Zahl unter den Personen aus arabischen Herkunftsländern (etwa 520.000), aus Bosnien-Herzegowina (188.000) sowie aus Iran (130.000).

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime gehört der sunnitischen Glau-bensrichtung an; in der Antwort der Bundesregierung zum „Islam in Deutschland“ wird die Größe dieser Bevölkerungsgruppe, die vor allem aus der sunnitisch gepräg-ten Türkei und aus arabischen Herkunftsländern stammt, mit 2,1 bis 2,4 Millionen Personen angegeben, das Zentralinstitut Islam-Archiv (2005) schätzt ihre Zahl auf 2,6 Millionen.

Alle diese Schätzungen zur Anzahl der in Deutschland lebenden Muslime stützen sich allerdings auf die Herkunft von Zuwanderern und Eingebürgerten und nicht auf ihr religiöses Bekenntnis oder ihre Glaubenspraxis. Zur genauen Anzahl der gegenwärtig in Deutschland lebenden Einwohner muslimischen Glaubens gibt es keine Angaben. Das liegt vor allem daran, dass die deutschen Behörden Muslime nicht als gesonderte Bevölkerungsgruppe zählen und auch die Religionszugehörigkeit von Ausländern nicht systematisch erfassen. Sie bieten somit nur allgemeine Informationen über die Anzahl der in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Hintergrund.

Bei den in Deutschland lebenden Personen mit muslimischem Hintergrund handelt es sich um eine recht junge Bevölkerungsgruppe, so dass der Anteil der Muslime bei den jüngeren Altersgruppen deutlich über ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt. Während bei der ausländischen Bevölkerung der Anteil der unter 30-jährigen bei 42,1% liegt, beläuft er sich bei der deutschen Bevölkerung auf 31,1%. Das hängt mit zwei Aspekten zusammen: Zum einen entschließen in der Regel jüngere Menschen zur Migration und zum anderen liegt die Anzahl der Kinder in ausländischen Familien deutlich höher als in deutschen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Hintergrund eine relativ junge und rasch wachsende Bevölkerungsgruppe bilden, die in den unteren Altersgruppen bis zu zehn Prozent der Bevölkerung stellt. Die Entwicklung des Islam in Deutschland ist zwar historisch vor allem mit der Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften und Flüchtlingen verknüpft, aber die Reformen des Staatsangehörigkeitsrechts haben bewirkt, dass sich die Zahl der Deutschen mit muslimischem Hintergrund im letzten Jahrzehnt verfünffacht hat – von etwa 200.000 (Ende 1995) auf über eine Million (Ende 2005). Mit den Nachkommen muslimischer Zuwanderer, die bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sowie der zunehmenden Einbürgerung von Menschen mit muslimischem Hintergrund wachsen die Bemühungen, ethnische, sprachliche und religiöse Differenzen zwischen den in Deutschland lebenden Muslimen zu überwinden. Hierbei spielt die Bildung eine bedeutende Rolle.

2.2. Die Bildungssituation junger Muslime in Deutschland

Viele muslimische Kinder und Jugendliche, auch wenn sie bereits in der Zweiten oder Dritten Generation in Deutschland leben, erfahren Schwierigkeiten bei der Integration in die Gesellschaft. Da auch muslimische Kinder der Schulpflicht unterliegen, könnte man vermuten, dass über die Bildungsinstitution Schule eine gesellschaftliche Integration geschaffen und erleichtert werden kann. Doch gerade in der Schule zeigen sich häufig Hindernisse aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse sowie kultureller Konflikte. Seit 1990 sind Schulklassen mit Ausländeranteilen von 50% und mehr in einigen Regionen Deutschlands nichts Ungewöhnliches mehr — mit zunehmender Tendenz, die das deutsche Bildungssystem vor neue Herausforderungen stellt. Zur Realisierung sozialer Teilhabe spielen Sprachkenntnisse als zentrale Handlungskompetenz eine besondere Rolle. Es kann für die in Deutschland geborenen Muslime angenommen werden, dass sie im Verlauf ihres Aufwachsens in Deutschland ausreichende Sprachkenntnisse erworben haben.

Die Ergebnisse einer groß angelegten Untersuchung von Migranten türkischer Her-kunft von Mehrländer u.a. bestätigen diese Annahme . Demzufolge beurteilen 62,2% der Jugendlichen mit türkischem Pass, die im Jahr 1995 bis 24 Jahre alt waren, ihre Sprachkenntnisse als gut oder sehr gut. 20,5% der Befragten beurteilen ihre Sprachkenntnisse dagegen als schlecht oder sehr schlecht. Die Autoren belegen, dass 92% der 15-bis 24-Jährigen keine Probleme beim Einkaufen in deutschen Geschäften haben und dass 87,2% in ihrer Freizeit mit Deutschen Gespräche führen können; 73,8% dieser Gruppe kann Deutsch schreiben. Die Beurteilungen der Interviewer für die türkischen Befragten drücken aus, dass knapp die Hälfte (46,9%) über gute bis perfekte Deutschkenntnisse verfügt. Für 16,3% werden dagegen nur wenige oder gar keine Verständigungsmöglichkeiten ausgewiesen. Die schulische und berufliche Ausbildung von ausländischen Jugendlichen ist im Durchschnitt geringer qualifizierend als die von deutschen. 9,3% aller Schüler in Deutschland sind ausländischer Herkunft. Von diesen hatten 43,4% die türkische Staatsangehörigkeit, 11,8% die eines der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und 19,5% waren außereuropäischer Herkunft. Darunter waren die Hauptherkunftsländer Iran, Marokko, Afghanistan und der Libanon. Die meisten von ihnen sind also Muslime.

Auch wenn die amtliche Statistik in Deutschland zur Bildungsbeteiligung von Migranten aufgrund der ausschließlichen Berücksichtigung der Staatsangehörigkeit nach wie vor unbefriedigend ist, da eingebürgerte Schüler mit Migrationshintergrund und junge Aussiedler nicht berücksichtigt werden, lassen sich konkrete Tendenzen aufzeigen. Demnach hat sich die schulische Situation junger Migranten in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert, obwohl sich die Differenzen zwischen jungen Deutschen und jungen Migranten als stabil erweisen. So erwerben immer mehr Jugendliche weiterführende Schulabschlüsse und immer mehr beenden ihre Ausbildung mit der Hochschulreife, in deren Folge auch die Zahl der ausländischen Studenten angestiegen ist.

Die Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) bestätigen bereits für die 1980er und 1990er Jahre die Tendenz, wonach junge Migranten und damit auch die jungen Türken, im Laufe der Jahre verstärkter an höheren Bildungsgängen partizipieren. Demnach haben sich die Übergänge von der Grundschule auf die Hauptschule in den Jahren 1985 bis 1995 kontinuierlich zugunsten eines stärkeren Übergangs auf die Realschule verschoben. Wechselten 1985 noch 74,4% der Migrantenkinder von der Grund- auf die Hauptschule, waren es 1995 nur noch 37,9% — dem entspricht ein Anstieg derer, die von der Grundschule auf die Realschule wechselten — der Anteil war bis 1995 auf 34,8% gewachsen. Die Zunahme des Wechsels auf das Gymnasium hingegen ist im zeitlichen Verlauf relativ gering: Zwar war er im Jahr 1985 mit 8,6% am geringsten, erhöhte sich 1990 auf 16,3%, ging aber bis 1995 wieder zurück. Ungeachtet solcher langfristiger Verbesserungen gelten für die Gegenwart nach wie vor gravierende soziale Benachteiligungen in den schulischen Bildungsprozessen junger Migranten im Vergleich mit jungen Deutschen. Beispielsweise 43,8% der Migranten besuchen die Hauptschule und nur 13,9% das Gymnasium. Von den deutschen Schülerinnen und Schülern besuchten nur 18,6% die Hauptschule und 32,3% das Gymnasium.

Somit erwerben muslimische Jugendliche im Durchschnitt niedrigere Bildungsab-schlüsse als deutsche. Neben kulturellen und sprachlichen Schwierigkeiten kann angenommen werden, dass die in der PISA-Studie beschriebene Beziehung zwischen schulischer Leistung der Kinder und Bildungsniveau der Eltern eine Rolle spielt, denn ausländische und auch muslimische Jugendliche stammen häufiger aus Arbeiterfamilien.

Der Anteil ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen liegt bei 12,2%, von denen ein Großteil allerdings zu Bildungsausländern zählt (also solchen Personen, die ihre Hochschulreife im Ausland erworben haben). Der Anteil der Bildungsinländer liegt bei nur 3,3%.

Es kann beobachtet werden, dass die Zahl jugendlicher Migranten und insbesondere auch Muslimen mit jeder steigenden Stufe des Bildungssystems abnimmt. Während an den allgemein bildenden Schulen noch jeder Zehnte einen ausländischen Pass hat, so ist es bei den Auszubildenden nur noch jeder Sechzehnte und bei den Studierenden nur noch jeder Dreißigste.

Dennoch, so zeigen neue Ergebnisse zum Einfluss des Migrationsstatus auf die Übergangsquote in den Hochschulbereich, ist die Quote von Studenten aus Arbeiterfamilien bei jugendlichen Migranten höher als bei solchen ohne Migrationshintergrund. Zwar ist auch hier das Herkunftsmilieu ein entscheidender Einflussfaktor, allerdings ist die Übergangsquote der Studienberechtigten aus nichtakademisch gebildeten Migrantenfamilien, zu denen zum großen Teil auch Studienberechtigte aus dem türkischen Migrationskontext stammen, höher als bei Studienberechtigten aus deutschen nicht-akademischen Milieus. In dieser stark vorgefilterten Gruppe, die nur einen geringen Teil aller Studienberechtigten ausmacht, ist der Wunsch nach einer akademischen Laufbahn besonders ausgeprägt. Welchen Beitrag die Gülen-Bewegung hierbei leistet soll nach einer Betrachtung der Religiosität junger Muslime analysiert werden.

2.3. Die Religiosität junger Muslime in Deutschland

Der technische Fortschritt bis hin zur Informationsrevolution unserer Zeit hat die menschliche Lebensweise grundlegend verändert. Viele meinten deshalb, die Religionen würden irgendwann einmal irrelevant. Und manche in Europa haben sich sogar angewöhnt, Religion als rückständig anzusehen. Tatsächlich erleben wir gerade genau das Gegenteil: Viele Menschen besinnen sich auf die Religionen und ihre Werte, weil sie Orientierung und Halt geben in einer Welt immer schnellerer Umbrüche. Dies gilt auch für die jungen Muslime in Deutschland.

In der empirischen Jugendforschung wurde das Thema Religion lange Zeit weitge-hend vernachlässigt. Zudem bezogen sich die wenigen Studien zu Religion und Religiosität von Jugendlichen in Deutschland nahezu ausschließlich auf deutsche Jugendliche. Von wenig Bedeutung war das Thema Religion auch in zahlreichen Studien zur Lebenssituation von jugendlichen Migranten. Die religiöse Orientierung von Zuwanderern, vor allem von Jugendlichen mit türkisch-muslimischem Hintergrund, ist erst seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Neuere Studien zur Religiosität junger Muslime verdeutlichen, dass viele der Jugendlichen auf der Suche nach einer bewussten Lebensführung in der Moderne vornehmlich auf den Islam zurückgreifen. Jedoch sind dies überwiegend qualitative Studien, die oft mit niedrigen Fallzahlen, einer selektiven Auswahl der Befragten und einer Konzentration auf bildungserfolgreiche Muslime einhergehen.

Die Religiosität von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund ist erst in den letzten Jahren zum Thema vorwiegend quantitativer Jugendstudien geworden. Zu den Ergebnissen der Shell Jugendstudie gehört, dass 27 Prozent der deutschen, jedoch nur sechs Prozent der türkischen Jugendlichen sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Bei der Frage nach religiösen Praktiken und Einstellungen gaben 14 Prozent der deutschen und 35 Prozent der türkischen Jugendlichen an, dass sie mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen. Die Anteile der türkischen Jugendlichen, die ihre Kinder religiös erziehen möchten (männlich: 64 %; weiblich: 74 %), die manchmal oder regelmäßig beten (männlich: 41 %; weiblich: 52 %), oft religiöse Bücher lesen oder an eine „höhere Gerechtigkeit“ glauben (männlich: 72 %; weiblich: 78 %), sind ungefähr doppelt so hoch wie bei den deutschen Befragten.

Die Shell Jugendstudie kommt zu dem Ergebnis, „dass es in Deutschland drei ver-schiedene Kulturen der Religiosität gibt“, „eine Mehrheitskultur westdeutscher Ju-gendlicher, die man als mäßig religiös einstufen kann“, „eine Teilkultur ostdeutscher Jugendlicher, die nur in geringem Maße religiös ist“, und eine „aus geprägt religiöse Kultur“, die von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gebildet wird.

Während zehn Prozent der ostdeutschen und 28 Prozent der westdeutschen Ju-gendlichen aus Elternhäusern kommen, die „sehr religiös“ oder „ziemlich religiös“ sind, gilt dies für 54 Prozent der befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 73 Prozent der jungen Muslime. Diese wachsenden Differenzen der Religiosität scheinen die Jugendlichen eher auseinander- als zusammenzuführen.

Zu den Ergebnissen der 15. Shell Jugendstudie gehört, dass bei den befragten Ju-gendlichen ein steigender Wunsch nach einer künftigen Verringerung des weiteren Zuzugs von Migranten besteht. Sie zeigt außerdem, dass Religionsverständnis bei höherer Schulbildung liberaler ist als bei niedriger Schulbildung. 15% der türkisch-stämmigen Muslime in der Altersgruppe 18 bis 30 Jahre beurteilt das Leben in einem christlichen Land als sehr oder eher schwierig.

Insgesamt kann konstatiert werden, dass der Islam für viele junge Muslime wichtige Funktionen erfüllt. Er prägt ihr Selbstverständnis in einer modernen, säkularen und liberalen Gesellschaft. Er hat somit eine das Individuum stabilisierende und die ethnischen Minderheiten integrierende Funktion. Damit steigt allerdings auch die Gefahr, dass radikal-islamische Milieus entstehen, die sich von der einheimischen Kultur isolieren und parallelgesellschaftliche Strukturen herausbilden. Hier leisten die Aktivitäten und Einrichtungen der Gülen-Bewegung wichtige Beiträge. Auf diese wird im folgenden Kapitel eingegangen.

3. Der Beitrag der Gülen-Bewegung zur Integration

Im diesel Kapitel soll auf den Beitrag der Gülen-Bewegung zur Integration von Mus-limen in Deutschland eingegangen werden. Zunächst erfolgt eine Analyse der Charakteristika der Bewegung. Anschließend werden die Beiträge im Bildungsbereich erläutert und die Sozialkapitaltheorie sowie die Finanzierung der Einrichtungen und Aktivitäten betrachtet. Dabei beruhen meine Ausführungen vor allem aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen.

3.1. Die Charakteristika der Gülen-Bewegung

Die aktuelle Verwendung des Begriffes „Transnational“ in den Sozialwissenschaften umfasst „alle Phänomene, die mit einer verminderten Bedeutung von Nationalstaatsgrenzen und der damit einhergehenden Zunahme an Intensität und Komplexität der Verteilung von Objekten, Ideen und Menschen über Staatsgrenzen hinaus, zusammenhängen“. Die Gülen-Bewegung kann somit als transnationale Bewegung gesehen werden. Ihr Ziel besteht darin gegenseitiges Verständnis, Respekt, Toleranz und Frieden unabhängig von nationalstaatlichen Grenzen zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, bauen die Ehrenamtlichen der Bewegung weltweit über Staatgrenzen hinaus Dialoge und Kooperationen mit Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft auf. Aus diesen Verbindungen entstehen Netzwerke, die eine besondere Form eines Beziehungssystems darstellen, die Migrantengruppen grenzüberschreitend mit ihrem Herkunftsland und weiteren Staaten verbindet.

Die Auswirkungen transnationaler Netzwerke auf die Gesellschaft des Aufenthalts-landes und auf den Transmigranten sind vielfältig. Grenzüberschreitender Austausch und Bindungen, gestatten Individuen an weit entfernten Orten in ein Beziehungsgeflecht einzutreten und führen nach Glick Schiller et al und nach Vertovec zu Hybridität, zu einer Verschiebung von Wertvorstellungen, zur Anregung neuer Konsumbedürfnisse und zur Erweiterung kultureller Identitäten. Beispielhaft ist hierbei der Einfluss der Migranten auf die soziale Schichtung der Aufnahme- und der Herkunftsgesellschaft.

Diese Art von Verbindungen ist kein neues Phänomen in der Geschichte. Viele Be-wegungen haben transnationale Einflüsse ausgeübt und Netzwerke gebildet. Hierzu zählen zum Beispiel die Bewegungen zum Schutz der Umwelt. Die Ehrenamtlichen der Bewegung haben aus verschiedenen Kontexten heraus Bekannte und Freunde, die sie in ihr persönliches Netzwerk einbinden, diese bestehen aus unterschiedlichsten Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religionszugehörigkeit. Die Netzwerke sind dabei so vielfältig, wie die Ehrenamtlichen als Individuen. Man darf hierbei allerdings den nicht Begriff Bewegung mit dem Begriff der Organisation verwechseln.

Die nach dem türkischen Gelehrten Fethullah Gülen benannte Gülen-Bewegung ist eine durch den Glauben motivierte Bewegung. Sie ist keine Organisation. Eine Organisation ist nämlich ein von bestimmten Personen gegründetes, zur Verwirklichung spezifischer Zwecke planmäßig geschaffenes, hierarchisches verfasstes, mit Ressourcen ausgestattetes, relativ dauerhaftes und strukturiertes Aggregat (Kollektiv) arbeitsteilig interagierender Personen, das über wenigstens ein Entscheidungs- und Kontrollzentrum verfügt, welches die zur Erreichung des Organisationszweckes notwendige Kooperation zwischen den Akteuren steuert, und dem als Aggregat (Körperschaft, juristische Person) Aktivitäten oder wenigstens deren Resultate zugerechnet werden können.

Eine Bewegung hingegen ist eine Gesinnungsgemeinschaft mit einer gemeinsamen Vorstellung und gemeinsamen Überzeugungen. Bewegungen haben thematisch fokussierte Netzwerke, in denen sich ein Rahmen vorgeben lässt, mehr aber auch nicht. Es handelt sich bei ihnen um labile Gebilde, da grundsätzlich für alle Beteiligten die Möglichkeit besteht, die Bewegung wieder zu verlassen. Bewegungen verfügen über keine Sanktionsinstanzen bzw. -mechanismen zur Verhinderung von Ein- und Austritten. Desweiteren sind Bewegungen nicht Ansammlungen von Einzelpersonen, sondern Netzwerke von Gruppen, so dass es ausreicht Teil einer Gruppe zu sein, um Teil des Netzwerkes zu sein. Diese Voraussetzungen gelten auch für die Gülen-Bewegung.

Ein wichtiger Grundsatz der Bewegung bei allen Aktivitäten ist, dass die Ehrenamtli-chen der Bewegung stets nach den Gesetzen und Richtlinien des Landes handeln, in dem sie leben und die demokratischen Grundwerte fördern. Sie lieben das Land in dem sie leben und setzen sich für die Zukunft und das Zusammenleben lokal ein.

Die Gülen-Bewegung setzt sich aus Ehrenamtlichen und Freiwilligen zusammen und bemüht sich um moralische und universelle Werte wie Liebe, Mitgefühl und das Streben nach Gottes Wohlwollen durch den Dienst für die Menschheit. Die Ehrenamtlichen der Bewegung betrachten den Dienst für die Menschen als Dienst für Gott. Jeder Freiwillige, egal welcher Religionszugehörigkeit oder Herkunft, der der Menschheit einen Dienst erweisen möchte, kann Teil der Bewegung werden. Die Ehrenamtlichen würdigen und unterstützen universelle Werte wie Ehrlichkeit, Zusammengehörigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Gesetzestreue, konstitutionelle und aktive Demokratie, Religions- und Gewissensfreiheit sowie Menschenrechte.

Die Aktivitäten erstrecken sich auf den Bildungsbereich, den interkulturellen und interreligiösen Dialog sowie den Medienbereich. Die Bewegung verfolgt keinerlei politische Ziele. In den zahlreichen Werken Gülens wird verdeutlicht, dass die Bewegung nicht die Gründung eines islamischen Staates beabsichtigt. Die Bewegung ist daran interessiert mit demokratischen Institutionen zusammen zu arbeiten. Projekte und Aktivitäten mit politischen Parteien bzw. Politikern sind möglich. Jedoch existiert keine gemeinsame vorgegebene politische Präferenz. Die Angehörigen sind von der demokratischen Partizipation überzeugt und haben ihre eigenen, individuellen politischen Standpunkte. So kann es sein, dass Ehrenamtliche der Bewegung Mitglieder unterschiedlichster Parteien sein können und sich sozial engagieren.

Die Einrichtungen der Bewegung initiieren und wirken bei Projekten zur Lösung gesellschaftlicher Probleme mit. Sie bemühen sich insbesondere gegen Unwissenheit, Armut, politische Anarchie, gegenseitige Vorurteile und Separatismus. Die Bewegung arbeitet lösungsorientiert, selbstlos und friedlich. Sie verurteilt offen Rassismus, Antisemitismus, Radikalismus, Extremismus und jegliche Form der Gewalt. Sie fördert Bildung, mäßiges Handeln und Versöhnung, zwischen allen Menschen, egal welcher Religionszugehörigkeit oder Ethnie.

Die Bewegung ist offen für gemeinsame Projekte, dynamisch und anpassungsfähig. Der Prozess der Modifikation von einer zunächst türkeibasierten kulturellen und bildungsorientierten zu einer transnationalen globalen Bewegung ist ein Zeichen ihrer Universalität, Lernbereitschaft und ihrer positiven Dynamik. Die Bewegung, die ursprünglich hauptsächlich aus Türken bestand und überwiegend von der türkischen Kultur und Geschichte geprägt war, hat keinerlei Verbindungen zu rassistischen, ultranationalistischen und pan-türkischen/turanistischen Ideologien und besteht heute aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion. Jegliche Art von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wird als Bedrohung für gesellschaftlichen Frieden und Ordnung betrachtet. Auch wenn die Mehrheit der Ehrenamtlichen der Bewegung immer noch türkische Muslime sind, wächst die Zahl der Menschen mit verschiedenen ethnischen und kulturellen Hintergründen, die das Selbstverständnis der Bewegung teilen und sich an ihren lokalen Projekten beteiligen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass diese Synthese aus Transnationalität und lokalem Patriotismus die Gülen-Bewegung zu einem wichtigen Akteur bei der globalen Förderung von Frieden und Toleranz macht. Somit kann die Bewegung als eine transnationale Bewegung angesehen werden, die mit höchster Motivation versucht lokale Probleme mit konkreten lokalen Projekten zu lösen und so dem jeweiligen Land, der jeweiligen Region oder der Stadt von Nutzen zu sein.

Da es viele Menschen gibt, die sich mit einer Philosophie der Liebe und Toleranz identifizieren und daher Projekte und Aktivitäten vorschlagen, initiieren und ausfüh-ren und kann auch von einer weltweit aktiven „Bewegung der Liebe und Toleranz“ gesprochen werden. Jeder der sich für Liebe, Toleranz und Frieden einsetzt ist Teil dieser Bewegung. Zu einer derartigen Bewegung würde ich auch Ghandi, Martin Luther King, Hans Küng und Mutter Theresa zählen. Auch Die Gülen-Bewegung kann als ein Teil dieser „Liebe und Toleranz Bewegung“ gesehen werden.

3.2. Der Beitrag der Gülen-Bewegung im Bildungsbereich

Bildung ist eine der wichtigsten sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts. Sie bezieht sich nicht nur auf die allgemeine Schulbildung und formelle Berufsausbildung, sondern ebenso auf berufliche Weiterbildung und kontinuierliches selbst gesteuertes Lernen. Ihre gesellschaftliche Bedeutung lässt sich wie für die meisten anderen modernen europäischen Gesellschaften auch für Deutschland an der Gleichzeitigkeit von Bildungsexpansion und sozialer Ungleichheit von Bildungschancen bemessen. So hatte die in Deutschland bereits in den 1950er Jahren einsetzende, sich in den 1960er Jahren beschleunigende und bis in die jüngste Gegenwart andauernde Bildungsexpansion zu einer zunehmenden Bildungsbeteiligung in allen Sozialschichten geführt. Die Gastarbeiter der ersten Generation hatten selber nicht dir Möglichkeit den sozialen Aufstieg über Bildung zu schaffen. Unter verschiedenen Alternativen entschieden sie sich zur Migration. Das Ziel dieser sog. ersten Generation war es, eine bessere Zukunft für Ihre Kinder zu ermöglichen. Die Bildungsexpansion in Deutschland haben diese zunächst verpasst. Die Bildungsexpansion hat die Bildungschancen für alle Schichten erhöht, aber zu einem Abbau der Chancenunterschiede zwischen den Schichten ist es kaum gekommen. Auffällig sind in dieser Hinsicht auch die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern sowie die schlechteren Aussichten für Kinder mit Migrationshintergrund. Die Kinder jener ausländischen Familien brachten häufig sehr nachteilige Voraussetzungen für den Besuch von Schulen und Hochschulen mit. Obwohl seit den 80er Jahren eine gewisse Verbesserung der Situation eingetreten ist, haben ausländische Kinder, wie bereits erläutert nach wie vor besonders schlechte Bildungschancen. Aber gleichzeitig hat sich auch das Bildungsniveau deutscher Schüler erhöht. Daher sind die Abstände der Bildungschancen zwischen deutschen und ausländischen Schülern im allgemeinbildenden Schulsystem nur gewachsen.

IGLU 2006 und PISA III im Dezember 2007 allerdings hatten bestätigt, dass es in keinem anderen Land einen so straffen Zusammenhang zwischen der sozialen Stellung der Familie sowie der Herkunft und dem Schulerfolg der Kinder dieser Familien gibt. Immer mehr Migrantenfamilien wollen die verpasste Bildungsexpansion für sich selber nachholen, schaffen dies aber nicht. Auch in der Türkei erleben wir seit den letzten Jahren eine Bildungsexpansion in der türkischen Unter- und Mittelschicht. Die Schulen und Einrichtungen der Gülen-Bewegung in der Türkei stellen hierbei einen wichtigen Faktor dar. Die Gedanken Gülens und die Erfolge der Einrichtungen der Bewegung motivierten auch hierzulande Menschen dazu Bildungsvereine zu gründen, um so einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu erhalten. Durch diese positiven Beispiele die weltweit erfolgreich waren entstanden auch in Deutschland Nachhilfezentren, Privatgymnasien und sonstige Bildungseinrichtungen.

Die Entstehungshintergründe sind in den meisten Fällen ähnlich: Einige Familien mit türkischem Migrationshintergrund entschließen sich, die Bildung ihrer Kinder zu fördern. Bei der Suche stoßen sie auf die Lehren Gülens und seiner Anhänger. Anschließend gründen sie eine Elterninitiative und organisieren zunächst Nachhilfeunterricht. Viele dieser Initiativen, die lokal entstehen und lokale Bildungsprobleme lösen wollen, werden im Laufe der Jahre zu Vereinen und Bildungsträgern. Sie wachsen und finden weitere Sponsoren für ihre Bildungsaktivitäten. Heute betreiben derartige Vereine Bildungszentren, Kindertagesstätten, Grundschulen, Realschulen und Gymnasien. Da es sich bei allen um eigenständige Vereine handelt, die jeweils getrennt organisiert sind, kann keine genaue Zahl derartiger Einrichtungen genannt werden. Zumal sind Gründungsmitglieder, Lehrer, Mitarbeiter und Schülereltern nicht alle Anhänger der Bewegung. Der Aufruf Gülens zu mehr Bildung dient desweiteren lediglich als Moti-vationsquelle und Inspiration. Für Eltern stehen der Bildungs- und Sozialisationsaspekt ihrer Kinder und die Erfahrung der Gülen-Bewegung in diesem Bereich im Vordergrund. Nicht alle, die die Einrichtungen unterstützen bzw. ihre Kinder dorthin schicken sind Anhänger von Gülen. Für sie sind die Bildung und der Aufruf zu Dialog und Toleranz essentiell. In diesem Bereich hat die Gülen-Bewegung sich in der Türkei und auch in vielen weiteren Ländern einen Namen gemacht. An dieser Stelle soll nun auf die einzelnen Einrichtungen eingegangen werden. Dabei geht es mir darum, Aktivitäten und Arbeitsweisen darzustellen, die ich in vielen beobachten konnte. Die Liste ist nicht vollständig.

Die Nachhilfezentren:

Eine gute berufliche Ausbildung und die Chance zum Besuch einer Universi-tät hängen vom Erfolg in der Schule ab. Jugendliche, die nicht gefördert und unter-stützt werden, können die Gesellschaft vor schwer lösbare Herausforderungen stel-len. Die meist deutschen und türkischen Lehrkräfte der Bildungszentren haben da-her, neben der Förderung im schulischen Bereich, die Aufgabe, mit vielen weiteren Angeboten und Aktivitäten die Jugendlichen zu unterstützen und sie zu erfolgreichen, pflichtbewussten, selbständigen und an der Gesellschaft teilhabenden Individuen zu entwickeln. Da die Eltern für die Entwicklung und Erziehung der Kinder eine wichtige Rolle spielen, bieten viele Nachhilfezentren sog. Elternschulen und regelmäßige Seminare und Veranstaltungen zum Thema Kinder- und Jugendpsychologie an.

Darüber hinaus bieten die Nachhilfezentren Integrationskurse für Migranten an. Sprache ist ein Schlüssel für erfolgreiche Integration. Aus diesem Grund wurde zu Beginn 2005, mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes, ein Mindestrahmen staatlicher Integrationsangebote geschaffen. Den Kern dieser staatlichen Angebote bildet der Integrationskurs. Die Integrationskurse umfassen insgesamt 645 Unterrichtseinheiten. Den ersten Teil, bestehend aus 600 Unterrichtseinheiten, bildet der Sprachkurs. Der zweite Teil nennt sich Orientierungskurs und besteht aus den restlichen 45 Unterrichteinheiten. In diesem Kursabschnitt stehen die Themenbereiche “Politik in der Demokratie”, “Geschichte und Verantwortung” und “Mensch und Gesellschaft” im Vordergrund. Das Ziel dieser Kurse ist es, das Migranten sich im Alltag verständigen und an der deutschen Gesellschaft teilhaben können. Diese Kurse werden von fast allen Nachhilfezentren angeboten.

Kindergärten

Bildung und Integration müssen bereits im vorschulischen Alter beginnen. Aus die-sem Grunde unterhalten viele Initiativen und Bildungsträger Kindertagesstätten. Da Sprache eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen von Integration darstellt, findet die Bildung und Erziehung in den Kindertageseinrichtungen zweisprachig in Deutsch und Türkisch statt. Um dies optimal umzusetzen und weiter zu entwickeln, werden Lehrkräfte mit deutscher und türkischer Muttersprache beschäftigt, so dass jede Gruppe jeweils von einer muttersprachlich deutschen und einer türkischen Er-zieherin betreut wird. Zusätzlich wird den Kindern, ihrem Alter entsprechend, eine Spracherziehung von Logopäden angeboten. Ergänzend dazu wird den Kindern im Vorschulalter auch Englisch vermittelt.

Grundschulen und Gymnasien

Die Grundschulen und Gymnasien richten ihre Erziehung und den Unterricht an den Lehrplänen und Richtlinien des Landes aus, in dem sie sich befinden.

Auf der Grundlage reformpädagogischer Ansätze wie z.B. von Montessori und J. Reichen werden Persönlichkeit, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit des ein-zelnen Schülers in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit gestellt. Auch hier findet eine gezielte Sprachförderung statt. Die Unterrichtssprache ist Deutsch. Türkisch und Englisch werden als gleichberechtigte Fremdsprachen angeboten.

Die Schulen bieten neben der bestmöglichen Einrichtung der Klassen-, Physik- und Chemieräume auch modernste Technik in ihren Computerräumen. Sie sind überdurchschnittlich gut ausgestattet. Bibliotheken, Aufenthalts- und Entspannungsräume stehen den Schülerinnen und Schülern ebenfalls zur Verfügung. Aufgrund der klein gehaltenen Klassen ist es den engagierten Lehrerinnen und Lehrern der Schulen möglich, sich intensiver um die Belange ihrer Schüler zu kümmern und mit ihnen zu kommunizieren. Sollten Schülerinnen und Schüler wider Erwarten doch mal Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff haben und diese im Unterricht nicht zu lösen sein, stehen ihnen eigens für diesen Fall engagierte studentische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung, die in zusätzlichen Förderstunden Unterstützung anbieten.

Darüber hinaus wird damit den Schülerinnen und Schülern eine weitere Vertrauens- und Ansprechperson für jedwede Belange geboten. Somit wird versucht zu gewährleisten, dass kein Schüler erfolglos bleibt. Wichtige Bestandteile in der Bildung sind in nahezu allen Einrichtungen die Gewährleistung der steten Kommunikation zwischen Schule, Schülerinnen, Schüler und Eltern sowie die demokratische Teilhabe der Schüler an Entscheidungen, die sie betreffen. Durch die Möglichkeit der demokratischen Partizipation an Entscheidungen in der Schule erlernen die Schüler bereits in jungen Jahren demokratisches, tolerantes, respektvolles Verhalten und die friedliche Auseinandersetzung mit anderen Meinungenund Ansichten.

Bildung ist der entscheidende Schlüssel zur sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Es kommt vor allem darauf an, über eine frühzeitige Bildungsbeteiligung Chancen zu eröffnen und Potenziale zu wecken und zu fördern. Defizite aus frühen Bildungsphasen, die nicht rechtzeitig beseitigt werden, wirken bis in den Übergang in Ausbildung und Arbeit fort. Voraussetzung für eine gelingende Grundschulbildung ist, dass Kinder bereits im Vorschulalter die deutsche Sprache erlernen. Die allgemein bildende Schule muss die Förderung der Sprachkompetenz in Deutsch kontinuierlich fortsetzen und vertiefen. Mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen zu höheren Bildungsabschlüssen geführt werden und Berufsorientierung muss frühzeitig beginnen. Hierzu leisten die genannten Einrichtungen wichtige Beiträge. Die Bildungseinrichtungen, insbesondere Schulen, können als hervorragende Orte zur Integration bezeichnet werden, zu deren Bildungs- und Erziehungsauftrag es gehört, demokratische Grundwerte zu vermitteln, für unterschiedliche kulturelle Prägungen und religiöse und weltanschauliche Überzeugungen offen zu sein und interkulturelle Kompetenz zu fördern.

3.3. Die Dialogaktivitäten der Gülen-Bewegung

Genauso wichtig, wie die Aktivitäten im Bereich der Bildung und Erziehung, sind die Aktivitäten der Bewegung im interkulturellen und interreligiösen Dialog mit dem Ziel, gemeinsam mit allen in dieser Gesellschaft lebenden Menschen eine Kultur des Zusammenlebens auf der Basis der universellen menschlichen Werte zu fördern. Durch diese Aktivitäten entstehen Plattformen, in denen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sich auf rein menschlicher Ebene begegnen und Freundschaften schließen können.

Der Beitrag zum interkulturellen und interreligiösen Dialog ist ein wichtiger Eckpfeiler der Gülen-Bewegung. So wird der Integrationsprozess aktiv von der Minderheitsgesellschaft mitgetragen und -gesteuert.

Die Dialogaktivitäten haben zum Ziel einen Beitrag zur Verständigung über die ge-meinsamen Grundlagen und Regeln des Zusammenlebens zu leisten. Dabei geht es uns insbesondere darum, das interkulturelle Verständnis von Menschen mit unterschiedlichsten Kulturen zu fördern. Hierzu werden Vorträge, Seminare, Symposien, Gesprächsabende, Workshops und Diskussionsrunden organisiert. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Integration von Migranten. Dabei ist wichtig, dass Integration nicht als Assimilation, sondern als gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen verstanden wird. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichsten Kulturen friedlich und harmonisch miteinander leben, und dabei ihre kulturellen Eigenarten bewahren können. Hierfür sind Toleranz, Respekt und gegenseitige Akzeptanz und

Anerkennung Voraussetzung.

Ich möchte hier Beispielhaft einige Veranstaltungen unseres Vereins FID BERLIN e.V. erwähnen.

  • Berlin als Hauptstadt Deutschlands und als eine der wichtigsten Metropolen der Welt hat im interkulturellen Dialog und beim Thema Integration eine be-sondere Bedeutung. Aus diesem Grunde organisiert FID e.V. in Zusammenarbeit mit dem Hauptverband INFRANEU e.V. seit 2005 jedes Jahr ein Symposium mit dem Titel „Dialog der Kulturen als europäische Chance“ in der deutschen Hauptstadt Berlin im Abgeordnetenhaus. Die Schirmherrschaft dieser Veranstaltungen liegt bei Herrn Walter Momper (Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin) und bei Prof. Dr. Rita Süßmuth (Präsidentin des Deutschen Bundestages a.D.). Alle Symposien waren mit jeweils über 200 Gästen aus Politik, Medien, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft sehr erfolgreich. Bei diesen ging es um „Ideen und Impulse für die Kultur des Zusammenlebens“, um „Werte in der postmodernen Gesellschaft“ und „Die Wahrnehmung des Anderen“.
  • Eine weitere wichtige Veranstaltungsreihe stellen die „Reflexionen“ dar. Hier laden wir hochkarätige Experten ein, mit denen wir zentrale Themen unserer Gesellschaft analysieren und diskutieren. Mit diesen Diskussionsrunden erhoffen wir uns eine neue Form der Diskussion zu entwickeln und so Ideen und Impulse für eine neue Kultur des Zusammenlebens zu gestalten. Diese finden zwei- dreimal im Monat statt. Die Themen reichen von Politik, Wirtschaft, Kultur, Kunst bis Religion.
  • Neben diesen Veranstaltungen gab es zahlreiche Konferenzen. Wir haben den Blick auf ein Kapitel der Geschichte gelenkt, das allzu oft vergessen wird. 1000 deutschsprachige Wissenschaftler, Architekten, Techniker, Künstler und einige Handwerker samt ihrer Familien flohen nach der Machtergreifung der Nazis in die damals noch junge türkische Republik. Anders als in allen anderen Zufluchtsländern waren die Emigranten in Istanbul und Ankara in der Lage, sofort wieder der Arbeit nachzugehen, die sie in Deutschland aufgegeben hatten. Die Regierung hat sich gegen den Druck der Nazis gestemmt, die Emigranten auszuweisen. Viele von ihnen blieben auch nach dem Krieg, manche nahmen sogar die türkische Staatsbürgerschaft an. Über dieses Thema haben wir mit Politikern und Wissenschaftlern diskutiert.
  • In einer weiteren Konferenz haben wir über Jerusalem diskutiert. Jerusalem, die goldene Stadt auf dem Berg, die heilige Stadt der drei Religionen, Juden-tum, Christentum und Islam. Mit dieser Stadt sind über Jahrtausende Mythen, Symbole, Sehnsüchte und gläubige Hoffnungen verbunden. Mit Vertretern der Religionen haben wir Lösungen für dortige Konflikte zu finden. Bezeichnend war dabei die Bemerkung eines Teilnehmers, der sagte, dass er zum ersten Mal von einer Konferenz über Jerusalem mit der Hoffnung auf Frieden nach Hause geht.

Der Dialog verdeutlicht vor allem folgendes: Das bloße Zusammenleben und der Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern führen nicht automatisch dazu, dass man sich besser kennen lernt und sich über kulturelle Unterschiede und Gemein-samkeiten austauscht. Ebenso wenig entstehen die Verständigungsprobleme zwi-schen den Kulturen allein durch die Konfrontation mit dem Fremden, sondern eher durch Vorurteile und Fehlinterpretationen.

Damit es zu einem positiven Kontakt, zu gegenseitigem Verständnis und zur Akzeptanz kommen kann, müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden. Auf der persönlichen Ebene gehören hierzu sprachliche Verständigungsmöglichkeiten, Interesse und Offenheit für neue Erfahrungen sowie ein möglichst geringes Ausmaß an Vorbehalten. Auf der gesellschaftlichen Ebene benötigt man ein Klima des Respekts und der gegenseitigen Anerkennung. Dieses Klima erreicht man am besten durch Freundschaften. Genau hierum geht es beim Dialog.

3.4. Die Bewegung und ihr soziales Kapital

Migrantenselbstorganisationen können als zivilgesellschaftliche Akteure einen wichtigen Beitrag zur Integration erfüllen. Zum einen bilden sie soziale Netzwerke, die mit ihrem Selbsthilfeansatz den Integrationsprozess unterstützen können, zum anderen beeinflussen sie die soziale Orientierung der Zuwanderer: „Sie können die Akzeptanz für Integrationspolitik innerhalb der ethnischen Gruppen wesentlich stärken und Interesse an Integrationsmaßnahmen wecken“. Vor diesem Hintergrund wird es in Zukunft entscheidend darauf ankommen, das Potenzial der Selbstorganisationen und die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement von Migranten stärker für die Förderung von Integrationsprozessen nutzbar zu machen.

Die Beschäftigung mit sozialen Netzwerken und Bewegungen hat in den vergange-nen Jahren durch die Diskussion über soziales Kapital erheblich zugenommen. Das häufige Auftreten von Begriffen wie „soziales Engagement“, „Bürgergesellschaft“ etc. betonen die gesellschaftliche Relevanz des Sozialkapital-Konzeptes. Gleichzeitig wird oft danach gefragt, wie sich die Einrichtungen, die der Gülen-Bewegung nahestehen finanziert und wo das Sozialkapital herstammt. In diesem Kapitel soll daher Sozialkapital Theorie und die Gülen-Bewegung betrachtet werden.

Durch die Einbindung von Menschen in Netzwerke oder Bewegungen entsteht soziales Kapital. Dieses soziale Kapital stellt für den Einzelnen und für ein Kollektiv Ressourcen zur Verfügung, die wiederum bestimmte Handlungen erleichtern bzw. erst ermöglichen. Durch diese Ressourcen entsteht für ein Individuum und auch für die Gesellschaft ein Gewinn. Die Höhe dieses Gewinns hängt von der Größe des Netzwerkes ab.

Nachdem Sozial Kapital in seiner Geschichte wiederholt aus unterschiedlichen Be-weggründen neu definiert wurde, haben sich bei neueren Schriften Gemeinsamkeiten herausgebildet, die es gestatten, die einzelnen Theorie-Stränge zusammenzuführen. In diesem Kontext wird Sozialkapital als Netzwerkphänomen angesehen. Es entsteht und vergeht innerhalb von sozialen Beziehungen. So kann sie als Ressource aufgefasst werden, die es einem Akteur ermöglicht, sowohl für sich selbst als auch für die Gruppenmitglieder positive Auswirkungen zu erzielen. Bei den Aktivitäten der Gülen-Bewegung geht es insbesondere um den Profit für die gesamte Gesellschaft. Auch politische Ziele strebt sie nicht an. „Sie will nicht über politische Macht eine “bessere Ge¬sellschaft” schaffen, sondern von unten in der Gesellschaft durch Bildung und Tole¬ranz dem Menschen dienen.”

Da nahezu jeder Teil eines sozialen Beziehungssystems ist, entsteht Sozialkapital häufig als Nebenprodukt von alltäglichen Beziehungen. Es ist zwar möglich, individuelle Beziehungen absichtsvoll zu mobilisieren, da Netzwerke und Gruppenzugehörigkeiten aber eher einem Grundbedürfnis menschlichen Zusammenlebens entstammen, entwickeln sich positive Auswirkungen aus Gruppenzugehörigkeiten meist nebenbei. Die Höhe des verfügbaren Sozialkapitals kann zum einen an der Größe des Netzwerkes abgelesen werden und zum anderen an der Verschiedenheit der darin befindlichen Mitglieder, also dem spezifischen Aufbau des Netzwerkes. Die Idee hinter letzterem ist, dass Beziehungen zu Menschen aus möglichst unterschiedlichen Bereichen die positiven Ergebnisse aus einer Gruppenzugehörigkeit erhöhen. Die Mitgliedschaft in Vereinen und Kontakte am Arbeitsplatz schaffen wichtige Beziehungen, um beispielsweise neues, dem eigenen Netzwerk fremdes Wissen zu erlangen, andere Sichtweisen zu erlernen und vieles mehr.

Neben der Zugehörigkeit zu Netzwerken und Gruppen spielt das Vertrauen in eine Gruppe eine wichtige Rolle. Der ursprünglichen Sozialkapital-Theorie zu folge, nutzt der Einzelne die Möglichkeit, Hilfeleistungen zu geben, da er darauf vertrauen kann, in der Zukunft von seiner Hilfeleistung zu profitieren und sei es nur in Form von Anerkennung. Da jedoch Ikhlas, also die Reinheit der Absicht, eines der wichtigsten Konzepte in der Gülen-Bewegung ist, geht es ihren Ehrenamtlichen nur um die Anerkennung Gottes. „Ein Diener Gottes darf ausschließlich Seine Anerkennung und Sein Wohlgefallen anstreben. Das Herz dieses Dieners darf sich ausschließlich mit Ihm beschäftigen“. Vertrauen ist also eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Sozialkapital. Das Vertrauen von Menschen in die Gülen-Bewegung und ihre Aufrichtigkeit bei ihren Aktivitäten ist der wesentliche Grund dafür, dass verschiedenste Sympathisanten der Bewegung Kapital spenden und sich engagieren.

Eins der wesentlichen Prinzipien der Bewegung ist daher das des Wirkens oder des Sich-Engagierens. Ein Mensch, der den ganzen Tag im Bett liegt und keinerlei Aktivitäten unternimmt, ist daher weniger glücklich als jemand, der ständig beschäftigt ist und sich immer bemüht, etwas für die Gesellschaft zu tun. Die Gülen Bewegung aktiviert Menschen und motiviert sie dazu anderen Menschen zu dienen. Das soziale Engagement und die Spenden sind wichtige Faktoren für den Erfolg der Gülen-Bewegung. Neben den normalen Mitgliedsbeiträgen der einzelnen Vereine gibt es spezifische Formen der Zuwendung.

In diesem Zusammenhang nimmt die Zakat (die Armensteuer) als eine der fünf Säulen des Islam eine ganz besondere Stellung ein und im Koran sehr häufig zusammen mit dem regulären Gebet (Salah) erwähnt wird, was auf die Wichtigkeit hinweist. Zakat bedeutet auch Reinigung und ist eine Reinigung für den Gläubigen und seinen Besitz. Hierzu gibt er 2,5 % seines Besitzes ab. Jeder Muslim, dessen finanzielle Verhältnisse sich über einem festgesetzten Minimum bewegen, muss jährlich von seinem Vermögen einem unterstützungswürdigen Mitbürger oder einer Institution, die den Menschen dient, spenden. Dies ist allerdings das Minimum. Je mehr man spendet, desto größer wird die Belohnung sein, die Gott einem im Jenseits zukommen lassen wird. Wenn die Armensteuer gespendet wird, so tun sie das nicht etwa, weil Gott dieses Geld braucht oder gar bekommt. Er ist über jedes Bedürfnis erhaben und steht über jeglichem Verlangen. Doch verspricht er ihnen in Seiner liebevollen Barmherzigkeit vielfache Belohnung, wenn sie den Menschen in dieser Form helfen. Die unerlässliche Voraussetzung für eine solche Belohnung ist jedoch, dass sie bei der Bezahlung der Zakat im Namen Gottes für ihre Wohltaten keinerlei weltliche Vorteile erwarten oder fordern. Die Sympathisanten der Bewegung, die diese Armensteuer zahlen müssen, lassen diese der Bewegung zu kommen. Dies ist das Zeichen ihres Vertrauens. Erwähnenswert ist außerhalb dieser Armensteuer auch Sadaqa. Es bezeichnet eine wohltätige und freiwillige Abgabe. Dieser Wortbedeutung nach prüft Allah die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Gläubigen Ihm gegenüber. Damit die Person, die das Sadaqa bekommt sich nicht schämt, sollte man Bedürftigen geheim spenden. Das öffentliche Spenden dieses Almosen ist dann gut, wenn man andere mit seiner Verhaltensweise anspornen will.

Diese finanziellen Zuwendungen und Spenden werden in der Bewegung als Himmet bezeichnet. Sie erlauben es der Bewegung Schulen, Dialogaktivitäten und Projekte zu finanzieren und so einen Beitrag für den Frieden auf der Welt zu leisten. Dabei steht nicht die Menge des gegebenen im Vordergrund, sondern das Spenden für einen guten Zweck selbst. Die Höhe der Spende hat daher keinen Einfluss auf das Mitspracherecht in der Bewegung. Hier sind alle, die sich engagieren und spenden gelichberechtigt.

Diese Zuwendungen werden öffentlich in einem sog. Himmet Treffen, dass die Ver-eine mit ihren Mitgliedern durchführen, entgegengenommen. Unternehmer und Geschäftsleute werden eingeladen und wetteifern um Spenden. Dabei geht es um die Verfolgung der Interessen oder des Wohls anderer oder des Gemeinwohls. Diesen Altruismus stellt Gülen als einen der wichtigsten Prinzipien dar.

Durch diese Prinzipien motiviert Gülen die Ehrenamtlichen und Freiwilligen dazu, sich für die Gesellschaft, in der sie Leben zu engagieren und zu versuchen ihre Probleme zu lösen. Er motiviert sie, dass Land in dem sie Leben und die Bevölkerung zu lieben. Diese gesamtgesellschaftliche Partizipation und die Anerkennung und Liebe der Mehrheitsgesellschaft sind wichtige Voraussetzungen für Integration.

4. Fazit

Schwierig für das Zusammenleben wird es, wenn Anhänger verschiedener Religio-nen in einem dicht besiedelten Land leben und es bisher nicht gewohnt waren, miteinander zu leben. Jede Religion hat schließlich den Anspruch, wahr zu sein. Wenn die Religionen verschiedene Antworten auf die gleichen Fragen geben und dazu noch unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten dieser Antworten hinzutreten, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Es kann aber zu sehr verschiedenen Auffassungen führen, nach welchen Regeln sich das zivile Zusammenleben vollziehen soll. Religiöse Heterogenität kann dann dazu führen, dass unsere Gesellschaften konfliktreicher werden. Sie kann also zur Herausforderung werden für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist in der europäischen Geschichte nicht neu, gerade wenn wir die Geschichte der Reformation und des Verhältnisses von Katholizismus und Protestantismus in Deutschland betrachten. Angesichts dieser Jahrhunderte dauernden historischen Entwicklungen, sollten wir nicht erwarten, dass wir in Deutschland Probleme im Zusammenleben in ein oder zwei Jahren regeln könnten. Ein wenig mehr Bescheidenheit und Geduld ist vonnöten.

Wir erleben derzeit die Debatten um den Bau und Betrieb von Moscheen oder das Kopftuch. Diese Konflikte wirken sich auf die Wahrnehmung der Muslime in Deutschland aus, aber auch auf die des Islam insgesamt. Und so haben wir eine widersprüchliche Situation. Die meisten Menschen in Deutschland denken inzwischen recht positiv über die Integration der nach Deutschland kommenden Zuwanderer. Beim Stichwort Islam aber denken sie selten an positive Werte wie Friedfertigkeit oder das Streben nach Gerechtigkeit. Sie verbinden mit dem Islam eher die Benachteiligung von Frauen, Rückwärtsgewandtheit, Fanatismus, Intoleranz und Demokratiefeindlichkeit.

Ein Grund dafür sind Extremisten und Fundamentalisten, die sich auf den Islam berufen. Aber dies gibt es in anderen Religionen auch. Diese machen zwar nur eine sehr kleine Gruppe unter den Muslimen aus, aber sie prägen maßgeblich das Bild des Islams im Westen. Das beruht natürlich auch zum Teil auf einer medialen Verzerrung. Es ist aber auch so, weil die Öffentlichkeit eine deutlichere Abgrenzung von Extremisten und ein aktiveres Engagement islamischer Organisationen für unseren freiheitlichen Verfassungsstaat zu lange doch auch vermisst hat. So entsteht eine Unsicherheit, mit der die Menschen in Deutschland dem Islam begegnen. Die Gülen-Bewegung baut Brücken zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft.

Gülen befürwortet die Demokratie und spricht sich für eine pluralistische Gesellschaft als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen aus. Dies ist für Muslime, die in demokratischen Staaten Leben essentiell. Er setzt sich für Toleranz gegenüber Andersdenkenden und den interreligiösen Dialog ein und hat sich in der Vergangenheit schon mit Papst Johannes Paul II. sowie führenden Rabbinern getroffen, während Bin Laden für ihn wie ein Monster ist. Die Bewegung ist weder institutionalisiert noch ist sie politisch. Sie beabsichtigt nicht durch Politik ihr Ziel einer besseren Gesellschaft zu erreichen, sondern will durch Bildung und Toleranz der Gesellschaft dienen. In diesem Sinne ist auch Gülens Aussage “Schimpft nicht auf die Dunkelheit, sondern zündet eine Kerzen an” zu sehen. Da im Vordergrund die Freiwilligkeit steht nennt sich die Bewegung auch “Gönüllüler Hareketi”, also Bewegung der Freiwilligen.

Gülens Anhänger tragen diese Ideen auch nach Deutschland und in die gesamt Welt. Die Freiwilligen in Deutschland und in der Türkei stammen größtenteils aus der neuen Mittelschicht. Insbesondere Akademiker, die sich mit den Ansichten Gülens identifizieren schließen sich ihr an. Mit seiner Betonung von Arbeit, Selbstdisziplin und Sparsamkeit spricht er vor allem Groß- und Kleinunternehmer an, die ihren beruflichen Aufstieg mit einem pragmatischen Glauben in Einklang bringen wollen. Sie beschäftigen sich mit lokalen Projekten in Deutschland und sind dabei häufig ehrenamtlich tätig. Sie sagen, Arbeit sei eine der höchsten Formen von Gottesdienst.

Gülen verbindet traditionelle Frömmigkeit mit der Moderne versöhnt islamische Glaubenssätzen mit technisch-naturwissenschaftlichem Fortschritt. Die säkulare Staatsordnung der Türkei und die Universalität der Menschenrechte stellt Gülen nicht in Frage. Ländern die eher einen politischen Islam vertreten, setzt er den anatolischen Islam entgegen, der sich durch Toleranz und Religionspluralismus auszeichnet. Gegen einen Islam von oben, der vom Staat erwartet, eine konservativ-islamische Moral durchzusetzen, spricht sich Gülen für einen Islam von unten aus. Die Gebote des Islam sind für Gülen etwas, das Muslime aus innerem Antrieb befolgen sollten, statt sie anderen Menschen aufzuzwingen.

Dem Bildungsideal der Bewegung verpflichtet zeigen sich die Privatschulen, Internate, Nachhilfeeinrichtungen, Dialogvereine und Studentenwohnheime, die weltweit mit Spendengeldern und von wohltätigen Stiftungen finanziert werden. Seine Gegner werfen Gülen vor, er wolle damit eine fromme Elite heranzüchten, um so eines Tages die Macht im Staate zu übernehmen. Diese ist ein völlig unberechtigter Vorwurf, zumal Gülen in keiner seiner Predigten oder Schriften davon spricht. Ganz im Gegenteil spricht er sich dafür aus, auf sämtliche Art von Belohnung und Macht zu verzichten.

Hinzukommt, dass Gülen von dem Vorwurf, er fordere seine Anhänger zur Unter-wanderung des Staates auf, freigesprochen wurde. Aus gesundheitlichen Gründen kann er allerdings nicht in die Türkei zurückkehren.

Zuletzt möchte ich praktisch verdeutlichen warum für Muslime in Deutschland die Lehren Gülens wichtig sind. Gülen, als ein islamischer Intellektueller, ruft dazu auf, andersgläubige Menschen zu lieben, mit ihnen Freundschaften zu schließen und mit ihnen Dialoge aufzubauen. Der Schulkamerad ist so nicht ein Ungläubiger, sonder ein bester Freund. Der Nachbar ist nicht ein Fremder, sondern ein guter, liebenswürdiger Mensch. Der Staat in dem man lebt ist nicht ein Feind, sondern die Heimat, in der man lebt. Die Demokratie ist nicht ein System, dass gestürzt werden muss, sondern die Regierungsform. Terror und Gewalt sind nicht Methoden des Islam, sondern seine Gegner. Bin Laden ist kein Held, sondern ein Monster. Eine derartige Perspektive fördert die Integration und das friedliche Zusammenleben nicht nur in Deutschland, sonder überall dort, wo Menschen unterschiedlichen Glaubens.

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