Rida‘ (Zufriedenheit)

Rida' (Zufriedenheit) bedeutet, ,bei Unglücken keinen Groll und keine Empörung zeigen und die Manifestationen des Schicksals klaglos, oder besser gesagt: friedfertig akzeptieren'. Anders ausgedrückt beinhaltet rida', Dinge und Ereignisse willkommen zu heißen, die normalerweise mit Schrecken und Entsetzen assoziiert werden. Eine weitere schöne Definition von rida' lautet: Rida' meint, der Behandlung durch Gott positive Akzeptanz entgegenzubringen, ob uns diese Behandlung nun angenehm ist oder nicht.

Auch wenn der Mensch zu Beginn seiner spirituellen Reise seinen freien Willen einsetzen muss, um sich eine Haltung der Zufriedenheit anzueignen, ist diese doch ein direktes Geschenk von Gott an jene Menschen, die er liebt. Im Gegensatz zur Geduld gilt für die Zufriedenheit nicht, dass sie von Gott oder dem Propheten Muhammad befohlen wäre; beide empfahlen sie uns jedoch. Zu diesem Thema existiert eine Überlieferung, die dem Propheten zwar zugeschrieben wird, die Hadithwissenschaftler akzeptieren sie jedoch nicht als authentische Tradition:

Lass die, die keine Unglücke ertragen können und den Entscheidungen Gottes gegenüber keine Zufriedenheit zeigen, einen anderen Gott für sich finden![1]

Einige rechtschaffene Menschen haben Zufriedenheit als eine Station betrachtet, die dem Vertrauen auf und der Unterwerfung unter Gott übergeordnet ist. Andere bezeichnen Zufriedenheit als einen der Zustände des Eingeweihten, d.h., als ein Geschenk oder als Glanz Gottes, der von Zeit zu Zeit in ihm erscheint und dann wieder verschwindet. Wieder andere wie Imam Quschairi haben erläutert, die Zufriedenheit sei zu Beginn mit dem freien Willen des Dieners verbunden bzw. von diesem abhängig, gegen Ende der Reise jedoch verwandle sie sich in einen Zustand oder eine Beschaffenheit des Herzens.

Die Tradition Jemand, der mit Gott als seinem Herrn, dem Islam als seiner Religion und Muhammad als seinem Propheten zufrieden ist, hat die Wonnen des Glaubens geschmeckt.[2] legt ebenfalls nahe, dass der Mensch zunächst von seinem freien Willen Gebrauch machen muss, obwohl die Zufriedenheit am Ende ein Geschenk Gottes ist. Mit dem Wesen Gottes zufrieden zu sein, drückt aus, Ihm Liebe entgegen zu bringen und Respekt zu zollen und sich Ihm in Verehrung und in Erwartung von Hilfe und allem anderen, was man sich wünscht, zuzuwenden. Mit Seiner Herrschaft zufrieden zu sein, heißt, dass wir uns mit allem, was Er anordnet und vorherbestimmt, einverstanden erklären und auch dann nicht gegen Unglücke, die uns zustoßen mögen, Einspruch erheben, wenn diese für uns nur schwer zu ertragen sind; weiterhin heißt es, dass wir uns als Diener unserer von Ihm gewünschten Bestimmung und Behandlung anvertrauen und mit allem, was Er tut, einverstanden sind. Mit dem Propheten zufrieden zu sein, heißt, sich ihm vorbehaltlos zu unterwerfen, seinen Ansichten und Unterweisungen Priorität gegenüber der eigenen Sichtweise einzuräumen und sich nicht mit vergeblichen Versuchen aufzuhalten, ihm irgendwelche Fehler nachzuweisen und ihn anzuklagen, sondern seine Handlungen, seine Worte und die Offenbarungen, die er uns gebracht hat, zu verstehen. Was die Zufriedenheit mit dem Islam voraussetzt, gilt auch auf für die Zufriedenheit mit dem Propheten: Sie verlangt, den Islam als ideales Set von Maximen und Normen zu akzeptieren und dieses im Privat- wie auch im Gemeinschaftsleben zu praktizieren.

Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt: nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein.[3]

Unter bestimmten Umständen kann ein so hohes Maß an Zufriedenheit dazu führen, dass sich der Mensch selbst in der Gesellschaft anderer Menschen einsam fühlt. Diejenigen, die es geschafft haben, Gottes Nähe zu finden und den Weg des Propheten zu beschreiten, fühlen sich jedoch nirgendwo fremd; sie empfinden ein tiefes Vertrauen zu Gott und verspüren keine Einsamkeit. Im Gegenteil, wenn sie allein sind, spüren sie die Nähe Gottes, die Liebe und das Verhältnis zu Ihm stärker als in der Gemeinschaft mit anderen. Dann beten sie: „O Gott, mach, dass ich öfter allein bin, und überlasse mich nicht der Ungerechtigkeit der Dinge, die mich weit von Dir entfernt sein lassen. Lass mich Deine immer währende Begleitung spüren!

Wie oben bereits ausgeführt wurde, ist die Zufriedenheit tatsächlich ein Geschenk Gottes - mit der Einschränkung, dass der Mensch zu Beginn seinen freien Willen einsetzen muss, um es zu erlangen. Er kann die Station der Zufriedenheit mit Hilfe seines Glaubens, mit der Ernsthaftigkeit seiner religiösen Handlungen und dadurch erreichen, dass er sich seiner Verehrung Gottes so bewusst ist, als sähe er Ihn vor sich. Um mit dem Rang der Zufriedenheit bedacht zu werden, muss man die Stufen des Vertrauens, der Unterwerfung und der inneren Zufriedenheit bereits überwunden haben. Weil es dem Menschen so schwer fällt, allein durch seinen freien Willen Zufriedenheit zu erlangen, hat Gott, der Allmächtige, sie nicht angeordnet; Er hat sie uns aber ans Herz gelegt und rühmt jene, die sie sich zu Eigen gemacht haben.

Wenn jemand zu Beginn seiner Reise versucht, zur Station der Zufriedenheit zu gelangen, muss er in seinen Beziehungen mit Gott ernsthaft sein und die Geschenke Gottes, die - ohne dass er sie erbeten hätte - als Gnade hinab gesandt werden, akzeptieren. Auch über ihren eventuellen Verlust darf er sich nicht beschweren, und selbst wenn er unter Kummer, Einsamkeit und Anspannung (qabd) leidet, muss er seine religiösen Pflichten ohne das Gefühl von Trägheit erfüllen. In der Anwesenheit Gottes muss er sich zum Gebet erheben, ganz als beabsichtige er, in das Zimmer seiner Braut zu treten. Die wichtigste Grundlage der Zufriedenheit ist jedoch, dass sich der Reisende der Begleitung Gottes ständig bewusst ist und Ihn im Herzen stets neu entdeckt.

Furcht und Hoffnung gehören zum irdischen Leben des Menschen. Sie bewahren ihn auf dieser Welt davor, zu verzweifeln und sich vor der Bestrafung Gottes sicher zu fühlen; im Jenseits besitzen sie jedoch nur insofern Relevanz, als dass ihm für sie eine Belohnung zuteil wird. Die Zufriedenheit mit Gott und die Liebe zu Ihm hingegen währen ewig.

Mit Gottes Urteilen einverstanden und mit Ihm Selbst zufrieden zu sein, bringt spirituellen Frieden und Glück in beiden Welten mit sich. Wem es gelungen ist, Zufriedenheit, das Wohlgefallen Gottes und Seine Anerkennung zu erwerben, der entledigt sich damit nicht seiner Sorgen, Nöte und Leiden. Viele ärgerliche und unerfreuliche Dinge säumen auch weiterhin seinen Weg, und nur Meister der Zufriedenheit werden diese als reine Gunstbeweise ansehen. Zufriedenheit und das Wohlgefallen Gottes verwandeln das ,Gift', das sie trinken, in einen Heiltrank und die Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, in einen liebenden Umgang mit Gott.

Der Weg der Zufriedenheit ist nur unter Schwierigkeiten gangbar; dafür führt er aber sicher und direkt zum Ziel. Gelegentlich kann er den Reisenden bei seinem ersten und einzigen Versuch direkt auf den Gipfel menschlicher Vollkommenheit führen. Viele Wege führen auf diesen Gipfel, z.B. energisches Bemühen oder das Studium des Universums als ein Buch, in dem Gott überall zu spüren und zu finden ist, obwohl Er nicht den Beschränkungen von Raum und Zeit unterliegt, oder Leid und Schmerzen angesichts der eigenen Unzulänglichkeiten und Hilflosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten, auf die man stößt, während man für eine gute Sache kämpft. Theoretisch lässt sich der Gipfel aber auch dann besteigen, wenn man ganz einfach auf dem Sofa sitzt und sich den Kopf über die eigenen Probleme zerbricht.

Das Resultat der Zufriedenheit ist eine immense Freude - eine ,erfrischende Brise' des Wohlgefallens Gottes, die der Tiefe von Furcht und Hoffnung des Menschen entspricht. Diese Freude entspringt nicht der Wahrnehmung der Nähe Gottes, nicht Verehrung und Hingabe und auch nicht dem Kampf gegen Sünden und Versuchungen des fleischlichen Ichs und den Teufel. Sie ist ein spirituelles Vergnügen, in das sich Hoffnung und Erwartung mischen, und das durch Selbstbeherrschung kontrolliert wird. Dieses Vergnügen ist ein direktes Geschenk Gottes - eine Brise Seiner Gnade, die nur diese Station der Zufriedenheit aufweist. Dennoch zwingt uns diese Station dazu, dass wir uns unter Kontrolle halten und unsere Gedanken, Erwägungen, Pläne, Hoffnungen, Erwartungen, Gefühle und Handlungen Gottes Vorstellungen und Seinem Willen gemäß formen. Diese Station als bloßes Mittel zu missbrauchen, Freude und Vergnügen, die man sich von ihr verspricht, zu ernten, wäre ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber einem Attribut, das auf der Reinheit der Absicht und auf Aufrichtigkeit basiert. Gleiches gilt jedoch auch ganz allgemein für alle anderen Zustände oder Stationen, die man durch Handlungen des Herzens erlangt oder die selbst Handlungen des Herzens darstellen. Der Mensch muss den Allmächtigen lieben und darf Sein Wohlgefallen nur um Seinetwillen anstreben, nicht aber um irgendwelcher anderer Ziele willen.

Vorbilder in spiritueller Lebensführung haben schon in der Frühzeit der Sufitradition ihre Ansichten über die Zufriedenheit mit Gott kundgetan. Dhu l-Nun al-Misri zufolge bedeutet Zufriedenheit, den Wünschen Gottes stets Priorität einzuräumen und die Resultate Seiner Entscheidungen mit der Einstellung ,Alles, was Gott will und tut, ist gut' klaglos zu akzeptieren.[4] Diese Einstellung bringe auch dann die Erfüllung von der Liebe Gottes zum Ausdruck, wenn man unter dem harten Griff von Unglücken stöhnt.

Ali Zayn al-Abidin beschrieb Zufriedenheit als die Eigenschaft des Eingeweihten, nicht auf etwas zu hoffen oder es gar anzustreben, was dem Willen und dem Wohlwollen Gottes widerspricht.[5] Abu Uthman zufolge bezeichnet Zufriedenheit das Akzeptieren aller Beschlüsse Gottes ohne Wenn und Aber, und ohne einen bewussten Unterschied zwischen den einzelnen Beschlüssen zu machen, egal ob sie Seiner Gnade, Seiner Macht oder Seinem Zorn entspringen. Eine ähnliche Begriffsbestimmung trifft auch der Prophet Muhammad mit seinem Ausspruch:

Ich frage Dich nach Deiner Zustimmung, nachdem Du etwas entschieden hast.[6]

Wer von vornherein mit allem, was Gott entscheidet, zufrieden ist, hat für sich entschieden, zufrieden zu sein und eventuell auftretenden Problemen gelassen gegenüberzutreten.

Die unterschiedlichen Dimensionen oder Aspekte der Zufriedenheit lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Zufriedenheit bedeutet, dass

1) der Eingeweihte keine Vorbehalte und kein Missfallen gegenüber dem, was der Herrschaft oder der Göttlichkeit Gottes entspringt, verspürt und alles, was auf Gott zurückzuführen ist, begrüßt;

2) der Eingeweihte sein ihm zugedachtes Schicksal ohne zu murren akzeptiert und erträgt;

3) sich der Eingeweihte die ,Balance' seines Herzens erhält und sich seine Integrität und Aufrichtigkeit bewahrt, selbst wenn er von unangenehmsten und schockierendsten Ereignissen heimgesucht wird;

4) der Eingeweihte die Vorherbestimmung Gottes, die in der Obersten Bewahrten Tafel aufgezeichnet ist, berücksichtigt und bei nichts, was ihm widerfährt, Bedauern oder Kummer empfindet.

Die Zufriedenheit gewöhnlicher Menschen drückt aus, dass sie keine Einwände gegen das haben, was Gott für sie vorherbestimmt hat. Die Zufriedenheit von Eingeweihten, die ihr Wissen um Gott vertieft haben, lässt diese Menschen ihr Schicksal willkommen heißen. Für jene aber, die ihr Leben in vollkommener Spiritualität geführt haben, heißt Zufriedenheit, den eigenen Erwägungen keine Beachtung zu schenken und stattdessen ständig zu überlegen, was Gott mit ihnen vor hat und wie Gott sie sich wünscht. Die Verse O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Herrn wohlzufrieden und mit (Allahs) Wohlwollen. So schließ dich dem Kreis Meiner Diener an. Und tritt ein in Mein Paradies![7] umfassen alle Stufen der Zufriedenheit und bieten Antworten auf die Wünsche all jener Menschen, die dem Willen Gottes und Seiner Vorherbestimmung treu ergeben sind.

Den hier erwähnten Versen lässt sich entnehmen, dass das Erreichen der Station ,Zufriedenheit und Wohlgefallen Gottes' von der Rückkehr zu Gott, dem Allmächtigen, abhängt. Sich Gott zuzuwenden bedeutet, sich Gott voller Vertrauen hinzugeben, sich Ihm zu unterwerfen und Ihm alle eigenen Angelegenheiten zu überantworten. Jemand, der diese Station erreicht hat, sehnt sich danach, zu sterben und Gott zu treffen; schon vor seinem Tod kommt sein Herz zur Ruhe; er wird zu den Rechtschaffenen gehören, die ins Paradies eingehen.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet, beinhaltet die Zufriedenheit gewöhnlicher Menschen (die erste Stufe der Zufriedenheit), das Leben nach Gottes Geboten einzurichten und sich willentlich Seiner Herrschaft (Seiner administrativen Autorität) zu unterwerfen. Dies wird in folgenden Versen deutlich:

Sprich: „Sollte ich einen anderen Herrn als Allah suchen, wo Er doch der Herr aller Dinge ist?"[8]

Sprich: „Sollte ich einen anderen zum Beschützer nehmen als Allah, den Schöpfer der Himmel und der Erde, der Nahrung gibt und Selbst keine Nahrung nimmt?""[9]

Dieser Grad an Zufriedenheit ist für den wahren Glauben an die Einheit und für die wahre Liebe Gottes unerlässlich. Denn jeder Gläubige muss sich sowohl im Glauben als auch in seiner Lebensführung bewusst der Führung Gottes unterwerfen, ohne Ihm Teilhaber zur Seite zu stellen; dabei muss er Ihn allein als Herrn, Gottheit und Leitfigur lieben. Andere, die es wert sein könnten, geliebt zu werden, darf er nur in Seinem Namen und innerhalb der von Ihm gesteckten Grenzen lieben.

Auf der zweiten Stufe der Zufriedenheit stehen die Menschen, die ein gewisses Maß an Wissen um Gott erlangt haben, die die Entscheidungen und Anordnungen Gottes (ohne irgendwelche Einwände zu erwägen) begrüßen und ihre Herzen kontrollieren, ohne sie auch nur einen Moment lang auf Abwege kommen zu lassen. Diese Stufe der Zufriedenheit gilt als Bindeglied zwischen Gott und den Herzen, in denen sich schon Wissen um Ihn findet.

Die dritte Stufe der Zufriedenheit wird nur von geläuterten und rechtschaffenen Gelehrten erklommen; sie geben sich mit dem zufrieden, was Gott gefällt. Ein Mensch, der mit diesem Maß an Zufriedenheit beschenkt wurde, fühlt keine Wut, keine Freude und keinen Kummer bezüglich seiner eigenen Angelegenheiten. Da er aber nichts mehr für sich bzw. für die Verwirklichung seiner Ziele empfindet, nicht mehr an sie denkt oder auf sie hofft, erfährt er, was für ein Vergnügen es bereitet, in seinem Herrn - in Dessen Willen und in Dessen Vorstellungen - aufzugehen.

Die erste Stufe zu erklimmen, ist für jeden Gläubigen Pflicht. Hier beginnt der Weg zur Nähe Gottes, denn diese Stufe ist mit dem freien Willen des Menschen verknüpft und stellt eine Voraussetzung für den Glauben an die Einheit Gottes dar. Sich auf die zweite Stufe zu begeben, ist deshalb so wichtig, da diese eine konsequente Weiterentwicklung der ersten darstellt und gleichzeitig die Basis der dritten Stufe ist; sie lässt den Menschen die Nähe Gottes spüren. Die dritte Stufe ist eher ein Geschenk, und nicht durch individuelle Bemühungen zu erklimmen; ihr Erreichen ist weder vorgeschrieben noch unbedingt notwendig; es wird jedoch geraten, sie anzustreben.

Die dritte Stufe der Zufriedenheit schließt die ersten beiden mit ein. Sich um völlige Zufriedenheit zu bemühen und das Leben danach auszurichten, diese zu verwirklichen, ist ein Grundprinzip des islamischen ,way of life'; der Erwerb dieser letzten Zufriedenheit gleicht einer Frucht oder einem Geschenk, die/das Gott uns überreicht, um Seiner Wertschätzung unserer Bemühungen Ausdruck zu verleihen. Mit anderen Worten: Die ersten beiden Stufen der Zufriedenheit beziehen sich auf Gottes Namen und Seine Attribute; sie lässt sich erklimmen, indem man im Schatten dieser Namen und Attribute reist und ihrer Rechtleitung folgt; die dritte Stufe hingegen ist mit der Belohnung, der Aufklärung und den Strahlen verknüpft, die uns die Namen und Attribute verheißen. Meiner Meinung nach trägt folgender Koranvers allen drei Stufen Rechnung:

Ihr Lohn bei ihrem Herrn sind die Gärten von Eden, durcheilt von Bächen; ewig und immerdar werden sie darin verweilen. Allah ist mit ihnen wohlzufrieden, und sie sind wohlzufrieden mit Ihm. Dies ist für den, der seinen Herrn fürchtet.[10]

Die gleiche Wahrheit kommt auch in dem Wort des Propheten zum Ausdruck:

Jemand, der mit Gott als seinem Herrn, dem Islam als seiner Religion und Muhammad als seinem Propheten zufrieden ist, hat die Wonnen des Glaubens geschmeckt.[11]

Ich hoffe, die folgenden Betrachtungen können dazu beitragen, die Gefühle und Gedanken der Menschen auf das Erlangen von Zufriedenheit zu lenken und potenzielle Schwierigkeiten zumindest bis zu einem gewissen Grade zu überwinden. Mögen sie uns dabei helfen, weltlichem und fleischlichem Handeln zu widerstehen und es zu kontrollieren.

1) Der Mensch ist nicht mehr als ein Schauspieler im Göttlichen Drama, das in der Welt aufgeführt wird. Er besitzt weder das Recht noch die Autorität, sich über die Qualität oder die Form der Rolle, die ihm zugedacht ist, zu ereifern.

2) Alles, was dem Menschen im Laufe seines Lebens widerfährt, ist von Gott vorherbestimmt. Dabei berücksichtigt Er jedoch den freien Willen des Menschen und beherzigt, was er tun und wie er handeln wird. Kein anderer als Gott Selbst kann den Verlauf des Lebens ändern.

3) Der Mensch ist Diener und Eigentum Gottes. Als solches besitzt er kein Recht, sich in die Weisungen seines Herrn einzumischen.

4) Wenn ein Mensch Gott wirklich liebt, muss er alles, was von Ihm kommt, egal ob ,Rose' oder ,Dorn', willkommen heißen.

5) Der Mensch hat große Probleme, die Weisheit und das Gute, das ihm begegnet, oder Gottes Verwendungszweck für ihn zu erfassen. Aber: Was auch immer mit ihm geschieht - stets wird sich darin etwas Gutes finden lassen. Das unterstreicht Gott, der Allmächtige, mit Seinen Worten:

Doch es mag sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch ist. Und Allah weiß es, doch ihr wisst es nicht.[12]

6) Ein Muslim ist jemand, der sich dem Willen Gottes vollständig unterworfen hat. Daher sollte er auf keinen Fall mit den Taten Gottes und Seinem Wirken hadern.

7) Ein gläubiger Mensch hat eine gute Meinung von seinen Mitmenschen. Wie aber kann jemand, der in allen Menschen das Gute sieht, Gott gegenüber misstrauisch sein?

8) Wenn ein Mensch glaubt, dass alle Dinge und alle Ereignisse von Gott vorherbestimmt sind, und wenn er gleichzeitig der Überzeugung ist, dass alles, was Gott erschafft, entweder selbst gut ist oder letztendlich zu einem guten Resultat führen wird, dann wirkt das auf ihn ermutigend und gibt ihm die Gelassenheit, die gute Seite aller Dinge und Ereignisse zu sehen und immer optimistisch zu sein.

9) Wenn die Pflichten und Aufgaben, die wir auf Erden zu erfüllen haben, und die Unglücke und Schwierigkeiten, denen wir ausgesetzt sind und die wir ertragen oder überwinden müssen, einen zentralen Platz in unserem ,Trainingsprogramm' einnehmen, das uns auf das ewige Leben voller Glück vorbereitet, dann sollten wir doch gerne bereit sein, diese auf uns zu nehmen.

10) Wenn ein Mensch mit allem, was von Gott kommt, zufrieden ist, dann ist Gott auch mit ihm zufrieden.

11) Vom Handeln Gottes und von Seinen Manifestationen enttäuscht zu sein, ruft Kummer, Schmerz und Ratlosigkeit hervor; ein Leben zu führen, in dem man mit den Anordnungen und Entscheidungen Gottes zufrieden ist, sorgt hingegen selbst bei großen Schwierigkeiten für Trost und Fröhlichkeit.

12) Stetes Trachten nach Zufriedenheit lädt den Beistand Gottes ein.

13) Der Koran verbietet das Misstrauen unter den Menschen. Misstrauen gegenüber Gott und Seinem Tun halte ich jedoch für so unangebracht und bedauerlich, dass mir dafür die Worte fehlen.

14) Die Zufriedenheit mit dem Schicksal und den Manifestationen Gottes, der Wahrheit, vermag uns zum Glück zu führen. Der Prophet Muhammad sagt dies ganz deutlich:

Der Mensch sollte Zufriedenheit mit den Entscheidungen Gottes bekunden; sich gegen die Beschlüsse Gottes aufzulehnen, ist nämlich verhängnisvoll.[13]

15) Die Zufriedenheit mit den Beschlüssen und dem Wirken Gottes zu spüren, erfüllt das Herz des Menschen mit dem Wind, der von der Sphäre Gottes herüber weht; der Unwille aber lässt es launisch und argwöhnisch werden und setzt es den Versuchungen des Teufels aus.

16) Diejenigen, die Gottes Entscheidungen ihre Zustimmung geben, verwandeln ihr Leben in eine ,Stickarbeit', hergestellt aus goldenen Fäden der Dankbarkeit; wer jedoch Missfallen äußert, wird samt seiner Taten - und seien sie auch noch so gut gemeint - zwischen den ,Mühlsteinen' der Undankbarkeit zermahlen.

17) Der leichteste Weg für den Satan, die Seele eines Menschen zu erobern, führt darüber, Unzufriedenheit gegenüber den Entscheidungen Gottes und Seinem Wirken zu wecken. Es gibt nicht viele Menschen, die der Satan nicht überrumpeln kann.

18) Du wirst dich den Bewohnern der Himmel anschließen, wenn du die Behandlung, die Gott dir angedeihen lässt, begrüßt. Dies wird dir zur Ehre gereichen.

19) Ein Mensch, der mit Gott zufrieden ist, folgt der richtigen Unterweisung; jeder andere lässt sich von seinen Launen und Fantasien leiten.

20) Mit den Urteilen oder Entscheidungen Gottes, die uns betreffen, zufrieden zu sein, heißt, Seine Wünsche über unsere eigenen zu stellen. Was das Gegenteil bedeutet, bedarf hier wohl keiner weiteren Erwähnung.

21) Die Zufriedenheit ist wie ein Obstgarten, in dem die Bäume Früchte der Verehrung und der Hingabe tragen; Sünden und Verbrechen treten dagegen auf den Plan, wenn wir aus diesem Garten ausgesperrt sind.

22) Die Zufriedenheit schützt den Menschen davor, in seiner inneren Welt mit seinem Herrn in Konflikt zu geraten. Die schlimme Beschaffenheit dieses Konfliktes zu beschreiben, wäre eine Verschwendung von Worten.

23) Zufrieden sein mit dem Urteil Gottes heißt, dem Prinzip, das sich im Gebet des Propheten Egal wie Du über mich urteilst, Du lässt wahre Gerechtigkeit walten.[14] ausdrückt, respektvoll zu begegnen.

24) Die erste Sünde im Leben des Universums wurde begangen, als der Satan dem, was Gott mit ihm im Sinn hatte, nicht zustimmte und er sich mit den Plänen Gottes für ihn nicht abfinden konnte.

25) Für keinen Menschen gibt es eine größere Belohnung oder eine höhere erreichbare Stufe, als die Zufriedenheit Gottes mit ihm. Er kann diese Stufe erreichen, indem er sich Seinen Beschlüssen überlässt. Die größte Belohnung, die dem Menschen zuteil werden kann, ist im folgenden Koranvers beschrieben:

Allah hat den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen verheißen, immerdar in Gärten zu verweilen, die von Bächen durchflossen werden, und (Er hat ihnen) herrliche Wohnstätten in den Gärten von Eden (verheißen). Allahs Wohlgefallen aber ist noch größer. Das ist der gewaltige Gewinn.[15]

26) Die Zufriedenheit stützt sich auf die wichtigsten Grundlagen der Religion. Sie basiert auf dem Vertrauen auf Gott; ihre Qualität kann man erfahren, wenn man von der Existenz und der Einheit Gottes überzeugt ist. Die Zufriedenheit ist in der Liebe zu Gott verankert und lässt den Menschen die Ewigkeit erlangen. Sie wurzelt in der Loyalität zu Gott und in der Wahrheitsliebe und drückt Dankbarkeit aus.

27) Die Zufriedenheit ist eine magische Kraft; wer sich diese zu Eigen macht, wird sein Ziel in beispielloser Geschwindigkeit erreichen.

28) Liebe, Aufrichtigkeit, Buße und Reue sind Pflanzen, die im Klima der Zufriedenheit gedeihen. In den Herzen derer nach diesen Eigenschaften zu suchen, die noch keine Zufriedenheit erlangt haben und auch nicht das Wohlgefallen Gottes anstreben, ist aussichtslos.

Egal wie zahlreich die Belohnungen für Taten, die mit den äußeren Sinnen und Organen verrichtet wurden, auch ausfallen mögen, sie sind begrenzt. Die Belohnungen für die Zufriedenheit, die eine Handlung des Herzens darstellt, werden dagegen proportional zur Tiefe des Herzens verliehen und lassen sich folglich nicht ermessen.

In den Augen Gottes sind die Zufriedenheit und das Wohlgefallen Gottes die höchsten Ziele, um die sich der Prophet Muhammad, alle anderen Propheten, die Heiligen und die geläuterten Gelehrten bewarben. Sie alle stellten sich dieser letzten Prüfung, indem sie sich zunächst Aufrichtigkeit, Gewissheit, Vertrauen, Unterwerfung und Zuversicht aneigneten. Sie räumten viele Schwierigkeiten und Hindernisse aus dem Weg und ertrugen so manche fast unerträglichen Leiden und Schmerzen.

Dies sind die Seufzer von einem der Leidenden:

„Das Leiden, das Du entfesselst, gefällt mir besser, als glücklich zu sein,
Deine Rache erscheint mir lieblicher als meine eigene Seele.
Ich liebe Seine Folter und Seine Gunst;
Wie merkwürdig, ich liebe zwei so gegensätzliche Dinge.
Mein Gott, wenn ich von diesem Dorn der Heimsuchung zum Garten des Vergnügens wandere,
Werde ich wie eine Nachtigall ständig jammern und klagen.
Wie merkwürdig ist doch der Gesang der Nachtigall,
Sie singt Melodien von beiden: vom Dorn und von der Rose."

Schön erscheinen mir auch diese Verse von Nasimi:

„Ich bin ein leidender Liebender, mein Geliebter, ich werde Dich nicht vernachlässigen;
Selbst dann nicht, wenn Du meine Brust mit einem Dolch durchbohrst. Ich werde nicht von Dir ablassen;
Selbst dann nicht, wenn sie mich wie Zacharias von Kopf bis Fuß in zwei Teile schneiden.
Lege deine Säge an meinen Kopf, Zimmermann, ich werde Dich nicht vernachlässigen.
Selbst wenn sie mich verbrennen und meine Asche in den Wind blasen,
Werden sie meine Asche seufzen hören: ,O Du, der du die
Sünden verschleierst, ich werde nicht von Dir ablassen.'"

Der Rang oder die Station der Zufriedenheit bzw. der Freude an Gott und daran, Sein Wohlgefallen zu finden, ist der Rang, der alle anderen Ränge in sich vereint. Die Worte, die auf diesem Rang angestimmt werden, lauten: „Was auch immer Du mir antust und egal wie Du mich behandelst, es ist gut."

O Gott, leite uns zu dem, was Du liebst und was Dir gefällt, und gewähre unserem Meister, dem Meister der Propheten, Frieden und Heil!


[1] Kanz al-Ummal, Vol.1, Hadith Nr. 482
[2] Muslim, Iman, 56, Musnad, 1.208
[3] 3:85
[4] Quschairi, ar-Risala, 195
[5] ebenda, 195
[6] Nasa'i, Sahw, 62, Musnad, 5.191
[7] 89:27-30
[8] 6:164
[9] 6:14
[10] 98:8
[11] Muslim, Iman, 56; Nasa'i, Dschihad, 18
[12] 2:216
[13] Tirmidhi, Qadar, 15, Musnad, 1.168
[14] Musnad, 1.391,452
[15] 9:72"

 

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