Gülen: "Die Europäische Union favorisiert die türkischen Muslime"

Wie beurteilen Sie den Beginn von Verhandlungen zwischen der EU und einem muslimischen Land vom Standpunkt der Identität und Vision Europas aus betrachtet?

Wie die Türkei von diesem Prozess profitieren wird, wurde im Großen und Ganzen ja bereits hinlänglich erörtert. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die europäischen Länder dessen bewusst sind, aber was die Türkei mit einbringen wird, ist viel höher einzuschätzen. Wenn sie sich dessen bewusst sind und sich trotzdem gegen einen Beitritt stellen, dann bedeutet dies, dass ihre Halsstarrigkeit über ihre Vernunft gesiegt hat. Es ist eine Tatsache, dass diese Verbindung für die Reputation und die Zukunft Europas von hohem Wert sein wird.

Unsere Intellektuellen haben schon immer der Idee nachgejagt, ,europäisch zu werden'. Seit den Tanzimat-Reformen haben wir uns auf diesen Prozess eingelassen, und mit der Republik hat er noch an Dynamik gewonnen. Die erste ernsthafte Vereinbarung wurde 1963 getroffen, begleitet von Diskussionen und Foren dafür oder dagegen. Ich kann mich noch daran erinnern, in den Jahren 1966-67 Äußerungen von namhaften Persönlichkeiten gegen diesen Prozess gehört zu haben. Ihre Argumente stimmen mit denen überein, die auch heute gegen den Beitritt vorgebracht werden: „Es ist ein Klub von Christen. Sie werden uns betrügen. Sie werden uns zu Christen machen...

Einige Muslime haben auch zuletzt noch Bücher zu diesem Thema veröffentlicht und in Umlauf gebracht: „Wenn sie (die Europäer) kommen, werden sie uns beeinflussen und uns unsere Jugendlichen wegnehmen - mit der Art, wie sie sich kleiden, mit ihrer Mentalität, ihrem Religionskonzept, ihrer Vorstellung von Gott..." Gleichzeitig haben sich einige Europäer offenbar Sorgen um unsere ökonomische Armut und um die Tatsache gemacht, dass wir Muslime sind. Vielleicht besaßen sie nicht genug Vertrauen in ihre eigenen religiösen Werte, aber diese innere Angst haben sie nicht offen gezeigt. Ich weiß nicht, ob diese Ängste immer noch da sind. Aber es wurde deutlich, dass sie nicht die Absicht hatten, uns hinein [in die EU] hineinzulassen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich innerhalb des zurzeit laufenden Prozesses ein Wandel eingestellt hat?

In Deutschland hat sich die türkische Gemeinschaft, von der man annahm, sie würde sich assimilieren, ihre Existenz bewahrt und nach zwei oder drei Generationen ihre Identität wieder gefunden. Nachdem die Türken zuvor unter dem Einfluss anderer gestanden hatten, sind sie nun zu einer eigenen Gemeinschaft geworden, die ihrerseits andere beeinflusst. Bei unterschiedlichen Gelegenheiten hat sich herausgestellt, dass man sowohl in den USA als auch in Europa den Türken aufgeschlossener gegenübersteht als anderen muslimischen Gemeinschaften. Man betrachtet die türkischen Muslime als toleranter. Möglicherweise spielen die Demokratie, die republikanische Staatsform und der Säkularismus für dieses Image eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus steht der türkische Islam in den USA und in Europa weiter oben auf der Tagesordnung als in der Türkei selbst.

Was halten Sie von dem Verhandlungstermin, der bekannt gegeben wurde?

Selbst wenn nicht von vornherein sicher ist, ob überhaupt und wann wir der EU beitreten, hat die Bekanntgabe eines Termins eine starke Wirkung auf die türkische Nation hinterlassen. Sie wird als Erfolg der aktuellen Regierung wahrgenommen. Sicherlich besteht in vielen Punkten noch Diskussionsbedarf. Ich möchte jedoch nicht weiter auf einzelne Aspekte eingehen, denn das würde man mir, fälschlicherweise, als politische Bestrebung auslegen. (Dieser Termin für) unsere Mitgliedschaft ist für die Europäer eine noch frohere Kunde als für uns, und als solche sollte man ihn begrüßen.

Warum glauben Sie, dass er für Europa so positiv ist?

Es gibt Mächte, die in der Region Macht ausüben wollen. Auch die Chinesen haben hier einen Vorstoß gemacht - über ihre konkurrierende Wirtschaft und über ihr behutsames Vorgehen. Weder die USA noch Europa können sie herausfordern. Es besteht gar kein Zweifel daran, dass es große Umwälzungen im Bereich der Wirtschaft geben wird, und China stellt in dieser Hinsicht eine Bedrohung für die Welt dar.

Wie kann Europa mit Hilfe der Türkei ein Gegengewicht gegen die Expansion Chinas bilden?

Die Türkei kann eine Brücke zwischen dem Nahen und dem Fernen Osten schlagen. Auf das türkische Erbe, zu dem umfassende Einblicke und Kenntnisse des Nahen Ostens gehören, kann Europa nicht verzichten. Zypern hat man aufgenommen, aber die Türkei ist ein wesentlich wichtigeres Land. Das muss Europa entsprechend würdigen.

Ein weiterer Aspekt, den die Regierungen zurzeit jedoch leider nicht zu schätzen wissen, ist, dass das türkische Volk auf Grund seiner historischen Größe und seines psychologischen Einflusses in der Öffentlichkeit große Sympathien und Wertschätzung genießt. Hierzu haben sowohl unsere Geschichte als auch die derzeit herrschende republikanische demokratische Regierung einen Teil beigetragen. Beobachten lässt sich dies sehr schön in Ländern, in denen es türkische Bildungsaktivitäten gibt. Europa kann also nur dann zu einer Macht in der Region werden, wenn es die Türkei auf seine Seite zieht. Auch die USA sind darauf bedacht, ihren Einfluss in der Region zu behaupten. Die US-Administration könnte es sich nicht leisten, die Türkei oder deren Verbündete an eine andere Macht zu verlieren.

Was zeichnete die Haltung der Regierung während des Gipfels in Brüssel aus: Unterwürfigkeit oder Verhandlungsgeschick?

Viele bedeutende Politiker haben sich für dieses Ziel eingesetzt. Wären die Verhandlungen gescheitert, wären all ihre Bemühungen damit umsonst gewesen. Dies war der Regierung offenbar sehr bewusst. Was in Brüssel geschah, ist ihr hoch anzurechnen.

Was zum Beispiel?

Die Entschlossenheit, die Konferenz zu verlassen, gereichte unserer Nation zur Ehre. Damit brachte man zum Ausdruck: „Wir sind auf das alles hier nicht angewiesen. Sie werden schon noch merken, was sie verlieren." Dieser Zug in einem so entscheidenden Moment brachte uns einen Vorteil, und ein Schritt zurück wurde unternommen. Entscheidende Momente enden nicht immer so gut. Sie hätten auch sagen können: „Dann geht doch!" Unsere Regierung besprach sich der Reihe nach mit allen Beteiligten, und der Reihe nach kam jedes einzelne Thema auf den Tisch. Diese Vorgehensweise hat mir gut gefallen. Sie setzte einen bemerkenswerten Schlusspunkt unter die Bemühungen vieler bedeutender Politiker. Was aber noch wichtiger war: Man hatte den Europäern damit auch eine Lektion erteilt.

Was für eine Lektion meinen Sie?

Dort, wo die Volksvertreter standen, befanden sich auch die Flaggen der einzelnen Länder. Als Herr Erdogan und Herr Abdullah Gul unsere Flagge, unseren heiligen Banner vom Boden aufhoben, traten mir Tränen in die Augen. Ich wünschte mir, sie würden sie küssen und den Staub von ihr herunter pusten. Abdullah Gul tat genau das und steckte die Flagge dann in seine Tasche. Dieser Akt war genauso wichtig wie der gesamte Gipfel. Er zeigte die Haltung des türkischen Volkes gegenüber bestimmten Werten. Manchmal müssen wir einfach auf die positiven Seiten der Dinge schauen. Erzielt man unvorteilhafte Ergebnisse, ist überlegte Kritik angebracht. In diesem Fall jedoch finden sich viele positive Dinge, die der Reputation unserer Nation zu Gute kommen. Ich denke, auch unsere Intellektuellen haben dies so gesehen und werden es zu würdigen wissen. Kritik sollte ohne Emotionen vorgebracht und nicht zu einem Instrument politischer Bestrebungen gemacht werden. Ich begrüße alles, was dem Wohl unseres Landes dient. Auch die Regierung sollte für das, was sie gut macht, gelobt und nicht getadelt werden.

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