Fethullah Gülen: Ein einflussreicher aber zurückgezogener türkischer Gelehrter

Fethullah Gülen wurde zu dem zweit einflussreichsten Menschen der Türkei ernannt. Er ist auch ein Einsiedler, der im selbst auferlegten Exil in den Staaten lebt.

Der offensichtliche Machtkampf zwischen den Sympathisanten Gülens und jenen, die im Umfeld des Ministerpräsidenten Erdogans sind, erreichte einen neuen Höhepunkt in puncto Ausmaß und Hass.

Seit seiner Ankunft in den späten 90ern in den USA gab Gülen, 74 Jahre alt, bisher kein einziges, ausgestrahltes Interview. Die seltene Kommunikation mit den Medien fand bisher nahezu nur per Mail statt.

Nun bekam BBC die Gelegenheit den türkischen Islamgelehrten zu treffen. Ich reiste mit Güney Yildiz vom BBC-Turkish-Service an einen abgelegenen Teil Pennsylvanias, um ihn zu treffen.

In dem Interview lehnte Gülen ab, dass er seinen Einfluss nutzte, um Ermittlungen gegen die mutmaßliche Korruption unter ranghohen AKP-Abgeordneten zu starten, was dazu geführt hat, dass einige Polizeichefs gefeuert und manche von Erdogans Verbündeten inhaftiert wurden.

Gebrechlichkeit

Zwei Geschehnisse trennten mich von meinem Interview mit Gülen, die nichts mit seinen Aussagen zu tun hatten.

Das erste geschah als unsere Kamerafrau, Maxine, die letzten Anpassungen am Licht machte. Gülen hob schwach seine Hand und ein Mann schnellte von einem der Stühle, die am Ende des Raumes arrangiert wurden, hoch. In seiner Eile stolperte er fast über den Teppich. Er war Gülens persönlicher Arzt.

Er maß seinen Blutdruck, bevor er einhändig einstach und seinem Patienten eine Tablette zum Kauen gab. Diese Routine an Untersuchungen und die Einnahme seiner Medikamente hat sich später während dem Interview noch einmal wiederholen.

Das zweite geschah am Ende unseres langen Gesprächs, welches sich durch den Konsekutivdolmetscher hinausgezögert hatte. Eine kurze Zeit später, nachdem Gülen aufstand, schwankte er und einer seiner Unterstützer hielt ihn an seinen Schultern und half ihm, sich wieder aufzurichten.

Gülen mag vielleicht, wie James Jeffrey, ehemaliger US Botschafter der Türkei mir einmal sagte, der zweit einflussreichste Mann der Türkei sein – ein islamischer Gelehrter, der Inspirator einer Bewegung mit wohlmöglich Millionen von Anhängern, dessen Vermögen im Wert von vielleicht Billionen, was größtenteils von den erfolgreichen Schulen in über 150 Ländern kommt, beträgt.

Jedoch scheint Gülens gesundheitliche Verfassung nachzulassen. Uns wurde berichtet, dass er eine Reihe von chronischen Erkrankungen hat und sich im Moment von einer Atemstörung erholt. Tatsächlich - teilte uns einer seiner vertrauten Freunde mit - wäre das Interview beinahe abgesagt worden.

Sinn für das Geheimnisvolle

Gülen gab sich stets zurückhaltend gegenüber dieser Interview-Anfrage, wurde aber von Beratern überredet.

Selbst während des Interviews bewies sich der Gelehrte erstaunlicherweise als schwer fassbar. Dies ist überraschend, da Gülen so dargestellt wurde, als sei er in einem nun überall bekannten Machtkampf mit seinem einst Verbündeten, Ministerpräsident Erdogan. In einem Kampf um Macht und Vergeltung in der Türkei.

Ganz gleich wer diesen Machtkampf begann, versucht Erdogan seit Kurzem nun die Reichweite der Hizmet–Bewegung beträchtlich zu drosseln, dessen Anhänger oder Mitwirkende, wie manche von ihnen bevorzugen genannt zu werden, auch Polizeichefs und Staatsanwälte einschließen, die die Korruptionsermittlungen in der Regierung führen. Erdogan prangerte dies als eine Tat an, die „einen Staat im Staate" schaffe.

Wieso willigte also Gülen nun ein und gestattete dem BBC ihn in seinem privaten Grundbesitz in der Kleinstadt Pennsylvania zu treffen? (Gülen kam in die Staaten, nachdem er beschuldigt wurde, Verbrechen gegen den Staat begangen zu haben – Anschuldigungen von denen er später freigesprochen wurde.)

Durch das Interview wurden nicht all seine Absichten deutlich, jedoch sagten seine Berater, dass er beabsichtigte, Missverständnisse aufzuheben.

Man kann dies verstehen, wenn man einen Blick auf die Adjektive wirft, die in Verbindung mit der Hizmet–Bewegung und Fethullah Gülen, in Berichten auftauchen: „geheimnisvoll" (Foreign Policy magazine); „undurchsichtig" (The Economist); „schleierhaft" (Los Angeles Times); heimtückisch (Wikileaks cables).

Und somit kam die Zeit, um diesen Ort bevor und nach dem Interview zu besichtigen, welcher hauptsächlich als Rückzugsort für Familien in den Ferien dient.

Bescheidene Räumlichkeiten

Uns wurde gezeigt, dass Gülen nicht in dem großen Wohnkomplex wohnt, welches oftmals auf Fotos gezeigt wird, sondern in einem angrenzenden Gebäude. Wir wurden zu seinem Arbeitszimmer und zu seinem sehr kleinen Schlafzimmer mit einem Einzelbett geführt.

12 von uns, außer Gülen, quetschten sich in seinen Privatbereich um auf seine Sandsammlung von türkischen Stränden, seine aus dunklem Holz bestehenden Bücherregal, sein tiefliegendes Einzelbett mit einem pelzig braunen Kissen an einem Ende und auf seinen Gebetsteppich und übergroßen Koran, einen Blick zu werfen.

Als wir uns schließlich trafen, war sein Auftreten das eines Mannes, der Unbehagen fühlt. Gelegentlich tauchte ein kleines Lächeln im Winkel seines Mundes auf.

Oftmals, während er darauf wartete, dass einer seiner langen Antworten von den Dolmetschern übersetzt wurde, schloss er seine Augen und neigte sein sanftes, breites Gesicht in seinen Sessel, mit einem Blick, der eher erfüllt von Schmerz als Ruhe war.

Ob aus politischer Absicht oder physischer Erschöpfung, schien er darauf erpicht seinen Konflikt mit dem Ministerpräsidenten nicht geradewegs aufzuheizen.

Er bevorzugte passive statt aktive Verben, indirekte statt spezifische Ausdrücke: „Ich persönlich werde in Stille verbleiben, ich werde ihren Handlungen nichts erwidern".

Eine Schein-Gefahr

Über die direkte Verwicklung der Hizmet-Bewegung in den Korruptionsermittlungen sagte er, dass einige der versetzten, entlassenen oder neu zugewiesenen Mitglieder der Polizei und der Justiz „nicht mit uns in Verbindung standen. Diese Schritte wurden vorgenommen um die Bewegung größer darzustellen, als sie tatsächlich ist und um den Menschen wegen dieser nicht existierenden Schein-Gefahr, Angst zu machen" – so Gülen.

Wieso haben dann, wenn dem so ist, so viele Menschen, unter ihnen Akademiker, Zeitungen, Diplomaten, die keinen einzigen Bezug dazu haben, angedeutet, dass es undenkbar ist, dass Gülen den Mitwirkenden in der Bewegung keine direkten Anweisungen gegeben hat, das Bündnis mit Erdogan zu lösen? Insbesondere nachdem Erdogan vorgenommen hatte, die Nachhilfeinstitute der Hizmet–Bewegung in der Türkei zu schließen?

„Es ist nicht möglich, dass diese Richter und Staatsanwälte Befehle von mir erhalten. Ich habe keine Beziehung zu ihnen und kenne nicht einmal 0.1% von ihnen", verdeutlichte er.

Aber auch ein Funken von Sarkasmus wurde deutlich: „Die Angehörigen der Justiz und die Polizei führten die Ermittlungen aus und lancierten diesen Fall, was gewöhnlich zu ihren Pflichten gehört. Anscheinend wurden sie nicht über die Tatsache informiert, dass Korruption und Bestechung in der Türkei nicht mehr als strafrechtliche Handlungen angesehen werden."

Es gab eine Zeit, zu der es klare Überschneidungen in den Zielsetzungen zwischen der offensichtlich milden islamischen Vorgehensweise dieses Gelehrten und des offensichtlich milden Islamismus der AK–Partei und damals neuen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan gab.

Aber waren auch nicht klare Unterschiede vorzufinden wie z.B. Erdogans umfassende Friedensgespräche mit den aufgerüsteten, kurdischen Separatisten, angeführt von ihrem inhaftierten Anführer Abdullah Öcalan?

Gespannte Verhältnisse mit den Kurden

Gülen sagte, dass Öcalan „besorgt mit dem war, was wir mit den kurdischen Menschen machen" (Durch die Ausweitung der Schulen der Hizmet–Bewegung tief in das kurdische Gebiet).

„Sie wollten nicht, dass durch uns junge Leute davon abgehalten wurden, sich den Militanten in den Bergen anzuschließen. Ihre Politik zielt darauf aus, die Feindschaft zwischen Kurden und Türken aufrechtzuerhalten."

Die Gründung von Schulen und ihre Investitionen in die Region „wurden so aufgefasst als wären sie gegen den Friedensprozess".

Was ist mit der Steigerung der Spannungen zwischen der Türkei und Israel in den letzten Jahren? „Sie wollen uns als eine pro Israelische Bewegung darstellen, da wir eine höhere Rücksicht zu ihnen pflegen als unsere Nation es hat. Wir akzeptieren sie als ein Volk, als einen Teil der Menschen auf dieser Welt", sagt Gülen.

Diese Zitate sind ausgewählt und vereinfacht, im Gegensatz zu seiner besonderen altertümlichen Sprache. Einer seiner Schüler erklärte mir, dass 15% seiner Worte nicht dem entsprechen, was man gewöhnlich im Türkischen hört: Vergleichbar im Englischen mit dem Shakespeare'schen statt modernem Englisch.

Anhand dessen und was ich gesehen hatte, nur in diesem Raum und in dem schwierigen Prozess das Interview zu arrangieren – aufgrund der ihm gezeigten Zuwendung seitens der Mitwirkenden der Bewegung fragte ich eine gezielte Frage um eine direkte Antwort zu bekommen. Wenn sie Gülen dieses Jahr zurück in der Türkei für die bevorstehenden Kommunalwahlen und Präsidentenwahl (in denen Erdogans Wahlsieg allgemein erwartet wird, in der Hoffnung um mit verstärkter Macht zu regieren) wären, wen würden sie wählen?

Gülen steht zwei Mal kurz davor etwas zu sagen und äußert schließlich: „Ich habe nicht die Absicht irgendwas zu diesem Thema zu sagen. Wenn ich den Menschen aber etwas sagen würde, dann würde ich sagen, dass sie jene wählen sollten, die achtungsvoll gegenüber der Demokratie und der Rechtstaatlichkeit sind und die gut mit Menschen auskommen. Menschen vorzuschreiben oder zu animieren, welche Partei sie wählen sollten, würde deren Verstand kränken. Jeder erkennt sehr deutlich, was vorgeht."

An einem Punkt mitten in seiner Antwort erwähnt er eine einprägsame Umschreibung: „Ich habe nicht einmal entschieden, irgendwas zu dieser Auswirkung zu sagen."

Und letztendlich kam ich zu der Frage, zu der die Zeit an diesem kalten Tag in den Poconos, Pennsylvania, nun reif war: „Wieso", fragte ich mehrere seiner Berater, „hat Gülen diesem Interview zugestimmt?" - „Um die Sachverhalte richtigzustellen", antworteten sie.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie verständlich sind.

Veröffentlicht [Originalsprache: englisch) aus: BBC, vom 27.1.2014, Tim Franks

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